Archiv für März 2008

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Denn sie nennen es Zentralabitur … und wissen nicht, was sie tun …

März 30, 2008

Ich schreib hier was zum Zentralabitur, und zwar zum zweiten dieser Art im schönen Bundesland NRW. Da ich gerade versuche, ein paar Leute durch ihr Matheabi zu bringen, könnte man hoffentlich sagen, dass ich davon was verstehe.

Im letzten Jahr wurde von unserer lieben Landesregierung das Zentralabitur als großer Erfolg gewertet. Dabei wurde allerdings ein großes Ungleichgewicht deutlich. Die Abiturienten der Gymnasien waren im Schnitt eine Note besser, als ihre Vorbenotungen, die Gesamtschüler etwa genauso viel schwächer.

Letztendlich war dieses Zentralabitur, dem ja auch von den bösen Sachen, die man aus Bayern über viele Jahre hörte, ein gewisser Ruf vorherging, zumindest für die Gymnasiasten viel harmloser als erwartet. Um es noch mal ein bisschen klarer zu sagen, das Niveau sank!

Mal so dazwischen geworfen, mein Abitur ist schon ein paar Jahre her, aber dadurch, dass ich Mathe unterrichte, weiß ich auch noch recht viel zu vergleichen … und es ist geradezu tragisch, wie viel schlechter heutige Abiturienten mit Mathe-LK in ein naturwissenschaftliches Studium gehen, als wir das damals taten. Speziell im Bereich von Beweisen ist da heute nichts mehr gebacken …

Zu dem Niveauproblem kam im letzten Jahr ein Terminchaos, bei dem die Verantwortlichen alles mögliche getan haben, aber garantiert nicht gedacht. Die Prüfungen, die aus welchem Grunde auch immer, früher anstanden, als das noch vor dem Zentralabitur der Fall war, hatten sich im letzten Jahr um die Osterferien herum gelegt. Manche Glückspilze hatten drei Klausuren in der Woche vor den Ferien, andere mussten die ganzen Ferien durchlernen, weil sie zwei der drei Klausuren nach den Ferien schrieben. Klingt nach richtig fairen Verhältnissen, oder?

Das gibt es in diesem Jahr nicht, ob dieses allerdings an den frühen Ostern oder einem dem Kultusministerium hoffentlich zuzutrauendem Lernprozess, wer vermag das schon zu sagen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Das Ding heißt ja Zentralabitur. Rein technisch kommt das auch hin, die Aufgaben werden zentral gestellt. Allerdings impliziert das Wort ja noch eine weitere Bedeutung, über das technische hinaus. Man konnotiert - warum kennt die Rechtschreibbegleitung jetzt „kotnotiert”, aber nicht „konnotiert”? - doch mit dem Wort eine gewisse Gleichheit, eine Gleichwertigkeit dieses Abiturs für alle Schüler. Und die ist schlicht und einfach nicht gegeben. (Ich benutze hier die Mathematik als Beispiel für alle anderen Fächer, aber wenn ich das richtig mitbekomme, ist das Folgende durchaus beispielhaft).

In der Oberstufenmathematik gibt es drei große Themen, nämlich die Analysis, Lineare Algebra (Vektorrechnung) und Stochastik. Im Grundkurs ist es üblich, dass man zwischen der Stochastik und der Linearen Algebra auswählt, also nur eines der Themen macht - die Analysis ist obligatorisch. Das ist auch vom Zentralabitur her absolut so gewollt. Leistungskurse machen alle drei Themen - so sagt zumindest die Tradition.

