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Einstellungen, Einstellungen

Oktober 15, 2009

Weil ich in letzter Zeit mehrfach darüber nachgedacht hab, was eigentlich der richtige Zugang, die richtige Einstellung zum Theater ist, ja sein muss, möchte ich hier mal wieder ein wenig meine Gedanken sammeln und sie zur Begutachtung frei geben.

Naja, als erstes muss ich mal festlegen, dass Theater ein Kunst ist, und wie alle Künste nicht von einem praktischen Sinn erfüllt. Genauso wenig, wie es wirklich einen Grund gibt, aus einem Stein eine Statue zu hauen, genauso wenig gibt es einen, eine Bühne zu betreten – außer für die wenigen, die damit ihr Geld verdienen können, aber wie viele sind das schon. Wenn es also eigentlich keinen Sinn dafür gibt – und wahrlich, man wird oft genug darauf hingewiesen, dass es keinen Sinn dafür gibt, zumindest in den Augen derer, die die Vernunft gepachtet haben und fragen, ob man denn nicht lieber was machen will, was ein bisschen sicherer ist … Danke, nein! – wenn es nun also keinen Sinn dafür gibt, dann muss man mal ein bisschen bohren, warum macht man das denn?

Man macht Kunst, weil es da eine Art Magie gibt – ja, ich weiß, wie esoterisch das klingt -, eine Verbindung zwischen Künstler und dem Empfänger dieser Kunst, die eine man in der Wirtschaft eine Win-Win-Situation nennt. Der Künstler gibt seine Energie, seine Phantasie, und durchaus auch sein Handwerk und seine harte Arbeit in die Kunst, und bekommt die süße Belohnung Applaus – und oft noch süßere Sachen, Tränen zum Beispiel, wenn er sie anrührt, echtes lautes Lachen ist auch toll, wenn man merkt, wie sehr die Zuschauer (ja, ich gehe jetzt natürlich vom Theater aus) am Geschehen auf der Bühne teilnehmen, wenn man sie wirklich erreicht, ist das besser als jeder, manchmal auch höfliche Applaus -, der Zuschauer, -hörer, der Leser oder Betrachter bekommt ebenfalls etwas, nämlich jede Menge Anregungen, Gefühle, Gedanken – „wer sich Carmen angeschaut hat, geht als Torrero aus der Oper!“ (keine Sorge, gilt nur für Männer) – ja, ganz besondere Stimmungen, die eben kaum anders als in der Kunst zu erreichen sind. Dafür bezahlt man üblicherweise auch gern seinen Eintritt, seine Tonträger oder gar das Bild, das man erwirbt – oder sollte man vielleicht sagen „bezahlte“, da hier das Internet in eine andere Richtung verweist? Wer weiß, wie lange es noch finanzierbar ist, Kunst zu machen, aber das ist ein anderes Thema.

Also sollte jeder, der gefühlsmäßig zu erreichen ist, verstanden haben, dass es genügend Gründe gibt, Kunst zu machen und das bisschen Magie zu erreichen, das wir in unserer Welt noch haben. Sind wir d’accor? (ich habe keine Ahnung, was der französische Ausdruck heißt und ob er richtig geschrieben ist, aber Insider werden jetzt hoffentlich ein bisschen lachen – dafür macht man das halt …)

