Premiere, Publikum, Premierenpublikum

So, eine Premiere liegt hinter mir … vorgestern, und, danke der Nachfrage, ja, es hat ganz gut funktioniert. Ich habe mein Hauptziel wohl erreicht, Zuschauer geschockt, erschreckt, aber auch zum Lachen und zum Nachdenken angeregt. Das tut ganz gut – immerhin muss ich auch selbst ein bisschen spielen und da bin ich ja immer extrem kritisch mit mir selbst, und da brauch ich immer alles, was aufbaut.

Aber dennoch muss mal über das Thema Publikum gesprochen werden. Ein Grundgesetz heißt für mich: Das Publikum ist der Zweck des Theaters, genauer gesagt, der Zweck der Kunst. Wenn keiner liest, was ich schreibe, wenn keiner sieht, was ich male, wenn keiner sieht und hört, was ich spiele, oder was ich inszeniert hab, dann hätte ich es ja auch lassen können. Dieses Grundgesetzt ist ein heftiger Streitpunkt. Viele Künstler meinen, sie wären nicht auf das Publikum angewiesen – ich vermute, das sind Künstler, die ein sicheres Auskommen haben und sich selbst für die Größten halten. Keine Demut vor dem Publikum zu haben, halte ich für falsch – das endet nämlich in Selbstbespiegelung und kultureller Onanie.

Andere Künstler gehen ins andere Extrem: Sie biedern sich an. Ekelhaft verkitschte Operetten, schlechte Comedy mit immer den gleichen billigen Witzen, weichgespülte Melodeien von Bohlens Dieter, die Liste ist noch ewig zu erweitern. Diese Menschen, die sich durchaus oft selbst Künstler nennen, und damit eine ziemliche Anmaßung begehen, denn über Kunsthandwerk geht das ja nie hinaus, tun nichts, was nicht schon ein besserer vor ihnen getan hätte, sie bedienen Seh- und Hörgewohnheiten und halten sich damit für die Retter des Abendlandes. Ekelhaft.

Meiner Meinung nach sollte man das Publikum immer hoch achten, und jeder Ausrutscher, der meinen Darstellern passiert, wird von mir hart gerügt. Beispiel: Vor ein paar Jahren allürte eine junge und noch nicht mal besonders begabte junge Dame vor sich hin, meinte, sie müsste sich nicht der vollen Schminkprozedur unterwerfen, da ja kein Publikum anwesend sei, dass zu ihr gehöre. In der nächsten Stunde unseres Kurses trennten sich unsere Wege, da ich wohl recht deutlich geworden bin … und man lässt sich natürlich nicht gerne vorwerfen, dass man die falsche Mentalität hat, dass man egoistisch, egozentrisch und arrogant sei – nein, ich hab ihr das nicht in den Worten gesagt, ich habe es so gesagt, dass sie es auch ganz sicher verstand.

Natürlich kommt Publikumsbeschimpfung trotzdem vor, schließlich ist das ein gutes Mittel, das Publikum an- und aufzuregen, und es ist ja immer mein Wunsch, dem Publikum Emotionen abzuringen. Ich achte das Publikum hoch, aber ich schleime nicht, ich schone es auch nicht. Ich brauch Reaktionen, und die will ich mit Einsatz vieler, wenn auch nicht aller Mittel erreichen. Leute drehen sich mit Ekel weg – sehr schön -, Leute verschlucken sich vor Lachen – mindestens genauso schön -, die Zuschauer sind richtig wütend über einen Darsteller – großartig -, Zuschauer verlassen den Saal mit Tränen der Trauer oder Rührung den Saal – einfach herrlich. Das ist aber nicht mit Kitsch zu erreichen, oder wenn, dann mit Edelkitsch – und ich mein, meine Wurzeln liegen beim Musical, ich steh natürlich auf Edelkitsch – aber brav sein, das gehört nicht zu meinen künstlerischen Mitteln, genauso wenig wie Provokation ohne Sinn und Verstand.

Aber wie ist mein Gefühl dem Publikum gegenüber? Manchmal liebe ich es. Wenn es reagiert, wenn es sich nicht beherrscht, wenn es mitspielt, wenn es mir an den Lippen hängt … und manchmal hasse ich es … wenn es sich nicht traut zu Lachen, wenn es verstehen will, wo es fühlen soll, wenn es nicht kommt, obwohl man doch so viel dafür getan hat, dass es kommt, wenn es Sachen beklatscht, die viel dümmer sind, als das, was man selbst macht … Manchmal ist das Publikum ein träges Tier, eines, das sich sperrt, eines, das nicht da ist, wenn man es braucht … und dann ist es wieder dein Freund, du liebst es, und es liebt dich zurück …

Ein besonderer Fall – warum eigentlich – ist das Premierenpublikum. Menschen von der Presse sind da und sorgen für Unruhe – ich kann das sagen, ich hab da jahrelang zugehört – Eltern und Verwandte, natürlich auch Kollegen, bilden den größten Teil der hoffentlich großen Masse – und diese Masse tut nichts. Bei Komödien lachen die Zuschauer frühestens bei dem siebten guten Gag – und bis dahin sind die Schauspieler schon lange völlig verzweifelt, der Regisseur schaut schon in die Stellenanzeigen – und bei den ernsten Stücken wissen sie ja, dass es ernst ist – und ernst heißt: Wir spielen Statuen. Es wäre komisch, wenn es nicht so traurig wäre: Das Premierenpublikum ist still wie ein Friedhof, klatscht dann aber oft am Schluss recht heftig und klopft auf viele Schultern, um jedem mitzuteilen, wie ausgezeichnet es ihm gefallen hat. Das Premierenpublikum ist ein seltsames Tier.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am November 2, 2008 in Kultur, Kunst, Musical, Theater und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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