Archiv für den Monat März 2008

Denn sie nennen es Zentralabitur … und wissen nicht, was sie tun …

Ich schreib hier was zum Zentralabitur, und zwar zum zweiten dieser Art im schönen Bundesland NRW. Da ich gerade versuche, ein paar Leute durch ihr Matheabi zu bringen, könnte man hoffentlich sagen, dass ich davon was verstehe.

Im letzten Jahr wurde von unserer lieben Landesregierung das Zentralabitur als großer Erfolg gewertet. Dabei wurde allerdings ein großes Ungleichgewicht deutlich. Die Abiturienten der Gymnasien waren im Schnitt eine Note besser, als ihre Vorbenotungen, die Gesamtschüler etwa genauso viel schwächer.

Letztendlich war dieses Zentralabitur, dem ja auch von den bösen Sachen, die man aus Bayern über viele Jahre hörte, ein gewisser Ruf vorherging, zumindest für die Gymnasiasten viel harmloser als erwartet. Um es noch mal ein bisschen klarer zu sagen, das Niveau sank!

Mal so dazwischen geworfen, mein Abitur ist schon ein paar Jahre her, aber dadurch, dass ich Mathe unterrichte, weiß ich auch noch recht viel zu vergleichen … und es ist geradezu tragisch, wie viel schlechter heutige Abiturienten mit Mathe-LK in ein naturwissenschaftliches Studium gehen, als wir das damals taten. Speziell im Bereich von Beweisen ist da heute nichts mehr gebacken …

Zu dem Niveauproblem kam im letzten Jahr ein Terminchaos, bei dem die Verantwortlichen alles mögliche getan haben, aber garantiert nicht gedacht. Die Prüfungen, die aus welchem Grunde auch immer, früher anstanden, als das noch vor dem Zentralabitur der Fall war, hatten sich im letzten Jahr um die Osterferien herum gelegt. Manche Glückspilze hatten drei Klausuren in der Woche vor den Ferien, andere mussten die ganzen Ferien durchlernen, weil sie zwei der drei Klausuren nach den Ferien schrieben. Klingt nach richtig fairen Verhältnissen, oder?

Das gibt es in diesem Jahr nicht, ob dieses allerdings an den frühen Ostern oder einem dem Kultusministerium hoffentlich zuzutrauendem Lernprozess, wer vermag das schon zu sagen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Das Ding heißt ja Zentralabitur. Rein technisch kommt das auch hin, die Aufgaben werden zentral gestellt. Allerdings impliziert das Wort ja noch eine weitere Bedeutung, über das technische hinaus. Man konnotiert – warum kennt die Rechtschreibbegleitung jetzt „kotnotiert“, aber nicht „konnotiert“? – doch mit dem Wort eine gewisse Gleichheit, eine Gleichwertigkeit dieses Abiturs für alle Schüler. Und die ist schlicht und einfach nicht gegeben. (Ich benutze hier die Mathematik als Beispiel für alle anderen Fächer, aber wenn ich das richtig mitbekomme, ist das Folgende durchaus beispielhaft).

In der Oberstufenmathematik gibt es drei große Themen, nämlich die Analysis, Lineare Algebra (Vektorrechnung) und Stochastik. Im Grundkurs ist es üblich, dass man zwischen der Stochastik und der Linearen Algebra auswählt, also nur eines der Themen macht – die Analysis ist obligatorisch. Das ist auch vom Zentralabitur her absolut so gewollt. Leistungskurse machen alle drei Themen – so sagt zumindest die Tradition.

Jetzt lässt die Prüfungsordnung den Lehrern allerdings gewisse Freiheiten, die sehr verschieden genutzt werden. Manche Gymnasien, die einen gewissen Hang zur Quälerei ihrer Schüler haben – und davon gibt es nicht wenige – lassen auch ihre Grundkurse alle drei Themen lernen, die Gesamtschulen aber, denen offenbar nur daran gelegen ist, möglichst viele Leute durchs Abitur zu bringen, verzichten auch in den Leistungskursen kalt lächelnd auf die Stochastik – verstehe mich keiner falsch, das tun wahrscheinlich nicht alle Gesamtschulen, aber hundert Prozent der Gesamtschulen, von denen ich Schüler aus Leistungskursen unterrichtet habe, bzw. unterrichte. Damit ist das Niveau des Gesamtschulabiturs immer noch, so wie früher, keineswegs mit dem der Gymnasien vergleichbar. Na, ist doch total zentral, oder?

