
Einer flog übers grüne Schaf
März 10, 2008Ich schreib ja nicht nur drüber, ich mach ja auch selbst Kultur, und nun steh ich kurz vor der Derniere - nein, nicht „Die Niere”, Derniere bedeutet letzte Vorstellung, und meine Rechtschreibprüfung meint übrigens, es müsste „Derbniere” heißen … so viel zu Kulturverfall - von „Einer flog übers Kuckucksnest” nach dem Roman von Ken Kesey.Ich möchte jetzt hier nicht groß übers Theaterstück schreiben, oder über die Inszenierung - oder noch viel schlimmer, über das, was ich dabei spiele und abliefere. Viel interessanter finde ich die Frage, ob das Thema, ob eine Irrenanstalt in den 50er Jahren in Amerika uns heute noch etwas sagt. Da ist das unmenschliche Regime einer frustrierten Oberschwester, die letztendlich auch kein größeres Interesse am Erhalt von Menschenleben hat, die nur alle ihrer Ordnung anpassen will. In dieser Klinik herrschen unmenschliche, diktatorische Zustände. Was bringt uns das heute noch, solche Kliniken gibt es doch nicht mehr, oder?
Hoffentlich gibt es sie nicht mehr, ersetzt man allerdings die psychiatrische Klinik mit so manchem Altersheim in Deutschland, mag das gar nicht so weit weg sein - liebe Altenpfleger, versteht mich nicht falsch, viele machen großartige Arbeit, und ich finde diese Arbeit auch wirklich bewunderungswürdig, aber es gibt ja immer wieder richtig böse Geschichten. Viel interessanter sind aber die Mechanismen, mit denen Schwester Ratched ihre Häschen (oder waren es doch Schafe?) ruhig hält, wie sie dem Menschen das Denken verleidet, und noch viel mehr das Widersprechen. Sie unterstellt ihren Patienten Sachen, die so nicht stimmen, macht Angst, macht Angst, macht immer noch Angst. Angst macht gefügig … raten sie mal, warum die Amerikaner Bin Laden nicht fangen … Angst macht gefügig. Oder schon mal bei Tarifverhandlungen zugehört, oder wenn über Gesetze gesprochen wird, die der Wirtschaft nicht gefallen - „das kostet Arbeitsplätze!” - Angst macht gefügig.
Ich glaube, so lange es Theater und Film gibt, Quark, so lange es Kultur gibt, muss immer wieder darüber gesprochen werden, dass Angst uns gefügig macht, und immer wieder muss in genau diese Wunde der Finger gelegt werden. Kultur soll uns befreien, nicht auf ideologische Art wie bei Brecht, sondern einfach so, in dem sie uns unterhält.
Im Gegensatz zu manchem Stück Literatur, dass immer schneller veraltet, kann dieser Ken Kesey uns sehr viel sagen, auch wenn wir heute über seine Psychedelik grinsen müssen. Aber die kann man eh in Film und Theater nicht so einfach transportieren. Wichtiger ist der Kern der Geschichte, und es macht tierisch Spaß, diesem Kern zu dienen. Das grüne Schaf ist übrigens Canada, und Amerika ist Fernsehen … wie wahr.