Getaggte Beiträge ‘Kunst’

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Kunst ist Demokratur

April 27, 2008

Wie fang ich an … na ja, gestern Abend hatte ich mit einer kleinen Produktion Premiere, nichts wirklich weltbewegendes, aber eine kleine spaßige Theaterrevue, etwas zu Ausbildungszwecken geschriebenes. Diese Revue hat auch ganz gut funktioniert, aus einer sehr individualistischen Rotte hat sich so etwas wie eine Gruppe gebildet - ist ja alles gut.

Aber - war klar, dass da ein „aber” kommen musste, oder? - aber es gab eine Szene, in der die jungen Damen - der eine junge Herr war da gerade angebunden und hatte mit dem Problem nichts zu tun - eine vorher geprobte Sache, einen Gag, nicht gemacht haben. Sie haben das auch gut begründet - „wir dachten, das funktioniert nicht” - und damit für die heutige Ansprache - ein Regisseur muss im Amateurbereich vor jeder Vorstellung eine Rede halten - einen gehörigen Ansch… verdient.

Theater ist keine Demokratie, im Theater kann man nicht einfach Anweisungen und Absprachen ignorieren - gut, wo kann man das schon so - und sich für was besseres entscheiden, also, es war nicht besser, aber das kommt ja nur erschwerend hinzu. Theater ist auch keine Diktatur, zumindest kein gutes Theater. Das hat mehrere Gründe. Erstens muss auch der Egomane manchmal erkennen, dass er nicht der einzige ist, der gute Ideen hat. Es ist einfach so, dass man auch als Regisseur mit etwas Erfahrung und Können manchmal betriebsblind ist. Man verrennt sich in eine prinzipiell schöne, so aber nicht wirklich funktionierende Idee und braucht dann einfach mal den einen oder anderen Schauspieler, der sagt, dass man da Blödsinn macht und es so oder so viel einfacher geht. Wer dafür nicht dankbar sein kann, wer nicht erkennen kann, dass er nicht immer Recht hat, der muss einfach ein schlechter Regisseur sein. Ganz nebenbei, auch wenn wir im Lande des ursprünglichen Geniekultes leben - wenn wirklich alles exakt vom Regisseur vorgegeben wird, werden die Schauspieler wenig Freude und Leben in dieser Inszenierung haben. Und auf diese Dinge, die die Schauspieler einbringen müssen, ist der Regisseur immer angewiesen.

Zweitens kann eine spielfreudige Atmosphäre wirklich inspirierend sein, und Inspiration braucht man bei aller Transpiration in der Kunst eben auch. Und drittens hat man als Diktator immer ein richtig mieses Karma … (kicher)

Also ist Theater Demokratur, man kann über alles reden, aber einer muss das letzte Wort haben - und das ist dann üblicherweise der Regisseur, denn der hält ja auch am Ende seine Birne dafür hin. Wenn man also ein Problem mit einer Szene hat, etwas peinlich ist - das kann auch Profis passieren - oder sonst wie gar nicht passen mag, dann ist das absolut richtig, dass man als Schauspieler an den Regisseur herantritt, sein Unwohlsein kommuniziert, ja, auch mal meckert, aber dann einfach auf der Bühne etwas anderes machen als vorher in den Proben, das geht gar nicht - aber das muss man mit fünfzehn vermutlich erst noch gesagt bekommen.

Eigentlich hätte ich in die Überschrift auch „Theater ist Demokratur” schreiben können, aber ich glaube, dass ich prinzipiell mit dieser Überschrift recht habe. In der Kunst muss es letztlich immer einen Verantwortlichen geben, das gilt nicht nur im Theater, sondern ganz sicher auch im Film, in der bildenden Kunst - zumindest da, wo mehrere beteiligt sind, ansonsten sei jedem die multiple Persönlichkeit gegönnt - und natürlich in der Musik - es gibt nur einer den Takt an, alles andere ist einfach nur Blödsinn …

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Zwischenruf: Öffentliches Sterben

April 22, 2008

Der Künstler Gregor Schneider - den ich, Kunstbanause, der ich bin, bis heute morgen nicht kannte - will jemanden in einem öffentlichen Raum, zum Beispiel in einem Museum sterben lassen. Also jemanden, der gerade dabei ist, auf natürliche Art und Weise diese Erde zu verlassen. Das habe ich heute morgen in unserer etwas konservativer Zeitung gelesen - und natürlich war gleich ein Kommentar dabei, der aufzeigte, wie geschmacklos das sei.

Nun lässt sich ja über Geschmack streiten. Allerdings hat Schneider vor, wie die gleiche Zeitung das ganz neutral berichtete, das Sterbezimmer ganz so einzurichten, wie der Sterbende das wolle. Außerdem soll es hell und freundlich sein, und es geht darum, das Sterben wieder aus den kalten Krankenhauszimmern herauszuholen, aus den Verstecken, aus der Anonymität.

