Nun ist es geschafft, das Wochenende des Grauens – nein, ich übertreibe maßlos, aber der Name kam mir im Vorfeld irgendwann in den Sinn. Man muss sich das einfach mal vorstellen – da gibt es eine locker zweistündige Show, eine Revue mit allen möglichen Elementen, und die wird fast vollständig von Amateuren auf die Bühne gestellt – und in der Mitte stehen zwei kleine elfjährige Mädels, die sich die eine der beiden Hauptrollen teilen.
Ich bin Co-Regisseur der ganzen Angelegenheit und das bei 150 Mitwirkenden – und ich bin im speziellen für alle da, die viele Fragen haben, also alle jungen Darsteller, für die Chöre, die sich mit dem Theaterkram ja auch nicht so auskennen, für die Zusammenarbeit mit einer Zirkus-AG … irgendwie hat man nach dem ersten Tag schon das Gefühl, dass man kaum noch reden kann, dass der Kopf brummt, dass man sich manchmal sogar an einen anderen Ort wünscht. Aber andererseits fängt das eine oder andere auf einmal an zu funktionieren, plötzlich sieht man die kleinen Details – ja, es macht auch vieles einfach Spaß. Dass man nebenbei mit dem einen oder anderen plötzlich näherrückt, und natürlich auch da und dort mal von Leuten irgendwie enttäuscht wird – aber insgesamt sieht es wirklich gut aus, über größere Teile wird „Die Hexe und das Mädchen“ eine gelungene Show – vermutlich können wir sehr stolz auf das Endprodukt sein.
Bei anderen Sachen mag der Weg das Ziel sein, im Moment weiß ich, dass nur die Premiere das Ziel ist, nur das Endprodukt zählt.
Als ich gestern abend nach Hause kam, war irgendwie die Batterie total leer, aber langsam und nach dem ich meine Pokerbankroll einigermaßen ruiniert habe – das ist ja immer sehr entspannend – bin ich wieder fast im Lot. Allerdings waren meine niedlichen Grundschüler aus meiner Theater-AG heute ein bisschen erschrocken, da ich deutlich mehr Disziplin eingefordert habe, als ich das sonst mache … war wohl noch ein bisschen angekratzt.
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Quick – Die Hexe und das Mädchen – Vier Tage Workshop
Mai 25, 2009
Gegen Hosenrollen
März 29, 2009Nach einem WoW-Thema wieder mal ein klassisches Theaterthema, und zwar eines, dass im Bereich des Jugend- und Kindertheaters im besonderen, aber auch im ganz normalen Amateurtheater ein Problem ist: Hosenrollen! Der Begriff stammt aus der Opernwelt, in der es in einem gewissen Rahmen normal ist, dass man die Rollen sehr junger Männer – Pagen und so, keine wirklichen Männer – mit Frauen besetzt.
Im Theater ist das irgendwann dazu ausgeartet, so dass man einfach alles mit Frauen und Mädchen besetzt, was sich nicht wehren kann. Manchmal, speziell an professionellen Bühnen, wird das aus guten künstlerischen Gründen gemacht. Ist dann ja auch in Ordnung, auch wenn ich solche Gründe eher selten verstehe, schon gar nicht selber habe. Im Amateurtheater gibt es dann häufig Momente, in denen man einfach Rollen die Männlichkeit nehmen muss, weil man einfach mehr weibliche Darsteller hat, als männliche. Das kann ich auch verstehen. Was ich nicht verstehen kann, ist eine Rolle, die eindeutig als männlich bezeichnet wird, und dann von einer Frau gespielt wird. Das bringt nämlich immer ein Problem ins Theater, was man sich nicht erlauben kann, oder zumindest sollte. Es stört die Illusion. Spricht eine Darstellerin von sich selbst in einer männlichen Form, kommt sofort eine Künstlichkeit in die Szene, die einfach störend ist.
