Wenn ich G8 höre, denke ich immer noch an eine Konferenz von Regierungschefs … allerdings muss ich mich umgewöhnen und eher an eine Lehrerkonferenz denken. G8 ist einer der Namen, die das Abitur nach zwölf Jahren hat. Ich schau mir als Nachhilfelehrer ganz aus der Nähe an, wie das so vor sich geht. Prinzipiell denke ich, dass es kein Nachteil ist, wenn man ein Jahr früher aus der Schule kommt, allerdings glaube ich auch, dass man das mit bedacht hätte planen müssen, zumindest bei uns in NRW ist das nicht der Fall gewesen – das ging sehr schnell und sorgt für Hochbetrieb, besonders bei uns Nachhilfelehrern.
Wie ist das Abitur nach zwölf Jahren gestaltet? Ganz einfach: man macht mehr Unterricht und versucht den mehr oder weniger gleichen Stoff nun in acht Jahre Gymnasium zu packen. Es hätte einige interessante Varianten gegeben, eine solche Sache durchzuziehen, aber diese scheint mir definitiv die Dümmste zu sein.
Man hätte die Schule früher anfangen lassen können. Da ein gewisser Teil der Schüler eh in der Grundschule erzogen werden muss, um zumindest ein Mindestmaß an Schulfähigkeit herzustellen, wäre es durchaus sinnvoll, damit früher anzufangen. Man hätte auch endlich den Schritt machen können, der Grundschule ihre Schüler für sechs bis sieben Jahre zu überlassen. Da in der Grundschule meistens ein modernerer Unterricht durchgeführt wird, und Schüler einfach so gemeinsam unterrichtet werden, ohne über eine Differenzierung in verschiedene Qualitätsklassen nachzudenken, wäre da genug Zeit den Schrifterwerb und die Grundrechenarten samt Bruchrechnung und negativer Zahlen zu lernen – Grundfertigkeiten, die eigentlich alle haben sollten, die aber vielen Absolventen der Hauptschulen und fast noch mehr den G-Kurslern der Gesamtschulen abgehen. Auf die verlängerte Grundschule hätte man dann eine verkürzte Highschool-Phase setzen können – das würde funktionieren, da bin ich ziemlich sicher, einfach, weil die Trennung der Schüler in der fünften Klasse zu früh kommt, nämlich noch in der Kindheit. Der Einschnitt ist so heftig, dass in der gesamten fünften Klasse eher wenig Stoff geschafft werden kann. Mit Verschiebung der Trennung würde man mindestens ein halbes Jahr, eher mehr, einsparen.
Man hätte auch ein flexibleres System schaffen können. Trimester, deren Stoff jedes Mal gleich ist, die ohne größere Probleme übersprungen werden können und die auch genauso problemlos wiederholt werden können. Da kann man auch den Stoff komprimieren und die Zeit so auslegen, dass jemand, der immer mitkommt, nach elf Jahren schon das Abitur hat – jemand, der ein anderes Tempo anschlägt, hier und da mal was wiederholt, dann eben 13 braucht.
Man hätte bei gleicher Stundenzahl, weniger Schülern und einem sinnvoll leicht ausgedünnten Stoff ohne Probleme ein Abitur nach zwölf Jahren hinbekommen – wenn man damit auch die Qualität des Unterrichts erhöht hätte – da hapert es nämlich immer noch ganz heftig. Moderne Formen des Unterrichts, wie sie schon seit mindestens zwanzig Jahren auf den Unis gelehrt werden, haben bisher nur den Weg in die Grundschule gefunden, danach geht es mit langweiligem Frontalunterricht weiter. Problembezogener Matheunterricht? – Nö. – Experimentelles selber forschen in den Naturwissenschaften? – Nö. – Schüler zu und durch Projekte motivieren? – Wie soll man das denn benoten? Nö. – Und dann streicht man noch Kunst- und Musikunterricht auf ein Minimum zusammen, damit eine ganzheitliche Förderung des Gehirns vollständig unterbunden wird – ja, so schafft man sich noch größere Bildungsprobleme. Und in den Klassen sitzen immer noch dreißig Schüler, wird immer noch gemobbt, wissen die Lehrer immer noch nicht, was da eigentlich abgeht – Klassen mit mehr als zwanzig Kindern sind unsinnig, da fallen immer zehn Prozent hinten runter. Oder man macht es, wie in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, da saßen gerne mal vierzig aus verschiedenen Stufen in einem Raum – die hatten aber auch noch Angst vor dem Rohrstock, ohne den geht so was nun mal nicht. Die besten Lehrer können vielleicht dreißig Schüler mit ihrer natürlichen Autorität bändigen – davon haben wir aber nicht viele.
Mit so schlechtem Unterricht ist das Abitur nach zwölf Jahren ein Horror. Fünftklässler haben schon so lange Unterricht, dass es kaum noch für Hobbys reicht – und schließlich müssen sie ja noch Zeit für die Nachhilfe einplanen – die ist schon lange keine Hilfe in der Not mehr, sondern regelmäßiger Zusatzunterricht, der sich oft über Jahre hinzieht. Wer sich die Nachhilfe leisten kann, der schafft die Schule, wer nicht, der schaut halt in die Röhre … und wird abgehängt. Die Frustrationen kommen immer früher – Eltern, die sich zwar zu wenig mit ihren Kindern beschäftigen, aber trotzdem ihren Ehrgeiz in deren Schullaufbahn projizieren, bauen dann auch gerne noch so viel Druck auf, dass ihre Kinder nur scheitern können. Schüler in der Grundschule haben schon Angst vor der Schule, und in der Pubertät gehen sie einfach nicht mehr hin, oder sind ständig krank, oder einfach nur unglücklich. Durch dieses Abitur nach zwölf Jahren, wie es jetzt funktionieren soll, wird die Schulzeit immer stressiger und unglücklicher. Der Turm neigt sich weiter …

