www.Hollarius.de

Blog / Homepage von Hollarius – Theatermacher und Pirat

Archive for the tag “Schule”

Piraten und Bildungspolitik

Jetzt bin ich ja schon einige Wochen Pirat und so langsam habe ich mich eingearbeitet. Unter anderem abonniere ich die Mailingliste der AG Bildung und habe mich auch sonst ein bisschen reingelesen. Die Bildungspolitik ist eine der wichtigen Säulen unsere Programmes, die AG wurde schon auf dem Gründungsparteitag gegründet – und alle, die immer noch glauben, die Piraten wären eine Ein-Themen-Partei, dann sollen sie sich mal den Programmteil durchlesen – ich denke, wie bei manchen Themen, kann man hier sehen, dass unser Programm immer dann, wenn es „fertig“ ist – die Anführungszeichen sagen, dass es ja nie fertig ist, diskutiert wird ja immer -, wirklich durchdacht ist, viel diskutiert und meistens auch wild umstritten.

Und es gibt viele Punkte im Programm, die ich gut finde. Ganz piratig ist natürlich die Forderung nach einer freien Zugänglichkeit der Bildung für alle – seit vielen Jahren, eigentlich schon immer haben bei uns die bessere Karten, deren Eltern Geld haben. Das ist nichts anderes als ein Versagen der Bildungspolitik. Zumindest ein Versagen der Schulpolitik aus der Sicht derer, die gleiche Chancen für alle fordern. Es gibt sicherlich auch genug Menschen, die das momentane Schulsystem für richtig halten, weil sie die Selektion gut finden, den Besitzstand wahren wollen. Aber das Grundgesetz sagt, dass wir alle die gleichen Chancen haben sollen – ach ja, dieses Grundgesetz, dass das auch immer stören muss.

Jetzt muss man sich natürlich viele Gedanken machen, wie man diesen Ansatz verwirklichen kann – und da sind wir erst mal nicht so weit von den anderen Parteien im, sagen wir links angehauchten Spektrum, verschieden. Keine Studiengebühren, freie Kindergärten – ja, jetzt kommt wieder der Einwand, wir hätten ja kein Geld, aber wir haben wirklich ein viel größeres Problem auf der Einnahmenseite als auf der Ausgabenseite, und wenn wir irgendwo zu wenig Geld ausgeben, dann im Bereich der Bildung.

Aber es gibt auch noch viele andere Fragen, die beantwortet werden, es muss Reformen geben, warum müssen Schüler Jahre ihres Lebens verplempern, wenn sie in ein bis zwei Fächern irgendwelche geforderten Leistungen nicht erbringen. Jedem Lehramtsstudenten im ersten Semester wird beigebracht, dass Kinder in unterschiedlichen Tempi lernen, warum wirkt sich diese schon lange gemachte Erkenntnis nicht auf die Schulen aus?

Oder wie ist das eigentlich mit der Demokratie? Auf der einen Seite wird da viel von gesprochen, auf der anderen Seite bestimmet der Direktor über sehr viel – und es gibt noch nicht mal ernsthafte Demokratie in den Lehrerkollegien, die Mitbestimmung der Schüler ist meistens allenfalls alibihaft, die Elternschaft hat vielleicht noch ein bisschen Einfluss, letztlich ist aber Demokratie weder bisher existent, noch wirklich gewollt. Aber wie will man denn Schüler zu Demokraten heranziehen, wenn man sie nicht vorlebt?

Das sind wichtige Punkte und wir müssen da auch wirklich weiterkommen, allerdings muss ich zugeben, bin ich auch nicht mit allem zufrieden, was die AG Bildung so schafft – vor allem, weil ich oft das Gefühl habe, dass auch in dieser AG die Basisdemokratie, die sonst so wichtig ist, eher kleingeschrieben wird. Viel zu schnell werden Diskussionen abgeblockt, durchaus nicht ohne eine gehörige Spur von Arroganz, und es ist auch immer wieder Dogmatismus zu spüren, eine Sache, gegen die ich auch schon vor meiner Piratwerdung ziemlich allergisch war.

