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Archive for the category “Musical”

Hooooooooooooooooooooooooooooooonk!

Gummersbach, vor gut vier Stunden, ein riesiges graues Küken schlüpft einer ehrbaren Entenfamilie – und alle sind entsetzt, na gut, alle, bis auf die treusorgende Mutter – das Küken hat offenbar ein Gesicht, das nur Mütter lieben können. Mit einem aufgeregten wilden Geflügelhof beginnt das Spiel, dort wir es gut drei Stunden später auch wieder enden – und dazwischen ist gute Unterhaltung, tolle Musik, ein Amateurensemble (sic!), dass tanzt, spielt und dabei noch präzise mehrstimmig singt.

Ich bin Insider, das Musical-Projekt Oberberg, dass da auf der Bühne spielt, ist meine eigene künstlerische Heimat, aber ich bin auch Regisseur und mein Blick ist kritisch – ja, fast automatisch überkritisch, wenn es um ein Ensemble geht, in dem ich selbst ein paar Jahre verbracht habe, dem ich immer noch freundschaftlich verbunden bin, dessen Nachwuchs ich versuche heranzuziehen, an dem mein Herz hängt. Nicht immer ist der kritische Blick erwünscht, und umso froher bin ich jetzt, nachdem ich HONK gesehen habe, dass ich dieses Musical ohne jede Einschränkung weiterempfehlen kann – letztlich will man das ja immer, wenn man Freunde und Kollegen auf der Bühne sieht.

Ja, klar, mit sicherem Blick sehe ich, wo die verzweifelten Blicke zum Dirigenten sind, höre die Hakler, sehe hier und da den kleinen Spannungsabfall, der Profis da nicht passieren würde. Aber es stört mich nie, es ist um Klassen besser, als vieles, was man bei anderen Amateuren sieht, die Inszenierung – nein, die ist nicht von einem Amateur – schlägt das meiste, was man zum Beispiel in der Kölner Oper sieht, die Choreographien sind total stimmig, weder über- noch unterfordern sie die Ensemblemitglieder, die natürlich nur selten viel tänzerische Ausbildung haben, und sie haben Sinn, jawohl! Die komplexe Musik – man sieht die Profis im Orchestergraben ganz schön ins Schwitzen kommen – ist hochklassig, die Sänger halten fast durchgängig mit – und mal ganz nebenbei: Dieses Honk ist ein wirklich gut geschriebenes Musical, viele kleine Gags, viel sehr gutes Komödienhandwerk mit einer stimmigen Geschichte, immer funktionierenden Dramaturgie, dazu passender, teilweise sehr eingängiger Musik – komplex und eingängig, hat man ja jetzt auch nicht täglich.

„Honk! – Von der Schwierigkeit keine Ente zu sein“, so ist die Produktion überschrieben – und nach allen Schwierigkeiten, die man sicher überwinden musste, ist ein Ziel erreicht. Man findet hier exakt das, was man im besten Sinne unter „Amateur“-Theater verstehen kann – das Wort „Amateur“ gehört hier dringend in Anführungszeichen, die Produktion ist ziemlich professionell, die Technik teuer, man nennt so was mit Fug und Recht semiprofessionell -: Amateur heißt Liebhaber, und die, die da auf der Bühne stehen, müssen ihre Kunst verdammt lieb haben!

PS Weitere Informationen gibt es hier: http://www.musical-projekt-oberberg.de/

PPS Hingehen! Nun los!

Über Vorschläge …

Juhu, mal wieder ein Theaterblog, wird wahrscheinlich nicht der einzige dieser Ferien bleiben, bin momentan nicht in der Nähe einer Bühne und so sehr in Gedanken auf der einen oder anderen solchen, dass ich manchmal nicht richtig lebenstüchtig wirke … also alles wie immer …

In den letzten Monaten tauchte in diversen Gruppen, mit denen ich zu tun habe, das Problem auf, dass die Mitglieder dieser Gruppen sich unzufrieden zeigten, und sie hatten alle etwas gemeinsam, es ging um Stückauswahl. Nun bin ich ja jemand, der ein solches Thema immer etwas umfassender durchdenken will, und meine Erfahrungen habe ich in den letzten Jahren auch zu Genüge gemacht.

