
Theater vs. Politik – was heißt hier eigentlich unpolitisch?
April 3, 2008Ich steh auf Theater. Ich mach Theater, ich inszeniere und spiele, ich geh auch einfach gerne rein. Und ich wunder mich immer, dass manche Theatermacher so unglaublich politisch sein wollen - speziell da wo Theater so modern ist, also im urbanen Bereich - und andere machen ein unpolitisches Theater, das unglaublich brav ist - leider gern bei uns in der Provinz.Ich glaube gutes Theater ist weder das eine noch das andere. Immer wenn ich Rezensionen von unglaublichen Premieren lese, in denen scheinbar Personen des Zeitgeschehens auftauchen, in denen Propheten geköpft oder Attentäter gehängt werden, dann frage ich mich, was bei diesen Regisseuren so abgeht - also in Kopfregion.
Theater ist natürlich ein Zeitphänomen, der eigenen Zeit verhaftet. Ist letztlich nur heute interessant und morgen schon vergessen. Also wird wie wild aktueller Kram in die Inszenierungen geschaufelt, was aber letztlich allenfalls ein Gag sein kann, dem Stück selbst nicht wirklich helfen kann. Wenn ich aber keine Farce oder Groteske auf die Bühne bringe, die quasi weder sich selbst, noch irgendwas anderes ernst nimmt, sollte ich tunlichst vermeiden, mich an Zeitgeist und Aktualität ranzuschmeißen. Der Effekt ist nämlich immer gleich. Der Zuschauer wird rüde aus seiner Illusion gerissen, lacht, wenn es einen guten Gag gibt, verzieht noch häufiger schmerzhaft das Gesicht oder schmunzelt aus Höflichkeit. Und wenn es noch nicht mal mehr ein Gag ist, dann wirken diese Aktualitäten einfach nur noch peinlich. In wie vielen antiken Dramen sind denn jetzt schon Typen mit Maschinenpistolen herumgelaufen? Und alle sehen entweder wie Palästinenser oder Israelis aus - die Aussage davon? Es gibt zu viel Krieg in der Welt? - Na, sag an, wusste ich ja noch gar nicht. - Der Nahostkonflikt ist was furchtbares? - Echt? Ich dachte, die haben da bombige Stimmung …
Wenn antike Dramen es wert sind, gespielt zu werden, dann wird man auch ohne zweifelhafte Modernisierung das finden, was zeitlos und heute aktuell ist - vielleicht finden die Modernisierer auch ihr Publikum einfach zu beschränkt und müssen die Botschaft mit aller Kraft herausschreien - aber eine solche Missachtung des Publikums ist unethisch.
Moderne Dramatiker schreiben Stücke, die in Arbeitsämtern spielen. Unentwegt kommen Arbeitslose herein und bekommen keine Arbeit, und verzweifeln so gut sie können. Furchtbar, oder? Und im Publikum sitzt das gebildete Bürgertum und wundert sich, dass Menschen so verzweifelt sein können … oder fassen sich an den Kopf vor lauter Unsinn, schließlich kennt nun auch der Akademiker das Gefühl, arbeitslos zu sein. Was passiert da? Ein Klischee wird ausgewalzt - das ist doch Millowitsch-Theater auf einem schlechten Trip.
Das Theater zeigt Menschen, die von der Gesellschaft zerstört werden - früher hat das Büchner mit dem Woyzeck mit Witz und trauriger Poesie gemacht, heute zeigt man Menschen im Arbeitsamt - das ist doch echt nur schlechtes Kabarett. Die Frage ist auch, warum das Theater solche Menschen zeigt. Ist das unterhaltend. Macht es dem Zuschauer neuerdings Spaß, Wracks zu beobachten? Hey, da kann man auch bequem zu Hause Big Brother schauen … es wäre doch viel interessanter, zu sehen, wie aus einem normalen Menschen ein solches Wrack wird - nicht das es besonders originell wäre, aber immerhin interessanter.
Gutes Theater ist nie unpolitisch, hat aber den Anschein. Ein guter Macbeth, spannend inszeniert, mit Witz nicht gespart, wird immer unendlich viel Politik in sich haben, auch ohne dass es irgendeinen offensichtlichen Anknüpfpunkt gibt.
Und wenn Theater wirklich unpolitisch wird? - Dann ist es auch nicht gut. Letztens habe ich mir ein „Frühlingserwachen” angeschaut, Frank Wedekind hat da vor etwas mehr als hundert Jahren ein äußerst subversives Werk geschrieben. Unter anderem gibt es Onanie und den Masochismus einer 14-jährigen zu bestaunen. Jetzt kann man von einer Schulinszenierung nicht besonders viel erwarten - also an schauspielerischer Qualität (die für solche Verhältnisse recht ordentlich war) und an Subversivität der Inszenierung. Natürlich kann man an einer Schule nicht das halbe Ensemble ausziehen oder ähnlich drastische Mittel wählen. Aber was da zu sehen war, führte sich selbst ad absurdum. Ein eigentlich revolutionäres Stück, wenn auch nur in der Zeit wirklich revolutionär, wird zu einem angepassten, langweilig inszenierten Klassiker. Alles ist so statisch wie möglich, es gibt keinen Humor und kein Leben in diesem Stück. So schafft man wahrlich unpolitisches Theater - aber dadurch wurde es auch zu wahrlich schlechtem Theater.
Berti Brecht wollte mit seinem epischen Theater die Menschen erziehen, hat aber selbst gegen viele seiner Gesetze verstoßen und letztlich lieber unterhaltsames als erzieherisches Theater gemacht. Wann immer der Zaunpfahl mit der Botschaft der Inszenierung kommt, ist dieselbe schon glücklich verstorben.
Wer andererseits aber Theater ohne Herz und Humor macht, der schafft das unpolitische Theater, der schafft die entgültige Destruktion des Theaters, wie es kein genialischer Regisseur schaffen kann.
Ein Kommentar
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Ausgezeichnet. Großes Theater, dieser Beitrag! Ich bin schon seit dem Erstkontakt mit Theater dieser Meinung. Lasst Macbeth mit einem Dolch arbeiten!