Holen wir ein bisschen länger aus. Hier in NRW – und vermutlich nicht nur hier – krankt das Schulsystem an den Folgen diverser mehr oder weniger gut durchdachter Reformen. Schüler wurden über Jahrzehnte immer mal wieder gerne als Versuchskaninchen missbraucht, und heute ist das System uneinheitlich. Es gibt nebeneinander her das dreizügige Schulsystem mit einer langsam aber sicher versterbenden Hauptschule und daneben die Gesamtschulen, die alle Funktionen der anderen drei Schulformen eigentlich in eine packt. Und eigentlich funktionieren beide Systeme nicht wirklich. Die Gesamtschule ist zwar ein bisschen zu der Schule geworden, auf der auch Schüler, die nicht sozial besser gestellt sind, ein Abitur machen können, aber die heißt ja nicht umsonst so, also Gesamtschule – die ist eigentlich dafür konzipiert, dass da alle Schüler hingehen. Den Gymnasien wurde mit einer dilettantisch durchgeführte Verkürzung der Schulzeit richtig übel mitgespielt, die anderen Schulen bangen im Moment um ihre Existenz, wissen nicht, ob sie morgen nun Sekundarschulen, stadtteilschulen oder sonstwie heißen werden. Das Niveau sinkt seit Jahren rapide, das Zentralabitur hat zum Beispiel bei uns in der Region gezeigt, dass die Waldorfschule die besten Schnitte zustande bekommt. Die Situation ist verworren. Und woran liegt es?

Neben der chronischen Lehrerknappheit, die dazu führt, dass die Klassen absurde Größen haben, ist es vor allem das ständige Reinregieren, die ständigen ideologischen Grabenkämpfe, die um die Schulen geführt werden, die den Schulen selbst einfach die Luft zum Atmen nimmt. Es geht um Ideologien, um Dogmen – und das auf dem Rücken der Schüler. Achso, in den Hochschulen sieht es bekanntermaßen kaum anders aus, und Bologna  ist der Untergang des Abendlandes, ich denke, das ist so weit allen klar, wollte deswegen da gar nicht weiter drauf eingehen – mich interessiert die Schulpolitik auch einfach ein Stück weit mehr.

Apropos Reinregieren, ich habe ja ein wenig Einblick in den Schulalltag, arbeite mit Schulen zusammen, habe Praktika an Schulen gemacht, bin mit Lehrern befreundet – und ich weiß, wie viele Lehrer versuchen, das Beste aus den sich ständig wandelnden Verhältnissen zu machen. Aber ich weiß auch, dass die Kraft, die sie dafür brauchen, schlicht und einfach unnötig verschwendete Energie ist. Warum wird immer allen von oben vorgeschrieben, wie sie arbeiten sollen? Ich meine, sorry, aber da sind in jeder Schule akademisch ausgebildete Leute, oft mit einer riesigen Erfahrung, und da kommt irgendeine Regierung und erzählt ihnen, wie sie gefälligst zu arbeiten haben? Das macht die Schule ja zu einem unglaublich attraktiven Arbeitsplatz. Ganz nebenbei sind die Reformen von oben immer Sachen, die von manchen nicht verstanden, von anderen nicht akzeptiert und von fast allen nicht mit dem Herzen vertreten werden, das ist eine beschissene Grundlage für gutes Arbeiten.

Das Problem ist nun, dass wir als Piraten beginnen, die gleichen Fehler zu machen. Dogmatisch wird eine einzügige Schule gefordert, ein Kurssystem, Abschaffung von Noten ist im Moment groß in der Diskussion – alles keine dummen Sachen, aber warum zum Teufel sollte man so was den Schulen vorschreiben? Wir reden von Basisdemokratie, wir reden von pluralistischer Gesellschaft, und dann wollen wir den Schulen vorschreiben, wie sie sich zu demokratisieren haben? Wie sie Unterricht gestalten sollen? Wir wollen also mit genauso viel Dogmatismus und Ideologie an die Schulpolitik herangehen, wie die Etablierten, deren Fehler wunderbar kopieren? Manchmal hackt es echt.

Was wir tun sollten, ist etwas anderes. Wir sollten die Schulen befreien! Wir sollten bundesweit gleiche Rahmenbedingungen schaffen, die unsere Grundsätze von Gleichheit und Freiheit, von freiem Zugang und Basisdemokratie den Schulen zugänglich macht. Und wenn es in diesem Rahmen fünfzig verschiedene Schulformen gibt – Menschen sind einfallsreich, wir sollten das eigentlich wissen – dann gibt es halt fünfzig verschiedene Schulformen, die Kindern und Jugendlichen Bildung ermöglichen. Aber wir sollten NICHT in die Schulen reinregieren, wir sollten NICHT die heutigen Erkenntnisse in Marmor gießen und sie dogmatisch den Schulen aufoktroyieren – in spätestens zehn Jahren wird es neue Erkenntnisse geben und die nächsten Reformen werden wieder Schüler zu den Leidtragenden machen.