Mathematisch, wie ich nun mal denke, muss ich erst mal die Voraussetzungen klar machen. Ich beziehe mich auf Amateur- und Jugendtheater, auf Gruppen, die aus Neigung und Liebe ins Theater gestolpert sind, dort Musical und Sprechtheater betreiben. Dazu kommt die Tatsache, dass sich die Leiter professionell um ihre Aufgabe kümmern, also für ihre Arbeit auch bezahlt werden, allerdings üblicherweise so, dass eigentlich keine Produktionen drin sind, da die zusätzlichen Arbeiten, die zu einer Produktion gehören, so umfangreich sind, dass Stundenlöhne sich dem berechnen entziehen, oder – so man sie doch berechnet – schwere Sinnfragen stellen. Wir sind also im Bereich von ambitioniertem Amateurtheater.

Das professionelle Theater kennt die nun folgenden Probleme nicht, da sind die Darsteller angestellt und haben gefälligst zu tun, was die Intendanz entscheidet. Im Amateurbereich kostet das Theater die Darsteller Geld, Theater ist ihr Hobby – im Vergleich mit Tennis ein preiswertes, aber ein Hobby für das man Geld ausgeben muss. Mit diesem Vorwissen ist es nicht so sehr überraschend, dass die Darsteller manchmal meinen, sie hätten geradezu die Pflicht, sich in die Stückauswahl einzumischen. Beim Kinder- und Jugendtheater kommen hier auch noch die Eltern ins Boot, die das Theater ihrer Kinder am liebsten harmlos und niedlich hätten – ich verallgemeiner, es gibt extrem aufgeschlossene Eltern, die wirklich ein großer Gewinn sind, es gibt auch jede Menge Darsteller, die ihren künstlerischen Leitungen einfach nur vertrauen, die jeden Blödsinn mitmachen und am meisten Spaß dabei haben, auch mal was sehr Verrücktes und sogar Provokantes zu machen. Aber schon klar, dass man Wünsche hat, das ist doch normal. Bei den Leitenden kommen diese Wünsche oft nicht gut an – und das liegt in der Natur der Sache. Als eher unbedarfter Darsteller gehe ich ja davon aus, dass man einfach nur einen Vorschlag macht, deutlich macht, was man gerne mal machen würde und vielleicht was bewirkt. Bei der künstlerischen Leitung kommt das erst mal als Genörgel an – je nach Ton sogar als nerviges Genörgel – selbst wenn es nicht so gemeint ist. Jetzt bemüht sich ein Regisseur ja immer darum, interessante Stoffe zu finden, interessante Stücke zu finden – oft mehr als zwei oder drei Jahre im Voraus. Und dann kommt da jemand her und sagt, können wir nicht mal was Lustiges machen? Können wir nichts Populäres machen? Können wir nichts machen, was uns Zuschauer bringt?

An der Stelle tickt man natürlich innerlich aus. Innerer Monolog: ‚Etwas, was Zuschauer bringt? Ja, hast du sie noch alle? Was glaubst du, wie ich plane? So, dass möglichst wenige Zuschauer kommen?‘ – rein äußerlich lässt man sich natürlich kaum etwas anmerken, aber das trifft einen schon. Das klingt ja, gut gemeint wie es sein mag, einfach nach einer fiesen Unterstellung. Jetzt kommt noch eine Sache hinzu, die nochmal tiefer trifft. In den Gruppen, von denen ich sprach, ist es relativ üblich, dass die künstlerische Leitung auch als Autoren und Komponisten aktiv sind, sprich, eigene Stücke auf die Bühne bringen. Der mehr oder weniger versteckte Vorwurf der immer wieder erhoben wird, ist dann: „Wenn wir bekannte Stücke machen würden, dann hätten wir auch mehr Zuschauer. Ihr macht das ja alles nur, um Eure eigenen Stücke auf die Bühne zu bringen, als ob nur Ihr was Vernünftiges schreiben könnt … etc.“