Jetzt lässt die Prüfungsordnung den Lehrern allerdings gewisse Freiheiten, die sehr verschieden genutzt werden. Manche Gymnasien, die einen gewissen Hang zur Quälerei ihrer Schüler haben - und davon gibt es nicht wenige - lassen auch ihre Grundkurse alle drei Themen lernen, die Gesamtschulen aber, denen offenbar nur daran gelegen ist, möglichst viele Leute durchs Abitur zu bringen, verzichten auch in den Leistungskursen kalt lächelnd auf die Stochastik - verstehe mich keiner falsch, das tun wahrscheinlich nicht alle Gesamtschulen, aber hundert Prozent der Gesamtschulen, von denen ich Schüler aus Leistungskursen unterrichtet habe, bzw. unterrichte. Damit ist das Niveau des Gesamtschulabiturs immer noch, so wie früher, keineswegs mit dem der Gymnasien vergleichbar. Na, ist doch total zentral, oder?

Ich sag das übrigens nicht, weil ich ein Problem mit Gesamtschulen habe, habe ich nämlich nicht. Ich schreib das hier rein, weil ich Fairness gut finde. Und weil ich nicht mehr hören kann, dass dieses Zentralabitur ja ein so goßer Erfolg ist. Prinzipiell halte ich eine Allgemeinschule bis mindestens zur achten Klasse für sinnvoll, prinzipiell halte ich das traditionelle System für relativen Bullshit, aber ich steh darauf, Schüler zu fordern. Ich meine damit nicht den Leistungsdruck, der immer so negativ einfällt, ich wünsche mir einen positiven Leistungsgedanken, eine positivere Einstellung zur Bildung, und da gehört einfach auch das Fordern der Schüler zu. Dieses klar sinkende Niveau, von dem ich nur hoffen kann, dass es sich nur auf Mathematik bezieht, ist symptomatisch für die Schulpolitik der letzten Jahre. Unser Bildungssystem ist auf dem Sinkflut, auf PISA wird nur mit Aktionismus geantwortet … ist doch traurig, oder?

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Zwischenruf - Judas ist eine arme Sau

März 27, 2008

Okay, ich hab Fieber, man nehme nicht zu ernst, was ich in diesem Zustand schreibe. Aber als ich mir gerade einen netten heißen Tee mit Milch gemacht habe, habe ich mich dabei erwischt, ein bisschen „Jesus Christ Superstar” zu singen, und prompt kam mir die Philosophie …

Judas ist eine arme Sau, die vielleicht tragischste Figur der Weltliteratur. Den nehmen wir mal die Story ernst - das fällt vielen schwer, ich halte die Auferstehung auch für eine Blüte orientalischer Dichtkunst -, so muss doch klar sein, dass Jesus gekreuzigt werden musste, dass er von einem Jünger verraten werden musste, dass es ausgerechnet der enge Freund Judas Ischariot sein musste, denn der hatte nun mal so viel Vertrauen in seinen Messias, dass er sich sicher war, die Revolution würde jetzt losbrechen, wenn sein Herr bedroht sei. Und nun will also der liebe Judas das beste tun, was er sich vorstellen kann, sieht die moralisch bedenkliche Lage, will aber das Geld nicht, denkt ganz idealistisch, opfert gerne auch seine Integrität.

Und dann muss er sich anschauen, wie sich die Leute von Jesus abwenden, wie der keine Anstalten macht, einen auf Che Guevara zu machen, dass er sich auspeitschen und kreuzigen lässt - hey, so hatte der Judas nicht gewettet. Und dann wird ihm so langsam klar, dass Jesus nun irgendwie zum Märtyrer werden wird, dass er so richtig in die Sch… gepackt hat. Frustrierend, oder? Na ja, dann hängt man sich auch schon mal auf.

Und da kann man von Kreon über Hamlet und Macbeth mal die tragischen Helden der Literatur durchforsten, gegen Judas kommt in dieser Wertung eigentlich keiner an … übrigens auch nicht Romeo und Julia - die sind waren nämlich schlicht dämlich, na ja, sie waren fünfzehn … wer ist da nicht irgendwie auch dämlich?