Ich glaube, das geht, in dem man alle offiziellen Prüfungen aus den Schulen herausholt, Lehrern die Benotung nimmt, den Benotungsdruck nimmt. In dem man externe Prüfungsbehörden installiert, die allerdings bitte deutlich intelligenter prüfen sollten, als das mit den heutigen zentralen Prüfungen und Zentralbituren geht. Erstens dürfen die eigenen Lehrer einfach nicht korrigieren, zweitens muss es auch möglich sein, Prüfungen anders abzulegen, als durch Klausuren, die immer mehr zu einer Reproduktion schnell auswendig gelernten Wissens wird – Stichwort Lernbulimie. Auch da hoffe ich auf Kreativität. Man muss Schüler ganzheitlich und nachhaltig bilden, oder besser noch, ihnen alle Hilfen geben, sich selbst ganzheitlich und nachhaltig zu bilden. Ich bin mir sicher, dass das möglich ist, und dass der größte Teil der momentanen Lehrerschaft nichts lieber angehen würde, als genau das. Wir sollten ihnen genau die Freiheit geben, die sie den Schülern geben sollen, die Möglichkeiten zur Demokratie, zur Kreativität, zu eigenen Wegen. Weg vom Dogmatismus!

Kultur und Schule – die Basisworkshops

Da ich ja in diesem Jahr zum ersten Mal ein „Kultur und Schule“-Projekt mache – in der Grundschule, in der ich schon seit anderthalb Jahren als Schauspiellehrer arbeite – musste ich die letzten beiden Tag nach Neuss ins Rheinische Landestheater, um dort das Grundsätzliche zu lernen, was man so über die Projekte wissen muss. Wenn ich ehrlich sein soll, ich hatte vorher ein unbehagliches Gefühl. Das einzige Mal, dass ich vorher mit irgendwelchen Institutionen zu tun hatte, die Theaterpädagogen ausbilden, war ich auf große Arroganz getroffen, hatte selbst dann sicherlich auch etwas arrogant reagiert – es war kein gutes Gespräch. (um es zu erklären: alles, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hatte, war völlig uninteressant für die Person gegenüber, das Curriculum, dass diese mir auf der anderen Seite verkündete, war für mich völlig uninteressant, weil ich das alles schon in der einen oder anderen Weise gemacht hatte)

Nun befürchtete ich zwei Sachen – erstens, dass man mir Sachen erzählen würde, die gegen meine tiefen Überzeugungen verstoßen (meine Leser haben hier ja schon einiges über meine Gedanken und Ideen zum Thema Theater und Theaterpädagogik lesen können), zweitens, dass ich als Autodidakt unter den gelernten Schauspielern und Theaterpädagogen mit ähnlicher Arroganz behandelt würde, wie damals. Und dann wurden diese beiden Tage zu zweien der besten, die ich seit langer Zeit hatte.

Da ich die beiden Seminare in der falschen Reihenfolge bestritt, war gestern erst mal Basisworkshop II dran. Mit einem recht simplen Trick schaffte es die eine Hälfte des Dozententeams uns sehr schnell mit dem größeren Teil der Gesellschaft sehr schnell in Kontakt zu bringen, und man war auch gleich im Fachsimpeln, erzählte mit dieser typischen Mischung aus Frust („… ich hab da diesen Jungen, der die ganze Zeit …“) und Lust („… und dann wacht die auf einmal auf, wird richtig selbstbewusst …“) aus dem Alltag der Theaterverrückten – und sehr schnell war man ziemlich warm mit dem größten Teil der Truppe. Thematisch ging es hauptsächlich darum, wie man mit Störungen umgeht – ganz sicher ein Thema, zu dem ich noch viel lernen kann – und ich brauche keinen Kommentar, der mich darin bestätigt – und da war es dann die andere Hälfte des Gespannes, die uns wirklich weiterhelfen konnte, uns einige Prinzipien an die Hand gab.