Macht man das in der anderen Richtung, dann nennt man das klassischerweise Travestie, und das ist ein immerwährender Komikbringer – okay, macht man heute nicht mehr so häufig, aber Charleys Tante war ja mal lustig …
Wenn nun aber Frauen Männer spielen, geht das oft nicht anders, ist den Ensembles geschuldet, in denen es ja immer mehr Frauen als Männer gibt – ich spreche hier von Amateurgruppen, von Kindern und Jugendlichen, immer noch mal angemerkt. Aber es hat immer den gleichen Effekt: es wirkt einfach künstlich und falsch – und was dann oft noch hinzu kommt, es wirkt billig. Wenn dann noch männlich wirkende Kostüme, gemalte Schnurrbärte und tiefer gedrückte Stimme dazu kommen, ist natürlich alles aus, da hilft kein gutes Schauspiel mehr, das ist dann einfach peinlich.
Am ehesten funktioniert es, wenn Rollen wirklich verweiblicht werden, in Jugendstücken ist das auch meistens kein Problem. Aber auch sonst, macht man hier mal aus einem Schaffner eine Schaffnerin, stört das nicht weiter, weil da ja dann der Beruf die Rolle ist. Mit Nebenrollen geht das also. Bei wichtigen Rollen spielt das Geschlecht oft eine Rolle, und wenn offenkundig Frauen – hey, ich bin männlich, ich bemerke weibliche Formen quasi in Sekundenbruchteilen – Männer spielen, fehlt dann entweder eine Komponente, oder es gibt eine zu viel, auf jeden Fall werden die Ideen, die hinter dem Stück stehen, schlicht nicht geachtet.
Natürlich erscheint da das Problem, dass Stücke ja fast immer sehr männerbeladen sind, dass man kaum mal was findet, wo nicht eine deutliche Mehrheit männlich sein muss. Nun, meine Lösung für dieses Problem ist üblicherweise, dass ich Stücke für meine Gruppen selbst schreibe. Zwischendurch habe ich aber auch mal Hamlet gemacht, und alle Rollen exakt im Geschlecht getauscht habe. Ob das wirklich eine gute Idee war, keine Ahnung, so richtig hat es damals nicht funktioniert, aber trotzdem finde ich die Herangehensweise besser, als unbeholfene Umsetzungen von mehr oder weniger klassischen Theaterstoffen, in denen wichtige eigentlich männliche Rollen weiblich besetzt werden.
Und dabei bin ich keineswegs antiemanzipatorisch drauf oder ähnliches, aber ich bin dem Theater verpflichtet, der Illusion und dem Publikum. Letztlich ist es doch auch ein diskriminierender Akt, Frauen nur dann wichtige Rollen zu geben, wenn sie Männer spielen. Dann soll doch lieber die Schreibkunst angestrengt werden und neue Stücke geschrieben. Hosenrollen sind eine Pest und sie lassen Stücke immer billig aussehen.

Maia im Fieber – Premiere
März 1, 2009Also: „Maia im Fieber“ ist ein Theaterstück, dass ich geschrieben habe und das am Freitag Premiere hatte. Sechs junge Damen und ein junger Herr haben ihr Bestes gegeben, das umzusetzen, was sich mein „krankes Hirn“ (Zitat vom Chef) so ausgedacht hat. Tja, und was soll ich sagen, bisher waren alle voll des Lobes … versteh ich gar nicht …
Ich hab wohl so literarisch gearbeitet, wie noch nie, also sehr viele Hinterbedeutungen eingebaut, viele Anspielungen, sogar Insider, die bisher nicht funktioniert haben, weil die Freunde, die diese Insider kennen, bisher noch keinen Grund gesehen haben, auch mal ins Theater zu kommen.
Dazu haben einige der jungen Herrschaften auch noch richtig gut gespielt, das Bühnenbild ist genauso effektvoll, wie ich mir das vorgestellt hab – „sehr effektiv“ meinte der Chef … wenn jetzt noch mehr als zwanzig Zuschauer pro Vorstellung kämen, könnte man direkt zufrieden sein.