Jetzt ist es ja so, dass ich diese Kunst, die man Schauspielen nennt, unterrichte – und man sagt mir nach, dass ich das zumeist auch mit rudimentärem Erfolg mache. Und dazu habe ich natürlich auch eine Einstellung – jaha, ich hab das Thema nicht vergessen, ich komme ihm auch immer näher. Ich möchte etwas erreichen mit meinem Unterricht – und eben nicht nur, dass ich mein Benzin bezahlen kann, auch wenn das ein netter Nebeneffekt ist (an dem Tag, an dem das nicht mehr Nebeneffekt ist, hör ich auf!) – ich möchte, dass meine Schüler ihr Handwerk erlernen, logisch, ich möchte, dass sie selbstbewusster werden, dass sie ein Gespür fürs Auftreten, für Sprache, fürs Publikum entwickeln, ja, ich bin vermessen genug, ich möchte, dass meine Schüler die Faszination, Kunst zu machen, verstehen und selbst fasziniert werden. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass ebendiese Schüler auch dann auf die Bühne gehören, wenn mir gerade nichts einzufallen mag, dass ich mich durch sehr frustrierende Momente durcharbeiten muss – zum Beispiel durch den Moment, in dem sie das, was sie machen sollen, gerade total doof finden – „hey, wir sind die Typen mit der Torte im Gesicht“, heißt es so schön in „Fame“, das trifft auf mich immer zweimal zu, denn mein erstes Publikum sind meine Schüler, das zweite das Publikum – keine Ahnung wem es zu verdanken ist, dass irgendwann eigentlich immer der Punkt kommt, an dem sie das dann doch wieder gut finden, irgendwie weiß ich es dann meistens ja doch irgendwie besser: Lehrerkrankheit.

Und es ist meine feste Überzeugung, dass ich sogar schon mit meinen Grundschülern einen künstlerischen Ansatz verfolge, kein Niedlichkeitsfanal, wie es so überaus üblich ist, kein Märchenkitsch – bei mir spielen Kinder Kinder, keine Fabelwesen, keine Tiere, einfach Kinder, die etwas erleben. Und dabei dürfen die Gefühle auch schon mal schwierig sein, nicht alle sind immer gut, schon lange nicht im Theater – und wie sollen aus Kindern und Jugendlichen denn begeisterte Theatergänger werden, wenn sie in simplen Kitsch gedrängt werden, wenn sie selbst auf der Bühne stehen?

So ist es fast logisch, welche Einstellung ich meinen Schülern mitgeben will, damit die auf der Bühne das beste hinbekommen: Man muss das eigene Ego schön zurück nehmen, mit allen anderen gut zusammen arbeiten, sich selbst nicht wichtig, die Kunst selbst aber umso wichtiger nehmen.

Ich hab keine wichtige Rolle bei einem Stück?

Egal, Hauptsache ich habe eine, und dann werde ich versuchen in dieser Rolle alles zu bringen, was ich kann, werde versuchen, etwas besonderes aus dieser Rolle zu machen, ohne andere an die Wand zu spielen. Nebenrollen, oder in der Übersetzung der Oscar-Kategorie, unterstützende Rollen sind absolut wichtig für jedes Stück – das kann sich so steigern, dass es manchmal ein einziger Satz Text ist, für den Schauspieler einen Sonderapplaus bekommen – dann haben sie was richtig gemacht.

Ich fühle mich übergangen?

Hm, blödes Gefühl, und der Tipp jetzt mal bei sich selbst zu schauen, warum das wohl so gekommen ist, ist immer schwer durchzuführen – aber so ist das nun mal in der Schauspielerei, gerade Schauspieler brauchen so viel Selbstbewusstsein im Wortsinne, sie müssen sich über ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein – und Rollenverteilung hängt oft an Typen, an Äußerlichkeiten – und manchmal glaubt so ein Regisseur einfach, er wüsste es besser, weil das nun mal sein Job ist und weil er die Verantwortung übernimmt, weil er etwas sieht, was man als Schauspieler noch nicht gesehen hat.

Ich langweile mich und ich find das blöd, was ich da machen muss!

Ja, Schauspielerei ist wie Krankenhaus, man wartet lange und es tut weh – nicht von mir, trotzdem richtig. Ich kenn solche Proben, man fährt – ist mir exakt so passiert, lockere fünfzig Kilometer, um zumindest eine zeitlang bei einem Probenworkshop dabei sein zu können, kommt quasi pünktlich zum Mittagessen, macht noch eine halbe Stunde Pause mit, probt dann den Teil der eigenen Rolle, den man schon kann und fährt dann wieder fünfzig Kilometer zurück im Wissen, dass dieses Benzin nicht nötig gewesen wäre – aber durchaus auch mit dem Gefühl, mehr vom Stück gesehen zu haben, sich besser auszukennen – nur die eigenen Sachen, ach ja, das darf man nicht so ernst nehmen, niemand kann nach der Anwesenheit von Amateurschauspielern planen, die sind eh nicht da, wenn man sie braucht. Da braucht man ein dickes Fell, auf beiden Seiten. Ach ja, ich find das auch manchmal blöd, was ich machen muss, in fact, ich muss mir manchmal sogar anhören, dass meine Schauspieler alles doof finden, was sie machen sollen, gehört leider auch zu meinem Job, boah find ich das doof – das Leben ist doch auch echt doof, oder?