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Wellenbrecher nach vorn

März 23, 2008

Nach dem sehr witzigen und dennoch durchaus gefühlvollen „Keinohrhasen” ist schon wieder ein deutscher Film im Kino zu sehen, den man unbedingt sehen sollte und der jeden Erfolg verdient. Ich spreche - man könnte es am Titel schon bemerkt haben - von „Die Welle”.Die Geschichte sollte prinzipiell ja fast jeder aus der Schule kennen, ein Lehrer macht ein Projekt zum Thema Faschismus - genauer hier „Autokratie” - und aus dem Projekt wird ein Experiment, er gründet mit seinen Schülern eine Bewegung, die sich über den Kurs hinaus ausbreitet und bald die ganze Stadt beeinflusst.

Der Film glänzt mit guten jungen Schauspielern, einem eh glänzenden Jürgen Vogel, und einer Verdichtung der Geschichte, die sich actionreich und spannend erzählt wird, die nicht allzu sehr in den Kitsch abdriftet - ein bisschen muss natürlich sein - und vor allem ein faszinierend gut geschriebenes Ende, dass auch nach dem Lesen des Buches einigermaßen überraschend daher kommt.

Aber jetzt wollte ich eigentlich keine Rezension zum Film schreiben, sondern eigentlich den Trick beschreiben, über den der Film bei mir am stärksten funktioniert hat. Man identifiziert sich ja mit den Figuren des Films, wenn das nicht ginge, wäre der Film ein schlechter. Und interessanterweise sind es die Leute, die der Welle kritisch gegenüber stehen, die irgendwie nicht so richtig sympathisch rüberkommen, die man genauso als Quälgeister empfindet, wie das offenkundig auch die Mitglieder der Welle tun. Man spürt, wie man diese Gemeinschaft irgendwie spannend empfindet, wie man Marco - einer der Hauptfiguren, dessen Freundin im Gegensatz zu ihm die Welle vom dritten Tag an ablehnt - gönnt, dass er mit einem Mädel aus der Welle rummacht, während die Freundin einen auf Sophie Scholl macht und Flugblätter verteilt - die postwendend von den Welle-Mitgliedern wieder eingesammelt werden.

Kurz: Man sympathisiert mit der Welle, und immer wieder spürt man die Gänsehaut, wenn man diese Sympathie registriert. Eigentlich steht ja fest: Ich bin aufgeklärt, mir könnte das nicht passieren, ich bin doch Freidenker, usw. und doch ist da diese Sympathie, und die macht mir Angst, und deswegen konnte mich der Film so gefangen nehmen. Etwas, was viel zu selten passiert. Ich möchte, dass mich mehr Filme atemlos machen.

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Zwischenruf – Uriwas? Toilettiger Widersinn …

März 23, 2008

Ja, manchmal muss man sich ja ungesund ernähren und muss auch dort einkehren, wo ein großes Pommes-farbenes M regiert. Und was man da an Cola in sich hineinschüttet, das muss auch wieder heraus, also irgendwo in der Mitte die meisten sollte wissen … Geht mann dann aufgrund der Kabinenästhetik nicht in die fraugewollte Sitzhaltung über, so stellt mann sich vor ein Urinal, gern auch Pissbecken genannt. Beim Öffnen der Pforten, die das wilde Tier dort unten in der Öffentlichkeit zurückhalten - ja, ich kicher auch gerade … -, schaut man sich betont lässig um, und der Blick fällt auf das Schild oben am besagten Urinal, dass sich hier Urimat schimpft und, oh Wunder, viel Wasser dadurch spart, dass es keine Spülung gibt. Da mann nicht über die damit verbundene Hygieneeinbuße nachdenken möchte, erfreut man sich eher an dem sanftplätschernden Geräusch und der damit verbundenen Erlösung. Öffnet man die Augen wieder, so fällt der Blick auf das eben schon gelesene Schild, dass nun beleuchtet ist, und seine Nachricht vom verbesserten Umweltschutz in bunten Farben verkündet.