Aber neben einigen wirklich interessanten Gedanken waren es vor allem zwei Zeiten, an die ich mich von gestern noch einige Zeit erinnern werde. Das Mittagessen, bei dem so viel erzählt und geblödelt wurde, das man das Gefühl hatte, man wäre unter alten Freunden – so viel zu lachen hatte ich seit Wochen nicht mehr, und ich lache oft – aber dieses Mittagessen wurde noch getoppt. Zum Abschluss haben wir Spiele und Übungen aus unserem Unterrichtsalltag mit den Kollegen gespielt. Es gab dabei etwa drei eher ernste Theaterspiele und –übungen, der Rest führte extrem ausdauernd zu seeeehr guter Laune. Mörderspiele, Huddeliihuddelli, Schnickschnackschnuck-Evolution und jede Menge seltsamer Sachen mehr, die müde aber absolut glücklich machten. Und aus den angepeilten 45 wurden gut 90 Minuten wilder Spiele, jedem fiel noch etwas ein, so viel Energie habe ich selten gefühlt. Natürlich ist zu befürchten, dass diese Spiele mit den Schülern dann nicht so einfach und gut funktionieren – alle Beteiligten haben mit aller Kraft mitgemacht, haben sich sofort auch in die seltsamsten Ideen gefügt. Aber gut, wenn so eine Gesellschaft nicht locker und offen für alles ist, welche dann? (allerdings unterhielt ich mich heute Morgen mit den Dozenten und die meinten, so sei es absolut nicht jedes Mal, es wäre eine außergewöhnliche Einheit gewesen)

Und heute Morgen dachte ich dann, gut, gestern war wohl ein Glücksfall, die Dozenten meinten ja schon, dass es heute nicht ganz so lebendig zugehen würde – und als ich dann die Gruppe sah, hatte ich wirklich wieder so ein bisschen Angst, dass es kein so intensiver Tag werden würde – und dann wurde es kaum weniger spannend und intensiv. Natürlich musste einiges an bürokratischem Kram geklärt werden, das ist klar, und das war vielleicht nicht besonders spannend, aber nötig. Aber wir wurden eben auch wieder in die Position versetzt, die sonst unsere Schüler einnehmen und da wurde schon das eine oder andere Auge geöffnet – nebenbei waren wir so kreativ und selbstbewusst, dass wir ein wenig die Dozentin an die Grenzen ihrer Geduld brachten, hat schon auch Spaß gemacht. Aber wichtig war einfach zu sehen, wie viele Gefühle geweckt werden, was man in der Lehrsituation öfter vergisst.

Und dann ging es um ein paar Sachen, die ich einfach nur unterschreiben wollte: Schüler müssen wahr und ernst genommen werden, man muss sich für Menschen und ihre Gefühle interessieren. Man muss ehrlich in seinen Gefühlen sein – ja, alles richtig, Manche Sachen habe ich sehr ähnlich in meinen Überlegungen zur Theaterpädagogik hier im Blog sehr ähnlich geschrieben – yeah, hat mir das gut getan. Volle Bestätigung! Davon hätte ich gern noch mehr gehabt, also noch mehr Tage, noch mehr vertiefende Diskussionen, mehr von dieser Energie.

Bei Facebook wurde nun eine Gruppe gegründet, wo man mit den Kollegen in Kontakt bleiben kann. Und ich war gestern wirklich so euphorisiert, dass ich, der ich mich dem immer verweigert habe, nun bei Facebook angemeldet bin. Na, das sagt doch alles …


Flattr this

Sechs Jahre Grundschule

Tja, jetzt hatten wir in letzter Zeit zwei Plebiszite, und so, wie mich das Ergebnis des ersten erfreut hat, so hat mich das des zweiten geärgert. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum so viele Volksabstimmungen als eine großartige Sache anpreisen, die in Hamburg zeigt ja, dass man mit Panikmache gegen jedes sinnvolle Argument gewinnen kann – von Minarettverboten in der Schweiz ganz abgesehen – wer hat’s erfunden?

