Musical, Musical I

Ja, ich liebe das Musical, ja, total. Ich bin damit aufgewachsen, aufgrund eines unglaublichen Lehrers habe ich in der fünften Klasse schon als Chorkätzchen eben bei Cats auf der Bühne gestanden, also bei unserer Version, aber Cats ist Cats …

Nun habe ich in letzter Zeit zweimal wieder einen großen Saal als Zuschauer betreten. Erst habe ich „We Will Rock You“ gesehen, und gestern nun endlich mal „Starlight Express“ – das gibt es ja auch erst gut zwanzig Jahren, das habe ich bisher sehr gut ignorieren können.

We Will Rock You

Ja, die Musik ist großartig, die Sänger waren es zu einem großen Teil auch, und auch wenn es immer ein bisschen seltsam ist, wenn Leute einfach so anfangen zu tanzen – das ist ein schwieriges Feld … und später dazu mehr – die Tänze selbst waren teilweise wirklich toll gemacht. Das von der Story nicht allzu viel zu erwarten war, sollte im Prinzip jedem klar sein. Da wird eine Handlung in ein Musikkorsett gezwängt. Das kann eigentlich nicht gehen. Das zwickt hier und dort ist es viel zu groß. Aber das ist wirklich nicht anders zu erwarten. Die Geschichte ist dafür sogar eigentlich noch nett. In einer fiesen Zukunft ist die Rockmusik verboten, aber ein Auserwählter soll kommen, der die Rockmusik befreit. Der bekommt auch noch eine wunderbar zickige Rockerbraut und irrt durch eine freudlose Welt, die er mit Musik füllen will. Und da das Musik von Queen ist, ist das auch immer gute Musik.

Aber so nett das alles ist, der Humor des Stückes ist zu mindestens 85 Prozent so unterirdisch, dass man mit Schmerzen den Saal verlässt. Es kommen schließlich Bohemians vor, um mal ein Beispiel zu geben, die sich Namen von alten Helden gesucht haben. Die Idee wäre gar nicht so schlecht, wenn die sich dann nicht zu Gunsten von ganz schalen Lachern zu Namen wie Dieter Bohlen und Jeanette Biedermann entschlossen hätte – die dürfen einfach nicht in einem Atemzug mit Musik genannt werden – auch wenn Frau Biedermann immerhin für einen echten Lacher sorgte – also bei mir -, denn der Typ, der sich diesen Namen ausgesucht hatte, opferte sich für den Auserwählten (übrigens mit dem Namen Galileo Figaro – na, merkt man, lieber Leser, welch Geistes Kind dieses Musical ist?), und der sagte später: „Jeanette Biedermann ist für uns gestorben!“ – Ja, für mich auch …

Dieser Humor hat noch einen zusätzlichen Makel: Er ist zeitgebunden. Meiner bescheidenen Meinung nach, hat jegliche Zeitgebundenheit auf der Theaterbühne eher nichts zu suchen, macht man große Themen, dann ist die Aktualität automatisch da. Und dann so ein Verschachern an den Zeitgeist – da kann man schon mal ein bisschen das Essen von vorgestern wiederkäuen.

Starlight Express

Oh, das erfolgreichste Musical der Welt – ja, stand da irgendwo, keine Ahnung, ob das stimmt – und mit Sicherheit Andrew Lloyd Webbers schwächste Nummer. Natürlich hat Weber auch in seinen seichten Momenten noch ordentliche Melodien, aber der muss auch dringend Geld gebraucht haben, als er auf so ein blödes Libretto seine Musik schrieb. Nein, die Grundidee, wir sitzen im Kopf eines kleinen Jungen und schauen zu, wie in seinem Traum Lokomotiven ein Rennen fahren, ist nicht mein Problem – ich habe nie ein Problem mit phantastischen Momenten – aber die Geschichte, die dann kommt, ist so klischeehaft, durchsichtig und dumm, dass man sich schon fragt, wie es zu solch einem großen Erfolg kommen konnte. Ein besonderes Problem war für mich, dass der Rusty von gestern einfach ein unglaubliches Weichei war. Weich in der Stimme, weich in der Birne, kein Fitzelchen Power – bäh! Man merkt, bei „We Will Rock You!“ hatte ich mehr Spaß. Die Starlight-Show ist natürlich akrobatisch und lichttechnisch hervorragend. Aber es gibt nur einen richtig guten Song – und einen richtig guten Sänger – den der Rolle „Papa“.

Und es gibt ein weiteres Ärgernis, das ähnlich zeitgeistig gestrickt ist, wie die unterirdischen Witze der Queenjünger. Man hat ein paar HipHopper ins Stück geschrieben. Was für eine blöde Anbiederung an das junge Publikum. Vor allem, weil die Rap-Elemente dann auch noch richtig schlecht sind – also ganz übel, ähm, furchtbar, also kurz: Nicht gut! Da kann man so sehr dran packen, dass das ins Stück reingepfropft ist. Die müssen ganz schlechten Shit gehabt haben, ganz schlechten …

Uhhh, was ist aus dem Musical geworden, wenn es das nötig hat? Warum rennt man in einer so großartigen Kunstform dem Zeitgeist hinterher? Das muss wohl daran liegen, dass die Substanz der Stücke nicht gut ist – aber wenn das so ist, warum führt man sie dann auf?

Bald sehe ich Cats … und ich freu mich tierisch drauf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich da auch nach billiger Hilfe vom Zeitgeist umgeschaut hat. Und ich bete, dass ich recht habe zum lieben Musicalgott!

PS Ich schrieb oben, später mehr zum Tanzen in Musicals – ich hab gemerkt, dass das hier den Rahmen sprengen würde. Das kommt als eigenständiger Artikel nach.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 26, 2008 in Kultur, Musical, Theater und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Hi! 🙂
    Zum Thema „Starlight Express“: Ich stimme Dir vollkommen zu. Leider. Das, was man in den letzten Jahren aus diesem wunderbaren Musical gemacht hat, ist eine absolute Katastrophe. Ich habe das Stück 2001 das letzte Mal gesehen und mich seitdem nicht mehr hingetraut. Nur mal einen Seitenblick auf youtube-Videos geworfen. Für mich hat Starlight eine ganz besondere Bedeutung, da im Jahr 92 mit dieser Show mein Berufswunsch entstanden ist. Aber mit der Fassung von damals hat das heute nichts mehr zu tun. Schade, dass das von den Verantwortlichen keiner merkt. 😦

    LG

    Julie

  2. Ich bin es noch einmal. An dieser Stelle möchte ich Dir, für Deinen durchaus lesenswerten Blog, den „Uber Amazing Blog Award“ zukommen lassen.

    Herzliche Grüße

    Julie

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