Aber ich bin doch wichtig … oder?

Ja, bist du, wirklich, jeder Schauspieler ist sauwichtig, egal, ob er dreißig Seiten Text speichern muss, oder nen Baum spielt, jeder ist wichtig. Aber nie wichtiger als das Stück, nie wichtiger als das Publikum, denn jeder, der sich das anschauen will, der hat ein Recht darauf, dass du dein Bestes gibst, egal, ob er dein Freund ist, oder ob er sich nicht kennt, jeder hat ein Recht, dass du ihn anrührst, ihn begeisterst, denn das ist dein Job – und ich verspreche dir, machst du deinen Job gut, dann wird dir der Zuschauer alles an Anerkennung und sogar Liebe schenken, was er hat – und mehr kannst du nun mal nicht verlangen!

Nun, was ist denn, wenn meine Schüler das nicht wollen, nicht so viel Energie in die Sache stecken wollen, nicht so viel Engagement, nicht so viel von ihrer eigenen Persönlichkeit? Nun, Reisende, so heißt es, soll man nicht aufhalten, wer eine solche Einstellung nicht zustande bekommt, gehört auf keine Bühne, und auch wenn ich immer bereit bin, die kleinen Faulheiten, die kleinen Bequemlichkeiten zu entschuldigen, es sind ja nur Kinder und Jugendliche, man darf da nicht zu hart sein – ich bin der letzte, der das ist -, so ist es meine Pflicht immer wieder in diese Richtung zu schieben, das Theater muss nun mal wie jede Kunst ernst genommen werden, und wenn man diese Einstellung ablehnt, sich selbst wichtiger nimmt, so muss ich auch offen sagen, dass man noch viele andere Hobbys haben kann, es muss nicht Theater oder Musical sein – allerdings werden diese Leute wahrscheinlich auch beim Handball oder Aquarellkurs unangenehm auffallen, beim Erlernen eines Instrumentes sowieso, und eigentlich immer und überall.

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Premiere, Publikum, Premierenpublikum

November 2, 2008

So, eine Premiere liegt hinter mir … vorgestern, und, danke der Nachfrage, ja, es hat ganz gut funktioniert. Ich habe mein Hauptziel wohl erreicht, Zuschauer geschockt, erschreckt, aber auch zum Lachen und zum Nachdenken angeregt. Das tut ganz gut – immerhin muss ich auch selbst ein bisschen spielen und da bin ich ja immer extrem kritisch mit mir selbst, und da brauch ich immer alles, was aufbaut.

Aber dennoch muss mal über das Thema Publikum gesprochen werden. Ein Grundgesetz heißt für mich: Das Publikum ist der Zweck des Theaters, genauer gesagt, der Zweck der Kunst. Wenn keiner liest, was ich schreibe, wenn keiner sieht, was ich male, wenn keiner sieht und hört, was ich spiele, oder was ich inszeniert hab, dann hätte ich es ja auch lassen können. Dieses Grundgesetzt ist ein heftiger Streitpunkt. Viele Künstler meinen, sie wären nicht auf das Publikum angewiesen – ich vermute, das sind Künstler, die ein sicheres Auskommen haben und sich selbst für die Größten halten. Keine Demut vor dem Publikum zu haben, halte ich für falsch – das endet nämlich in Selbstbespiegelung und kultureller Onanie.

Andere Künstler gehen ins andere Extrem: Sie biedern sich an. Ekelhaft verkitschte Operetten, schlechte Comedy mit immer den gleichen billigen Witzen, weichgespülte Melodeien von Bohlens Dieter, die Liste ist noch ewig zu erweitern. Diese Menschen, die sich durchaus oft selbst Künstler nennen, und damit eine ziemliche Anmaßung begehen, denn über Kunsthandwerk geht das ja nie hinaus, tun nichts, was nicht schon ein besserer vor ihnen getan hätte, sie bedienen Seh- und Hörgewohnheiten und halten sich damit für die Retter des Abendlandes. Ekelhaft.

Meiner Meinung nach sollte man das Publikum immer hoch achten, und jeder Ausrutscher, der meinen Darstellern passiert, wird von mir hart gerügt. Beispiel: Vor ein paar Jahren allürte eine junge und noch nicht mal besonders begabte junge Dame vor sich hin, meinte, sie müsste sich nicht der vollen Schminkprozedur unterwerfen, da ja kein Publikum anwesend sei, dass zu ihr gehöre. In der nächsten Stunde unseres Kurses trennten sich unsere Wege, da ich wohl recht deutlich geworden bin … und man lässt sich natürlich nicht gerne vorwerfen, dass man die falsche Mentalität hat, dass man egoistisch, egozentrisch und arrogant sei – nein, ich hab ihr das nicht in den Worten gesagt, ich habe es so gesagt, dass sie es auch ganz sicher verstand.

Natürlich kommt Publikumsbeschimpfung trotzdem vor, schließlich ist das ein gutes Mittel, das Publikum an- und aufzuregen, und es ist ja immer mein Wunsch, dem Publikum Emotionen abzuringen. Ich achte das Publikum hoch, aber ich schleime nicht, ich schone es auch nicht. Ich brauch Reaktionen, und die will ich mit Einsatz vieler, wenn auch nicht aller Mittel erreichen. Leute drehen sich mit Ekel weg – sehr schön -, Leute verschlucken sich vor Lachen – mindestens genauso schön -, die Zuschauer sind richtig wütend über einen Darsteller – großartig -, Zuschauer verlassen den Saal mit Tränen der Trauer oder Rührung den Saal – einfach herrlich. Das ist aber nicht mit Kitsch zu erreichen, oder wenn, dann mit Edelkitsch – und ich mein, meine Wurzeln liegen beim Musical, ich steh natürlich auf Edelkitsch – aber brav sein, das gehört nicht zu meinen künstlerischen Mitteln, genauso wenig wie Provokation ohne Sinn und Verstand.

Aber wie ist mein Gefühl dem Publikum gegenüber? Manchmal liebe ich es. Wenn es reagiert, wenn es sich nicht beherrscht, wenn es mitspielt, wenn es mir an den Lippen hängt … und manchmal hasse ich es … wenn es sich nicht traut zu Lachen, wenn es verstehen will, wo es fühlen soll, wenn es nicht kommt, obwohl man doch so viel dafür getan hat, dass es kommt, wenn es Sachen beklatscht, die viel dümmer sind, als das, was man selbst macht … Manchmal ist das Publikum ein träges Tier, eines, das sich sperrt, eines, das nicht da ist, wenn man es braucht … und dann ist es wieder dein Freund, du liebst es, und es liebt dich zurück …

Ein besonderer Fall – warum eigentlich – ist das Premierenpublikum. Menschen von der Presse sind da und sorgen für Unruhe – ich kann das sagen, ich hab da jahrelang zugehört – Eltern und Verwandte, natürlich auch Kollegen, bilden den größten Teil der hoffentlich großen Masse – und diese Masse tut nichts. Bei Komödien lachen die Zuschauer frühestens bei dem siebten guten Gag – und bis dahin sind die Schauspieler schon lange völlig verzweifelt, der Regisseur schaut schon in die Stellenanzeigen – und bei den ernsten Stücken wissen sie ja, dass es ernst ist – und ernst heißt: Wir spielen Statuen. Es wäre komisch, wenn es nicht so traurig wäre: Das Premierenpublikum ist still wie ein Friedhof, klatscht dann aber oft am Schluss recht heftig und klopft auf viele Schultern, um jedem mitzuteilen, wie ausgezeichnet es ihm gefallen hat. Das Premierenpublikum ist ein seltsames Tier.

