Archiv für den Monat Mai 2009

Aufgeschnappt und weitergeplärrt III

Keine Ahnung, woher es kommt, in einem Forum als Signatur gesehen:

To err is human … to ARRR is pirate …

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Quick – Keine Verleumdungen bitte, Herr zu Guttenberg

Der eine oder andere mag es gemerkt haben, ich bin, wie viele andere auch, dem Stoppschild im Internet feindlich gesinnt, und für mich hat sich Zensursula von der Leyen mit dem Gesetzentwurf kräftig jeglicher Ernstnahme entzogen. Wer so einen populistischen und antigrundgesetzlichen Gesetzentwurf gestaltet und sich damit auch noch als Bekämpferin der Kinderpornografie feiern lässt – Leute, die mehr davon verstehen, können sehr schön belegen, dass die wenigen Kinderpornografiehändler im Internet durch dieses blöde Stoppschild nur gewarnt werden und schnell servertechnisch umziehen können, wenn ihnen jemand auf die Spur kommt – es geht hier also eher um die Unterstützung von Kinderpornografie … aber wie gesagt, da verstehen andere Leute mehr von …
Auf jeden Fall sah ich vorgestern mit Erstaunen einen Ausschnitt aus „Zapp“ vom NDR, in dem die ganze Problematik durchaus sinnvoll erklärt wurde – kurz jeder konnte sehen, wie blödsinnig diese ganze Sache ist.
Dabei gab es auch ein kurzes Interview mit Wirtschaftsminister zu Guttenberg, und dieser gelackte CSUler zeigte gleich ganz unbekümmert, dass es ihm egal ist, wen er vor den Kopf stößt. Ohne mit der getuschten Wimper zu zucken, stellte er über achtzigtausend Unterzeichner der Petition gegen das Zensursula-Gesetz als Sympathisanten und Unterstützer der Kinderpornografie dar, na danke!
Lieber Herr zu Guttenberg, sicher haben sie die Petition nicht gelesen, in der ja ausdrücklich steht, dass jeder Kampf gegen die Kinderpornografie unterstützt wird, sicher haben sie auch kein intimeres Wissen über die technischen Probleme – hab ich auch nicht, da bin ich total ehrlich – aber haben sie noch nie von Dieter Nuhr gehört? Der Spruch war für sie!!
Welcher Spruch? Na der:
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!

Das ist nichts weniger als eine Verleumdung aller Mitbürger, die die Petition unterschrieben haben – also auch eine Verleumdung meines einen … ich werbe sogar in diesem Blog dafür, die Petition zu zeichnen. Keine gute Erziehung in adeligen Häusern heutzutage? Also ich habe im Arbeiterhaushalt ein bisschen Erziehung mitbekommen. Ich sag nicht, dass alle Adelssprösslinge langen inzestuösen Ahnentafeln entstammen, ich versteh davon nämlich nichts. So viel Erziehung sollte schon sein …

Quick – Die Hexe und das Mädchen – Vier Tage Workshop

Nun ist es geschafft, das Wochenende des Grauens – nein, ich übertreibe maßlos, aber der Name kam mir im Vorfeld irgendwann in den Sinn. Man muss sich das einfach mal vorstellen – da gibt es eine locker zweistündige Show, eine Revue mit allen möglichen Elementen, und die wird fast vollständig von Amateuren auf die Bühne gestellt – und in der Mitte stehen zwei kleine elfjährige Mädels, die sich die eine der beiden Hauptrollen teilen.
Ich bin Co-Regisseur der ganzen Angelegenheit und das bei 150 Mitwirkenden – und ich bin im speziellen für alle da, die viele Fragen haben, also alle jungen Darsteller, für die Chöre, die sich mit dem Theaterkram ja auch nicht so auskennen, für die Zusammenarbeit mit einer Zirkus-AG … irgendwie hat man nach dem ersten Tag schon das Gefühl, dass man kaum noch reden kann, dass der Kopf brummt, dass man sich manchmal sogar an einen anderen Ort wünscht. Aber andererseits fängt das eine oder andere auf einmal an zu funktionieren, plötzlich sieht man die kleinen Details – ja, es macht auch vieles einfach Spaß. Dass man nebenbei mit dem einen oder anderen plötzlich näherrückt, und natürlich auch da und dort mal von Leuten irgendwie enttäuscht wird – aber insgesamt sieht es wirklich gut aus, über größere Teile wird „Die Hexe und das Mädchen“ eine gelungene Show – vermutlich können wir sehr stolz auf das Endprodukt sein.
Bei anderen Sachen mag der Weg das Ziel sein, im Moment weiß ich, dass nur die Premiere das Ziel ist, nur das Endprodukt zählt.
Als ich gestern abend nach Hause kam, war irgendwie die Batterie total leer, aber langsam und nach dem ich meine Pokerbankroll einigermaßen ruiniert habe – das ist ja immer sehr entspannend – bin ich wieder fast im Lot. Allerdings waren meine niedlichen Grundschüler aus meiner Theater-AG heute ein bisschen erschrocken, da ich deutlich mehr Disziplin eingefordert habe, als ich das sonst mache … war wohl noch ein bisschen angekratzt.