Das tut weh! Ganz einfach und direkt, denn es trifft ein bisschen – natürlich ist man stolz auf jedes eigene Stück, natürlich gehört das Schreiben zu den Sachen, die einem wichtig sind – und noch viel mehr ist es unfair. Ich, zum Beispiel, habe das Schreiben von Stücken angefangen, bevor ich ernsthaft ins Regiebusiness einstieg, habe aber beides eigentlich nicht verbunden. Aber dann habe ich die Realitäten des Jugendtheaters kennengelernt. Junge begabte Menschen wollen Theater spielen, doch die Gruppe ändert sich von Woche zu Woche, man kann sich nie darauf verlassen, dass man nicht drei Wochen vor der Premiere noch eine Abmeldung bekommt, oder fünf Wochen vorher noch eine neue Rolle gebraucht wird. Und dann gibt es kaum Stücke für junge Gruppen, und dann sind alle Stücke so gestrickt, dass man sieben Rollen für Jungs hat und nur drei für Mädels, man hat aber acht Mädels und zwei Jungs – und ist noch froh, dass es so viele männliche Wesen gibt. An der Stelle habe ich aus Notwehr angefangen, die Stücke für meine Gruppen selbst zu schreiben – allerdings nicht immer, das letzte eigene Stück bei meinen Großen habe ich vor vier Jahren gemacht, alles andere war bestenfalls von mir dramatisiert, aber keine eigenen Stücke. Wenn man Stücke auf Gruppen hin schreibt, dann ist das auch nicht das literarische Arbeiten, dass man sich so vorstellt. Ich hab dann eben nicht nur das Stück im Hinterkopf und lass es langsam durch meine Finger auf die Tastatur tropfen, ich muss immer überlegen, kann der Mensch das spielen, ja, das wäre eine hübsche Rolle, aber ist wer dafür da? Und kommt die nach der Szene mit dem Umziehen hin? Und woher nehm ich jetzt noch eine Mädchenrolle? – Nein, will ich einfach nur ein Stück schreiben, dann habe ich vielleicht bei der einen oder anderen Rolle einen Darsteller im Hinterkopf, den ich mir in dieser Rolle vorstelle, das kann dann aber auch gut jemand sein, mit dem ich vor zehn Jahren mal zusammen gespielt habe oder eine Darstellerin, die leider vor einiger Zeit aufgehört hat – ich nutze da nur die Gesichter als Anhaltspunkte. Das richtige Schreiben ist frei von den Zwängen, die von den Gruppen aufgelegt werden – im besten Fall habe ich ein Grundthema, bei dem eine gewisse Anzahl an Rollen vorhanden ist, die der Anzahl an Menschen in der Gruppe grob entspricht, dann kann ich drauf los schreiben, sehr angenehm das.

Ja, ich merke, ich verteidige das Schreiben, das Selbst-Schreiben – aber das ist es ja nicht allein. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, ich auf jeden Fall lese immer wieder Stücke, höre sie als Hörbücher, schaue mir auch einiges an, und bin dabei immer auf der Suche nach neuen Stücken für meine Gruppen, ich überlege an vielen Projekten, überdenke dabei die Gruppenkonstellation, die Möglichkeiten der Produktion – Budget ist hier ein nettes Stichwort – die Frage, ob sich ein Publikum findet, ob man etwas dem leicht provinziellen Publikum überhaupt vorsetzen sollte – und dann kommen völlig unspezifische Wünsche, die das Gefühl vermitteln, dass man eigentlich immer nur Mist macht, zumindest aus Sicht seiner Darsteller – an manchen Tagen wünscht man sich dann halt doch andere Tätigkeiten. Natürlich kommt einem da auch manchmal die Idee, dem Gegenüber vor Augen zu führen, wie weit er denkt; dass man alle Gedanken, die er sich da gerade macht, schon vor Jahren gemacht hat, dass man sich beide Beine ausreiße, um richtig gutes Theater mit relativ wenig Mitteln zu machen, dass man an Rechte und Budgets, an Besetzungen und Bühnenverhältnisse denkt, mit denen die Vorschläge so gar nichts zu tun haben, und das geht durchaus so weit, dass man die oft eher fantasielosen Vorschläge auch ablehnen muss, weil man einfach weiter ist, weil man kein schlechtes Boulevardtheater machen will – gutes Boulevard gern, aber es ist wenig zu finden, fast alles völlig überholt und dann auch noch so schwer, dass es die Hälfte der durchaus guten Gruppen überhaupt nicht auf die Reihe kriegen würde -, und letztlich, ich bau eine Gruppe auf, setze Herzblut herein, setze Engagement rein, arbeite oft genug für drei Euro pro Stunde und jetzt nehm ich mir auch das Recht raus, weiterhin zu entscheiden, wo es hin geht. Wenn jemand den Weg nicht mitgehen will, bitte, Reisende soll man nicht aufhalten.

