Wenn ich heute in die Zeitung schaue und von den Studenten- und Schülerprotesten lese, dann werde ich ja fast wehmütig – in meiner eigenen Studentenzeit gab es Ende der Neunziger schon mal einen Studentenstreik und ich war mittendrin.
Und das Schlimme ist, es ist seitdem nichts besser geworden, eher im Gegenteil. Heute bin ich immer noch mit Bildung beschäftigt, und auch wenn ich als Nachhilfelehrer von den eklatanten Schwächen der Schulen lebe, stellt sich bei mir kein gutes Gefühl ein. Dass das G8 – zumindest so, wie es hier in NRW verwirklicht wird – ziemlich krank ist, schlecht geplant, schlecht durchgeführt – habe ich schon mal in diesem Blog beschrieben. Dass die Bachelor- und Master-Studiengänge die Uni auch nicht gerade bereichern, ist absolut nachvollziehbar. Wenn ich im Moment von Bekannten aus der Lehrerausbildung höre, graust es mir.
Die Bildung ist am Abgrund. Und die Politik schiebt immer noch ein Stückchen weiter. Es will keiner mehr Lehrer werden – weil die Arbeit unzumutbar ist, weil Klassenstärken über 24 Kindern schon nicht mehr gehen und meistens 30 unterrichtet werden müssen. Weil Elternhäuser nicht mehr erziehen, weil Schulen schlecht ausgestattet und teilweise abbruchreif sind. Weil Bürokratie bestimmt, weil immer mehr vorgeschrieben wird, weil Bildung kleingeschrieben und Funktionieren groß. Humanistische Bildung – nun machen sie sich aber mal nicht lächerlich!
Sechs Jahre Grundschule, ein einiges Schulsystem (hier in NRW gibt es nebeneinander Gesamtschule und Haupt/Real/Gym – und beide Systeme gehen gerade kaputt – mehr Lehrer in die Klassen, an jede Schule einen Psychologen, der Probleme anpackt – und bitte auch wieder wirklich fördern und fordern – denn das Niveau ist mit dem Zentralabitur keinen Deut gestiegen, eher ist das Gegenteil der Fall – das alles wären Beiträge zur Verbesserung. Lebenswichtige Fächer sind nicht nur Mathe und Englisch – Kunst und Musik sind es auch, und auch Sport – aber da wird immer weiter gekürzt.
Bildung ist unserer Gesellschaft nichts wert, zumindest dem Staat nicht. Viele Eltern geben viel Geld für Unterrichte aus – und die, die dieses Geld nicht haben? Die fallen runter, auf das die Schicht der ängstlichen Bildleser, Pocher-Fans und sonstigen ungebildeten Leichtregierbaren immer größer wird.
Wenn heute Studenten und Schüler Privatbanken besetzen und hier und da auch mal was kaputt machen, ist das sicherlich nicht die feine englische Art – aber wenn mit den Mitteln der Demokratie nichts mehr machbar ist, weil man in Parteien unter 30 nichts ist, und unter 40 immer noch die Deppenarbeiten machen darf, weil sich die wohlhabenden Politiker doch nicht für die einfache Schulpolitik interessieren, weil da einfach keiner die Augen aufmacht und sich lieber in wohlfeile Parolen vom Turbo-Abi flüchtet, und in Exellenz-Unis und so einen elitären Blödsinn – ja, es ist völlig in Ordnung, wenn es all das gibt, aber wichtig wäre erstmal was anderes.
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Quick – Bildung im Streik
Juni 18, 2009
Denn sie nennen es Zentralabitur … und wissen nicht, was sie tun …
März 30, 2008Ich schreib hier was zum Zentralabitur, und zwar zum zweiten dieser Art im schönen Bundesland NRW. Da ich gerade versuche, ein paar Leute durch ihr Matheabi zu bringen, könnte man hoffentlich sagen, dass ich davon was verstehe.
Im letzten Jahr wurde von unserer lieben Landesregierung das Zentralabitur als großer Erfolg gewertet. Dabei wurde allerdings ein großes Ungleichgewicht deutlich. Die Abiturienten der Gymnasien waren im Schnitt eine Note besser, als ihre Vorbenotungen, die Gesamtschüler etwa genauso viel schwächer.
Letztendlich war dieses Zentralabitur, dem ja auch von den bösen Sachen, die man aus Bayern über viele Jahre hörte, ein gewisser Ruf vorherging, zumindest für die Gymnasiasten viel harmloser als erwartet. Um es noch mal ein bisschen klarer zu sagen, das Niveau sank!