Aber eigentlich wollte ich mal kurz auf die Idee der Grundschule eingehen, die sechs Jahre dauern sollte, wenn man in Hamburg nicht lieber einen kräftigen Schritt nach hinten gegangen wäre. Die Grundschule, so, wie ich sie in meiner Arbeit als Theaterpädagoge erlebe, und da mein bester Freund auch noch ein engagierter Grundschullehrer ist, bekomme ich auch hier ein Bild, die Grundschule also ist ein Schonraum im Bildungssystem. Über Jahre arbeiten die Pädagogen hier daran, dass Schüler selbstständig lernen, dass sie Sozialkompetenzen erwerben, dass sie die Grundlagen bekommen, mit denen sie bald durchstarten können. Das Problem ist nur, dass die Kinder nach nur vier Jahren schon aus diesem Paradies in die Schulen geschickt werden, die eher mit der Hölle des guten alten Frontalunterrichts punkten wollen. Die Kinder, die die Grundschule verlassen, müssen viel zu früh Jugendliche werden, weil sie nun in die Welt der Jugendlichen, der Bravo und der schlechten Vampirfilme geraten – und je nach Schule gibt es auch noch viel schlimmere Verhältnisse, an die sich Kinder gewöhnen müssen, die dafür aber eigentlich mindestens zwei Jahre zu jung sind. Überall auf der Welt unterrichtet man die jungen Schüler anders und länger, nur im deutschen Sprachraum macht man so einen Quatsch.

Hier könnte man übrigens auch von der Walddorfschule lernen, die ihre Schüler die ersten sieben Jahre in festen Klassen mit einem Klassenlehrer und ohne das eh meistens sinnfreie Sitzenbleiben unterrichten, in diesen sieben Jahren werden die Kinder vielfach praktisch angeleitet, es wird ein Fundament gelegt, auch wenn das wissenschaftliche Arbeiten noch gar nicht so sehr vorangetrieben wird – die Schüler sind am Anfang der achten Klasse hinter dem Gymnasium zurück, haben aber ein so gutes Fundament, dass sie – ich seh das am Beispiel der örtlichen Walddorfschule in meinem Landkreis – im Abiturschnitt vor den Gymnasien liegen – von den Gesamtschulen reden wir lieber nicht, die sind in der Parallelexistenz mit dem dreigliedrigen Schulsystem eh nicht konkurrenzfähig, da sie eigentlich nur Schüler abbekommen, bei denen es nicht fürs Gymnasium reicht – eigentlich erstaunlich, dass trotzdem noch so viele Gesamtschüler Abitur machen. Ein ähnlich gutes Fundament könnten mit ein bisschen finanziellem Wohlwollen der Schulministerien auch die Grundschule bieten – nicht mit dreißig Schülern und mehr in den Klassen, wer das verantwortet, gehört wegen Veruntreuung der vorhandenen geistigen Potentiale der Schülerschaft aus dem Land gepeitscht. Mit einem solchen Fundament und einer sinnvollen Reform der weiterführenden Schulen wäre auch das Abitur nach zwölf Jahren problemlos möglich und nicht der Hauptgrund, weshalb ich als Nachhilfelehrer immer Überstunden schieben muss.

Leider wird die sechsjährige Grundschule auch bei uns in NRW und wahrscheinlich großflächig in der wüsten Schullandschaft Deutschlands eine Fata Morgana bleiben – sie wäre ein sinnvoller Schritt in Richtung einer besseren Schulsituation.


Flattr this

Idee: Ein neues, wettbewerbsorien-tiertes Schulsystem

Gestern, als ich mal wieder samstags Nachhilfe gegeben habe, meinte mein Schüler zu mir, dass er stundenlang seinem Lehrer zuhören könnte, nichts verstände, und ich es ihm innerhalb von zehn Minuten dann erkläre, und das dann funktioniert. Ich habe das schon das eine oder andere Mal gehört, und ich weiß, dass meine Kollegen das auch schon mal hören – ich bin durchaus selbstbewusst, aber vermutlich kein totaler Überflieger, ich kann Menschen was beibringen – ist ja auch nicht so schwierig. Also warum ist das so? Warum können wir Nachhilfelehrer Schüler Sachen beibringen, die ihre Lehrer nicht in sie hereinbekommen?

Irgendwann gestern, als ich darüber nachdachte, antwortete ich mir selbst: Ist doch klar, wir werden dafür bezahlt, es den Kindern beizubringen.

Erst habe ich gegrinst, dann habe ich darüber nachgedacht, und dann noch ein bisschen weiter: Es gibt eine Menge Gründe, warum Lehrer nicht wirklich bei ihren Schülern durchkommen, wir haben da gewisse Vorteile, denn wir können uns auf die einzelnen Schüler konzentrieren. Aber es gibt da trotzdem Gründe die mit dem Gedanken zusammenhängen. Der klassische Lehrer an der Schule wird aber eben nicht dafür bezahlt, seinen Schülern etwas beizubringen, genauer gesagt, nicht nur: Lehrer müssen neben ihrem Lehr- und Erziehungsjob auch noch Schüler bewerten, sortieren. Und das ist nur eines, völlig sinnlos.