Gestern wurde es dann noch schöner, weil eine zweite Vorstellung seltsamerweise mal besser war, als die Premiere, auch wenn hier und da ein bisschen gehetzt wurde – man, das Stück ist doch eh recht kurz. Und gestern war auch noch eine Schreiberin der Lokalzeitung da – juhuuuu, wir werden nicht ignoriert – was aber dem Stück nicht mehr helfen wird, weil wir ja nur noch heute Nachmittag spielen. Immerhin sind wir angefragt worden, ob wir das Stück auch vor Schülern spielen würden … wenn das technisch möglich ist, werden wir uns da dran machen, ist doch klar …
Schade ist wie immer nur, dass man ein Stück schreibt, ein halbes Jahr daran herumprobt, und nach einem Wochenende wieder alles vorbei ist … andererseits habe ich vor wenigen Wochen noch ganz anders gesprochen, da klang es eher nach: Gut, wenn das endlich vorbei ist. Aber so ist das mit Darstellern im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, die nehmen das immer erst in der letzten Woche ernst … schade eigentlich, man hätte noch eine Menge mehr rausholen können.

Derniere
November 17, 2008Ja, ich weiß, es heißt „Die Niere“, nein, ich habe keinen Rechtschreibfehler gemacht. Für alle, die den Jargon nicht so kennen, Derniere ist das Gegenteil von Premiere – also die letzte Vorstellung. Selbige war gestern, die Derniere – und sie ging ein bisschen, aber wohlgemerkt nur ein bisschen, im Trubel unter.
Schuld bin natürlich ich. Wer hat denn das Ensemble mit der Tradition von Dernierengags bekannt gemacht? Klar, ich! Und wer wusste vom bösartigsten Gag? Klar, ich! Und habe ich ihn verhindert? Nein, ich habe ihn erlaubt. Aber es war auch zu köstlich. Ich glaube es war das erste Mal, dass ich in meiner kleinen Rede zur Lage der letzten Vorstellung explizit erwähnte, dass Dernierengags nur dann erlaubt sind, wenn sie das Stück nicht behindern, wenn sie die Zuschauer nicht aus ihrer Illusion reißen – letztlich müssen die Zuschauer der letzten Vorstellung die gleiche Geschichte geboten bekommen, wie die Zuschauer der anderen Vorstellungen – sie haben ja das gleiche Geld bezahlt. Was der Hauptdarsteller nicht wusste, war, dass er das Opfer einer Verwechslung werden sollte. An einer bestimmten Stelle springt eine junge Dame auf und baggert ihn an – aber sie stand nicht auf. Stattdessen sprang im Publikum die Zwillingsschwester der Schauspielerin auf und rannte zu ihm – meine Hochachtung, dass er trotzdem sehr konsequent weitergespielt hat. Mit dieser Zwillingsschwester hatte ich vorher geprobt, damit das nicht peinlich wurde … was mir dann ein bisschen übel genommen wurde. Dafür rächte sich ebendieser Hauptdarsteller mit einem Spruch, bei dem ich einen Lachanfall bekam – was nicht schlimm war, schließlich sitze ich da hinter einer Glasscheibe in der Technikkabine – und unter den Schauspielern für Bissspuren, denn Bisse in den eigenen Arm sind oft das einzige Mittel, sich gegen das Lachen zu wehren.
Auch so gab es dann gegen Ende noch einige freie Improvisationen, bei denen allerdings wirklich nicht gegen das Stück verstoßen wurde, es wurde quasi nur getestet, wie ernst der Rest des Ensembles bleiben kann.
Der Sturz danach in die klassische Dernierendepression war für mich allerdings um so schlimmer. Auch das ist normal. Ein Stück ist vorbei, man fällt aus der Anspannung und dem Stress in ein riesiges schwarzes Loch. Da hilft es auch kaum, dass ich ja auch noch die nächsten Wochen genug Stress habe und in zwei Wochen die nächste Premiere habe – eigentlich keine Premiere, nur eine Wiederaufnahme – und auch die weiteren Projekte betrieben werden müssen – Dernierendepression ist normal – aber muss die denn immer so weh tun?

