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Archive for the tag “Theater”

Niemand wird in der Schule besser durch kein Theater

Ich bin einigermaßen frustriert. Ich inszeniere gerade Woyzeck, eine semiprofessionelle Produktion, und weil ich eigentlich ziemlich begeistert bin, was für Jugendliche ich gerade in der entsprechenden Gruppe habe, habe ich einige junge Menschen angefragt, ob sie nicht kleine Rollen übernehmen können. Weil es zehn Vorstellungen an vier Wochenenden sind, und weil ich weiß, dass alle in vielen Terminen gebunden sind, habe ich diese Rollen noch mal geteilt, lasse jeweils zwei die gleiche Rolle lernen, so kommt man dann einzeln nur auf fünf Aufführungen an zwei Wochenenden, die dann im Mai und Juni verteilt sind.
Nun haben mir inzwischen schon drei Jugendliche, beziehungsweise ihre Eltern abgesagt, eine frühzeitig, die anderen beiden in den letzten Tage, eine Woche bevor es probentechnisch spannend wird, und natürlich so kurzfristig, dass es ernsthaft schwierig wird, noch Ersatz zu finden. Wie bei vielen, kenne ich die Eltern alle auch persönlich, komme mit allen auch gut aus. Und so ist es natürlich umso frustrierender, wenn diese doch so netten und aufgeschlossenen Eltern ihren Sprösslingen die Teilnahme untersagen. Die Gründe: „Es wird zu viel! Zu viele Termine, die Schule leidet.“
Ich frag mich eigentlich immer, wenn Leute mit dem Theater aufhören und mir sagen, es ist zu viel, ich krieg das mit der Schule nicht mehr hin, was da falsch läuft. Es hat sich natürlich seit der Einführung von G8 an unseren Gymnasien stark verschärft. Und ich kann auch ein wenig verstehen, dass das ein Problem ist – das Gymnasium ist auf funktionieren gedrillt. Interessanterweise sagen Lehrer, Schüler und Eltern übereinstimmend, dass die Situation mit G8 nahezu unerträglich geworden ist, niemand nutzt dieses Wissen – es gibt Schulen, die einem das Abitur ermöglichen, und auch die Zeit, seinen Hobbies nachzugehen. Wie kommt man denn da auf die Idee, dass es das Gymnasium sein muss?
Jetzt mal ernsthaft. Wenn es irgendetwas bringen würde, dass die Jugendlichen eine solche Produktion nicht machen, ich hätte deutlich mehr Verständnis. Sie holen sich in einer solchen Produktion nicht nur neues Selbstvertrauen, spielen mit ein paar der besten Amateure und Semiprofis zusammen, die ich kenne, und die unsere Arbeit hervorgebracht hat. Werden auf eine Art mit Büchner konfrontiert, die kein Deutschleistungskurs bieten kann. Sie reifen auch als Persönlichkeiten, haben Spaß und spüren das Glück des Applauses – aber sie sind besser in der Schule, wenn sie das nicht machen? Wie sagt eine Freundin gerne: Wollt ihr mich flachsen?
Und selbst wenn es stimmte, wenn kurzfristig hier und da noch eine Note verbessert werden kann – sie werden merken, wie ihre Kollegen davon profitieren, sie werden spüren, was ihnen verloren geht. Es ist wirklich kaum zu verstehen. Wäre ich in der Situation gewesen, als ich 13 oder 14 war, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dabei zu sein. Weil die Gelegenheit einfach faszinierend gut ist, weil es nicht die Produktion mit der zugegeben guten Gruppe ist, sondern mit guten Erwachsenen, mit Leuten, von denen man unglaublich viel lernen kann – solche Möglichkeiten gibt es alle zwei bis drei Jahre mal. Für mich ist es jetzt die Frage, wie ich damit umgehe, ob ich in Zukunft solche Gelegenheit überhaupt noch ermögliche, ob ich mir die Blöße gebe, oder nicht einfach auf Sicherheit gehe, die Leute aus den jüngeren Gruppen einfach im eigenen Saft schmoren lasse – ich muss das ja nicht tun, es ist ja nur Zusatz. Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich laufe ich auch in Zukunft wieder ins offene Messer. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Monaten oder einem Jahr wieder hier sitzen und meinen Frust herunter bloggen. Immer dann, wenn die hochfliegenden Pläne durch das Denken an das kleine Heute gegen die eine oder andere Wand gehauen werden.

