Rausschmiss

Ich habe heute jemanden, eine knappe Woche vor der Wideraufnahme meines Weihnachtsstückes aus dem Ensemble geworfen. Einfach so … nee, natürlich nicht einfach so. Wie soll ich es erklären, also, es handelt sich um semiprofessionelles Theater, eine Produktion mit mehr als zwanzig Darstellern. Und wann? Natürlich vor Weihnachten, drei Wochenenden, sieben Vorstellungen. Quasi vom ersten bis dritten Advent. Natürlich ist das für alle eine besondere Angelegenheit, natürlich verhagelt man dem gesamten Ensemble die Vorweihnachtszeit, denn eigentlich ist es da doch schon so stressig genug. Aber nun gut, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, dann ist das halt so.

Vor zwei Wochen, also relativ kurz vor der Produktion, kommt einer meiner Schauspieler auf mich zu und sagt mir, dass ich ihn an einem Wochenende vertreten müsse. Wohlgemerkt „müsse“ – nun bin ich der Regisseur des Stückes, sorge hinter der Bühne für Ordnung, spreche noch zwei Rollen von draußen rein, die nie zu sehen sind, habe also prinzipiell genug zu tun. Was schwerer wiegt, ich bin für die Rolle schlicht zwanzig Jahre zu jung. Also hatte ich sofort Bauchschmerzen, aber wie das so oft ist, wenn jemand auf eher dreiste Art auf einen zu kommt, ich hab das so geschluckt. Mir ist da gar nicht aufgefallen, dass da einige fundamentale Regeln verletzt wurden.

Erstens zeigte er keinerlei Schuldbewusstsein – das ist falsch, wenn ich ein Stück mitspiele, dann muss ich ein verflixt schlechtes Gewissen haben, wenn ich einen Termin nicht einhalten kann. Habe ich das nicht, habe ich definitiv die falsche Einstellung zur Theaterarbeit. Zweitens kann ich nicht von meinem Regisseur erwarten, dass er für mich einspringt – natürlich machen Regisseure das, wenn zum Beispiel eine Nebenrolle des gleichen Geschlechtes krank wird, also ernsthaft krank – weniger als Krankenhaus ist definitiv noch spielfähig – und das auch noch plötzlich passiert. Aber in diesem Fall war das ja quasi mit Ansage … und es wurde noch schlimmer, er sagte, er wüsste noch nicht, an welchem Wochenende das wäre – womit auch eine Vertretung durch einen anderen Schauspieler quasi unmöglich wurde. Drittens hätte er aber selbst für eine solche Vertretung sorgen müssen, so ist nun mal der Brauch – und das gilt fürs Profitheater genauso wie für die Laienspielschar.

Als er sich gestern dann für die quasi letzte Probe vor der Hauptprobe per SMS entschuldigte, war ich endgültig richtig sauer. Diese Wut habe ich dann gegenüber weiteren Ensemblemitgliedern, und zwar wichtigen, artikuliert. Und die haben mich dann nicht nur in dieser Wut unterstützt, sondern mir den nötigen Tritt gegeben, dass ich mich noch ernsthaft um einen Ersatz bemühe. Ich wusste nur einen, der das machen konnte, und dem ich auch zutraue, dass er das schon nächste Woche besser kann, als der erste es je konnte. Ich habe ihn sofort erreicht, war mir eigentlich sicher, dass er sich weigern würde, und er hat mir nach relativ kurzer Bedenkzeit zugesagt.

Jetzt habe ich die Freude gehabt, diesen Schauspieler herauszuwerfen, ich bin hocherfreut, habe ihm eine siebenteilige SMS zurückgeschrieben, ihm gesagt, warum es so ist, und kann nun mit einer ganz neuen Zuversicht in die Produktion gehen. Mir geht es gleich viel besser …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am November 23, 2008 in Kultur, Theater und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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