Ein kleiner Tod

Nun, hier wäre ein kleines Vorwort nötig. Irgendwie stelle ich es immer wieder an, mir das Vertrauen von Menschen zu „erschleichen“, und die erzählen mir dann die Geschichten, die ich eigentlich nicht unbedingt hören will … für diese Menschen bin ich hoffentlich eine kleine Hilfe, mir gefällt es nämlich, hier und da eine Hilfe zu sein. Aber ich muss die Geschichten auch immer wieder loswerden, und da man so viele Problemstücke fürs Theater nicht schreiben kann … Egal, die folgende Geschichte hat sich mal irgendwann ganz ähnlich zugetragen, ich habe sie nur in Worte gefasst:

 

Ganz leise wollte sie sein, und dunkel musste es sein. Wieder betätigte sie einen Knopf ihres Handys, der ihr eine weitere Minute Vampirgeschichte ermöglichte. Klar schlafe ich, dachte sie, und folgte weiterhin den Gedanken der jungen Heldin ihres Buches. Irgendwo auf dem Flur knarrte etwas. Vielleicht war jemand auf dem Weg zum Klo, oder so. Sie zog die Decke noch ein bisschen höher, damit der Schein nicht verraten würde, dass sie noch las – morgen war Schule und Toja hätte schon vor einer Stunde aufhören müssen.

Toja, sie dachte immer noch an sich mit diesem Spitznamen, den sie sich selbst ganz früh gegeben hatte, als Victoria einfach zu lang war. Dass die anderen in der Klasse Vickie sagten, war eher nervig. Toja war ganz versunken. Fast hätte sie nicht gehört, das plötzlich Schritte näher kamen. Im letzten Moment erst, ließ sie das Buch verschwinden, das Handy auch und stellte sich aber so was von schlafend – sie ließ sogar eine Hand über die Bettkante ragen, einfach damit Mama oder Papa etwas hätten, was sie wieder reinstopfen könnten – wenn man so was machte, passten die Eltern nicht so genau auf, ob man wirklich schläft, hatte sie herausgefunden. Dann hatten sie ja was zu tun.

Sie hörte am Atem, dass ihr Vater hereingekommen war. Er stand neben ihrem Bett. Irgendwie war er sehr leise, sie hörte eigentlich nur seinen Atem. Er kratzte sich. Wie lange würde er noch warten? Irgendwas war falsch. Das Kratzen, das Gehen, es klang anders.

 Er stand neben dem Bett seiner Tochter, nur ein Handtuch über der Schulter, ihn fröstelte. Wie schön sie war, so leise und sanft im Schlaf. Ihre Hand war irgendwie aus dem Bett gefallen, eine kleine weiße Hand. Bilder schossen ihm durch den Kopf, während er langsam das Händchen nahm. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, hob er sie an, und langsam schob er seinen Unterkörper näher. Mit ihrer Hand strich er über seine halbe Erektion, einmal, zweimal.

 Sie hatte Angst, alles war falsch, so unglaublich falsch. Aber was würde er tun, wenn sie jetzt einfach ihre Hand zurückziehen würde? Aufkeimende Panik schoss ihr in den Magen. Und dann hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen: Noch glaubt er, dass du schläfst. Was macht er, wenn du aufwachst? Als würde sie sich im Schlaf drehen wollen, schob Toja ihre linke Schulter vor, ihre Hand entzog sich seiner. Sie hörte ihren Vater zischend einatmen. Sie drehte sich weiter, machte ein Geräusch, murmelte etwas. Er ging weg, einfach raus und ins Badezimmer. Eine Träne lief ihr übers Gesicht, dann folgten weitere, bis sie sich krümmte. Tief durchatmen, noch mal, tief durchatmen. Langsam wischte sie sich die Tränen weg und merkte, wie es in ihr kämpfte. Vielleicht müsste sie sich sehr bald übergeben, ganz sicher aber würde sie bald ins Bett machen, wenn sie nicht bald das Klo besuchen würde.

Im Bad duschte ihr Vater. Schnell und auf nackten Füßen rannte sie zum Gästeklo. Sie würgte trocken. Dann stand sie auch schon vor dem Klo und war einen Moment unschlüssig. Das Würgen kam nicht noch mal und sie drehte sich um, setzte sich, ließ laufen … aber es änderte nichts an dem Knoten in ihrem Bauch. Sie roch an ihrer linken Hand. Und würgte wieder. Sie musste sich die Hände wachen, sich ihre linke Hand waschen.

 War Toja wach? Als er aus der Dusche kam, hörte er Wasser im Gästeklo rauschen. Und als er sich abgetrocknet hatte, rauschte es immer noch. Er zog sich etwas an und ging langsam zum Rauschen. Toja hatte die Tür aufstehen lassen, er schaute auf seine Tochter herunter. Sie wusch sich die Hände.

 „Meine Hand riecht so seltsam … was sollte das …?!“ Toja funkelte ihn an, Tränen liefen über ihr Gesicht. „Schätzchen…“ hörte sie, spürte eine Hand, die ihr über das Haar strich. Sie riss sich los, lief in ihr Zimmer, kauerte sich in eine Ecke. Sie sprach nicht, sah durch ihn durch, wimmerte manchmal leise, aber egal, was ihr Vater sagte und tat, er bekam keine Reaktion. Und als er sie ins Bett trug und zudeckte, wirkte sie wie ein atmendes Stück Holz in seinen Armen. Sie hatte ihre Augen offen, aber sie sah nicht.

 Erst, als er schon seit einiger Zeit schlief, krabbelte Toja noch mal aus dem Bett. Sie suchte sich einen pinken Block, einen Filzschreiber und schrieb einige Minuten ganz konzentriert, bis die oberste Seite voll war. Dann ging sie wieder ins Bett, mit trockenen Augen.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 16, 2009 in Allgemein, Kurzgeschichte und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: