Mit ‘Theater’ verschlagwortete Einträge

h1

Für ein populäres Theater!? – ein paar Gedanken …

November 22, 2009

Dankenswerterweise wurde mir dieser Artikel in die Hand gegeben: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=712&Itemid=84. Sehr lesenswert. Autor Stefan Keim bringt das Theater endlich mal auf eine intellektuelle Ebene mit den anderen dramatischen Künsten, mit dem Fernsehfilm, mit dem Kino. Jetzt könnte man natürlich sagen, er bringt es auf eine niedrigere Ebene, aber was heißt das eigentlich?

Keim spricht von dem Contergan-Fernsehfilm, und warum sich das Theater nicht einem solchen Thema auf eine ähnliche Art und Weise annähern kann, wie der Film – ja, niemand in den Feuilletons käme laut Keim darauf, ein solches Thema im Theater zu vermuten. Das Theater ist nicht mehr in der Mitte der Kultur, sondern nur noch eine Randerscheinung – eine relativ eindeutige Einordnung, wenn Keim sie auch nicht gerade schonungslos vorbringt. Natürlich hat er Recht, das Theater hat sich genauso von seinem Publikum entfernt, wie es die E-Musik getan hat, die Bildende Kunst und viele andere mehr. Und wenn Keim anklingen lässt, dass die Länder, in denen das Theater wenige bis keine Subventionen bekommen, ein spannenderes Theater machen, als das in Deutschland geschieht, dann stimmt auch das ohne Zweifel – unter dieser Prämisse könnte die schwarz-gelbe Regierungszeit eine unfreiwillige Qualitätssteigerung im Theater herbeiführen. Woran liegt das? Warum ist das Theater in Deutschland verkopft, und so weit außerhalb der Gesellschaft, wenn doch der einstige kleine Bruder Film immer noch und trotz weitläufigem weiteren Medienangebot die Nummer 1 ist? – Wenn auch mehr auf Bildschirmen als im Kino – aber auch Kinos gibt es ja und es geht ihnen trotz vieler Klagen ziemlich gut.

Dem Theater geht es ja eigentlich auch gut, schließlich leben da immer noch viele Menschen von, und es gibt ja auch immer wieder Sachen, zu denen die Zuschauer strömen – aber im Großen und Ganzen ist einfach der Kontakt vom Theater zur Wirklichkeit abgerissen. Und wenn Stefan Keim ein populäres Theater fordert, dann hat er recht, ganz einfach und schlicht recht. Es gibt so großartige Filmstoffe, die auch wunderbare Theaterstücke ergeben würden – aber die Bühnen erreichen meistens allenfalls die Musicals, die man aus den Filmen zimmert, auch schön, aber selten sehr ergiebig. Wo wird der „Club der toten Dichter“ auf die Bühne gebracht? Oder „Wie im Himmel“? – ups, das habe ich sogar auf einer Bühne gesehen, als Klassenspiel der hiesigen Waldorfschule, aber im Spielplan von Schauspielhäusern und Stadttheatern findet man so was nicht …

Und wie wunderbar kann man diese Stoffe mit den Mitteln des Theaters umsetzen, ihnen neue Dimensionen geben, die Zuschauer wahrhaftig an ihnen teilhaben lassen. Man könnte Menschen mit Umsetzungen großer Filme wahrhaftig beschenken – wie wäre es, vor Weihnachten „Ist das Leben nicht schön?“, geht es denn besser? – Richtig, „Besser geht es nicht“ wäre auch ein schöner Stoff … ich verfranse mich gerade … und wenn ich schon dabei bin – es muss nicht immer Hollywood sein, nein, wirklich nicht – wie wäre es mit „Kleine Haie“ oder „Barfuss“?

Natürlich geht es nicht nur um die Umsetzung von Filmstoffen, aber das wäre schon mal ein weites Feld – dazu kommt alles, was die Literatur hergibt und bitte, bitte auch neue, gut geschriebene Stücke – nicht von durchgeistigten Dramatikern, sondern von praktischen Geschichtenerzählern – und hier kommt natürlich Keims Kritikpunkt wieder hervor, dass man vom Schreiben von Theaterstücken nicht leben kann, wohl aber vom Schreiben von Drehbüchern fürs Fernsehen – da stimmt also was nicht.

Die Themen fürs Theater liegen auf der Straße, von Fritzl über Spendenaffären, von Castingopfern bis zu Amokläufern oder was auch immer eine Geschichte hergibt – denn genau hier krankt es doch dran, an den Geschichten. Aus dem Theater ist ein Ort für intellektuelles Gelaber geworden, wortreich, sinnleer, langweilig. Aber Theater muss Handlung, Gefühl und Wirklichkeit sein – das unmittelbare Erleben ist doch der große Vorteil des Theaters, warum wird der ständig verschenkt? Oder gegen billige Provokation getauscht?