Mal so dazwischen geworfen, mein Abitur ist schon ein paar Jahre her, aber dadurch, dass ich Mathe unterrichte, weiß ich auch noch recht viel zu vergleichen … und es ist geradezu tragisch, wie viel schlechter heutige Abiturienten mit Mathe-LK in ein naturwissenschaftliches Studium gehen, als wir das damals taten. Speziell im Bereich von Beweisen ist da heute nichts mehr gebacken …
Zu dem Niveauproblem kam im letzten Jahr ein Terminchaos, bei dem die Verantwortlichen alles mögliche getan haben, aber garantiert nicht gedacht. Die Prüfungen, die aus welchem Grunde auch immer, früher anstanden, als das noch vor dem Zentralabitur der Fall war, hatten sich im letzten Jahr um die Osterferien herum gelegt. Manche Glückspilze hatten drei Klausuren in der Woche vor den Ferien, andere mussten die ganzen Ferien durchlernen, weil sie zwei der drei Klausuren nach den Ferien schrieben. Klingt nach richtig fairen Verhältnissen, oder?
Das gibt es in diesem Jahr nicht, ob dieses allerdings an den frühen Ostern oder einem dem Kultusministerium hoffentlich zuzutrauendem Lernprozess, wer vermag das schon zu sagen.
Aber zurück zum eigentlichen Thema. Das Ding heißt ja Zentralabitur. Rein technisch kommt das auch hin, die Aufgaben werden zentral gestellt. Allerdings impliziert das Wort ja noch eine weitere Bedeutung, über das technische hinaus. Man konnotiert – warum kennt die Rechtschreibbegleitung jetzt „kotnotiert“, aber nicht „konnotiert“? – doch mit dem Wort eine gewisse Gleichheit, eine Gleichwertigkeit dieses Abiturs für alle Schüler. Und die ist schlicht und einfach nicht gegeben. (Ich benutze hier die Mathematik als Beispiel für alle anderen Fächer, aber wenn ich das richtig mitbekomme, ist das Folgende durchaus beispielhaft).
In der Oberstufenmathematik gibt es drei große Themen, nämlich die Analysis, Lineare Algebra (Vektorrechnung) und Stochastik. Im Grundkurs ist es üblich, dass man zwischen der Stochastik und der Linearen Algebra auswählt, also nur eines der Themen macht – die Analysis ist obligatorisch. Das ist auch vom Zentralabitur her absolut so gewollt. Leistungskurse machen alle drei Themen – so sagt zumindest die Tradition.
Jetzt lässt die Prüfungsordnung den Lehrern allerdings gewisse Freiheiten, die sehr verschieden genutzt werden. Manche Gymnasien, die einen gewissen Hang zur Quälerei ihrer Schüler haben – und davon gibt es nicht wenige – lassen auch ihre Grundkurse alle drei Themen lernen, die Gesamtschulen aber, denen offenbar nur daran gelegen ist, möglichst viele Leute durchs Abitur zu bringen, verzichten auch in den Leistungskursen kalt lächelnd auf die Stochastik – verstehe mich keiner falsch, das tun wahrscheinlich nicht alle Gesamtschulen, aber hundert Prozent der Gesamtschulen, von denen ich Schüler aus Leistungskursen unterrichtet habe, bzw. unterrichte. Damit ist das Niveau des Gesamtschulabiturs immer noch, so wie früher, keineswegs mit dem der Gymnasien vergleichbar. Na, ist doch total zentral, oder?
Ich sag das übrigens nicht, weil ich ein Problem mit Gesamtschulen habe, habe ich nämlich nicht. Ich schreib das hier rein, weil ich Fairness gut finde. Und weil ich nicht mehr hören kann, dass dieses Zentralabitur ja ein so goßer Erfolg ist. Prinzipiell halte ich eine Allgemeinschule bis mindestens zur achten Klasse für sinnvoll, prinzipiell halte ich das traditionelle System für relativen Bullshit, aber ich steh darauf, Schüler zu fordern. Ich meine damit nicht den Leistungsdruck, der immer so negativ einfällt, ich wünsche mir einen positiven Leistungsgedanken, eine positivere Einstellung zur Bildung, und da gehört einfach auch das Fordern der Schüler zu. Dieses klar sinkende Niveau, von dem ich nur hoffen kann, dass es sich nur auf Mathematik bezieht, ist symptomatisch für die Schulpolitik der letzten Jahre. Unser Bildungssystem ist auf dem Sinkflut, auf PISA wird nur mit Aktionismus geantwortet … ist doch traurig, oder?