Ich sag das übrigens nicht, weil ich ein Problem mit Gesamtschulen habe, habe ich nämlich nicht. Ich schreib das hier rein, weil ich Fairness gut finde. Und weil ich nicht mehr hören kann, dass dieses Zentralabitur ja ein so goßer Erfolg ist. Prinzipiell halte ich eine Allgemeinschule bis mindestens zur achten Klasse für sinnvoll, prinzipiell halte ich das traditionelle System für relativen Bullshit, aber ich steh darauf, Schüler zu fordern. Ich meine damit nicht den Leistungsdruck, der immer so negativ einfällt, ich wünsche mir einen positiven Leistungsgedanken, eine positivere Einstellung zur Bildung, und da gehört einfach auch das Fordern der Schüler zu. Dieses klar sinkende Niveau, von dem ich nur hoffen kann, dass es sich nur auf Mathematik bezieht, ist symptomatisch für die Schulpolitik der letzten Jahre. Unser Bildungssystem ist auf dem Sinkflut, auf PISA wird nur mit Aktionismus geantwortet … ist doch traurig, oder?

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Zwischenruf – Judas ist eine arme Sau

Okay, ich hab Fieber, man nehme nicht zu ernst, was ich in diesem Zustand schreibe. Aber als ich mir gerade einen netten heißen Tee mit Milch gemacht habe, habe ich mich dabei erwischt, ein bisschen „Jesus Christ Superstar“ zu singen, und prompt kam mir die Philosophie …

Judas ist eine arme Sau, die vielleicht tragischste Figur der Weltliteratur. Den nehmen wir mal die Story ernst – das fällt vielen schwer, ich halte die Auferstehung auch für eine Blüte orientalischer Dichtkunst -, so muss doch klar sein, dass Jesus gekreuzigt werden musste, dass er von einem Jünger verraten werden musste, dass es ausgerechnet der enge Freund Judas Ischariot sein musste, denn der hatte nun mal so viel Vertrauen in seinen Messias, dass er sich sicher war, die Revolution würde jetzt losbrechen, wenn sein Herr bedroht sei. Und nun will also der liebe Judas das beste tun, was er sich vorstellen kann, sieht die moralisch bedenkliche Lage, will aber das Geld nicht, denkt ganz idealistisch, opfert gerne auch seine Integrität.

Und dann muss er sich anschauen, wie sich die Leute von Jesus abwenden, wie der keine Anstalten macht, einen auf Che Guevara zu machen, dass er sich auspeitschen und kreuzigen lässt – hey, so hatte der Judas nicht gewettet. Und dann wird ihm so langsam klar, dass Jesus nun irgendwie zum Märtyrer werden wird, dass er so richtig in die Sch… gepackt hat. Frustrierend, oder? Na ja, dann hängt man sich auch schon mal auf.

Und da kann man von Kreon über Hamlet und Macbeth mal die tragischen Helden der Literatur durchforsten, gegen Judas kommt in dieser Wertung eigentlich keiner an … übrigens auch nicht Romeo und Julia – die sind waren nämlich schlicht dämlich, na ja, sie waren fünfzehn … wer ist da nicht irgendwie auch dämlich?

Wellenbrecher nach vorn

Nach dem sehr witzigen und dennoch durchaus gefühlvollen „Keinohrhasen“ ist schon wieder ein deutscher Film im Kino zu sehen, den man unbedingt sehen sollte und der jeden Erfolg verdient. Ich spreche – man könnte es am Titel schon bemerkt haben – von „Die Welle“.Die Geschichte sollte prinzipiell ja fast jeder aus der Schule kennen, ein Lehrer macht ein Projekt zum Thema Faschismus – genauer hier „Autokratie“ – und aus dem Projekt wird ein Experiment, er gründet mit seinen Schülern eine Bewegung, die sich über den Kurs hinaus ausbreitet und bald die ganze Stadt beeinflusst.