Wie widersinnig das ist, ist hoffentlich jedem aufgegangen. Selbst wenn man hinter dem Schildchen nur eine Diode vermuten muss, die bekanntlich enorm wenig Strom verbraucht, ist doch das Signal so wunderbar einfältig. Um den Pissern - entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber hier stimmt es doch, oder? - die Nachricht vom Umweltschutz näher zu bringen, wird das Licht angemacht? Ein Sensor lauert die ganze Zeit auf vorbeikommenden Urin? Das ist doch krank, oder? Welcher Werbestratege hat denn da versucht zu denken? Und warum ist er so ausgesprochen grandios an dieser Aufgabe gescheitert?

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They call it „Wahn“ – Über Stephen King und sein neues Buch

März 20, 2008

Ich steh auf Stephen King, ich lese ihn seit ich zwölf war und habe fast alles gelesen, was er je geschrieben hat. Dann ist es natürlich immer eine Freude, wenn es einen neuen King gibt - und den neuesten, der den seltsamen und sinnlosen Namen „Wahn” trägt, habe ich inzwischen gelesen, und ganz nebenbei auch rezensiert: http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=8486. Von hier ab werde ich das Buch „Duma Key” nennen, also den Originaltitel verwenden. Allerdings werde ich weniger zum Buch selbst sagen, denn dafür kann man problemlos die Rezension lesen, als eine dieser kleinen schönen Entdeckungen erzählen, die man in diesem Buch machen kann.

Wie das durchaus nicht selten zu lesen ist, gibt es auch bei diesem Roman ein vorangestelltes Zitat. In diesem Fall von einer Band namens Shark Puppy, die im Jahre 1986 ein Lied veröffentlichten, ein Lied mit dem Titel „Dig”, geschrieben von W. Denbrough und R. Tozier. Shark Puppy gibt es allerdings nicht, und hat es auch nie gegeben. Die Herren Denbrough und Tozier sind Figuren aus dem King-Klassiker „Es”, und da William „Stotter-Bill” Denbrough Schriftsteller ist, und  Richie „Vierauge” Tozier DJ passt das sogar irgendwie. Der schöne Gag für den erfahrenen King-Leser ist allerdings nicht nur die höchst offiziell aussehende Urheberrechtsvermerk, es gibt noch eine kleine weitere Verbidung, allerdings zu einem anderen Roman. Im anderen ganz großen Werk von King, nämlich „The Stand”, hat Larry Underwood einen kleinen Hit bevor Captain Trips alle Hitparaden beendet, und dieses Lied heißt „Baby can you dig your man?” - man kann da von Zufall reden, ich mach das mal nicht.

King ist bekannt für seine Querverbindungen, die oft gar nicht so sehr motiviert scheinen, aber einfach für viele King-Leser auch das Salz in der Suppe. Ein paar Beispiele gefällig?

Dick Hallorann, der Koch aus „The Shining”, kommt auch in einer Nebenepisode aus „Es” vor. Ds Städtchen Castle Rock, nicht weit von Derry („Es”/”Schlaflos”/”Dreamcatcher”) gelegen, ist Ort von etwa zehn weiteren Romanen und Geschichten, unter anderem vom wunderbar bösen „Needful Things” und „The Body”, dessen meisterhafte Verfilmung von Rob Reiner unter dem Titel „Stand by me - Geheimnis eines Sommers” bekannt wurde. Natürlich kommt auch der ewige Feind Randall Flagg in mehreren Romanen vor, alles nette Beispiele.

Und in „Duma Key”? - Na ja, die üblichen wiederkehrenden Charaktere und Orte sind erst mal weit weg, denn Duma Key ist eine Insel vor Florida, und der Großteil von Kings Geschichten spielt sonst in Maine, was leicht nördlich liegt. Aber schau an, der Hauptcharakter heißt Freemantle, genau wie Mutter Abagail aus „The Stand”. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, wenn er sich einen „Revolvermann der Kunst” nennt - das deutet ja fast gar nicht auf den „Dark Tower”-Zyklus hin.