Skandaloper? – Ja, gerne …

Vor einiger Zeit schrieb ich meine Meinung zum Opernstreit in Köln, wo sich ein Teil des Chores und zwei Solisten Atteste besorgten um nicht bei „Samson et Dalila“ mitmachen zu müssen. Am Samstag habe ich dann die dritte Vorstellung gesehen, ich hatte für die Premiere Karten, aber da die verschoben wurde, war das alles ein bisschen chaotisch.

Nun also, mit letztem Atem den Rang gefunden und die Plätze besetzt, es kann losgehen, und das passiert auch gleich. Ein Knall, das Licht erlischt blitzartig, und wenn jetzt das Orchester nicht einen Moment zu lange brauchte, um endlich mit der Ouvertüre anzufangen, wäre das noch ein Stück überzeugender. Aber wenn dann die Musik spielt – nun ja, man kann sich über die musikalische Qualität der Oper sicher streiten, nicht aber darüber, dass Camille Saint-Saëns in seiner orchestralen Musik die größten Stärken hat, also auch in der Ouvertüre – erscheint langsam, fast wie auf einer Leinwand das Bild eines Schlachtfeldes, immer mehr von der Bühne wird sichtbar und dieses Bild ist wie aus einem großen Gemälde der Romantik geschnitten, nur kräftig aktualisiert – Schutt liegt da, umgestürzte Tische, eine Waschmaschine wird von zwei Bränden illuminiert, und dazwischen menschliche Körper. Was für ein Bild! Tilman Knabe zeigt hier gleich mal, in welche Richtung es geht. Der Konflikt ist irgendwie heute, und vermutlich im Nahen Osten, aber darauf kommt es gar nicht an, Knabe zeigt mit diesem Anfangsbild, dass er den kriegerischen Stoff absolut ernst nimmt, dass er gewillt ist, dem Publikum Bilder hinzuknallen, die es nicht vergessen wird, und dass er das in keinem Moment nur halbherzig betreibt.

Nun führt Samson seine Hebräer aus der Sklaverei und besiegt Abimelech, einen bis dahin wunderbar spielenden Bass, böse bis dorthinaus, ein arrogantes Aas, so mag ich mein Theater. Im Siegesjubel wird gut gebechert und ein bisschen in Zeitlupe und angezogen gevögelt – ist das alles, muss man sich hier fragen, nein, das ist es noch nicht. Aber auch hier funktioniert jeder Moment der Inszenierung. Die Zeitlupenfeier bringt eine gute Brechung.

Im zweiten Akt sind wir dann bei Dalila im Hotelzimmer, wo sie erst ihren Hohepriester empfängt und danach Samson verführt. Auch hier gibt es ein bisschen ziemlich angezogenen Sex, bei dem man auf einmal weiß, warum Dalila da in solche Höhen kommt – Effekthascherei? Nicht wirklich, eher logisch, wenn man die Verbindung zwischen den „Bösen“ im Stück darstellen will. Am Ende des ersten Aktes wird Samson nun also skalpiert und verliert seine Macht – die Geschichte ist ja biblisch und wird daher als bekannt vorrausgesetzt.

Danach, im dritten und letzten Akt, feiern die Philister eine dicke Party, dekadent bis zum Erbrechen und eben nicht nur mit Verhöhnung des Samson sondern auch mit dem Vergnügen an besiegten Hebräern, die man nach dem Vergnügen auch gleich entsorgt. Da nun, kommt wirklich eine Szene mit Schockmoment, da nun setzt Knabe auf ein bisschen Kunstblut und auch auf nackte Haut – allerdings muss man schon eine gehörige sadistische Ader haben, um davon erregt zu werden. Menschen werden gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt und ermordet – das geht allerdings nicht in quälender Langsamkeit voran, sondern in schlichter und roher Geschwindigkeit. Natürlich werden keine Bühnenregeln gebrochen, die Oper wird hier natürlich nie auch nur ansatzweise pornografisch und die Selbsteinschätzung der Kölner Oper, diese Inszenierung ab sechzehn Jahre zu empfehlen finde ich recht vorsichtig – ich würd da auch Zwölfjährige reinschicken, wenn sie hinterher die eine oder andere Möglichkeit haben, nach Sachen zu fragen und Sachen erklärt zu bekommen. So eindeutig und drastisch die Bilder sind, die Tilman Knabe da gefunden hat, sie sind noch lange nicht grenzwertig. Aus dem Film und auch durchaus aus dem Sprechtheater kennt man weitaus heftigere Mittel.