Von der Erschöpfung
Oktober 28, 2008Es gibt Tage, da verliert man, und dann gibt es noch Tage, da gewinnen die Anderen … blöder Sportlerspruch … Aber manchmal fühlt man sich eben genauso. Gestern zum Beispiel, gestern war so ein Tag, an dem jegliches Erfolgserlebnis gleich wieder eingestampft wurde. Morgens eine Besprechung, es geht um einen neuen Kurs, den wir im Musicalbereich auf die Beine stellen werden. Im Prinzip alles gut, aber ein Problem kommt da auf uns zu, nein, genauer auf mich. Wir haben uns für das nächste Jahr das Dschungelbuch vorgenommen, die Aufführungstermine liegen im September. Jetzt belagern mich die Kollegen von Musik und Tanz, doch bald mit den Proben loszulegen – ich stecke aber in zwei anderen Produktionen drin und hatte bisher noch nicht mal Zeit, mir das Stück so richtig anzueignen. Ja, der Druck steigt …
Dann musste ich für meine Premiere am Freitag den technischen Aufbau mitbewerkstelligen. Das Licht ist auch wirklich gut geworden, oder besser, exakt so scheußlich, wie wir es wollten, aber mit der Tontechnik funktioniert bei weitem nicht alles so, wie wir uns das vorgestellt haben … okay … immer dieser Schritt vor, der aber immer auch noch einen Schritt zurück, oder doch zumindest auf der Stelle, nach sich zieht.
Auch das Mittagessen wurde zur Arbeitsbesprechung, und hier ging es um Planungen, um Termine für ein Musikprogramm, dass ich plane, für ein neues Weihnachtsstück im nächsten Jahr … Da geht man hin und packt sich noch ein Gewicht auf den Rücken, und dann noch eins und dann noch eins …
Dass dann die normalen Kurse stattfinden, ist fast entspannend – aber ich war natürlich keinen Deut vorbereitet, und da hätte mir ein bisschen Vorbereitung auch wieder ein bisschen Druck herausgenommen – immerhin habe ich zwei gute neue Mädels bei meinen Kleinsten in der Gruppe, immerhin wächst auch die Gruppe der nächstgrößeren … aber dazwischen ist eine Pause, die ich im Copyshop verbringe, weil wir ja noch T-Shirts beflockt haben müssen – und wieder klappt die Technik nicht richtig … da muss ich gleich noch mal dran … supi … und dann war da noch das Programmheft, was ich noch basteln muss … und wann hol ich den ganzen Kram ab?
Dass ich in der letzten Pause dann keine Pause mache, sondern zwei der jungen Damen noch Mathe erkläre, passt doch irgendwie ins Schema. Und dann die Hauptprobe … nein, kein Desaster, aber: bei ein paar der kleineren Rollen kommt irgendwie das Gefühl auf, dass sie die Sache nicht ernstnehmen … und die haben durchaus die Macht, das Stück zu kippen … dann versuche ich gleichzeitig die nicht vollständige Technik zu fahren, kämpfe mit dem Tonmischpult, spreche eine Rolle herein, muss meine eigenen Texte noch machen, suche zwischendurch noch nach Sounds, muss soufflieren – und das in der Woche der Premiere, ich könnte mich gerade mal schwallartig über… lassen wir das … ich bin also völlig überfordert, werde aber garantiert für jeden Fehler unbarmherzig angeklagt … ist doch klar, ich bin der Chef, ich darf keine Fehler machen …
Und dann muss auch noch eine junge Dame, die ich prinzipiell sehr schätze und mag, darauf bestehen, dass sie die falsche Rolle hat, anstatt sich wie eine Schauspielerin zu benehmen und einfach konzentriert ihren Job zu machen – davon eine schwierige Rolle als Chance anzusehen, als Herausforderung, ganz zu schweigen. Und hinterher werden alle sagen: „Hey, die hat sich aber gemacht, so was habe ich von ihr ja noch nie gesehen, tolle Arbeit!“ und ich werde lächeln und verschweigen, dass ich manchmal kurz vor der Aufgabe war … vor ein paar Tagen hatte ich noch keine Angst um das Stück … momentan versuchen aber irgendwie alle, mir doch noch ein bisschen Angst einzujagen … aber ich bin standhaft und bekomme keine Angst … Verzweiflung und Depression liegen mir auch im Moment näher …
Ich frag mich dann, warum ich das mache … ich hoffe, ich kann diese Frage am Samstag wieder beantworten …

Fortschritte und Rückschläge
September 23, 2008Hm, wie hier das eine oder andere Mal schon bemerkbar geworden ist, mach ich Theater, und das gleich mit verschiedenen Gruppen, denen ich versuche, das Schauspielen näher zu bringen. Momentan bin ich an sage und schreibe fünf Produktionen beteiligt, an vier davon als verantwortlicher Regisseur. Montags ist mein Theatertag, heute ist Dienstag und damit kann ich mal kurz auf meinen gestrigen Tag Rückschau halten.