Idee: Schulkünstler

Ich gehöre zu den Künstlern, die in NRW für „Kultur und Schule“ zugelassen sind, die also in Schuln gehen, und dort ihre Projekte machen. Es gibt einige Kollegen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, es gibt Kollegen, die nicht ganz umsonst sagen, es ist zwar eine nette Sache, aber letztlich sind wir eine preiswerte Möglichkeit, wenigstens ein bisschen Kultur in die Schulen zu bringen, während die wichtigen Unterrichtsfächer Kunst, Musik, Literatur allenfalls rudimentär an den Schulen unterrichtet werden.
Was machen die Menschen, die als solche „Kultur und Schule“-Künstler arbeiten? Sie kreieren Projekte, suchen sich dafür an den Schulen die Gruppen zusammen und machen Kunst, Theater, Musik, Tanz, Literatur – den Sommernachtstraum an einer Berufsschule, Maskenbau und –theater, ein Buch mit Grundschülern selbst schreiben – die Möglichkeiten sind weit, so bunt und manchmal unglaublich, wie die Kultur selbst. Das Beste daran? Selbst die Künstler, die durchaus auch pädagogische Qualifikation mitbringen, sind gehalten,  als Künstler in die Schulen zu gehen, mit den Schülern so umzugehen, wie man das als Künstler so macht, man ist gehalten, echt zu sein. Man hat keine Noten, die einen bei der Arbeit stören, man hat keine langwierigen Ziele zu verfolgen, man macht Kunst.
Ich zum Beispiel mache Theater. Meine Grundschüler sehen im Moment dabei zu, wie ein Stück entsteht, improvisieren, damit ich Material habe, proben die ersten Szenen, die ich ihnen auf den Kopf geschrieben habe, und werden im Juni ein paar Aufführungen vor ihren Klassenkameraden und dem Rest der Schule, aber auch vor Eltern und der Öffentlichkeit spielen. Sie werden dabei auch noch ein bisschen mit Goethe konfrontiert, weil mein Stück den Zauberlehrling als Basis nimmt, aber das ist mir gar nicht mal so wichtig – vermutlich sah es im Antrag allerdings richtig gut aus.
Mit meinen Gymnasiasten mache ich Workshoparbeit, jede Probe dauert fünf Stunden, viele Samstage gehen ihnen dafür drauf. Und die Jugendlichen spielen Jugendliche vor siebzig Jahren, Edelweißpiraten, Mitglieder der Weißen Rose, halt jugendlichen Widerstand im Dritten Reich. Auch das sah im Antrag toll aus, ich fahr mit den jungen Herrschaften auch bald nach Köln, um zumindest in Bezug auf die Edelweißpiraten mal ein bisschen die Originalschauplätze zu sehen. Das klingt total pädagogisch, ist aber gar nicht so gemeint. Ich will ein Stück auf die Bühne bringen,  ich will Publikum anrühren, ihnen die Geschichten von jungen Menschen nahebringen, die zu den wenigen gehörten, die klar dachten, und die dafür zu einem gar nicht so geringen Teil mit dem Leben bezahlt haben.
Ja, klar, dabei lernen meine Schüler auch eine Menge über die Naziherrschaft, über deren verqueres Denken, und das man gefälligst was gegen solche Form der Menschenverachtung tun muss,  sich gegen jede Form der gedanklichen Unfreiheit wehren muss. Aber mir geht es um das Publikum, die Schauspieler kriegen das doch eh mit.
Und sie lernen eine Menge mehr. Einerseits ist jedes solche Projekt auch ein bisschen Praktikum, und das nicht nur weil man ganz praktisch an der Kunst arbeitet. Den meisten Künstlern geht die Idee ab, dass man sich in allem an den schwächsten orientieren muss. Dass man Kinder vor sich selbst schützen muss. Wir fordern, wir nehmen die Kinder so, wie sie sind, erwarten keine Wunder, aber wir bringen sie an Grenzen – denn Kunst muss immer auch eine Grenzerfahrung sein. Theater im speziellen heißt immer Teamwork, für einander einstehen, zusammen siegen, zusammen untergehen. Und Theater heißt Applaus, und Applaus heißt Selbstvertrauen. Theaterkinder sind stärker, sind selbstbewusst in der wörtlichen Bedeutung, sich selbst bewusst.
So, das reicht an Eigenlob. Natürlich haben andere Künste ähnliche individuelle Qualitäten, die sie fördern, und wer sich selbst ein wenig als Künstler gefühlt hat, wird anders durch die Welt gehen, reicher und stärker, und deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass wir da eine verdammt wichtige Arbeit machen. Und das gilt für alle Künste, wenn es manchmal so klingt, als ob ich nur das Theater loben wollte – nun ja, es ist mein Leben, ich kann nicht anders. (übrigens originär als Musiktheater, und ich könnte noch lange Absätze darüber schreiben, wie wichtig die Musik für Kinder und Jugendliche ist…)
Ich glaube, ein Projekt wie „Kultur und Schule“ ist ein guter Anfang, und man sollte den Ansatz ernsthaft weiterverfolgen. Warum nicht Künstler an Schulen anstellen, wohlgemerkt nicht als Kunst- oder Musiklehrer oder ähnliches, es geht ja um Kunst und nicht um Noten. Wenn man jeder Schule pro zwei Zügen eine halbe Stelle schaffen könnte, in der Künstler angestellt sind, ein kleines Budget für Material haben und sich darum kümmern, dass es Projekte gibt, in die man als Schüler problemlos kommen kann, dann wäre für Bildung an unseren Schulen eine Menge getan.
Um das noch ein bisschen weiter auszuführen. Sinnvoll wäre es, wenn man die Künstler auch unter den einzelnen Schulen ein bisschen austauscht, und lokal darauf achtet, dass verschiedene Kunstgattungen unterwegs sind. Vielleicht, aber da bin ich mir gar nicht sicher, wäre es sogar noch sinnvoll, nur halbe Stellen zu vergeben – damit die Künstler auch noch Zeit haben, ganz andere Sachen zu machen, die nichts mit Schulen, Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Solche Möglichkeiten sind für Künstler oft spannender, als eine feste, sichere Stelle. Abgesehen davon ist bei jedem festangestellten Künstler die Gefahr zu groß, dass er einrostet.
Lasst uns den Schulen Künstler geben, sie brauchen sie!

