Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust …

Ja, ist ein blöder Anfang für einen Eintrag, der sich mit Rollenspiel beschäftigt … aber nun gut … Es geht um D&D, Dungeons & Dragons, die Mutter aller Rollenspiele, das Original, und ganz nebenbei, seit knapp zehn Jahren das System meines Vertrauens. Davon gibt es nun eine neue Version, 4E ersetzt 3.5. Ich habe diese Woche das Spielerhandbuch gelesen und hier (http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&p=4&id=10490) rezensiert, aber noch nicht genug dazu geschrieben … Und obwohl sich in einigen Bereichen gar nicht so viel geändert hat, und das System immer noch zum Bereich des D20 gehört, das mit D&D 3.0 erfunden wurde, gibt es doch ein paar Änderungen, die ziemlich gravierend sind.

 

Rollen im Kampf

Tja, jetzt hat WoW auf D&D abgefärbt – andererseits gäbe es ja ohne D&D vermutlich kein WoW … ist also eine gegenseitige Befruchtung. Jetzt gibt es Charakterklassen, die quasi als Heiler auftreten – ja, das haben Kleriker auch früher schon gemacht – und andere, die wie Tanks die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich ziehen, also den Kopf für die Kollegen hinhalten. Jetzt fragt man sich natürlich: Braucht man das? – Vielleicht ja, vielleicht nein. Bisher war es so, dass man als Spielleiter mit den Monstern immer dann den Heiler zuerst angegriffen hat, wenn man sehr intelligente Kreaturen ins Feld führte. Die tumben Orks hingegen greifen den Typen in der schweren Rüstung an, ist ja klar. Das ist eine rollenspielerische Entscheidung, und die wird mir natürlich abgenommen, wenn ein Charakter die Möglichkeit hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Andererseits haben jetzt die Charaktere, die als Anführer und Heiler ihre Rolle spielen, teilweise auch die Möglichkeit, Freunde oder Feinde im Kampf zu verschieben – das macht die Taktik auf einmal viel interessanter. Letztendlich muss man ja zugeben, bisher war es immer so, dass sich Monster und Spieler voreinander gestellt haben, und dann so lange Angriff gewürfelt, bis einer von beiden umfiel – es wäre mehr möglich gewesen, aber dafür muss man auch einfallsreich sein. Es gibt kein Spiel mehr ohne Kampfplan, und prinzipiell ist das, was auf diesem Kampfplan jetzt abläuft, ein stückweit interessanter als vorher.

 

Rollenspiel? Ist eingeschränkt!

Aber es gibt halt auch viele sehr feste Zuordnungen, die man dafür in Kauf nehmen muss. Bisher gab es nämlich durchaus eine Vielzahl an möglichen Typen, die alle unter der Charakterklasse Kämpfer zu finden waren. Das konnte der schwergerüstete Ritter sein, der mit der Lanze ein paar Goblins aufspießt, das konnte der zähe kleine Gnom sein, der mit zwei Waffen in unterirdischen Gängen riesiges Ungeziefer jagt, oder der Bogenschütze, der sein Schwert fast nur zur Zierde trägt und auch kaum Rüstung trägt – das alles ging, jetzt ist der Kämpfer ein Beschützer, und wenn der sein Schild zu Hause lässt, fühlt der sich schon ziemlich nackelig.

Und bei Schurkens zu Hause sieht es ganz ähnlich aus. Wo ist der leicht vergeistigte Typ, der sich wunderbar auf Schlösser und Fallen verseht, weil er so was als Handwerker selbst entwirft, der aber körperlich eher ein Hindernis ist, und im Kampf ganz gut mit seiner kleinen selbstgebauten Handarmbrust auftrumpft? Nein, die neuen Schurken sind „Stürmer“, eine wichtige Schadensklasse – da ist es eigentlich kein Wunder, dass der Barde vorerst ausgemustert wurde, die Klasse, die bisher im Kampf immer unterging, wäre in der neuen, deutlich aggressiveren D&D-Welt wahrscheinlich auch ein bisschen fehl am Platz.