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Kunst, ich höre immer Kunst …

August 17, 2008

Sorry, aber was ist eigentlich Kunst? Ich mach ein bisschen in der Richtung und frage mich, was der eigentliche Kern der Kunst ist. Mein Kunstbegriff ist dabei weitgefasst: Die bildende Kunst gehört dazu, die Musik, die dramatische Kunst (also Theater, Film und manchmal sogar Fernsehen), die Schriftstellerei … (ich hab bestimmt was vergessen, sorry dafür …)

Gibt es eine Essenz? Gibt es etwas, was die eigentliche Triebfeder der Kunst ist? Hier ein paar Denkansätze und meine Meinung dazu:

 

Kunst ist Schönheit!

Klar, wenn ich in Mozartmelodien versinke oder stundenlang auf einen Van Gogh starre, weil er einfach so schön ist, dann weiß ich, das Kunst Schönheit ist. Wenn ich HR Gigers Werke sehe, oder auch einfachein paar Bilder von Dali, dann weiß ich, dass Kunst nicht so viel mit Schönheit am Hut hat, und dennoch ist es Kunst. Das gilt auch für die Musik und sogar für Mozart, denn Momente aus Don Giovanni oder dem Requiem sind sicherlich nicht „schön“, sie sind gewaltig oder traurig oder zutiefst berührend, aber nicht wirklich schön. Im Film gibt es wahre Schönheit, Kameraleute und Regisseure können manchmal wirklich zaubern, aber in manch großartigem Film gibt es auch sehr unschöne Bilder … nein, Kunst ist nicht Schönheit.

 

Kunst ist Ästhetik!

Okay, das trifft schon eher … auch wenn es ein bisschen Feigenblattcharakter hat, wenn wir sagen, na ja, es hat halt seine eigene Ästhetik. Das Wort ist ein bisschen schwammig, manchmal wird es synonym mit Schönheit verwendet, dann spricht man von Ästhetik, wenn man eine Atmosphäre meint, oder auch einen optischen Entwurf in der dramatischen Kunst … Ja, es hat viel mit Kunst tun, aber es ist nicht die Essenz …

 

Kunst ist Provokation!

Vor ein paar Jahrzehnten war das schon zu einem großen Teil der Kunstbegriff. Provokation, brechen von Tabus, ja, das gehört doch zur Kunst, oder? JA, definitiv ja, Provokation muss sein. Aber es macht die Kunst nicht aus. Einerseits kann man nicht alles, was nicht provokant ist (oder mal war), gleich aus der Kunst heraus genommen werden, andererseits ist Provokation um ihrer selbst willen noch lange keine Kunst. Stellt sich jemand in Köln auf die Domplatte, zieht die Hosen herunter und hinterlässt sein großes Geschäft, dann ist das nicht automatisch Kunst, sondern erst mal eher ekelhaft. Wann würde das Kunst? Wenn der Haufen besonders ästhetisch wäre – ähm, nein! Wenn eine Absicht dahinter steckt? Naja, vielleicht, insgesamt finde ich es eher bescheuert … aber das ist ja kein Grund, dass es keine Kunst ist …

Nein, die Provokation kann es nicht allein sein …

 

Kunst ist politisch! Kunst muss erziehen!

Na Herr Brecht, trifft diese Definition? Kunst kommt aus Aussagen, Kunst will die Augen öffnen. (Das Theater irgendwie was politisches hat, habe ich hier schon mal geschrieben …) Aber das kann doch nicht der Kern der Kunst sein. Eher im Gegenteil: sobald die Kunst etwas anklagt, mit welchem Mittel auch immer, sobald die Kunst auch etwas anpreist, da ist die Kunst schon keine Kunst mehr. Verkündung oder auch Verkündigung mit den Mitteln der Kunst ist immer nur Propaganda. Nicht, dass man mich falsch versteht, ohne Politik geht es nicht immer, und oft sind politische Aussagen auch wichtig, aber Politik darf nicht Zweck der Kunst sein, die Aussage muss immer dabei sein, aber nicht auf dem Plakat, nicht vor sich her getragen, sondern aus der Kunst geboren.

 

Kunst ist Kunst ist Kunst!

Ja, genau, Kunst entzieht sich allen Urteilen, der Kern von Kunst ist eben Kunst. Kunst braucht doch keinen Bezug, oder?