Warum ich Theater mache …

Durch die Mitgliedschaft bei den Piraten ist in meinem Blog ein bisschen zu kurz gekommen, was in meinem Leben noch ein bisschen wichtiger ist. Mein Leben, das Theater. (Und ich spreche hier absichtlich nicht von Beruf, ja, das Theater ist auch mein Beruf, aber auch viel mehr.)

Langsam bin ich alt genug für eine Midlifecrisis, ich sollte mir also langsam mal überlegen, warum ich das alles mache, und mich fragen, ob ich schon mal die Krise ausrufen soll. Ich mein, es gehört doch irgendwie dazu, wenn man auf die VIERZIG zugeht – nur noch drei Jahre … *schluck*

Als ich vor ein paar Jahren damit angefangen habe, mit Jugendlichen Theater zu machen, da war das neben dem Journalismus, da habe ich recht viel Nachhilfe gegeben, heute lebe ich fast vollständig davon, dass ich inszeniere, schreibe und Schauspielerei lehre. Ich habe das nie gelernt, also nie offiziell. Und wenn man mich heute nach meinem Beruf fragt, dann sage ich gern Theatermacher, und wenn es offiziell sein muss, dann Theaterpädagoge, weil es am Nächsten dran an dem, was ich mache, ist. Die Frage, ob man davon leben kann, beantworte ich mit einem wissenden Lächeln – nein, so richtig kann man das kaum.

