Quick – Ist das Leben kein Amoklauf?

„Ist es nicht erstaunlich, dass nicht viel mehr Menschen ausrasten?“ lässt Jan Weiler seinen seltsamen Psychologen in „Drachensaat“ fragen, und wenn ich über den gestrigen Tag, über den nächsten klassischen Amoklauf nachdenke, dann kehrt mein Gedanke immer wieder zu dieser Frage zurück … warum jemand hingeht und 15 Menschen erschießt? Nee, das ist keine Frage, wegen irgendeiner Verzweiflung, einer Leere im Leben, weil er noch Jungfrau war oder weil sich irgendwer über ihn lustig gemacht hat, der Gründe gibt es so viele, und wenn der Kopf auch sagt, dass das ja wohl kein Grund zu töten sei, kennt das Herz doch die Momente, in denen man gerne genau das tun wollte. Unter normalen Umständen macht man es nicht, klar, aber nicht jeder ist normal, zumal nicht in der Pubertät. Und natürlich sind hier die menschlichen Werte nicht im Gehirn angekommen – aber was erwartet man bei Eltern, die einen halben Zug bei der Bundeswehr bewaffnen könnten – Herzensbildung? Eine Ächtung von Gewalt? – Ja, klar, sehr lustig.
Jetzt kann man natürlich sagen, hey, sowas gab es doch früher auch nicht? Richtig, früher gab es auch mehr für Menschen mit entsprechenden Neigungen zu tun, zum Beispiel Exekutionen und Selektionen in Ausschwitz, oder auch eine steile Karriere bei der RAF, was das angeht … aber ebi aller Bestürzung, die nur natürlich ist, warum sind wir eigentlich nicht genauso bestürzt, wenn in den Kriegen rund um die Welt viel mehr Tote zu beklagen sind? Weil wir da ja nicht betroffen sind? Weil es nicht vor unserer Haustür stattfindet?
Aber zurück zu dern Anfangsfrage: Ist es nicht seltsam, dass nicht noch viel mehr Menschen ausrasten? Ich find das seltsam, schließlich wird der Druck doch immer höher. Die Medien machen uns Angst vor der Rezession, vor islamistischen Terrorbombern, vor amoklaufenden Schülern, immer nur Angst! Meine Güte, jetzt haben wir uns von den angstmachenden Religionen einigermaßen wegaufgeklärt, jetzt gibt es keine kommunistische Bedrohung mehr, jetzt müssen andere Ängste aufgebaut werden, damit das Volk schön regierbar bleibt – zum Kotzen! Und dazu Leistungsdruck und Zukunftsangst, und niemand sorgt mal dafür, dass Kinder und Jugendliche aus dieser Tretmühle auch mal raus können. Keiner kümmert sich, keiner schaut hinter die Kulissen … wie verdammt einsam muss jemand sein, der so einen Scheiß macht?

Dass die Eltern Beihilfe zum Mord leisten, in dem sie Waffe und Munition herumliegen lassen, das gehört dann natürlich ins Bild, wäre ja eigentlich nicht unbedingt nötig … und mit einem Messer wäre es schon viel schwieriger geworden, so viele zu erwischen. Dass die Waffe einfach vorrätig ist, ist natürlich noch keine Aufforderung zum Amoklauf, aber es vereinfacht die Angelegenheit ungemein. Ich habe keine Ahung, warum in Privathäusern Waffen herumliegen dürfen, ich halte das für grob fahrlässig, sogar in Tresoren, aber natürlich kann man mit einer Entwaffnung der Gesellschaft keine Amokläufe verhindern, aber sie erschweren. Und vermutlich wird nun die Diskussion um Computerspiele und Paintball wieder aufkommen – *gähn* – nein, diese Sachen sind nicht schuld, die meisten Amokläufer spielen Shooter, okay, aber Amokläufe gab es schon vorher, lange vor Counterstrike – und nebenbei, die meisten von ihnen gingen auch zur Schule – klingt für mich jetzt auch sehr gefährlich … so lange man in der Gesellschaft akzeptiert, dass Jugendliche den Sinn ihres Lebens in wochenendlichen Komasaufpartys sehen, so lange Castingshows und überspannte Ideale Vorbilder generieren, die allenfalls für die Mülltonne taugen, so lange werden Menschen austicken, so oder so … es ist nur seltsam, dass nicht noch viel mehr ausrasten.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 12, 2009 in Allgemein, Bildungspolitik, Gesellschaft, Schule und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Richtig, die gute, alte, schnell geklärte Frage nach Computerspielen.

    Selbstverständlich sind Computerspiele sofort Schuld, wenn mal wieder einer Amok läuft. Klar, der Vater, Schützenvereinsmitglied, hat die Waffe rumliegen lassen und gegen den wird wohl jetzt auch ermittelt, aber der Sohn, wohl auch Schützenvereinsmitglied, hat in Counter Strike und Crysis gelernt, dass man auf der Flucht wild um sich schießt?!? Wie soll man das denn da lernen?

    Der hat mind. 60 Schüsse abgegeben. Ich kenne kein Computerspiel, in dem man (offenbar halbwegs schnelles) Nachladen lernt. Selbst beim Zielen – laut WDR5 gestern abend hat er weitgehend gezielte Kopfschüsse abgegeben – habe ich arge Zweifel, ob Ego Shooter da wirklich eine gute Schule sind.

    Und ansonsten wird meiner Meinung nach mal wieder Ursache und Wirkung verwechselt: Vielleicht spielen Jugendliche, die sich aus irgendwelchen Gründen abreagieren wollen, Ego-Shooter, dass heißt noch nicht, dass Ego-Shooter dazu führen, dass sich Jugendliche abreagieren wollen.

    Es mag eine Kausalrelation zwischen dem Konsum von Ego-Shootern und Amok-Läufern geben, aber die Richtung der Kausalrelation ist bestenfalls unbekannt.

    Mir graut es vor einem: Bei diesem Amoklauf war erst meine zweite Reaktion die Bestürzung über die Tat, Trauer um die Verluste und Mitggefühl für die Hinterbliebenen und Opfer. Die erste Reaktion war der Gedanke, dass die Politik mal wieder Munition bekommen hat: Für mehr Überwachung, Kontrolle, Verbote und, Holle hat’s ja schon gesagt, Panikmache…

    Schlimm ist das….

  2. „40% der Amokläufer spielen Killerspiele, 100% essen Brot.“

    Ich gebe dir Recht, es gibt weitaus schlimmere Probleme als die Zensur von Spielen. Ich möchte nicht über eventuelle Desensibilisierungen beim spielen, fernsehn oder sowas urteilen, aber das wird wohl kaum der Grund sein.
    Wenn ich mal wütend bin (und das passiert mir viel zu oft) gehe ich ja auch nicht in die Schule und schieße um mich, weil ich in meinen Spielen ja alle töten kann/muss. Und auch wenn mich jemand wegen irgendwas ärgert habe ich nicht vor, denjenigen (oder sogar ganz andere Menschen) gleich umzubringen.
    Nungut, ich bin nicht Maßstab aller Dinge, aber meine Vermutung basiert eher auf mangelnder Geborgenheit/Vertrauen/Verständnis im sozialen Umfeld…

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