Aber Stefan Keim hat nicht nur Recht. Er möchte die Genre-Stücke zurück ins Spiel bringen. Das zielt aber auch wieder recht kurz, denn Genres sind schön, haben aber oft zu enge Grenzen. Krimis und Psychothriller sind nette Labels, aber das deutsche Schubladendenken ist so allumfassend, dass die Gerne-Stücke beim Feuilleton eh durchfallen werden, dass man sich schämen wird, „so was“ im Theater anzuschauen, selbst wenn man dabei großen Spaß hatte. Genres sind für Kritiker praktisch, aber sonst nicht viel. Es geht um Geschichten, wenn die erzählt werden, dann sind doch die Genres egal.

Und irgendwie stellt Keim auch Verfremdungen der straighten Genre-Erzählweise gegenüber – auch das ist Unsinn. Das Theater hat sich einen reichen Werkzeugsatz erarbeitet, mit dem sie Geschichten anders erzählen kann, als das der Film macht, da sind ganz viele Verfremdungen bei und die sind auch wichtig. Wo könnte man die Realität so schön brechen, poetische Momente hinzufügen, Ironie nutzen, wie im Theater – aber man darf das eben nicht gegen die Geschichte, man muss die Geschichte damit unterstützen! Bei Tarantino sagt auch keiner, dass er keine Geschichten erzählen kann, nur weil er ein paar nette Verfremdungen in seine Filme einbaut.

Ja, es muss wieder an einem populären Theater gebastelt werden, aber mal ganz konkret gesprochen, nur gutes Theater kann populäres Theater sein, und gutes Theater erzählt mit allen Mitteln dieser großartigen Kunst gute Geschichten!

h1

Neue Studiobühne Siegen – „wir schlafen nicht“

November 20, 2009

Jetzt habe ich fünf Minuten lang überlegt, ob ich ein Wortspiel mit dem Titel des Theaterstücks von Kathrin Röggla bastel, aber irgendwie ist das eher kontraproduktiv. Nun ja, da hat sich eine neue Theatergruppe an der Uni Siegen gebildet und sich für „wir schlafen nicht“ entschieden. Ich hab mir das angeschaut, weil ein Schauspieler aus meinem Ensemble dabei war und nächste Woche noch ist, und, na ja, da muss man ja auch was zu sagen.

Ein weißer, seltsamerweise etwas unheimlicher menschengroßer Duracell-Hase eröffnet das Spiel. Zuschauer strömen herein, Neon leuchtet kalt und unangenehm ins Publikum. Und nun beginnen die Sprachkaskaden, immer drei Darsteller spielen eine Figur, was man anfangs erst erschließen muss, sie reden von Praktika, von Medien-Vergangenheit, von Menschen freisetzen und allem möglichen weiteren Wirtschaftsquark. Dabei mutieren sie nach der Pause zu Zombies, der Hase bringt die IT-ler um, es gibt also ein bisschen was zu sehen, und noch viel mehr zu hören …

Und es ist langweilig. Hey, es gibt gute Momente, und keine Frage, der Star meines Ensembles ist es auch in diesem – also hat sich für mich das Anschauen gelohnt – aber es ist einfach langweilig. Diese vielen Wiederholungen, diese unsinnige Wortkolonne ohne Gefühle, da passiert einfach nichts. Und sämtliche Bösartigkeiten, sämtliche Widersinnigkeiten der Wirtschaftselite bleiben Fakten, die man registriert, über die man nachdenken kann, die aber niemanden bewegt, die nichts wirklich klar stellt. Das ist einfach nur Geschwafel. Und der hoch erhobene Zeigefinger ist auch nur nervig – meine Güte, wie kann man so plakativ politisches Theater machen, das ist so aufgesetzt. Da fühlt sich niemand wirklich in die Typen ein, die nicht mehr schlafen, die Drogen nehmen, um wach zu bleiben, das hätte man doch auch spielen können – gut, es ist eine Amateurgruppe, man gibt sich studentisch intellektuell, aber da kann man doch was rausholen, gut, manche waren von Textmenge und –geschwindigkeit auch einfach überfordert, und so funktionierte das Spiel mit den drei Darstellern, die eine Rolle spielen auch nicht wirklich. Leute, Kunst ist nicht intellektuell sondern sinnlich. So wird das nichts. Nette Ansätze und ein gruseliger Plüschhase reichen einfach nicht für einen guten Theaterabend.

h1

68 – Ein Aufruf!