Aber so richtig Theaterpädagoge bin ich nicht. Also so richtig Pädagoge. Natürlich habe ich ein bisschen was mitbekommen, als ich auf Lehramt studiert habe – das meiste allerdings nicht in Vorlesungen und Seminaren, sondern in den Praktika. Die theoretischen Erziehungswissenschaften waren mir immer ein bisschen suspekt. Neben Deutsch und Philosophie habe ich auch Mathematik studiert. Deren Klarheit war für mich immer der Inbegriff von Wissenschaft. Liest man erziehungswissenschaftliche Texte, dann ist es mit jeglicher Klarheit vorbei. Die Wissenschaft, die sich darum kümmern will, wie man anderen etwas beibringt, verbirgt sich ständig hinter pseudowissenschaftlichem Wortgeklingel. Das hat mir das Vorurteil eingepflanzt, dass Pädagogik keine Wissenschaft ist, sondern nur eine sein will – die Inhalte, die man hinter dem Wortgeklingel findet, sind nämlich allzu oft in sich recht einleuchtende Dinge, die man aber viel einfacher formulieren könnte.

Ich habe meine eigenen Gedanken zu vielen pädagogischen Themen, und die haben meistens damit zu tun, dass ich meine Schüler ernst nehmen will, egal ob sie fünf sind oder zwanzig. Dass es manchmal mit den Fünfjährigen einfacher ist als … ein guter Freund hat mir geraten, an dieser Stelle nicht weiterzuschreiben. Es ist so einfach, über Kinder und Jugendliche hinwegzugehen, ihre Anliegen zu relativieren, ihre Gefühle als Flausen zu bezeichnen – man ist ja als Erwachsener so viel reifer, hat alles schon gesehen, und natürlich weiß man, was für die jüngeren Menschen richtig ist: Alles Unsinn! Einen Scheiß weiß ich. Ich muss Kindern und Jugendlichen genauso zuhören, wie ich Freunden zuhöre, die mir ihre Probleme erzählen. Und ihre Probleme mögen für mich unerheblich klingen, sie sind aber deren Probleme, real und sauwichtig. Wer wäre ich, dass ich meine Probleme für wichtiger halten würde.

Viel zu viele „Pädagogen“ wollen Kindern und Jugendlichen das Leben einfacher machen. Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Fast im Gegenteil. Meine Stücke kommen seltenst mit so viel Niedlichkeit daher, dass man allein deswegen klatschen würde. Ich mach auch mit Grundschülern richtiges Theater – Komödien vielleicht, aber mit Hintersinn, mit allen Tricks, denen man sich auf der Bühne bedienen kann – ich brauche keine Ausstattung, keine Kostüme, mir reicht Fantasie. Und das ist schwerer zu spielen, als die Märchenstücke und kitschigen Klassiker, die man allzu oft im Kinder- und Jugendtheater sieht. Ich sehe auch die jüngsten Schauspieler als genau solche: als Schauspieler, nicht als Kinder, nicht als Jugendliche, nicht als Wesen, die ich vor dem Leben behüten muss – ich werfe sie rein! Ich lasse ihnen die Angst vor der Bühne, den Respekt vor dem Versprecher – und damit gebe ich ihnen die Freude beim Applaus, die einfach grenzenlos sein darf. Und was ich immer wieder sage:

„Leute, Applaus bekommt ihr auf alle Fälle. Niemand, der im Publikum sitzt, ist gegen euch. Alle werden höflich ihre Händchen zusammenpappen – aber das reicht nicht. Wenn alle es nur schön und nett finden, dann habt ihr noch nichts geschafft, dass sagen sie nämlich immer! Ich will nicht, dass sie ein bisschen klatschen, sie sollen sich die Hände wund klatschen, sie sollen überrascht sein, was ihr schafft, sie sollen berührt sein!“

Das ist das Wichtigste, Menschen berühren. Ich mag Tränen beim Publikum, ich mag sie vor Rührung und Trauer, aber auch vor Lachen. Ich bemühe mich gerne um beides. Die Voraussetzungen sind gegeben. Das Theater ist das Medium, in dem es so einfach ist, wie sonst kaum irgendwo. Nirgends ist man so nah bei der Kunst, nirgends ist sie so lebendig, so immer wieder neu. Mit meiner Kunst kann ich Menschen berühren, und nicht nur die im Publikum. Natürlich auch ganz besonders die, die auf der Bühne stehen.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ein paar Sachen glaube ich doch. Zum Beispiel, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Kinder mindestens einmal im Leben auf der Bühne gestanden hätten und stehen würden. Und dabei ist erst mal egal, ob mit dem Instrument, ob singend, ob spielend, ob tanzend. Sie dürfen auch gerne ihre Werke ausstellen oder vorlesen – Kunst ist ein Grundbedürfnis der Menschen, Applaus mach stark, Applaus macht groß. Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir alle ein bisschen größer wären?

Alles gute Gründe, die Arbeit zu machen, die ich mache. Gute Gründe dafür, auf Urlaube zu verzichten, auf das gute Gehalt und die sichere Zukunft. Ich mach Theater, weil ich damit glücklich bin, weil die Momente da sind, in denen Menschen mir sagen, wie sehr das Theater sie geprägt hat, mir einfach „Danke“ sagen. Ich mach Theater, weil ich nirgends mehr zu lachen habe, weil ich nirgends auf spannendere Menschen treffe. Ich mach Theater, weil es etwas Besonderes ist, ein magischer Ort. Ich mach Theater, weil da immer Vollmond ist … was für eine Nacht!

Piraten und Kultur – Der Versuch eines piratigen Kulturbegriffs

Hatte vor kurzem eine kleine Mumblesitzung mit anderen Kreativpiraten, die es durchaus gibt, auch wenn sie sicherlich nicht im Mittelpunkt der Piraten stehen. Dabei kam die Frage auf, ob die Piraten gegenwärtig einen eigenen Kulturbegriff haben.

Nun, wir sind eine Partei, unser Denken ist also politisch, und so muss der Begriff von Kultur auch politisch sein. Speziell muss er sich an unseren politischen Kernzielen orientieren. Zum Beispiel an unserer libertären Einstellung: Kunst und Kultur sind frei, eine Einmischung durch Staat, Religionen, Parteien und Wirtschaft ist auszuschließen. Ich hab das mal fett gedruckt, weil, ist wichtig – ganz im Gegensatz zu richtiger Grammatik. Vielleicht fällt ja noch jemandem etwas ein, was sich auch nicht einmischen darf?

Piraten glauben an Gleichheit, daran, dass niemand diskriminiert werden darf. Das muss für Kultur genauso gelten: Geschmäcker sind verschieden, aber aus politischer Sicht ist jede Kultur gleich viel wert. Kein Werk ist besser oder schlechter zu behandeln, weil es  subventioniert wurde, oder eben nicht, weil es eine spezielle Veröffentlichungsform einhält oder nicht, weil es gesellschaftliche Tabus bricht oder nicht, weil es von Amateuren oder Profis geschöpft wurde. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn eindeutig gegen die Verfassung gearbeitet wird.

Das bedeutet natürlich, dass Schranken im Kopf beseitigt werden müssen. Willkürliche Unterteilungen in E- und U-Kultur sind überholt und sollten unbedingt der Vergangenheit angehören, aus der sie überdauern.  Davon könnten übrigens auch Kulturjournalisten lernen, die diese Schranken in großer Zahl immer wieder flicken und ausbessern, aber das wirklich nur nebenbei.

Der Zugang zu Kultur sollte jedem möglich sein. Ja, das kann immer nur ein Ziel sein, so lange wir uns nicht in einer idealen Gesellschaftsform befinden, die ohne Geld auskommt. Ansonsten wird immer das Problem bestehen, dass Kultur Geld kostet. Kultur hat zwar einen Unkrautcharakter, sie ist kaum auszurotten, aber das darf nicht weiter ausgenutzt werden – in den letzten Jahrzehnten wurde die Kultur immer weiter heruntergespart, Gagen sind nur für die Stars in erträglicher Höhe, alle anderen leben am Existenzminimum, es wird schlicht und einfach ausgenutzt, dass Künstler ihre Arbeit tun, weil sie gar nicht anders können, weil sie in anderen Berufen unglücklich werden. Diese Ausbeutung muss aufhören. Auf der anderen Seite dürfen die finanziellen Zugangsschranken auch nicht zu weit erhöht werden – weshalb eine gewisse Kultursubvention wohl unausweichlich ist. Hier ist die Einschränkung, dass jede Kunst ihre Rezipienten für diese Kunstform begeistern muss. Können das gewisse Formen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt, werden sie von anderen Formen verdrängt werden. Das ist ein natürlicher Prozess, und der darf in einer Demokratie auch nicht durch übermäßige Subvention in eine bestimmte Richtung künstlich aufgehalten werden.