Der fing mit einer Besprechung zu „Die Hexe und das Mädchen“ an, der Großproduktion, bei der ich als Co-Regisseur mitwirke – das Casting vor ein paar Tagen gehörte auch hierzu … und die Besprechung war … na ja … nicht unbedingt erhellend, aber wir haben ja auch noch ein bisschen Zeit und andere hatten mehr Probleme, die besprochen werden mussten, als ich – meine kommen noch, garantiert …
Und dann kamen meine Kleinen, die jungen Darsteller zwischen zehn und dreizehn – und gleich eine Hiobsbotschaft – eine will aufhören, die ich schon für die Weihnachtsproduktion eingeplant habe … na toll … ich muss oft improvisieren, und es gab ja auch noch keine Proben für die Kinder … aber schön ist anders … dafür war ich überrascht, wie gut sich eine junge Dame integrierte, die aus einem anderen Kurs in diesen gewechselt ist, die blüht auf, wenn sie nicht mit Musik zu tun hat … auch interessant …
In der nächsten Gruppe gab es gleich zwei Überraschungen – ein Mädel kam nach über einem Jahr zurück und wird die Gruppe verstärken … coole Sache das … und es gab einen Jungen (!), der sich die Sache mal anschauen wollte, und auch noch offenbar ein bisschen Spaß dabei hatte … ich habe innerlich geweint vor Glück – wenn er wiederkommt, ist er wahrhaftig der zweite Kerl in dieser Gruppe … ja, das ist es, was meine Seele erfreut …
Und dann … tja, dann fehlten wieder zu viele in der Gruppe der mehr oder weniger Erwachsenen – ziemlich blöd dafür, dass wir relativ dicht vor einer Premiere stehen. Andererseits war der Hauptdarsteller früher zurück bei uns, als wir dachten, und ich konnte endlich die letzten Seiten präsentieren – was lange währt, wird endlich gut. Allerdings geht ein kleiner Clou, den ich in den Schluss eingebaut habe, nicht auf. Manchmal überfordere ich meine Schauspielerinnen offenbar … da gibt es nun eine Sache, die ich noch mal neu überdenken muss … kurz vor Schluss habe ich irgendwie eine Schauspielerin zu wenig. Wieder so eine Sache, die mich ein bisschen ratlos macht – manchmal denke ich, dass es kaum etwas kreativeres und interessanteres gibt, als diese Arbeit, und manchmal verfluche ich die vielen Entscheidungen, die man treffen muss, die vielen Kleinigkeiten, die einfach nicht vorhersehbar sind. Und ich frage mich, ob die Regisseure an Profibühnen die gleichen Probleme haben, sich mit den gleichen Sachen herumschlagen müssen.

Die Qual der Wahl
September 12, 2008Wer schon mal hier reingeschaut hat, wird vermutlich bemerkt haben, dass ich Theater mache. Manchmal mach ich auch recht viel Theater, werden manche einwenden, aber hier ist eigentlich nicht der richtige Platz für schlechte Kalauer, deswegen kehre ich zm Thema zurück.
In dieser Woche war es dann zum ersten Mal soweit, dass ich in der Jury eines kleinen Castings saß. Zumindest hatten wir gedacht, dass das Casting für eine Rolle in einer Großproduktion des nächsten Jahres eher klein geraten würde – mit zehn bis fünfzehn Bewerberinnen hatten wir gerechnet, es waren dann über vierzig junge Damen zwischen zehn und dreizehn Jahren.
Jeweils drei Juroren betrieben eine Vorauswahl, am Ende kamen die besten sechs Probandinnen in eine Endrunde und mussten vor zu diesem Zeitpunkt immerhin noch acht Juroren ihr bestes tun.