November 5, 2009

68, ein Jahr hat die Welt verändert, das Denken, die Moral, vielleicht hat es die Welt sogar mehr befreit, als das ursprünglich gewollt war. Für mich, der ich sechs Jahre später geboren wurde, ist 68 eine Legende. Ich bin mit diesem Jahr groß geworden, mit seiner Verteufelung, mit seiner Idealisierung.

Nun will ich gerne mehr wissen. Mehr über die Zeit und die Bewegung erfahren – natürlich geht es nicht nur um das Jahr selbst, sondern um die ganze Bewegung, die man mit dem Begriff 68 grob beschreibt. Viele der markanteren Daten sind bekannt, aber die sind nur in zweiter Linie interessant. Mir geht es nicht um die historische Berichterstattung, auch nicht um die historische Einordnung, mir geht es um die Geschichten dieser Zeit. Geschichten, Anekdoten, die Atmosphäre dieser Zeit will ich sammeln und daraus letztlich ein Theaterstück schreiben.

Deswegen möchte ich hier die aufrufen, die 68 erlebt haben, die mittendrin waren, die diese bunt gefärbten Jahre so richtig mitbekommen haben, mir ihre Geschichten zu erzählen oder aufzuschreiben. Egal ob Texte, Ton- oder Videoaufnahmen, alles, was erzählt wird, möchte ich gern haben und erfahren. Das können die Erinnerungen von heute an damals sein, das können aber auch Tagebucheinträge und ähnlich persönliche Texte aus der Zeit sein. Diskreter Umgang mit allen Daten ist natürlich garantiert – im Theaterstück werden alle Namen, die nicht zum Zeitgeschehen gehören, natürlich geändert.

Wenn es räumlich nicht allzu weit von mir entfernt ist, komm ich auch gerne auf ein Interview mit dem Diktiergerät vorbei.

Alle Materialien oder Anfragen bitte per E-Post an die folgende Adresse schicken: hollarius@gmx.de – persönliche Antwort ist garantiert.

Schon im Voraus vielen Dank, es grüßt der Hollarius

h1

Kritik

Oktober 27, 2009

Ich hasse Kritik, wie alle Regisseure hasse ich Kritik. Beschwert sich jemand, halte ich mir die Ohren zu. Hat jemand bessere Ideen als ich, dann bin ich demjenigen persönlich auf Monate hin sauer. Ich bin Regisseur, ich bin Chef …

So, einmal den Quatsch hingeschrieben, ich befürchte, solche Regisseure gab es mal, gibt es hier und da vielleicht noch, aber ich jetzt persönlich, bin nicht so. Ich finde Kritik richtig gut. Ich finde alles gut, was dem Stück hilft. Und wenn andere bessere Ideen haben als ich, dann setze ich diese Ideen um.

Aber eine Sache ist doof, wenn Kritik schwammig und unkonstruktiv kommt. „Finde ich nicht gut“, ist immer ein Totschlagargument, jedes „Nein“ ohne Begründung ist der Tod aller Kreativität – schon ein „Nein“ mit Begründung kann im falschen Moment furchtbar sein, aber ohne Begründung …

Das Problem ist natürlich auf der einen Seite, dass die unkonstruktive Kritik nicht weiterhilft, schlimm ist das, klar, aber noch viel schlimmer ist das Gefühl, das dabei rumkommt. Man hat ein Gefühl für sein Stück, vielleicht sogar ein kleines bisschen Euphorie, will mit Freude weitermachen, und dann schlägt diese Art von Kritik so richtig in die Magengrube. Denn die transportiert eine Sache: Negative Energie. Und die ist im Allgemeinen immer ein Problem – ich setze sie nur in einem Fall künstlich ein, wenn ein Ensemble zu euphorisch vor einer Vorstellung ist – dann nämlich braucht es ein bisschen negative Energie, um zurück zur Konzentration zu kommen. Im Probenprozess brauch ich negative Energie ungefähr so dringend wie einen Tritt in den Unterleib.

h1

Einstellungen, Einstellungen

Oktober 15, 2009

Weil ich in letzter Zeit mehrfach darüber nachgedacht hab, was eigentlich der richtige Zugang, die richtige Einstellung zum Theater ist, ja sein muss, möchte ich hier mal wieder ein wenig meine Gedanken sammeln und sie zur Begutachtung frei geben.