Stephen King sorgt mal mehr und mal weniger dafür, dass seine Romane miteinander verbunden sind. Und für den langjährigen Leser sind diese Verbindungen oft nichts anderes als zufällige - na ja, so zufällig ja jetzt eigentlich nicht - Begegnungen mit guten alten Freunden. Natürlich sucht man auch danach, freut sich über jeden Fund. Auf der anderen Seite ist das natürlich ein Nebenschauplatz, die Geschichte ist wichtig, und man kann sagen was man will, King gehört zu den Autoren, die meisterhaft ihren Geschichten dienen. Die Querverbindungen dienen den Geschichten nicht, sondern den Lesern - ist ja auch nicht das Schlechteste.

Zu Stephen King ist noch lange nicht alles geschrieben, ein weiteres Häppchen bald hier.

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Edelweißpiraten – der jugendliche Widerstand im Dritten Reich

März 16, 2008

Schließ Aug und Ohr für eine Weil vor dem Getös der Zeit

Du heilst es nicht und hast kein Heil, als wo dein Herz sich weiht.

 

Dein Amt ist hüten, harren, sehn im Tag die Ewigkeit.

Du bist schon so im Weltgeschehen befangen und befreit.

 

Die Stunde kommt da man dich braucht. Dann sei du ganz bereit.

Und in das Feuer, das verraucht, wirf dich als letztes Scheit

 

(Friedrich Gundolf)

Ich hab eben irgendwo mitbekommen, dass der Film „Edelweißpiraten” die Tage auch mal im Fernsehen kommt. Ist für mich ein Grund, mal etwas darüber in meinen Blog zu schrieben, denn ich kenn mich ein bisschen mit dem Thema aus, und ich finde, dass es viel zu wenig im Netz darüber zu lesen gibt.

Der Name „Edelweißpiraten” ist einer von vielen Namen für eine Bewegung, die sich in den Großstädten der Nazizeit gegen die Obrigkeit wandten. Mehrere „Generationen” - die ja in Jugendbewegungen sehr kurz sind, also bestenfalls vier Jahre - sogenannter bündischer Jugendlicher kämpften gegen die Vereinnahmung durch die HJ - die teilweise die gleichen Lieder sangen - und wurden im Krieg so politisch, dass sie Juden versteckten, Zwangsarbeiter mit Essen versorgten und jede Menge Parolen und Flugblätter den Menschen zum Lesen gaben, die leider nur zu selten lesen wollten. Als es hart auf hart ging, kamen auch ein paar Nazischergen um, von jungen Edelweißpiraten erschossen. Das Regime schlug zurück und henkte eine ganze Gruppe junger Leute, deren jüngste Mitglieder gerade mal sechzehn Jahre alt waren. Tatort war Köln-Ehrenfeld.

Ganz nebenbei, die anerkannte Widerstandsgruppe „Die weiße Rose”, die so gerne von Konservativen, von Gebildeten und der medialen Öffentlichkeit in den Vordergrund gespielt werden, kamen auch aus der bündischen Jugend, Hans Scholl war Mitglied von d.j.1.11, einer großen bündischen Jungenschaft, die wie viele andere auch bei der Gleichschaltung verboten wurde. Allerdings waren die Scholls und ihre Freunde Studenten, gebildete junge Leute, und ein Professor wurde ebenfalls vom Regime hingerichtet. Das kommt natürlich gut. Die jungen Edelweißpiraten kamen aus der Arbeiterschicht, waren nicht gebildet und wurden von der Gestapo zu Kriminellen gemacht. Nach dem Krieg waren die gleichen Leute in den Ämtern verantwortlich, die es auch während des Krieges waren. Und man glaubte natürlich den Beamten eher, als den jungen Leuten, die ja schon mal rechtskräftig verurteilt waren. Einer der hingerichteten Jungen - Bartholomäus „Barthel” Schink, sechzehn Jahre - bekam früher seinen Stein in Yad Vashem, wurde einer der Gerechten unter den Völkern - was verdammt noch mal zu wenige Deutsche verdienten - als das er vom deutschen Staat als Verfolgter des Naziregimes anerkannt wurde, als das Todesurteil offiziell zurückgenommen wurde.