Doch! Kunst um ihrer selber willen, ist, wie die Luther-Bibel so schön sagt „tönendes Erz“ – nicht, dass ich dieses Wort genau verstehe, aber der Vergleich liegt nahe. In der Bibel heißt es, man kann predigen und glauben und sich meinetwegen auch noch selbst kasteien, hat man die Liebe nicht, dann funktioniert das alles nicht. Genauso geht es mir mit der Kunst, die keinen Bezug mehr hat. Free Jazz – Neutöner – „vertontes Zahnweh“ – *kicher* – wenn Kunst sich von allen Bezügen entfernt, durchgeistigt wird, sich nur noch auf sich selbst bezieht, dann fehlt der Kunst ihr Kern … was uns näher an ihn heranbringt … und was übrig bleibt ist tönendes Erz, eine hohle Gedankenblase, nur von denen zu verstehen, die diese Kunst betreiben, selbstbespiegelte kulturelle Onanie. Das gibt es nicht nur in der Musik. Solche Auswüchse gibt es gerne auch im Theater, und in der bildenden Kunst? Na, da gibt es so viele Blubberblasen, dass die Leute kräftig aus den Museen herausgejagt wurden.

 

Kunst ist fürs Publikum!

Und meine Sprach ist für’n A… lassen wir das … Ja, jetzt kommen wir noch ein bisschen näher. Kunst muss fürs Publikum gemacht werden, hier könnten wir dem Pudel etwas näher gekommen sein, hoffentlich ist es der Kern …

Kunst hat etwas damit zu tun, dass sie gesehen wird, gehört wird, erlesen und erfühlt. Aber, und das muss hier angeführt werden, wenn Kunst sich dem Publikum anbiedert, es dem Publikum absichtlich einfach macht, dann ist der Kunststatus aberkannt und wird durch Kitsch ersetzt. Aber wir sind der Sache nahe, wie wäre es mit:

 

Kunst ist Emotion!

Oder noch besser:

 

Kunst ist das Wecken von Emotion!

Ja, das ist es wohl. Kunst ist Kunst weil sie Emotionen in uns weckt. Kunst ist erst Kunst, wenn sie in ihren Zuschauern, Zuhörern, Lesern die Seele zum Schwingen bringt. Kunst darf schön sein, und hässlich, darf erschrecken und soll trösten, zum Lachen und zum Weinen bringen – nur wenn das eintritt, spreche ich von Kunst. Kunst darf nicht gleichgültig zurücklassen, sie muss sich immer an die wenden, die sie wahrnehmen (wollen und sollen). Missachtung des Publikums sollte hart bestraft werden, und sie wird es auch mit jedem leeren Haus, jedem Buch, das in den Regalen stehen bleibt, jedem Kunstwerk, das nur einem kleinen elitären Kreis gefällt. Kunst muss Emotionen erwecken, sonst ist es keine Kunst.

 

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Kunst ist Demokratur

April 27, 2008

Wie fang ich an … na ja, gestern Abend hatte ich mit einer kleinen Produktion Premiere, nichts wirklich weltbewegendes, aber eine kleine spaßige Theaterrevue, etwas zu Ausbildungszwecken geschriebenes. Diese Revue hat auch ganz gut funktioniert, aus einer sehr individualistischen Rotte hat sich so etwas wie eine Gruppe gebildet – ist ja alles gut.

Aber – war klar, dass da ein „aber“ kommen musste, oder? – aber es gab eine Szene, in der die jungen Damen – der eine junge Herr war da gerade angebunden und hatte mit dem Problem nichts zu tun – eine vorher geprobte Sache, einen Gag, nicht gemacht haben. Sie haben das auch gut begründet – „wir dachten, das funktioniert nicht“ – und damit für die heutige Ansprache – ein Regisseur muss im Amateurbereich vor jeder Vorstellung eine Rede halten – einen gehörigen Ansch… verdient.