Naja, als erstes muss ich mal festlegen, dass Theater ein Kunst ist, und wie alle Künste nicht von einem praktischen Sinn erfüllt. Genauso wenig, wie es wirklich einen Grund gibt, aus einem Stein eine Statue zu hauen, genauso wenig gibt es einen, eine Bühne zu betreten – außer für die wenigen, die damit ihr Geld verdienen können, aber wie viele sind das schon. Wenn es also eigentlich keinen Sinn dafür gibt – und wahrlich, man wird oft genug darauf hingewiesen, dass es keinen Sinn dafür gibt, zumindest in den Augen derer, die die Vernunft gepachtet haben und fragen, ob man denn nicht lieber was machen will, was ein bisschen sicherer ist … Danke, nein! – wenn es nun also keinen Sinn dafür gibt, dann muss man mal ein bisschen bohren, warum macht man das denn?

Man macht Kunst, weil es da eine Art Magie gibt – ja, ich weiß, wie esoterisch das klingt -, eine Verbindung zwischen Künstler und dem Empfänger dieser Kunst, die eine man in der Wirtschaft eine Win-Win-Situation nennt. Der Künstler gibt seine Energie, seine Phantasie, und durchaus auch sein Handwerk und seine harte Arbeit in die Kunst, und bekommt die süße Belohnung Applaus – und oft noch süßere Sachen, Tränen zum Beispiel, wenn er sie anrührt, echtes lautes Lachen ist auch toll, wenn man merkt, wie sehr die Zuschauer (ja, ich gehe jetzt natürlich vom Theater aus) am Geschehen auf der Bühne teilnehmen, wenn man sie wirklich erreicht, ist das besser als jeder, manchmal auch höfliche Applaus -, der Zuschauer, -hörer, der Leser oder Betrachter bekommt ebenfalls etwas, nämlich jede Menge Anregungen, Gefühle, Gedanken – „wer sich Carmen angeschaut hat, geht als Torrero aus der Oper!“ (keine Sorge, gilt nur für Männer) – ja, ganz besondere Stimmungen, die eben kaum anders als in der Kunst zu erreichen sind. Dafür bezahlt man üblicherweise auch gern seinen Eintritt, seine Tonträger oder gar das Bild, das man erwirbt – oder sollte man vielleicht sagen „bezahlte“, da hier das Internet in eine andere Richtung verweist? Wer weiß, wie lange es noch finanzierbar ist, Kunst zu machen, aber das ist ein anderes Thema.

Also sollte jeder, der gefühlsmäßig zu erreichen ist, verstanden haben, dass es genügend Gründe gibt, Kunst zu machen und das bisschen Magie zu erreichen, das wir in unserer Welt noch haben. Sind wir d’accor? (ich habe keine Ahnung, was der französische Ausdruck heißt und ob er richtig geschrieben ist, aber Insider werden jetzt hoffentlich ein bisschen lachen – dafür macht man das halt …)

Jetzt ist es ja so, dass ich diese Kunst, die man Schauspielen nennt, unterrichte – und man sagt mir nach, dass ich das zumeist auch mit rudimentärem Erfolg mache. Und dazu habe ich natürlich auch eine Einstellung – jaha, ich hab das Thema nicht vergessen, ich komme ihm auch immer näher. Ich möchte etwas erreichen mit meinem Unterricht – und eben nicht nur, dass ich mein Benzin bezahlen kann, auch wenn das ein netter Nebeneffekt ist (an dem Tag, an dem das nicht mehr Nebeneffekt ist, hör ich auf!) – ich möchte, dass meine Schüler ihr Handwerk erlernen, logisch, ich möchte, dass sie selbstbewusster werden, dass sie ein Gespür fürs Auftreten, für Sprache, fürs Publikum entwickeln, ja, ich bin vermessen genug, ich möchte, dass meine Schüler die Faszination, Kunst zu machen, verstehen und selbst fasziniert werden. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass ebendiese Schüler auch dann auf die Bühne gehören, wenn mir gerade nichts einzufallen mag, dass ich mich durch sehr frustrierende Momente durcharbeiten muss – zum Beispiel durch den Moment, in dem sie das, was sie machen sollen, gerade total doof finden – „hey, wir sind die Typen mit der Torte im Gesicht“, heißt es so schön in „Fame“, das trifft auf mich immer zweimal zu, denn mein erstes Publikum sind meine Schüler, das zweite das Publikum – keine Ahnung wem es zu verdanken ist, dass irgendwann eigentlich immer der Punkt kommt, an dem sie das dann doch wieder gut finden, irgendwie weiß ich es dann meistens ja doch irgendwie besser: Lehrerkrankheit.

Und es ist meine feste Überzeugung, dass ich sogar schon mit meinen Grundschülern einen künstlerischen Ansatz verfolge, kein Niedlichkeitsfanal, wie es so überaus üblich ist, kein Märchenkitsch – bei mir spielen Kinder Kinder, keine Fabelwesen, keine Tiere, einfach Kinder, die etwas erleben. Und dabei dürfen die Gefühle auch schon mal schwierig sein, nicht alle sind immer gut, schon lange nicht im Theater – und wie sollen aus Kindern und Jugendlichen denn begeisterte Theatergänger werden, wenn sie in simplen Kitsch gedrängt werden, wenn sie selbst auf der Bühne stehen?

So ist es fast logisch, welche Einstellung ich meinen Schülern mitgeben will, damit die auf der Bühne das beste hinbekommen: Man muss das eigene Ego schön zurück nehmen, mit allen anderen gut zusammen arbeiten, sich selbst nicht wichtig, die Kunst selbst aber umso wichtiger nehmen.

Ich hab keine wichtige Rolle bei einem Stück?

Egal, Hauptsache ich habe eine, und dann werde ich versuchen in dieser Rolle alles zu bringen, was ich kann, werde versuchen, etwas besonderes aus dieser Rolle zu machen, ohne andere an die Wand zu spielen. Nebenrollen, oder in der Übersetzung der Oscar-Kategorie, unterstützende Rollen sind absolut wichtig für jedes Stück – das kann sich so steigern, dass es manchmal ein einziger Satz Text ist, für den Schauspieler einen Sonderapplaus bekommen – dann haben sie was richtig gemacht.

Ich fühle mich übergangen?

Hm, blödes Gefühl, und der Tipp jetzt mal bei sich selbst zu schauen, warum das wohl so gekommen ist, ist immer schwer durchzuführen – aber so ist das nun mal in der Schauspielerei, gerade Schauspieler brauchen so viel Selbstbewusstsein im Wortsinne, sie müssen sich über ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein – und Rollenverteilung hängt oft an Typen, an Äußerlichkeiten – und manchmal glaubt so ein Regisseur einfach, er wüsste es besser, weil das nun mal sein Job ist und weil er die Verantwortung übernimmt, weil er etwas sieht, was man als Schauspieler noch nicht gesehen hat.

Ich langweile mich und ich find das blöd, was ich da machen muss!

Ja, Schauspielerei ist wie Krankenhaus, man wartet lange und es tut weh – nicht von mir, trotzdem richtig. Ich kenn solche Proben, man fährt – ist mir exakt so passiert, lockere fünfzig Kilometer, um zumindest eine zeitlang bei einem Probenworkshop dabei sein zu können, kommt quasi pünktlich zum Mittagessen, macht noch eine halbe Stunde Pause mit, probt dann den Teil der eigenen Rolle, den man schon kann und fährt dann wieder fünfzig Kilometer zurück im Wissen, dass dieses Benzin nicht nötig gewesen wäre – aber durchaus auch mit dem Gefühl, mehr vom Stück gesehen zu haben, sich besser auszukennen – nur die eigenen Sachen, ach ja, das darf man nicht so ernst nehmen, niemand kann nach der Anwesenheit von Amateurschauspielern planen, die sind eh nicht da, wenn man sie braucht. Da braucht man ein dickes Fell, auf beiden Seiten. Ach ja, ich find das auch manchmal blöd, was ich machen muss, in fact, ich muss mir manchmal sogar anhören, dass meine Schauspieler alles doof finden, was sie machen sollen, gehört leider auch zu meinem Job, boah find ich das doof – das Leben ist doch auch echt doof, oder?

Aber ich bin doch wichtig … oder?

Ja, bist du, wirklich, jeder Schauspieler ist sauwichtig, egal, ob er dreißig Seiten Text speichern muss, oder nen Baum spielt, jeder ist wichtig. Aber nie wichtiger als das Stück, nie wichtiger als das Publikum, denn jeder, der sich das anschauen will, der hat ein Recht darauf, dass du dein Bestes gibst, egal, ob er dein Freund ist, oder ob er sich nicht kennt, jeder hat ein Recht, dass du ihn anrührst, ihn begeisterst, denn das ist dein Job – und ich verspreche dir, machst du deinen Job gut, dann wird dir der Zuschauer alles an Anerkennung und sogar Liebe schenken, was er hat – und mehr kannst du nun mal nicht verlangen!