Die Jugendlichen, deren größte Zentren die Rhein-Ruhr-Region und Berlin waren, und deren Taten in Köln am bekanntesten wurden, gehörten also der bündischen Jugend an, lasen Karl May, sangen zur Klampfe ihre Lieder, zogen sich bunt an und waren streng gemischt unterwegs - ganz im Gegensatz zur Hitlerjugend, wo es ganz strikte Geschlechtertrennung gab. Schon in den dreißiger Jahren hatten die bündischen Gruppen, die sich Latscher nannten, oder Navajos oder Nerother, viel Stress mit den HJ-lern, und oft gab es gegenseitig kräftige Prügel. Richtig politisch war das nicht, die Bündischen wollten vor allem in Ruhe gelassen werden. Ein bis zwei „Generationen” später wurde das anders. Als Zwangsarbeiter überall in den Industrieregionen verhungerten, als die Juden deportiert wurden, als die Jugendlichen das Ausmaß der Verbrechen - und ich meine hier allein die Verbrechen, die jeder hätte sehen können, die haben ja prinzipiell schon gereicht - da versuchten diese Jugendlichen, die von irgendwoher den übergreifenden Namen „Edelweißpiraten” bekamen, etwas zu unternehmen. In Köln gab es unter anderem ein paar spektakuläre Aktionen, zum Beispiel entgleiste einmal ein Zug, zum Beispiel flogen mal Flugblätter aus der Kuppel des Hauptbahnhofs.

Die Jugendlichen haben damals ihre Hinterteile aufgerissen, um für die Freiheit zu kämpfen. Sie haben abenteuerlich gelebt, dieses Leben geliebt und sind reihenweise in Strafkompanien an der Front verreckt. Und die Überlebenden haben nach dem Krieg keinen Dank gehört, sie wurden verschrieen und viele von ihnen haben sich verleugnen müssen. Nur wenige haben ihre Fahrtennamen stolz getragen, nur wenige haben ihre Geschichte erzählt. Jede Geschichte, die heute noch erzählt werden kann - auch die jüngsten Edelweißpiraten sind nun an die Achtzig - muss erzählt werden, muss aufgeschrieben werden, muss gelesen werden. Es gab eine Menge junger Leute, die was gegen die Nazis getan haben, und die waren oft Helden im Kleinen. Wir müssen dieser Helden gedenken, und das laut, denn wie heißt es? Der Schoß ist fruchtbar noch …

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Einer flog übers grüne Schaf

März 10, 2008

Ich schreib ja nicht nur drüber, ich mach ja auch selbst Kultur, und nun steh ich kurz vor der Derniere - nein, nicht „Die Niere”, Derniere bedeutet letzte Vorstellung, und meine Rechtschreibprüfung meint übrigens, es müsste „Derbniere” heißen … so viel zu Kulturverfall - von „Einer flog übers Kuckucksnest” nach dem Roman von Ken Kesey.Ich möchte jetzt hier nicht groß übers Theaterstück schreiben, oder über die Inszenierung - oder noch viel schlimmer, über das, was ich dabei spiele und abliefere. Viel interessanter finde ich die Frage, ob das Thema, ob eine Irrenanstalt in den 50er Jahren in Amerika uns heute noch etwas sagt. Da ist das unmenschliche Regime einer frustrierten Oberschwester, die letztendlich auch kein größeres Interesse am Erhalt von Menschenleben hat, die nur alle ihrer Ordnung anpassen will. In dieser Klinik herrschen unmenschliche, diktatorische Zustände. Was bringt uns das heute noch, solche Kliniken gibt es doch nicht mehr, oder?