Das klingt viel härter, als es ist, natürlich versucht man Kompromisse zu machen, natürlich hört man auch wohlwollend zu, wenn Kritik und Vorschläge kommen. Aber mal ein Tipp: Sucht Stücke, lest, hört, seht. Und wenn Ihr etwas gefunden habt, was von der Besetzung her geht, wenn Ihr wisst, dass die Rechte zu einem nicht allzu erschreckenden Preis zu erwerben sind. Wenn Ihr wirklich begeistert davon seid – dann geht hin, zur künstlerischen Leitung, zum Regisseur, und dann gebt Eure Begeisterung weiter, denn für Begeisterung haben wir doch immer ein Ohr.


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Musical und Tanz – grundsätzliche Überlegung

Aus aktuellen Gründen beschäftige ich mich im Moment mit der Kombination aus Tanz und Musical – etwas, von dem man weithin glaubt, es müsse zusammen gedacht werden. Jetzt mach ich ja deutlich mehr ganz spaßiges Sprechtheater, eine Sache, bei der extrem selten wirklich getanzt wird, also muss ich für zukünftige Musicals mal überlegen, wie ich denn zum Thema Tanz stehe.

Ich kenn das Problem, dass viele mit dem Musical haben: die seltsame Künstlichkeit. Völlig ohne Grund fangen da Leute an zu singen und zu tanzen – etwas, was zum Beispiel beim Musicalfilm „Hair“ viele zum geistigen Sofortausstieg zwingt, wenn da Leute im Central Park nicht nur sinnlos rumstehen und singen, sondern auch noch in heftigsten Verrenkungen rhythmische Gymnastik machen – ganz ähnlich bei „Jesus Christ Superstar“ – immer noch einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Diese Tanzerei ist ästhetisch hübsch anzusehen, aber ob sie der Geschichte irgendwas gibt, ist zumindest zweifelhaft. Würden diese wunderbaren Musicals auch funktionieren, wenn da nicht getanzt würde? In gewisser Weise ja.

These: Musical geht auch ohne Tanz!

Im Prinzip schon, bei der Oper funktioniert es auch großflächig, warum sollte es also bei Musicals anders sein? Gehe ich davon aus, dass ich im Bereich des Musical Drama bin – einem Bereich, der mir wahrscheinlich sogar eher liegt – dann brauch ich doch eher eine sensible Regie, als irgendwelche Tanzschritte, oder? In der Musical Comedy kann ich wunderbar karikieren und ironisieren über Tanz; ja klar, aber im Drama brauch ich die Ironie ja nicht unbedingt.

Aber Tanz kann doch auch etwas aussagen!

Ja, aber er macht es so selten. Schau ich mir den üblichen Einsatz von Tanz in Musicals an, so bleibt heute fast nur noch das Erzeugen von Dynamik, was ja schön und gut ist, aber nicht unbedingt alles, was Tanz kann. Ansonsten ist Tanz viel zu oft ein schmückendes Beiwerk. Das große Finale wird getanzt, weil es immer so nett aussieht, wenn das ganze Ensemble im Tanz vereint ist – schmückendes Beiwerk. Dafür brauchen wir keinen Tanz.

These: Musical braucht Tanz, aber sinnvoll!

Ich mag Verfremdungen, ich bin der festen Überzeugung, dass absichtliche Brüche in der Illusion eine gute Sachen sind, allerdings nur an den richtigen Stellen, ich benutze auch immer gern Bilder an gewissen Punkten einer Inszenierung, die aus der Bühnenrealität ein wenig herausfallen. Ich denke, an dieser Stelle hat im Musical der Tanz eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Das kann der ironisierende Marsch sein, das kann die Roboterarmee sein, die die Protagonisten in die Flucht schlägt, aber auch die vorsichtige Annäherung zweier Menschen, die ohne Worte, aber mit viel Musik und getanzt geschieht. Unterhalten sich zwei Menschen, gehen dann in Gesang über, so mag das noch die Bühnenrealität verkraften, fängt nun noch einer von beiden an zu tanzen, so mordet das oft die Illusion und ist deswegen oft genug nicht angemessen und –bracht. Tanz darf nicht eingestreut werden, damit der Choreograph etwas zu tun hat, sondern um der Geschichte zu dienen, dem Stück zu dienen – schaut man sich das Tanztheater einer Pina Bausch an, dann weiß man, wie viel Tanz ausdrücken kann. Die gleiche Tiefe sollte Tanz auch im Musical haben, sonst wird er zu Aerobic.