Nun, was ist denn, wenn meine Schüler das nicht wollen, nicht so viel Energie in die Sache stecken wollen, nicht so viel Engagement, nicht so viel von ihrer eigenen Persönlichkeit? Nun, Reisende, so heißt es, soll man nicht aufhalten, wer eine solche Einstellung nicht zustande bekommt, gehört auf keine Bühne, und auch wenn ich immer bereit bin, die kleinen Faulheiten, die kleinen Bequemlichkeiten zu entschuldigen, es sind ja nur Kinder und Jugendliche, man darf da nicht zu hart sein – ich bin der letzte, der das ist -, so ist es meine Pflicht immer wieder in diese Richtung zu schieben, das Theater muss nun mal wie jede Kunst ernst genommen werden, und wenn man diese Einstellung ablehnt, sich selbst wichtiger nimmt, so muss ich auch offen sagen, dass man noch viele andere Hobbys haben kann, es muss nicht Theater oder Musical sein – allerdings werden diese Leute wahrscheinlich auch beim Handball oder Aquarellkurs unangenehm auffallen, beim Erlernen eines Instrumentes sowieso, und eigentlich immer und überall.

h1

Idee – Eine Bootsfahrt …

Oktober 11, 2009

Irgendwie habe ich gerade Lust, Ideen aufzuschreiben, einfach so – natürlich nur welche, die ich nicht selbst verwirklichen könnte, sonst würde ich die eher für mich behalten.
Nicht nur, weil ich in München durch die originale Röhre gelaufen bin, bin ich ein Fan des Films „Das Boot“ – sicherlich einer der besten Filme, die auf deutschem Boden gedreht wurden, ein Film der alles hat.
Meine Idee ist jetzt eine Theaterhalle, wahrscheinlich am besten in eine alte Werkshalle eingebaut, in der man „Das Boot“ als Theaterstück aufführt. Zwei Tribünen schmiegen sich an eine Röhre, die natürlich nur fragmental da sein darf. In der Röhre spielt fast das gesamte Stück – nur die Feier am Anfang und der Besuch in der deutschen Botschaft, der hier etwa in der Mitte sein sollte, spielen außerhalb, und zwar dann, wenn das Publikum vor dem Stück oder in der Pause im Foyer ist. Dort gibt es eine weitere Bühne, gerne auch quasi mitten im Publikum, wo diese Szenen spielen.
Über der Röhre, die natürlich auch ein Dach hat, auf das die Schauspieler gehen können, wenn das Boot aufgetaucht ist, gibt es eine riesige Leinwand, auf der Sachen gezeigt werden können, wie Schiffe, die man angreift, oder das, was man aus dem Sehrohr sieht – hier könnte man auf einige Minuten CGI zurückgreifen, wäre vermutlich recht spannend. Könnte man gar mit Wettereffekten arbeiten? – nun, das Publikum würde auch nass, aber reizvoll wäre es.
Und man dürfte natürlich nicht die Musik vergessen – bei allem Spaß, ohne die Doldinger-Musik wäre eine solche Verarbeitung des Bootes nur zwei Drittel so schön. Die Musik, neu abgemischt oder aufgenommen, sollte aus sehr vielen Lautsprechern die im Publikum verteilt sind, kommen, ein heftiges akustisches Erlebnis.
Naja, ein Theatererlebnis der besonderen Art wäre damit sicherlich zu erreichen. Allerdings wäre die Investition schon mächtig, so mächtig, dass sie heute wahrscheinlich niemand mehr für eine Bühnenshow machen will. Das funktioniert ja auch nicht mit Perfektion, wie es die Musicals schaffen, hier müssten sich jeden Abend Schauspieler die Seele aus dem Leib spielen, körperlich und seelisch anstrengende Vorstellungen über die Röhre bringen. Aber mal ehrlich, ich würde das verdammt gerne sehen …

h1

Aufgeschnappt und weitergeplärrt IV:

August 16, 2009

„Es ist die Aufgabe des Autors, das Stück interessant zu machen. Es ist die Aufgabe des Schauspielers, die Darstellung wahrhaftig zu machen.“
Aus „Richtig und Falsch“ von David Mamet