Der Film glänzt mit guten jungen Schauspielern, einem eh glänzenden Jürgen Vogel, und einer Verdichtung der Geschichte, die sich actionreich und spannend erzählt wird, die nicht allzu sehr in den Kitsch abdriftet – ein bisschen muss natürlich sein – und vor allem ein faszinierend gut geschriebenes Ende, dass auch nach dem Lesen des Buches einigermaßen überraschend daher kommt.

Aber jetzt wollte ich eigentlich keine Rezension zum Film schreiben, sondern eigentlich den Trick beschreiben, über den der Film bei mir am stärksten funktioniert hat. Man identifiziert sich ja mit den Figuren des Films, wenn das nicht ginge, wäre der Film ein schlechter. Und interessanterweise sind es die Leute, die der Welle kritisch gegenüber stehen, die irgendwie nicht so richtig sympathisch rüberkommen, die man genauso als Quälgeister empfindet, wie das offenkundig auch die Mitglieder der Welle tun. Man spürt, wie man diese Gemeinschaft irgendwie spannend empfindet, wie man Marco – einer der Hauptfiguren, dessen Freundin im Gegensatz zu ihm die Welle vom dritten Tag an ablehnt – gönnt, dass er mit einem Mädel aus der Welle rummacht, während die Freundin einen auf Sophie Scholl macht und Flugblätter verteilt – die postwendend von den Welle-Mitgliedern wieder eingesammelt werden.

Kurz: Man sympathisiert mit der Welle, und immer wieder spürt man die Gänsehaut, wenn man diese Sympathie registriert. Eigentlich steht ja fest: Ich bin aufgeklärt, mir könnte das nicht passieren, ich bin doch Freidenker, usw. und doch ist da diese Sympathie, und die macht mir Angst, und deswegen konnte mich der Film so gefangen nehmen. Etwas, was viel zu selten passiert. Ich möchte, dass mich mehr Filme atemlos machen.

Zwischenruf – Uriwas? Toilettiger Widersinn …

Ja, manchmal muss man sich ja ungesund ernähren und muss auch dort einkehren, wo ein großes Pommes-farbenes M regiert. Und was man da an Cola in sich hineinschüttet, das muss auch wieder heraus, also irgendwo in der Mitte die meisten sollte wissen … Geht mann dann aufgrund der Kabinenästhetik nicht in die fraugewollte Sitzhaltung über, so stellt mann sich vor ein Urinal, gern auch Pissbecken genannt. Beim Öffnen der Pforten, die das wilde Tier dort unten in der Öffentlichkeit zurückhalten – ja, ich kicher auch gerade … -, schaut man sich betont lässig um, und der Blick fällt auf das Schild oben am besagten Urinal, dass sich hier Urimat schimpft und, oh Wunder, viel Wasser dadurch spart, dass es keine Spülung gibt. Da mann nicht über die damit verbundene Hygieneeinbuße nachdenken möchte, erfreut man sich eher an dem sanftplätschernden Geräusch und der damit verbundenen Erlösung. Öffnet man die Augen wieder, so fällt der Blick auf das eben schon gelesene Schild, dass nun beleuchtet ist, und seine Nachricht vom verbesserten Umweltschutz in bunten Farben verkündet.

Wie widersinnig das ist, ist hoffentlich jedem aufgegangen. Selbst wenn man hinter dem Schildchen nur eine Diode vermuten muss, die bekanntlich enorm wenig Strom verbraucht, ist doch das Signal so wunderbar einfältig. Um den Pissern – entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber hier stimmt es doch, oder? – die Nachricht vom Umweltschutz näher zu bringen, wird das Licht angemacht? Ein Sensor lauert die ganze Zeit auf vorbeikommenden Urin? Das ist doch krank, oder? Welcher Werbestratege hat denn da versucht zu denken? Und warum ist er so ausgesprochen grandios an dieser Aufgabe gescheitert?