Ich habe schon häufiger vor schwierigen Entscheidungen gestanden, wie ich welche Rolle besetze. Das macht nie besonders viel Spaß, ist aber notwendig. Hier wurde es noch schwieriger. Aus zwölf, dreizehn Mädchen mussten wir die besten zwei in der Vorrunde heraussuchen. Und erst mal schien das einfach. Das erste Mädchen hatte Charme, war aber zu alt, das nächste war so übernervös, dass man es nicht in eine Hauptrolle besetzen möchte – wenn die schon bei so einem kleinen Casting so nervös ist … – das wiederum nächste Mädchn ist kein bisschen niedlich – ist aber eine Wucht, ein Rohdiamant, nichts für diese Rolle, aber bitte, geh nicht weg, ich kann dich anderen Produktionen brauchen …
Und dann plätschert es so dahin und plötzlich kommt es, das kleine freche Mädchen, dass wir brauchen. Viel zu schnell rattert sie eine gut geschriebene Passage aus einem Mädchen-Buch herunter, setzt jede Pointe richtig, die Jury lacht und kritzelt große Pluszeichen auf ihre Unterlagen. Das Mädchen hat Power, wirkt total sympathisch … toll!
Und es bleibt so gut. Die nächste, ein offenes Kind mit kecker Brille, hat vielleicht nicht ganz so viel Power, aber jede Menge Charme, und wieder werden Pluszeichen gemalt …
Da ist man ganz froh, wenn daraufhin ein bisschen weniger los ist. Wer hat eigentlich gesagt, dass man arg frühreife Texte eher unmelodisch singen soll, es geht um eine Sprechrolle?! Aber es gibt keine wirklichen Enttäuschungen, da ist keine bei, der man sagen will: Mädel, für dich ist die Bühne nichts! – allerdings merkt man in einigen Fällen, dass der Weg dahin lang sein wird.
Und dann kommt ein kleines, zartes, blondes Geschöpf, liest einen Text vor, und die Jury weiß, jetzt gibt es ein Problem. Die Kleine geht zu Herzen, hat viel Potential und … so ein Mist, jetzt haben wir drei Gute!!
Dabei bleibt es dann auch. Drei Mädels, von denen man sagen kann, ja, die wäre es, die aber auch … die folgenden Diskussionen sind hart, alle haben Bauchschmerzen, wir hoffen, dass bei den anderen Jurys weniger gute Mädels waren, aber Irrtum, die haben die gleichen Schwierigkeiten. Na toll, wir schicken nun also mindestens eine Handvoll Mädchen einfach weg, nur weil sie nicht der richtige Typ waren, nicht das letzte Quäntchen Power haben, nicht so richtig gut vorbereitet waren. Alle diese Mädchen sollten dringend auf die Bühne, nur halt in anderen Rollen …
Nun gut, letztlich fällt das zweite gute Mädchen raus, die Kleine von fast zum Schluss ist gesetzt, wir entscheiden uns für das lustigere Geschöpf – das ist alles so nah beieinander. Beide Mädchen haben es dann letztlich nicht geschafft, auch wenn die Kleine letztlich die Nummer drei war, das erste Mädchen, dass nicht berücksichtigt wurde, denn die beiden Gewinnerinnen teilen sich die Hauptrolle. Und da war natürlich die Typfrage fast das Wichtigste – die drei ersten sind alle erst zehn Jahre alt, klein, haben was niedliches. Alle sechs Mädchen, die am Ende da standen, hätten es spielen können, alle sechs waren begabt und werden hoffentlich ihren Weg auf den Brettern gehen. Die Entscheidung fiel demokratisch durch Punktvergabe – was wahrscheinlich für alle Juroren das einfachste war. Hier geht es wirklich um Entscheidungen, die ich nicht unbedingt noch mal treffen möchte. Man merkt ja auch, dass das den Kindern wirklich wichtig ist, dass sie sich über die nächste Runde wirklich freuen, und darüber, dabei zu sein … oder ist das schon im sozialen Gedächtnis, weil man ja aus dem Fernsehen weiß, wie man sich bei der Namensnennung verhalten muss …
Im Prinzip denke ich, dass die Aktion gut war, für das Stück schon ein bisschen die Werbetrommel rührt, uns hoffentlich auch ein paar begabte Mädels mehr in die Theatergruppen spült, aber genauso prinzipiell brauch ich das als Juror nicht mehr wieder …