Theater ist keine Demokratie, im Theater kann man nicht einfach Anweisungen und Absprachen ignorieren – gut, wo kann man das schon so – und sich für was besseres entscheiden, also, es war nicht besser, aber das kommt ja nur erschwerend hinzu. Theater ist auch keine Diktatur, zumindest kein gutes Theater. Das hat mehrere Gründe. Erstens muss auch der Egomane manchmal erkennen, dass er nicht der einzige ist, der gute Ideen hat. Es ist einfach so, dass man auch als Regisseur mit etwas Erfahrung und Können manchmal betriebsblind ist. Man verrennt sich in eine prinzipiell schöne, so aber nicht wirklich funktionierende Idee und braucht dann einfach mal den einen oder anderen Schauspieler, der sagt, dass man da Blödsinn macht und es so oder so viel einfacher geht. Wer dafür nicht dankbar sein kann, wer nicht erkennen kann, dass er nicht immer Recht hat, der muss einfach ein schlechter Regisseur sein. Ganz nebenbei, auch wenn wir im Lande des ursprünglichen Geniekultes leben – wenn wirklich alles exakt vom Regisseur vorgegeben wird, werden die Schauspieler wenig Freude und Leben in dieser Inszenierung haben. Und auf diese Dinge, die die Schauspieler einbringen müssen, ist der Regisseur immer angewiesen.

Zweitens kann eine spielfreudige Atmosphäre wirklich inspirierend sein, und Inspiration braucht man bei aller Transpiration in der Kunst eben auch. Und drittens hat man als Diktator immer ein richtig mieses Karma … (kicher)

Also ist Theater Demokratur, man kann über alles reden, aber einer muss das letzte Wort haben – und das ist dann üblicherweise der Regisseur, denn der hält ja auch am Ende seine Birne dafür hin. Wenn man also ein Problem mit einer Szene hat, etwas peinlich ist – das kann auch Profis passieren – oder sonst wie gar nicht passen mag, dann ist das absolut richtig, dass man als Schauspieler an den Regisseur herantritt, sein Unwohlsein kommuniziert, ja, auch mal meckert, aber dann einfach auf der Bühne etwas anderes machen als vorher in den Proben, das geht gar nicht – aber das muss man mit fünfzehn vermutlich erst noch gesagt bekommen.

Eigentlich hätte ich in die Überschrift auch „Theater ist Demokratur“ schreiben können, aber ich glaube, dass ich prinzipiell mit dieser Überschrift recht habe. In der Kunst muss es letztlich immer einen Verantwortlichen geben, das gilt nicht nur im Theater, sondern ganz sicher auch im Film, in der bildenden Kunst – zumindest da, wo mehrere beteiligt sind, ansonsten sei jedem die multiple Persönlichkeit gegönnt – und natürlich in der Musik – es gibt nur einer den Takt an, alles andere ist einfach nur Blödsinn …

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Zwischenruf: Öffentliches Sterben

April 22, 2008

Der Künstler Gregor Schneider – den ich, Kunstbanause, der ich bin, bis heute morgen nicht kannte – will jemanden in einem öffentlichen Raum, zum Beispiel in einem Museum sterben lassen. Also jemanden, der gerade dabei ist, auf natürliche Art und Weise diese Erde zu verlassen. Das habe ich heute morgen in unserer etwas konservativer Zeitung gelesen – und natürlich war gleich ein Kommentar dabei, der aufzeigte, wie geschmacklos das sei.

Nun lässt sich ja über Geschmack streiten. Allerdings hat Schneider vor, wie die gleiche Zeitung das ganz neutral berichtete, das Sterbezimmer ganz so einzurichten, wie der Sterbende das wolle. Außerdem soll es hell und freundlich sein, und es geht darum, das Sterben wieder aus den kalten Krankenhauszimmern herauszuholen, aus den Verstecken, aus der Anonymität.