They call it „Wahn“ – Über Stephen King und sein neues Buch

Ich steh auf Stephen King, ich lese ihn seit ich zwölf war und habe fast alles gelesen, was er je geschrieben hat. Dann ist es natürlich immer eine Freude, wenn es einen neuen King gibt – und den neuesten, der den seltsamen und sinnlosen Namen „Wahn“ trägt, habe ich inzwischen gelesen, und ganz nebenbei auch rezensiert: http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=8486. Von hier ab werde ich das Buch „Duma Key“ nennen, also den Originaltitel verwenden. Allerdings werde ich weniger zum Buch selbst sagen, denn dafür kann man problemlos die Rezension lesen, als eine dieser kleinen schönen Entdeckungen erzählen, die man in diesem Buch machen kann.

Wie das durchaus nicht selten zu lesen ist, gibt es auch bei diesem Roman ein vorangestelltes Zitat. In diesem Fall von einer Band namens Shark Puppy, die im Jahre 1986 ein Lied veröffentlichten, ein Lied mit dem Titel „Dig“, geschrieben von W. Denbrough und R. Tozier. Shark Puppy gibt es allerdings nicht, und hat es auch nie gegeben. Die Herren Denbrough und Tozier sind Figuren aus dem King-Klassiker „Es“, und da William „Stotter-Bill“ Denbrough Schriftsteller ist, und  Richie „Vierauge“ Tozier DJ passt das sogar irgendwie. Der schöne Gag für den erfahrenen King-Leser ist allerdings nicht nur die höchst offiziell aussehende Urheberrechtsvermerk, es gibt noch eine kleine weitere Verbidung, allerdings zu einem anderen Roman. Im anderen ganz großen Werk von King, nämlich „The Stand“, hat Larry Underwood einen kleinen Hit bevor Captain Trips alle Hitparaden beendet, und dieses Lied heißt „Baby can you dig your man?“ – man kann da von Zufall reden, ich mach das mal nicht.

King ist bekannt für seine Querverbindungen, die oft gar nicht so sehr motiviert scheinen, aber einfach für viele King-Leser auch das Salz in der Suppe. Ein paar Beispiele gefällig?

Dick Hallorann, der Koch aus „The Shining“, kommt auch in einer Nebenepisode aus „Es“ vor. Ds Städtchen Castle Rock, nicht weit von Derry („Es“/“Schlaflos“/“Dreamcatcher“) gelegen, ist Ort von etwa zehn weiteren Romanen und Geschichten, unter anderem vom wunderbar bösen „Needful Things“ und „The Body“, dessen meisterhafte Verfilmung von Rob Reiner unter dem Titel „Stand by me – Geheimnis eines Sommers“ bekannt wurde. Natürlich kommt auch der ewige Feind Randall Flagg in mehreren Romanen vor, alles nette Beispiele.

Und in „Duma Key“? – Na ja, die üblichen wiederkehrenden Charaktere und Orte sind erst mal weit weg, denn Duma Key ist eine Insel vor Florida, und der Großteil von Kings Geschichten spielt sonst in Maine, was leicht nördlich liegt. Aber schau an, der Hauptcharakter heißt Freemantle, genau wie Mutter Abagail aus „The Stand“. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, wenn er sich einen „Revolvermann der Kunst“ nennt – das deutet ja fast gar nicht auf den „Dark Tower“-Zyklus hin.

Stephen King sorgt mal mehr und mal weniger dafür, dass seine Romane miteinander verbunden sind. Und für den langjährigen Leser sind diese Verbindungen oft nichts anderes als zufällige – na ja, so zufällig ja jetzt eigentlich nicht – Begegnungen mit guten alten Freunden. Natürlich sucht man auch danach, freut sich über jeden Fund. Auf der anderen Seite ist das natürlich ein Nebenschauplatz, die Geschichte ist wichtig, und man kann sagen was man will, King gehört zu den Autoren, die meisterhaft ihren Geschichten dienen. Die Querverbindungen dienen den Geschichten nicht, sondern den Lesern – ist ja auch nicht das Schlechteste.

Zu Stephen King ist noch lange nicht alles geschrieben, ein weiteres Häppchen bald hier.