High Fidelity … Musical … Essen …. Folkwang …

Am Freitag hatte ich die tolle Möglichkeit, die Erstinszenierung des High Fidelity-Musicals zu sehen, in Essen, im Rathaus-Theater, gespielt von der Abschlussklasse der Musicalabteilung der Folkwang-Schule – also junge Menschen auf der Bühne, die so gut sind, dass einem vor Neid schlecht werden könnte, wenn, ja wenn man nicht so mitrocken würde und vor allem so viel lachen.

Vielleicht kennt der eine oder andere den Roman „High Fidelity“ von Nick Hornby, einen Film gibt es auch – ich habe beides bisher nicht registriert gehabt – ich geb das zu, auch wenn ich vielleicht nun Banause gerufen werde. Auf jeden Fall ist die durchaus konventionelle Liebesgeschichte so unkonventionell erzählt, dass man fast von Anfang an richtig was zu lachen hat. Kauzige Charaktere, große Gewissensnöte, eine Menge Anspielungen auf gute und nicht so gute Musik, die man aber gar nicht unbedingt alle verstehen muss, um einfach viel Spaß zu haben.

Und ganz nebenbei stand da die junge Musicalelite Deutschlands auf der Bühne – großartige Stimmen, wundervolles Timing, und auch gar nicht die glattgebügelten Musicalstars, die üblicherweise für größere En-Suite-Stücke aus England oder Holland herangekarrt werden. Das sind richtige Typen, Schauspieler, für die das Wort noch Sinn macht. Ja, dieses Musical hat sich nicht  irgendwie gelohnt, es war fantastisch, ein Hauptgewinn. Die Regie schnörkellos und clever, die Choreographie immer ein Diener des Stücks – also wirklich annähernd alles richtig gemacht – ein kleiner Nachteil war vorhanden, aber der lag an meinem Sitzplatz – ich konnte manchmal die Stimmen und daher den Text der kongenialen Übersetzung nicht wirklich gut verstehen. Egal, ich bin auch so erst mal nur dankbar – war ein Highlight nach einer verrückten Woche.

Die Idee des Anspruchs in der Theaterpädagogik

Wieder mal eine Folge meiner kleinen Theaterpädagogikserie. Dieses Mal geht also um den Anspruch, und dabei nicht um den Anspruch, den man an sein Publikum hat, sondern um das, was man seinen Schülern abverlangt.

Aus der Sicht des Regisseurs ist das eine ganz einfache Sache, ich muss Schauspieler dahin bringen, dass sie ihre Rollen richtig spielen, und dabei gibt es kaum Grenzen. Muss ich einen Darsteller erst brechen, so werde ich das tun, wird jemand nur dann gut spielen, wenn er mich hasst, so nehme ich das in Kauf – klingt hart? Ist aber durchaus nicht so selten. Regisseure sind oft Diktatoren, und das in gewisser Weise auch zu Recht: Haben sie ein klare Vision dürfen sie nicht mehr zurückstecken, sondern müssen genau diese Vision auf der Bühne neu erschaffen.

Nun habe ich persönlich kaum mit solchen Regisseuren zusammengearbeitet, war aber selbst immer zu relativer Selbstaufgabe bereit – allerdings war schon früh klar, dass ich selbst auch gern inszeniere, und so habe ich immer alle Freiräume genutzt, die mir Regisseure zugestanden haben. Aber da ich eben hauptsächlich solche Exzesse, wie einen Abschnitt höher beschrieben, nur vom Hörensagen kenne, habe ich mir eine solche Art zu inszenieren auch nicht angewöhnt. Ich versuche eher, meinen Schauspielern eine Basis zu geben, ein Grundgerüst, in dem sie dann glänzen dürfen, leben dürfen. Diktatorisch werde ich erst, wenn jemand keinen Einsatz bringt, sich nicht mit seiner Rolle beschäftigt, nicht offen ist. Dann versuche ich, darauf einzuwirken, an den Wurzeln zu arbeiten, dann bin ich auch streng, und greife notfalls auch zu härteren Bandagen.

Aber eigentlich habe ich mich schon ein wenig von meinem Thema entfernt, nun also zurück zum Anspruch an die Kinder und Jugendlichen, die man im Bereich der Theaterpädagogik eher antrifft. Was kann ich von Kindern verlangen, was von Jugendlichen? Wie muss ich sie behandeln?