Jetzt hab ich mir überlegt, ob man da nicht drauf verzichten könnte, die Bewertung quasi outsourcen: Wenn man einfach die Lehrer von ihren sinnlosen Sortierarbeiten entbinden würde, und dafür eine Prüfungsbehörde schaffen, bei der Schüler ihre Prüfungen ablegen. Und die Schulen werden für jede bestandene Prüfung bezahlt, also quasi dafür, dass sie ihren Schülern die besten Möglichkeiten für ihre Entwicklung bieten. Dafür sollte es zwei Arten von Prüfungen geben:

  1. Reifeprüfungen: Ich denke hier an die Überprüfung von grundlegenden Fertigkeiten, nicht von abfragbarem Wissen. Davon sollte es auch nicht sehr viele geben, in etwa alle drei Jahre sollten Kinder und Jugendliche geprüft werden. Da geht es um prinzipielle Kenntnisse, darum, ob Kinder einen einfachen Text lesen können, und ihn dabei auch verstehen, um Fertigkeiten, um Reifezeichen. Kann ein Kind mit zwölf verständlich einen Text vorlesen? Können Bilder beurteilt werden? Können bei der dritten Prüfung Statistiken gelesen werden, kann man sich in seinen Fremdsprachen in einer einfachen Unterhaltung behaupten? Dazu gehören dann auch die Abschlüsse, eine Art mittlere Reife, ein Abitur.
  2. Fachprüfungen: Hier geht es um Fachwissen, hier geht es um Spezialisierungen, Prüfungen in Naturwissenschaften und Fremdsprachen, aber natürlich auch in künstlerischen Bereichen oder Sport. Hier sind nur die jeweils ersten Stufen Pflicht, damit man zu den Reifeprüfungen zugelassen wird, aber weitere Ausbaustufen sind möglich und natürlich erstrebenswert.

Beide Arten von  Prüfungen sollten die einzigen Möglichkeiten sein, dass Schulen an Geld kommen, viel für die Reifeprüfungen und elementaren Fachprüfungen, weniger für die Ausbaustufen. Bei als in der einen oder anderen Weise behinderten Kindern, gibt es besondere Zuwendungen, weil die nun mal auch mehr Betreuung erfordern – so könnten integrative Klassen auch für „normale“ Schulen aus Wettbewerbsgründen sinnvoll sein.

Besonders erfolgreiche Schulen können dabei durchaus Gewinn erwirtschaften, aber auch andere Schulen sollten mit ihrem Geld auskommen, wenn sie denn gut arbeiten. Dabei sollte völlig egal sein, ob nun die Städte, irgendwelche Kirchen oder Vereine oder Betriebe die Trägerschaft der Schulen haben – vielleicht mit Einschränkungen bei religiösen Trägern, denn eigentlich sollten die wie Parteien keine Möglichkeit haben, Schulen zu führen … aber das führt gerade vom Thema weg.

Das nun geschilderte Prinzip würde natürlich sehr vieles verändern, hätte aber fast durchgehend nur Vorteile: Zum Beispiel würde die Motivation der Schüler größer sein – Ziele wären einfach viel durchsichtiger, auch pubertierenden Jugendlichen klarer, und vor allem würden die Lehrer ganz eindeutig auf der Seite der Schüler stehen – allerdings mit dem Nachteil, dass unfähige Lehrer nicht mehr über Noten Druck machen können – ohne eigene Autorität ist man da schon ein wenig aufgeschmissen. Aber wenn man näher an den Schülern ist, bekommt man deutlich mehr in ihre Köpfe – und wenn man nicht ans Sortieren denken muss, dann fallen da einfach viele Schranken weg.

Ja, Prüfungsangst könnte ein Problem werden, aber natürlich funktioniert das nur, wenn man Prüfungen unbeschränkt wiederholen kann. Und es darf ruhig egal sein, in welchem Alter man welche Prüfungen macht, was ist das Problem dabei, wenn jemand seine mittlere Reife erst mit 18 macht? Oder das Abitur schon mit 14? In einem flexiblen System ist das alles machbar, und es muss noch nicht mal zu Problemen führen – ach so, ja reformpädagogische Ansätze kämen vermutlich schnell in die Schulen … wird ja auch langsam Zeit.