Der Zugang zur Kultur muss immer in aktiver und passiver Form gleichermaßen jedem möglich sein. Nein, nicht jeder ist ein Künstler, da gehört schon etwas zu, Leidenschaft und Liebe zum Beispiel, auch Talent oder Ausbildung sind nicht zu verachten. Die wichtigste Kulturförderung ist die Ermöglichung eigenen künstlerischen Ausdrucks. Wenn Städte, Kreise oder Schulen Kulturpädagogen der verschiedensten Richtungen einstellen würden, und ihnen Projekte ermöglichen, die möglichst viele Kinder und Jugendliche mit Kultur ganz praktisch in Kontakt bringen, dann könnte Kultur keine soziale Unterscheidung mehr sein. Subventionierte Kultureinrichtungen sollten auf jeden Fall einen Teil ihrer Subventionen für diese Form der Jugendarbeit reservieren. Gerne auch für eine Form der Sozial- und Altenarbeit, das muss ja nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt sein, auch wenn es da natürlich den größten Hebelpunkt hat.

Politik muss Kultur ermöglichen, darf ihr keine Barrikaden in den Weg legen! Ein bisschen weniger Bürokratie da, wo Kultur sich einen Weg bahnen will, das wäre noch ein schönes Ziel. Behörden, die Festivals ermöglichen wollen und es nicht möglichst unmöglich machen. Hier und da einfach ein bisschen mehr Service-Gedanken bei Behörden, ach ja, das wäre auch schön.

An dieser Stelle kommt nur noch eine Bitte um Diskussion. Dieser Artikel ist nur ein Anfang. Wir brauchen einen piratigen Kulturbegriff, wer sollte denn mehr Kultur mitbringen, als wir? Also freue ich mich über jede Diskussion!

Avantgarde und populäre Kunst

So, ein neues Jahr beginnt, und ich denke mal wieder nach, schließlich heißt mein Blog so. Also, es geht um Avantgarde und populäre Kunst – es gibt noch einen dritten Teil der Kultur, leider den oft erfolgreichen Bereich des schlechten Unterhaltungsmists, des schlechten Kitschs und der verdummenden Geistesleere, die sich glücklicherweise eigentlich auch nie Kunst schimpft, aber eben erfolgreicher ist, als es für die Zivilisation gut ist.

Schauen wir doch erst mal, was ich mit Avantgarde meine,  Begriffsklärung ist angesagt. Avantgarde ist der Teil der Kunst und Kultur, der sich dadurch legitimiert, dass er immer etwas Neues macht. Manche meinen, dass Avantgarde heute eigentlich gar nicht mehr machbar ist, weil seit irgendwann in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts alles schon ausprobiert wurde. In der Musik gab es Stille, und auf der anderen Seite Krach in so ziemlich jeglicher Variation. Im Theater wurde alles zerlegt, neu strukturiert, gar nichts strukturiert, alle Grenzen niedergerissen, alle möglichen Medien ins Spiel eingebaut, das Publikum beschimpft, Fäkalien und Sex vorgeführt – in den anderen Künsten sieht es größtenteils genauso aus, allenfalls im Film ist die Avantgarde immer recht brav geblieben, wahrscheinlich weil diese Kunst ja die jüngste ist. Und doch, immer wieder gibt es Künstler, die völlig neue Ideen entwickeln, immer weiter experimentieren, sicherlich oft im Dunkeln tappen und nur sehr selten große Kunst schaffen, aber immer wieder Momente erreichen, die wirklich neu sind, und nicht nur neu scheinen.