Der Applaus am Samstag war groß und intensiv, intensiver, als ich das bisher in der Oper gehört habe. Ein strahlendes Ensemble zeigte, dass man offenbar einen Heidenspaß dabei hatte, eine Geschichte gut zu erzählen. Schade, dass nur bei der Premiere der Regisseur sich zeigt, ich hätte gerne jedem Buhrufer ein Bravo entgegengesungen.

Bei uns hier in der Provinz liest man einen Ableger der Kölnischen Rundschau, in der sich natürlich eine große Gruppe konservativer Leserbriefschreiber solidarisch mit den Arbeitsverweigerern aus dem Ensemble erklärt haben. Hier gibt es große Anhänger einer unkünstlerischen ästhetisch schönen Oper, die am liebsten konzertante Aufführungen hätten, bei denen sie keine Geschichte erzählt bekommen, sonder die Klassiker aus dem Wunschkonzert zu hören kriegen. Zwei Sachen fand ich sehr bemerkenswert. Erstens die sehr positive Rezension, deren Schreiber sich darüber lustig machte, dass die Buhs sich sehr nach ausgebildeten Stimme angehört hätten, und zweitens ein Leserbrief zwei Tage später, der sich bei Tilman Knabe und der Kölner Oper für einen wirklich herausragenden Abend bedankte. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich da einfach mal anzuschließen.

Marie Antoinette – Musical … oder so …

Michael Kunze und Sylvester Levay waren als Texter und Komponist ja schon erfolgreich, als sie noch keine Musicals schrieben, aber man muss ihnen einen großen Verdienst zuschreiben, mit Elisabeth zeigten sie, dass Musicals auch dann erfolgreich sein können, wenn ihre Originalsprache Deutsch ist.

Ich bin vor ein paar Tagen über ihr neuestes Musical gestolpert, und habe mir die CD gekauft, konnte mal wieder einfach nicht dran vorbei. Ich bin seit vielen Jahren schon ein großer Liebhaber des Musiktheaters und meine Wurzeln liegen beim Musical – meine Sammlung an Musical-CDs ist dementsprechend sehr groß – und nun kam also Marie Antoinette dazu.

Und gleich ab damit in den Giftschrank!!

Machen wir mal eine kleine Umleitung: Ich kann nicht sagen, dass ich je ein riesiger Fan der Kunze/Levay-Musicals war, am ehesten noch von Mozart, und natürlich war ich von Elisabeth auch beeindruckt. Sowohl bei Mozert als auch bei Elisabeth gab es einen wirklich cleveren dramaturgischen Clou – bei Elisabeth war es der Tod, der personifiziert eine Liebesaffäre mit der lieben Sisi haben darf – das bedingt zwar, dass ihr Gemahl, der Kaiser, zu einer der schwächsten Musicalrollen aller Zeiten wird – der totale Waschlappen – aber da geht einiges ab, was wirklich interessant ist, da gibt es gute dialogische Songs, eine Menge derben Humors und viele weitere Bosheiten – lustvoll wird mit der Sissi-Seligkeit aufgeräumt – und auch musikalisch steckt da eine Menge drin. Auch, nun ja, wenn ich zugeben muss, es gibt ein paar Stellen, die ich nicht mehr hören kann, und es gibt auch ein paar Texte, die wiederum selbst hart am Kitsch sind.

Bei Mozart gab es auf der Bühne einen kleinen Mozart, das Idealbild Amadé, der mit dem quasi erwachsenen Wolfgang kontrastiert – der Clou kommt zwar bei der Musik – und ich gebe ja gerne zu, ich habe es nicht gesehen – eigentlich gar nicht vor, aber auch hier haben wir wieder tolle Dialoge, die einfach gut in die Musik hineinspielen, hier gibt es Witz und auch mal was schönes.

Danach kam Rebecca, was mich schon deutlich weniger faszinieren konnte – und nun Marie Antoinette – das Grauen, schlechter deutscher Schlager, der sich als Musical tarnt. Nicht nur, dass die Texte von größter dichterischer Schlichtheit sind, die Rollen plärren auch noch die ganze Zeit offen heraus, was sie gerade fühlen, denken, und auch noch, welche Funktion sie im Stück haben und was der kommende Konflikt ist – nichts davon wird irgendwie verschlüsselt, nichts durch die Blume gesagt, meine Güte, ist das platt. Und ich rede nicht von einem oder zwei Ausrutschern, nein, das geht von vorn bis hinten so. Dazu dann die Musik – genauso belanglos. Das ist ein kitschiger uninspirierter Musikbrei, grauenhaft.

Kunze und Levy sind nicht mehr die jüngsten, und vermutlich wollten sie noch so lange ein bisschen Geld zusammen verdienen, wie sie es können – aber wie schade, dass so ein Machwerk in einem Musicaltheater aufgeführt wird, während sich begabtere Texter und Komponisten über ähnliche Möglichkeiten ein Loch in den Bauch freuen würden.