Hoffentlich gibt es sie nicht mehr, ersetzt man allerdings die psychiatrische Klinik mit so manchem Altersheim in Deutschland, mag das gar nicht so weit weg sein - liebe Altenpfleger, versteht mich nicht falsch, viele machen großartige Arbeit, und ich finde diese Arbeit auch wirklich bewunderungswürdig, aber es gibt ja immer wieder richtig böse Geschichten. Viel interessanter sind aber die Mechanismen, mit denen Schwester Ratched ihre Häschen (oder waren es doch Schafe?) ruhig hält, wie sie dem Menschen das Denken verleidet, und noch viel mehr das Widersprechen. Sie unterstellt ihren Patienten Sachen, die so nicht stimmen, macht Angst, macht Angst, macht immer noch Angst. Angst macht gefügig … raten sie mal, warum die Amerikaner Bin Laden nicht fangen … Angst macht gefügig. Oder schon mal bei Tarifverhandlungen zugehört, oder wenn über Gesetze gesprochen wird, die der Wirtschaft nicht gefallen - „das kostet Arbeitsplätze!” - Angst macht gefügig.

Ich glaube, so lange es Theater und Film gibt, Quark, so lange es Kultur gibt, muss immer wieder darüber gesprochen werden, dass Angst uns gefügig macht, und immer wieder muss in genau diese Wunde der Finger gelegt werden. Kultur soll uns befreien, nicht auf ideologische Art wie bei Brecht, sondern einfach so, in dem sie uns unterhält.

Im Gegensatz zu manchem Stück Literatur, dass immer schneller veraltet, kann dieser Ken Kesey uns sehr viel sagen, auch wenn wir heute über seine Psychedelik grinsen müssen. Aber die kann man eh in Film und Theater nicht so einfach transportieren. Wichtiger ist der Kern der Geschichte, und es macht tierisch Spaß, diesem Kern zu dienen. Das grüne Schaf ist übrigens Canada, und Amerika ist Fernsehen … wie wahr.

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Zwischenruf: Anwälte sind schlimme Finger – ja, klar, wissen wir …

März 4, 2008

Ja, hier geht es denn wieder um einen Film, um „Michael Clayton” nämlich. Dieser von George Clooney gespielte skrupellose Ausputzeranwalt bekommt über die Länge eines Films so etwas wie ein Gewissen. Was sagt uns dieser leider nur mäßig spannende Film? Das Anwälte fiese Menschen sind, und nur George Clooney ein Gewissen hat? Dass das Justizsystem der USA eigentlich nicht  funktioniert, aber letztlich von einem braven Mann, der noch mal den dreh bekommt, durchaus gerettet wird? Och Leute, was soll denn das? Erstmal ist das doch eigentlich alles schon bekannt. Meine Güte, in „Erin Brockovich” geht es um das gleiche Thema, ist da aber nicht so verquast, viel unterhaltender und Julia Roberts schmeichelt dem männlichen Auge auch viel mehr, als der Clooney …Interessant ist allerdings die Medienberichterstattung über diesen Film. Da wird von „politisch” gesprochen, von „kritisch” - geht es auch ein bisschen kleiner? Bei uns ist jeder Tatort kritischer, die Lindenstraße politischer.

Das ein solcher Film, der etwas verquast auf Kunst macht, aber einfach nicht seiner eigenen Geschichte dienen kann und letztlich völlig belanglos bleibt, für einen Oscar nominiert wurde, zeigt wieder mal, dass man sich bei der Oscar-Jury gern mal blenden lässt. Tilda Swinton, die den Oscar bekam, zeigt auch wirklich gutes Handwerk, keine Frage, ob sie besser war, als die anderen nominierten, kann ich nicht beurteilen, da ich die anderen Filme nicht gesehen habe. George Clooney zeigt aber nur ein hübsches Gesicht und sehr wenig schauspielerische Qualität, noch etwas, was den Film nicht gerade grandios macht …