Als mein Opa lange vor meiner Geburt starb, wurde er noch für Tage aufgebahrt, und das im eigenen Wohnzimmer. Als mein Vater starb, habe ich ihn nicht mehr gesehen – ich war dreizehn und wollte mich nicht konfrontieren lassen …

Schneiders Anliegen ist sinnvoll und gut, dennoch darf man das öffentliche Sterben hinterfragen. Und ob Kunst nicht da aufhört, wo die Wirklichkeit anfängt – auch das kann man hinterfragen. Aber ehrlich gesagt ist mir dieses öffentliche Sterben irgendwie näher und besser verständlich, als das öffentliche Sterben in den täglichen Nachrichten. Man sieht doch als Kind schon Bombeneinschläge und Unfälle, Anschläge und Hinrichtungen, das Fernsehen ist voll davon – und alles in echt – die künstlichen in Film und Serie kommen noch hinzu. Wäre es denn da nicht interessant, mal einen sanften und natürlichen Tod in der Öffentlichkeit zu zeigen? Nur so als Kontrastprogramm … die Kunst braucht die Freiheit dazu … ich würde vermutlich nicht zu einem solchen Happening des Gregor Schneider gehen, aber ich unterstütze ganz klar sein Recht darauf, solches zu tun.

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Kabarett ist Liebe

Februar 26, 2008

Ja, klingt komisch, ist es eigentlich auch. Der eigentliche Grund für die kranke Überschrift ist der Titel von Hagen Rethers Programm, das heißt nämlich „Liebe“. Davon gibt es inzwischen schon zwei Aufzeichnungen bei WortArt, die zweite ist hier (http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=8273) rezensiert, und das auch noch von mir …

Aber nur um eine sinnfreie Werbung für eine Rezension zu machen, schreibe ich den Blog ja nicht weiter … also philosophiere ich ja doch lieber über den Titel dieser Aussage: Kabarett ist Liebe … Jetzt kann man durchaus mit einem gewissen Recht meinen, dass Kabarettisten Geld verdienen wollen, die Inhalte und der Humor so zusammengebastelt werden, dass sie möglichst viele Zuschauer anziehen, es letztlich also nur um die möglichst große Provokation geht, oder um die politisch (un-)korrekteste Meinungsäußerung. Aber das würde bedingen, dass Kunst, und auch Kabarett ist ja eine, ohne Leidenschaft funktionieren kann. Und das ist etwas, was ich nicht glauben will, und was ich nicht glauben kann.

Ich denke, dass jede Hervorbringung, die man in irgendeiner Weise zur Kunst zählen kann, zwingend mit Leidenschaft, mit Aufbietung von Kraft verbunden ist. Wann immer das nicht gegeben ist, funktioniert Kunst nicht, wann immer nur auf Geld geschielt wird, wann immer das Herzblut versiegt, wann immer es die Liebe nicht hat, wird es eben zu tönendem Erz – im biblischen Zusammenhang habe ich das nie so richtig verstanden, in der Kunst passt das aber total, finde ich …

Beim Kabarett geht es gleich in mehreren Belangen um Liebe. Denn erstens muss der Kabarettist natürlich Liebe zu seinem Fach empfinden, Liebe zum Wort, zur Wortspielerei, zur gut gesetzten Pointe. Dann braucht er auch dringend Liebe zum Publikum, denn ohne die funktioniert gar keine Kunst. Kunst ohne Liebe zum Publikum ist Onanie.

Aber vor allem braucht der Kabarettist – wie jeder Satiriker – eine ordentliche Portion Liebe zur Welt im Allgemeinen. Warum? Na, weil er versucht, die Welt zu verbessern. Ist doch klar, er prangert Missstände an, weil er darauf aufmerksam machen will. Hagen Rether setzt das in den Gegensatz zur Kirche: „Aufklärung statt Verklärung“

So viel Liebe bringen nicht viele auf, und alle, die über Kabarettisten schimpfen, weil die unangenehme Wahrheiten verbreiten, sollen sich schämen – aber das tun sie ja schon, denn nur aus Scham, weil man ihnen den Spiegel vorzeigt, schimpfen sie ja.

Hm, eigentlich hatte ich ja mit Hagen Rether, dem Piano Man des Kabarett, diesen kleinen Artikel angefangen, und jetzt hatte der damit gar nicht so viel zu tun, oder? Na, doch, schon, denn der große Spötter aus Essen – „und dann fährst du nach Essen rein und denkst dir, boah, wenn so Essen aussieht, wie sieht dann Kotzen aus?“ – hat „Liebe“ nicht nur zum Titel seines Programms gemacht, er ist gerade die Verkörperung der oben gewünschten kabarettistischen Liebe.