Rollenspielerisch gibt es also wirklich weniger Freiheiten, da die festen Kampfrollen auch feste Rollenklischees mitbringen.

 

Mischcharaktere gibt es nicht mehr …

Und das finde ich wirklich blöd, sorry, ist aber so, da gab es mit D&D 3.0 beziehungsweise 3.5 endlich eine Möglichkeit, wirklich sinnvoll und auch ziemlich ausgewogen, Mischcharaktere zubasteln – also Schurken, die auch ein bisschen Magie betrieben, Kämpfer, die auch ein bisschen Waldläufer waren, oder, und vor allem, Kleriker, die nebenbei auch noch eine Charakterklasse betrieben, die zu ihrem Gott passte – Magierkleriker der Mystra, Schurkenkleriker von Schurken- oder Wissensgöttern, Kampfkleriker der Kriegsgottheiten. Diese Möglichkeit, die auch noch ziemlich gut ausbalanciert war, besteht nicht mehr, oder besser, nur noch sehr eingeschränkt – man kann über ein Talent ein paar Kräfte einer anderen Klasse lernen. Der Nachteil ist auch hier vor allem ein rollenspielerischer. Oftmals gab man einem Charakter eine Stufe in einer anderen als seiner Grundklasse, weil er eine besondere Erfahrung gemacht hat, weil er einen anderen Charakter oder einen NSC mit dieser Klasse bewunderte – nur sehr wenige haben sich bemüht, aus Powergamergründen mehrere Klassen zu haben, aber es macht doch auch höllisch Spaß, wenn mein Barbarenschurke einen hinterhältigen Angriff mit seinem Zweihänder macht …

 

Alle haben Kräfte …

Ja, das ist eine recht interessante Neuerung. Jeder Charakter hat Kräfte, die entweder magischer Natur sind, oder aber auch kriegerischer. Also machen Kriegsherrn und Kämpfer interessante Manöver, während Magier und Hexenmeister mit Feuer und schwarzer Magie um sich werfen. Auf jeden Fall haben jetzt alle Charaktere ein paar Sachen, die sie sich für den Kampf überlegen können, und nicht nur die magiebetreibenden grübeln über interessante Kombinationen nach – ich sag nur „Verstricken“ und „Metall erhitzen“, nur der Gestank ist abscheulich.

 

Also eine Art Arcade-Variante des Rollenspiels?

Ähm, ja, was besseres ist mir noch nicht eingefallen, D&D 4E ist einsteigerfreundlich und wie bei D&D Tradition, viel auf den Kampf orientiert, läuft auf Helden hinaus – finde ich auch durchaus in Ordnung, wer „normale“ Menschen spielen will, schaffe sich ein normales Leben an oder setze sich an den Computer und spiele Sims oder Second Life! (Kennt das wer? Pazifisten im Rollenspiel? Ich spiele einen Charakter, der für den Kampf gar nichts taugt? – Seid Pazifisten im normalen Leben, meinetwegen auch noch Vegetarier, aber ein bisschen Testosteron gehört nun mal zum Rollenspiel – auch für Spielerinnen …)

D&D 4E ist aber nicht mehr das reife und freie Rollenspiel, dass es vorher war – vielleicht wird es das noch, denn es kommen ja nach dem Spielerhandbuch noch viele Bücher mehr, aber erst mal fehlen mir persönlich die Freiheiten.

 

Und, spielste nu 4E?

Ja, vermutlich schon. Zumindest eine Regelkennenlernrunde werde ich sicher spielen, wenn denn die ersten drei Bücher alle raus sind. Aber ich glaube schon, dass D&D 3.5 nicht so schnell im Papiermüll landen wird.

Und was war jetzt mit zwei Herzen?

Tja, ich bin schon zwiegespalten. Find ich die Änderungen jetzt gut oder nicht – vieles ist einfacher geworden, leitbarer, taktisch interessanter, aber die fehlenden Freiheiten find ich doof … nee, ich weiß es nicht …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 2, 2008 in d&d, Rollenspiel und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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