Meine These ist: Ich muss jeden Schüler ernst nehmen, letztlich kaum anders behandeln als Erwachsene. Das bedeutet unter anderem, dass ich Schülern, weder den Achtjährigen, und noch viel weniger den pubertierenden 15jährigen die Verantwortung für das abnehme, was sie auf der Bühne tun. Wer auf die Bühne will, und das sollte man wollen, wenn man in Musical- oder Schauspielkurse geht, dann muss man mit der Unsicherheit der Bühne leben. Der erste Schritt muss schwierig sein, das Lampenfieber muss da sein. Versuche ich das als Pädagoge abzufedern, werden nicht nur die Ergebnisse auf der Bühne schlechter sein, spannungsloser, ich nehme den Darstellern auch die Chancen das zu erfahren, was Bühne wirklich bedeutet.

Aber ist es denn dann nicht möglich, dass die Darsteller auf der Bühne versagen? Lasst mich mal kurz überlegen: Ja! Ist möglich! Aber das ist es auch, wenn ich ihnen vorbete, es könne ja nichts passieren – nur ist der Sturz schmerzhafter, wenn sie sich sicher fühlen.“ Schauspieler sind die Typen mit den Torten im Gesicht“, so heißt es in „Fame“, also dem originalen Film, nicht der neuen Version, Schauspieler lernen auch dadurch, dass sie mal gegen die Wand rennen, mal vom Seil stürzen – ohne die Narben wird keiner wirklich gut. Und genau das ist der Grund, weshalb ich auch im Unterricht etwas von meinen Schülern verlange, vielleicht sogar manchmal mehr, als sie schaffen können – ohne Frustrationsmomente lernt niemand, und wenn ich das jetzt gerade nicht hinbekomme, dann will ich das nächste Woche schaffen, oder übernächste. Das ist nicht immer schön, nein, es ist auch nicht immer nur Spaß, aber in reiner Harmonie kommt man nun mal nicht zu guten Ergebnissen.

Die Frage ist einfach, was ich erreichen will, ja, letztlich sogar, wofür die Schüler ihre Kursgebühr entrichten. Die gehen in einen Theaterkurs aus dem gleichen Grund, weshalb andere zum Fußball oder zum Judo gehen, um die Sache, also Schauspiel, zu betreiben, um darin besser zu werden, um in das herein zu wachsen, was Theater so bedeutet. Und so, wie sie im Fußball lernen, dass man auch mal verliert, so lernen Schauspieler diese feine Linie kennen, die zwischen grandiosem Theater und dem totalen Reinfall liegt. Der Schüler soll das erleben, was Theater bedeutet. Den Schritt ins Rampenlicht, das Lachen, die Stille, das Raunen, alle Reaktionen des Publikums. Dafür muss ich ihn immer wieder an seine Grenzen führen, damit er sie erweitert, damit er vollständiger wird, damit er diese Reaktionen hervorrufen kann.

Das soll nicht heißen, dass man alle harten Methoden der Regiekunst auch an Kindern ausprobieren sollte – aber man darf sie nicht in Watte packen, wer weiß, ob sie da je wieder rauskommen. Und manchmal kommt es dann auch zu Tränen, manchmal ist die Frustration sehr groß, und meistens sind die Schüler in solchen Momenten einfach tief von sich selbst enttäuscht, eine Stimmungslage, die nicht schön ist, aber auf der man aufbauen kann. Und ganz ehrlich, wenn so ein Weg zu einem Stück schwer ist, oftmals auch die körperlichen und psychischem Kräfte fast überfordern,  dann ist der Applaus noch viel süßer, der Lohn einfach mehr Wert, denn man weiß, wofür man ihn bekommen hat. Und das Ergebnis wird es auch immer lohnen.

Das Publikum besteht ja oft aus Verwandtschaft und Freunden, und wenn man dann hört, so hätte man „seine“ Darstellerin noch nie gesehen, dann ist das einfach der Punkt, an dem man als Theaterpädagoge seinen Erfolg messen kann. Höre ich hingegen: „Och, das war ja schön!“ – dann habe ich offenbar etwas falsch gemacht, denn dieses Urteil gibt es auch für die blödsinnigste Schulaufführung, und wenn ich nicht mehr auf die Bühne bekomme, als der durchschnittliche Lehrer, dann kann ich auch gleich aufhören.

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