Denn sie nennen es Zentralabitur … und wissen nicht, was sie tun …

Ich schreib hier was zum Zentralabitur, und zwar zum zweiten dieser Art im schönen Bundesland NRW. Da ich gerade versuche, ein paar Leute durch ihr Matheabi zu bringen, könnte man hoffentlich sagen, dass ich davon was verstehe.

Im letzten Jahr wurde von unserer lieben Landesregierung das Zentralabitur als großer Erfolg gewertet. Dabei wurde allerdings ein großes Ungleichgewicht deutlich. Die Abiturienten der Gymnasien waren im Schnitt eine Note besser, als ihre Vorbenotungen, die Gesamtschüler etwa genauso viel schwächer.

Letztendlich war dieses Zentralabitur, dem ja auch von den bösen Sachen, die man aus Bayern über viele Jahre hörte, ein gewisser Ruf vorherging, zumindest für die Gymnasiasten viel harmloser als erwartet. Um es noch mal ein bisschen klarer zu sagen, das Niveau sank!

Mal so dazwischen geworfen, mein Abitur ist schon ein paar Jahre her, aber dadurch, dass ich Mathe unterrichte, weiß ich auch noch recht viel zu vergleichen … und es ist geradezu tragisch, wie viel schlechter heutige Abiturienten mit Mathe-LK in ein naturwissenschaftliches Studium gehen, als wir das damals taten. Speziell im Bereich von Beweisen ist da heute nichts mehr gebacken …

Zu dem Niveauproblem kam im letzten Jahr ein Terminchaos, bei dem die Verantwortlichen alles mögliche getan haben, aber garantiert nicht gedacht. Die Prüfungen, die aus welchem Grunde auch immer, früher anstanden, als das noch vor dem Zentralabitur der Fall war, hatten sich im letzten Jahr um die Osterferien herum gelegt. Manche Glückspilze hatten drei Klausuren in der Woche vor den Ferien, andere mussten die ganzen Ferien durchlernen, weil sie zwei der drei Klausuren nach den Ferien schrieben. Klingt nach richtig fairen Verhältnissen, oder?

Das gibt es in diesem Jahr nicht, ob dieses allerdings an den frühen Ostern oder einem dem Kultusministerium hoffentlich zuzutrauendem Lernprozess, wer vermag das schon zu sagen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Das Ding heißt ja Zentralabitur. Rein technisch kommt das auch hin, die Aufgaben werden zentral gestellt. Allerdings impliziert das Wort ja noch eine weitere Bedeutung, über das technische hinaus. Man konnotiert – warum kennt die Rechtschreibbegleitung jetzt „kotnotiert“, aber nicht „konnotiert“? – doch mit dem Wort eine gewisse Gleichheit, eine Gleichwertigkeit dieses Abiturs für alle Schüler. Und die ist schlicht und einfach nicht gegeben. (Ich benutze hier die Mathematik als Beispiel für alle anderen Fächer, aber wenn ich das richtig mitbekomme, ist das Folgende durchaus beispielhaft).

In der Oberstufenmathematik gibt es drei große Themen, nämlich die Analysis, Lineare Algebra (Vektorrechnung) und Stochastik. Im Grundkurs ist es üblich, dass man zwischen der Stochastik und der Linearen Algebra auswählt, also nur eines der Themen macht – die Analysis ist obligatorisch. Das ist auch vom Zentralabitur her absolut so gewollt. Leistungskurse machen alle drei Themen – so sagt zumindest die Tradition.

Jetzt lässt die Prüfungsordnung den Lehrern allerdings gewisse Freiheiten, die sehr verschieden genutzt werden. Manche Gymnasien, die einen gewissen Hang zur Quälerei ihrer Schüler haben – und davon gibt es nicht wenige – lassen auch ihre Grundkurse alle drei Themen lernen, die Gesamtschulen aber, denen offenbar nur daran gelegen ist, möglichst viele Leute durchs Abitur zu bringen, verzichten auch in den Leistungskursen kalt lächelnd auf die Stochastik – verstehe mich keiner falsch, das tun wahrscheinlich nicht alle Gesamtschulen, aber hundert Prozent der Gesamtschulen, von denen ich Schüler aus Leistungskursen unterrichtet habe, bzw. unterrichte. Damit ist das Niveau des Gesamtschulabiturs immer noch, so wie früher, keineswegs mit dem der Gymnasien vergleichbar. Na, ist doch total zentral, oder?

Ich sag das übrigens nicht, weil ich ein Problem mit Gesamtschulen habe, habe ich nämlich nicht. Ich schreib das hier rein, weil ich Fairness gut finde. Und weil ich nicht mehr hören kann, dass dieses Zentralabitur ja ein so goßer Erfolg ist. Prinzipiell halte ich eine Allgemeinschule bis mindestens zur achten Klasse für sinnvoll, prinzipiell halte ich das traditionelle System für relativen Bullshit, aber ich steh darauf, Schüler zu fordern. Ich meine damit nicht den Leistungsdruck, der immer so negativ einfällt, ich wünsche mir einen positiven Leistungsgedanken, eine positivere Einstellung zur Bildung, und da gehört einfach auch das Fordern der Schüler zu. Dieses klar sinkende Niveau, von dem ich nur hoffen kann, dass es sich nur auf Mathematik bezieht, ist symptomatisch für die Schulpolitik der letzten Jahre. Unser Bildungssystem ist auf dem Sinkflut, auf PISA wird nur mit Aktionismus geantwortet … ist doch traurig, oder?

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 30, 2008 in Bildungspolitik, Kultur, Schule und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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