h1

Karl May – geht der heute noch?

April 6, 2008

Ich bin vorbelastet. Ich habe das quasi ererbt. Mein Vater hat schon in den fünfziger Jahren Karl May-Bücher gesammelt, diese Sammlung irgendwann meinem Bruder vermacht und der hat - da eh sammelwütig - diese Sammlung sehr erweitert. Irgendwann - nee, nicht irgendwann, ich war früh neun, und damit in der dritten Klasse - habe dann diese Bücher angefangen. Von vorne weg mit „Durch die Wüste” quer durch die etwa sechzig oder siebzig Bücher. Das hat für annähernd drei bis vier Jahre gereicht, danach kam Stephen King … „Winnetou” war das erste Buch, dass ich an einem Tag durchgelesen habe, und ich war damals altertechnisch noch nicht zweistellig.

Die nächsten zwanzig Jahre dann habe ich die Karl Mays nicht mehr angefasst. Allerdings habe ich inzwischen einen gewissen Hörbuchtick, und dann das oben schon genannte „Durch die Wüste” bei Amazon als .mp3-Hörbuch gefunden. Und dann auch noch launig von Peter Sodann mit einem leichten sächsischen Einschlag gelesen - was ich natürlich da noch nicht wusste. Nun ja, das CD-chen kam also in meine Fingerchen und wurde letztlich auch lustig durch die Gegend gefahren - auf diese Art und weise höre ich ja immer meine Hörbücher. Und was soll ich sagen, es gibt zwar einige unfreiwillig komisch wirkende Passagen, in der Kara Ben Nemsi zeigt, was für ein Superman er denn ist, wie viele Sprachen er spricht, wie viele Menschen und Orte er kennt, wie viele Löwen er schon gejagt und wie viele Kenntnisse hier und dort gesammelt hat - am schönsten fand ich, dass er nicht nur Keilschrift lesen, sondern auch die Worte übersetzen kann! Herrlich! -, aber andererseits macht dieser Karl May immer noch riesigen Spaß. Ist doch auch mal schön, wenn etwas funktioniert, und bei Kara funktioniert eigentlich fast alles.

Und dann diese schwülstigen orientalischen Rededuelle, diese Beleidigungen und ehrenvollen Willkommensreden, die gefährlichen Situationen und Sherlock Holmes-artigen Detektivgeschichten - der liebe Karl May hatte schon was auf der Pfanne, wusste mit Worten umzugehen, und schaut man sich Figuren wie Sir David Lindsay oder - und ich schreib das jetzt aus dem Kopf - Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah an, dann sieht man auch den skurrilen Humor des sächsischen Reiseschriftstellers.

Andererseits ist das natürlich schon schlimme Christianisierung, das ist manchmal so fromm, dass man ganz leichtes Erbrechen bekommt. Aber hey, ich hab mir das jahrelang in langen Lesephasen reingezogen, und ich kann trotzdem noch frei denken.

Aber es war natürlich noch viel schöner, als ich die Bücher ohne die Zweifel des Erwachsenen zu lesen. Ich glaube, hätte ich Kinder, ich würde ihnen auch diesen Karl May in die Finger drücken … zumindest weiß man hier immer, wo die Guten und wo die Bösen spielen und das gibt eine gewisse ethische Sicherheit - ist doch gar nicht so schlecht …

One comment

  1. Vergiss nicht, dass KM die Reiselust erweckt hat, jedenfalls in mir.


Kommentar schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.