h1

Quick – Die Hexe und das Mädchen – Vier Tage Workshop

Mai 25, 2009

Nun ist es geschafft, das Wochenende des Grauens – nein, ich übertreibe maßlos, aber der Name kam mir im Vorfeld irgendwann in den Sinn. Man muss sich das einfach mal vorstellen – da gibt es eine locker zweistündige Show, eine Revue mit allen möglichen Elementen, und die wird fast vollständig von Amateuren auf die Bühne gestellt – und in der Mitte stehen zwei kleine elfjährige Mädels, die sich die eine der beiden Hauptrollen teilen.
Ich bin Co-Regisseur der ganzen Angelegenheit und das bei 150 Mitwirkenden – und ich bin im speziellen für alle da, die viele Fragen haben, also alle jungen Darsteller, für die Chöre, die sich mit dem Theaterkram ja auch nicht so auskennen, für die Zusammenarbeit mit einer Zirkus-AG … irgendwie hat man nach dem ersten Tag schon das Gefühl, dass man kaum noch reden kann, dass der Kopf brummt, dass man sich manchmal sogar an einen anderen Ort wünscht. Aber andererseits fängt das eine oder andere auf einmal an zu funktionieren, plötzlich sieht man die kleinen Details – ja, es macht auch vieles einfach Spaß. Dass man nebenbei mit dem einen oder anderen plötzlich näherrückt, und natürlich auch da und dort mal von Leuten irgendwie enttäuscht wird – aber insgesamt sieht es wirklich gut aus, über größere Teile wird „Die Hexe und das Mädchen“ eine gelungene Show – vermutlich können wir sehr stolz auf das Endprodukt sein.
Bei anderen Sachen mag der Weg das Ziel sein, im Moment weiß ich, dass nur die Premiere das Ziel ist, nur das Endprodukt zählt.
Als ich gestern abend nach Hause kam, war irgendwie die Batterie total leer, aber langsam und nach dem ich meine Pokerbankroll einigermaßen ruiniert habe – das ist ja immer sehr entspannend – bin ich wieder fast im Lot. Allerdings waren meine niedlichen Grundschüler aus meiner Theater-AG heute ein bisschen erschrocken, da ich deutlich mehr Disziplin eingefordert habe, als ich das sonst mache … war wohl noch ein bisschen angekratzt.

h1

Quick – Opernstreit in Köln

April 22, 2009

Ha, es gibt im hochheiligen Köln einen kleinen Skandal um die Oper, genauer um die baldige Premiere von Samson et Dalila. Zwei Solisten und ungefähr zwanzig SängerInnen des Opernchores haben sich krank gemeldet. Ganz doll krank gemeldet mit Attest und so. Regisseur Tilman Knabe, auf dessen Engagement die Kölner Operdirektion laut Homepage sehr stolz ist, verlegt den Streit des Volkes Israel mit den Philistern in den heutigen Gazastreifen, kombiniert das, wie man so hört, miit Erschießungen und Massenvergewaltigungen. Nein, die werden natürlich nicht vom Opernchor gespielt, sondern von Schauspielern, die hier natürlich nur Statisten sind. Wir sind schließlich in der Oper, wer nicht singt, ist da nur Statist. Das Problem besteht also nicht in der Ausführung solcher Szenen, nein, der Opernchor muss es sich aus nächster Nähe ansehen … also aus der Nähe, aus der man sehen kann, dass natürlich alles nur Fake ist, die Illusion ist aus solcher Nähe immer sehr brüchig.
Man könnte vermuten, dass die Adresse des Arztes, der so flächenmäßige psychische Überanstrengungen beim Ensemble festgestellt hat, ein heißer Tipp war – woher sonst kommen die vielen Atteste. Aber das ist nur eine böse Vermutung am Rande.
Ich muss zugeben, ich zweifel ein bisschen an der Professionalität der krankgeschriebenen Sänger. Sicher, es mag den einen oder anderen geben, der wirklich zart besaitet ist, okay, aber zwanzig? Da wird einem Regisseur, der vielleicht allen neu ist, dessen Ideen vielleicht ein bisschen extremer sind, alles an Vorurteilen entgegen geworfen, und auch gleich möglichst viel Sand ins Getriebe geschüttet – und das, anstatt sich mit den Ideen konstruktruktiv und engagiert auseinanderzusetzen. Da werden eigene Befindlichkeiten über das Stück gesetzt – und das ist natürlich gegen jede Theaterregel.
Man kann auch dem Regisseur etwas vorwerfen, nämlich mit Sicherheit eine gestörte Kommunikation mit dem Ensemble – aber das ist ja wahrscheinlich auch nicht so einfach, wenn man als Gastregisseur an ein Haus kommt. Er hätte nicht vorraussetzen dürfen, dass das Ensemble begeistert seine Ideen aufgreift, sondern mit Schwierigkeiten rechnen sollen.
Ich möchte mit diesem kleinen Artikel übrigens nicht sagen, dass ich die Ideen von Herrn Kanbe gut finde, ich bin eher selten durch Aktualisierungen zu begeistern, und ich finde Massenvergewaltigungen und Erschießungen nur dann auf einer Bühne sinnvoll, wenn sie dem Stück dienen. Aber dennoch ist eine Blockadehaltung, wie das in Köln passiert, Bühnenmenschen unwürdig.
Ich suche jetzt noch jemanden, der mit mir in die Oper will, das Spektakel will ich mir ungern entgehen lassen.

h1

Gegen Hosenrollen

März 29, 2009

Nach einem WoW-Thema wieder mal ein klassisches Theaterthema, und zwar eines, dass im Bereich des Jugend- und Kindertheaters im besonderen, aber auch im ganz normalen Amateurtheater ein Problem ist: Hosenrollen! Der Begriff stammt aus der Opernwelt, in der es in einem gewissen Rahmen normal ist, dass man die Rollen sehr junger Männer – Pagen und so, keine wirklichen Männer – mit Frauen besetzt.