Die populäre Kunst, die ich der Avantgarde ein wenig gegenüberstellen möchte, hat viel mit Unterhaltung zu tun, denn natürlich ist die Avantgarde nur selten wirklich unterhaltend, und mehr eine Kunst für Künstler, als eine Kunst für alle Menschen. Die populäre Kunst muss einen bestimmten Schritt schaffen, den Schritt wirklich gut zu unterhalten und dabei einen großen künstlerischen Anspruch zu behalten. Viele, der  wirklich erfolgreichen Filme, Songs und was alles noch dazu gehört, schaffen diesen Schritt. Natürlich  sind erfolgreiche Regisseure wie Steven Spielberg und James Cameron nur selten wirkliche Neuerer des Films, aber sie verbinden große handwerkliche Fertigkeit mit einem klaren künstlerischen Anspruch – also meistens. Und auch Tänzer und Musiker schaffen es selten, Michael Jackson – kurzer Gedächtnisseufzer – seine künstlerische Qualität abzusprechen. Worauf will ich hinaus? Was ist denn jetzt populäre Kunst – ich wusste schon, bevor ich diesen Artikel angefangen habe, dass es nicht so einfach sein wird – eigentlich? Populäre Kunst verbindet den ganzen Werkzeugkasten der Kunst mit dem Anspruch, das Publikum auch intellektuell, aber vor allem emotional zu fordern. Sie muss den künstlerischen Anspruch haben, wichtige Themen immer wieder neu zu bearbeiten, und darf nie zum Selbstzweck verkommen, muss dem Rezipienten immer eine wichtige Stellung in der Kunst einräumen.

Beide Formen der Kunst und ihre vielen Mischformen haben eine große Wichtigkeit für die Gesamtkultur. Beide Seiten können sich wunderbar ergänzen und befruchten – letztlich sollte sich jeder Künstler zumindest als Rezipient hin und wieder der Avantgarde widmen, man darf ja nie aus den Augen verlieren, dass man auch immer Inspiration braucht. Letztlich werden viele Werkzeuge der Kunst nun mal in der Avantgarde entwickelt, Sachen, die vor dreißig Jahren noch neu waren, müssen heute zum ganz normalen Handwerk gehören, wer darauf verzichtet, macht sich arm, wer nur die Avantgarde der Vergangenheit nachahmt ist arm.

Aber es gibt auch eine Menge Probleme. Da wäre einerseits der Unterhaltungsmist. Der ist natürlich ein großes Problem. Ich denke, es ist nicht nötig, sich über die Qualität des Fernsehens auszulassen, darüber zu reden, dass auf einer Kompilation von Apres-Ski-Hits vermutlich keine Kunst zu finden ist, ich denke, es ist zu verstehen, worauf ich hinaus will. Die geistige Leere ist ein Problem, diese Formen der Kunstimitate sind deswegen ein Problem, weil sie die Menschen dumm halten, weil sie die Gehirne verkleben. Vermutlich wird kaum jemand, der diesen Blog liest, ja, der so weit in diesen Artikel vorgedrungen ist, für diesen ganzen Mist besonders anfällig sein. Andererseits finde ich es bedenklich, wenn auch gebildete Menschen die Biographie von Frau Katzenberger aufzählen können, man kann da nicht vorsichtig genug sein.

Aber auch in der Kunst gibt es Probleme, natürlich. Alle Unterteilungen in E- und U-Kunst sind ein Problem. Alle Verurteilungen populärer Kunst sind ein Problem, die vielen krampfhaften Versuche Avantgarde sein zu wollen, ohne dass man eine fundierte Basis hat, die gewollten Provokationen, die einfach keine künstlerische Grundlage mehr haben. Vielleicht, aber das ist eine wirklich haarige Sache und nicht so einfach im Vorübergehen zu beurteilen, ist hier und da auch die Übersubventionierung einiger Künste in Europa ein Problem. Vielfach wirkt es so, als ob Künstler ihre Honorare durch scheinbare Avantgarde rechtfertigen wollen, aber doch eigentlich nur die Avantgarde von früher nachhecheln.

Nein, jetzt bitte kein Fazit verlangen, aber wer eines hat, darf es gerne in die Kommentare schreiben. Ich würde mich selbst „natürlich“ der populären Kunst zuordnen, das ist, was ich erreichen will, daran lass ich mich messen.  Nein, ich habe immer noch keinen guten Schluss, muss so reichen.

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