Natürlich ist das nur ein Wunschtraum, denn so viel Wettbewerb werden die wettbewerbsgierigen Politiker der Regierung nie akzeptieren. Keine Kontrolle mehr über Schulen? Keine Bürokratie mehr außerhalb einer sicherlich durchaus bürokratischen Prüfungsbehörde? Klingt für normaldenkende Menschen vermutlich gut, für die großen Besitzstandswahrer unter den (schlechten) Lehrern – die guten müssten sich ja nicht fürchten -, unter Politikern und Kirchenfunktionären werden sich wahrscheinlich erschreckt abwenden … aber ich finde, man könnte da durchaus mal drüber nachdenken.

Quick – Bildung im Streik

Wenn ich heute in die Zeitung schaue und von den Studenten- und Schülerprotesten lese, dann werde ich ja fast wehmütig – in meiner eigenen Studentenzeit gab es Ende der Neunziger schon mal einen Studentenstreik und ich war mittendrin.
Und das Schlimme ist, es ist seitdem nichts besser geworden, eher im Gegenteil. Heute bin ich immer noch mit Bildung beschäftigt, und auch wenn ich als Nachhilfelehrer von den eklatanten Schwächen der Schulen lebe, stellt sich bei mir kein gutes Gefühl ein. Dass das G8 – zumindest so, wie es hier in NRW verwirklicht wird – ziemlich krank ist, schlecht geplant, schlecht durchgeführt – habe ich schon mal in diesem Blog beschrieben. Dass die Bachelor- und Master-Studiengänge die Uni auch nicht gerade bereichern, ist absolut nachvollziehbar. Wenn ich im Moment von Bekannten aus der Lehrerausbildung höre, graust es mir.
Die Bildung ist am Abgrund. Und die Politik schiebt immer noch ein Stückchen weiter. Es will keiner mehr Lehrer werden – weil die Arbeit unzumutbar ist, weil Klassenstärken über 24 Kindern schon nicht mehr gehen und meistens 30 unterrichtet werden müssen. Weil Elternhäuser nicht mehr erziehen, weil Schulen schlecht ausgestattet und teilweise abbruchreif sind. Weil Bürokratie bestimmt, weil immer mehr vorgeschrieben wird, weil Bildung kleingeschrieben und Funktionieren groß. Humanistische Bildung – nun machen sie sich aber mal nicht lächerlich!
Sechs Jahre Grundschule, ein einiges Schulsystem (hier in NRW gibt es nebeneinander Gesamtschule und Haupt/Real/Gym – und beide Systeme gehen gerade kaputt – mehr Lehrer in die Klassen, an jede Schule einen Psychologen, der Probleme anpackt – und bitte auch wieder wirklich fördern und fordern – denn das Niveau ist mit dem Zentralabitur keinen Deut gestiegen, eher ist das Gegenteil der Fall – das alles wären Beiträge zur Verbesserung. Lebenswichtige Fächer sind nicht nur Mathe und Englisch – Kunst und Musik sind es auch, und auch Sport – aber da wird immer weiter gekürzt.
Bildung ist unserer Gesellschaft nichts wert, zumindest dem Staat nicht. Viele Eltern geben viel Geld für Unterrichte aus – und die, die dieses Geld nicht haben? Die fallen runter, auf das die Schicht der ängstlichen Bildleser, Pocher-Fans und sonstigen ungebildeten Leichtregierbaren immer größer wird.
Wenn heute Studenten und Schüler Privatbanken besetzen und hier und da auch mal was kaputt machen, ist das sicherlich nicht die feine englische Art – aber wenn mit den Mitteln der Demokratie nichts mehr machbar ist, weil man in Parteien unter 30 nichts ist, und unter 40 immer noch die Deppenarbeiten machen darf, weil sich die wohlhabenden Politiker doch nicht für die einfache Schulpolitik interessieren, weil da einfach keiner die Augen aufmacht und sich lieber in wohlfeile Parolen vom Turbo-Abi flüchtet, und in Exellenz-Unis und so einen elitären Blödsinn – ja, es ist völlig in Ordnung, wenn es all das gibt, aber wichtig wäre erstmal was anderes.

Post Navigation

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.