Als mein Opa lange vor meiner Geburt starb, wurde er noch für Tage aufgebahrt, und das im eigenen Wohnzimmer. Als mein Vater starb, habe ich ihn nicht mehr gesehen - ich war dreizehn und wollte mich nicht konfrontieren lassen …

Schneiders Anliegen ist sinnvoll und gut, dennoch darf man das öffentliche Sterben hinterfragen. Und ob Kunst nicht da aufhört, wo die Wirklichkeit anfängt - auch das kann man hinterfragen. Aber ehrlich gesagt ist mir dieses öffentliche Sterben irgendwie näher und besser verständlich, als das öffentliche Sterben in den täglichen Nachrichten. Man sieht doch als Kind schon Bombeneinschläge und Unfälle, Anschläge und Hinrichtungen, das Fernsehen ist voll davon - und alles in echt - die künstlichen in Film und Serie kommen noch hinzu. Wäre es denn da nicht interessant, mal einen sanften und natürlichen Tod in der Öffentlichkeit zu zeigen? Nur so als Kontrastprogramm … die Kunst braucht die Freiheit dazu … ich würde vermutlich nicht zu einem solchen Happening des Gregor Schneider gehen, aber ich unterstütze ganz klar sein Recht darauf, solches zu tun.

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Kabarett ist Liebe

Februar 26, 2008

Ja, klingt komisch, ist es eigentlich auch. Der eigentliche Grund für die kranke Überschrift ist der Titel von Hagen Rethers Programm, das heißt nämlich „Liebe”. Davon gibt es inzwischen schon zwei Aufzeichnungen bei WortArt, die zweite ist hier (http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=8273) rezensiert, und das auch noch von mir …

Aber nur um eine sinnfreie Werbung für eine Rezension zu machen, schreibe ich den Blog ja nicht weiter … also philosophiere ich ja doch lieber über den Titel dieser Aussage: Kabarett ist Liebe … Jetzt kann man durchaus mit einem gewissen Recht meinen, dass Kabarettisten Geld verdienen wollen, die Inhalte und der Humor so zusammengebastelt werden, dass sie möglichst viele Zuschauer anziehen, es letztlich also nur um die möglichst große Provokation geht, oder um die politisch (un-)korrekteste Meinungsäußerung. Aber das würde bedingen, dass Kunst, und auch Kabarett ist ja eine, ohne Leidenschaft funktionieren kann. Und das ist etwas, was ich nicht glauben will, und was ich nicht glauben kann.

Ich denke, dass jede Hervorbringung, die man in irgendeiner Weise zur Kunst zählen kann, zwingend mit Leidenschaft, mit Aufbietung von Kraft verbunden ist. Wann immer das nicht gegeben ist, funktioniert Kunst nicht, wann immer nur auf Geld geschielt wird, wann immer das Herzblut versiegt, wann immer es die Liebe nicht hat, wird es eben zu tönendem Erz - im biblischen Zusammenhang habe ich das nie so richtig verstanden, in der Kunst passt das aber total, finde ich …

Beim Kabarett geht es gleich in mehreren Belangen um Liebe. Denn erstens muss der Kabarettist natürlich Liebe zu seinem Fach empfinden, Liebe zum Wort, zur Wortspielerei, zur gut gesetzten Pointe. Dann braucht er auch dringend Liebe zum Publikum, denn ohne die funktioniert gar keine Kunst. Kunst ohne Liebe zum Publikum ist Onanie.

Aber vor allem braucht der Kabarettist - wie jeder Satiriker - eine ordentliche Portion Liebe zur Welt im Allgemeinen. Warum? Na, weil er versucht, die Welt zu verbessern. Ist doch klar, er prangert Missstände an, weil er darauf aufmerksam machen will. Hagen Rether setzt das in den Gegensatz zur Kirche: „Aufklärung statt Verklärung”

So viel Liebe bringen nicht viele auf, und alle, die über Kabarettisten schimpfen, weil die unangenehme Wahrheiten verbreiten, sollen sich schämen - aber das tun sie ja schon, denn nur aus Scham, weil man ihnen den Spiegel vorzeigt, schimpfen sie ja.

Hm, eigentlich hatte ich ja mit Hagen Rether, dem Piano Man des Kabarett, diesen kleinen Artikel angefangen, und jetzt hatte der damit gar nicht so viel zu tun, oder? Na, doch, schon, denn der große Spötter aus Essen - „und dann fährst du nach Essen rein und denkst dir, boah, wenn so Essen aussieht, wie sieht dann Kotzen aus?” - hat „Liebe” nicht nur zum Titel seines Programms gemacht, er ist gerade die Verkörperung der oben gewünschten kabarettistischen Liebe.