Im Theater ist das irgendwann dazu ausgeartet, so dass man einfach alles mit Frauen und Mädchen besetzt, was sich nicht wehren kann. Manchmal, speziell an professionellen Bühnen, wird das aus guten künstlerischen Gründen gemacht. Ist dann ja auch in Ordnung, auch wenn ich solche Gründe eher selten verstehe, schon gar nicht selber habe. Im Amateurtheater gibt es dann häufig Momente, in denen man einfach Rollen die Männlichkeit nehmen muss, weil man einfach mehr weibliche Darsteller hat, als männliche. Das kann ich auch verstehen.  Was ich nicht verstehen kann, ist eine Rolle, die eindeutig als männlich bezeichnet wird, und dann von einer Frau gespielt wird. Das bringt nämlich immer ein Problem ins Theater, was man sich nicht erlauben kann, oder zumindest sollte. Es stört die Illusion. Spricht eine Darstellerin von sich selbst in einer männlichen Form, kommt sofort eine Künstlichkeit in die Szene, die einfach störend ist.

Macht man das in der anderen Richtung, dann nennt man das klassischerweise Travestie, und das ist ein immerwährender Komikbringer – okay, macht man heute nicht mehr so häufig, aber Charleys Tante war ja mal lustig …

Wenn nun aber Frauen Männer spielen, geht das oft nicht anders, ist den Ensembles geschuldet, in denen es ja immer mehr Frauen als Männer gibt – ich spreche hier von Amateurgruppen, von Kindern und Jugendlichen, immer noch mal angemerkt. Aber es hat immer den gleichen Effekt: es wirkt einfach künstlich und falsch – und was dann oft noch hinzu kommt, es wirkt billig. Wenn dann noch männlich wirkende Kostüme, gemalte Schnurrbärte und tiefer gedrückte Stimme dazu kommen, ist natürlich alles aus, da hilft kein gutes Schauspiel mehr, das ist dann einfach peinlich.

Am ehesten funktioniert es, wenn Rollen wirklich verweiblicht werden, in Jugendstücken ist das auch meistens kein Problem. Aber auch sonst, macht man hier mal aus einem Schaffner eine Schaffnerin, stört das nicht weiter, weil da ja dann der Beruf die Rolle ist. Mit Nebenrollen geht das also. Bei wichtigen Rollen spielt das Geschlecht oft eine Rolle, und wenn offenkundig Frauen – hey, ich bin männlich, ich bemerke weibliche Formen quasi in Sekundenbruchteilen – Männer spielen, fehlt dann entweder eine Komponente, oder es gibt eine zu viel, auf jeden Fall werden die Ideen, die hinter dem Stück stehen, schlicht nicht geachtet.

Natürlich erscheint da das Problem, dass Stücke ja fast immer sehr männerbeladen sind, dass man kaum mal was findet, wo nicht eine deutliche Mehrheit männlich sein muss. Nun, meine Lösung für dieses Problem ist üblicherweise, dass ich Stücke für meine Gruppen selbst schreibe. Zwischendurch habe ich aber auch mal Hamlet gemacht, und alle Rollen exakt im Geschlecht getauscht habe. Ob das wirklich eine gute Idee war, keine Ahnung, so richtig hat es damals nicht funktioniert, aber trotzdem finde ich die Herangehensweise besser, als unbeholfene Umsetzungen von mehr oder weniger klassischen Theaterstoffen, in denen wichtige eigentlich männliche Rollen weiblich besetzt werden.

Und dabei bin ich keineswegs antiemanzipatorisch drauf oder ähnliches, aber ich bin dem Theater verpflichtet, der Illusion und dem Publikum. Letztlich ist es doch auch ein diskriminierender Akt, Frauen nur dann wichtige Rollen zu geben, wenn sie Männer spielen. Dann soll doch lieber die Schreibkunst angestrengt werden und neue Stücke geschrieben. Hosenrollen sind eine Pest und sie lassen Stücke immer billig aussehen.