Daniel Kehlmann vs. Regietheater

Ich habe mich gerade eine halbe Stunde mit dem beschäftigt, was Romancier Daniel Kehlmann in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gegen das Regietheater gesagt hat … und da ich ja nun selbst Regisseur bin, wenn auch nur ein kleiner in der Provinz, so muss ich doch mal meine Gedanken hierzu sammeln.

Kehlmann hat über seinen Vater gesprochen, den Regisseur Michael Kehlmann, der irgendwann aus der Mode kam, weil er nicht dem Regietheaterhype hinterherlief. Er hat davon gesprochen, dass sein Vater sich als „Diener des Autors“ sah – und damit hat er mir sehr gut getan.

Bei mir ist es so, dass ich, einerseits weil mir selten Stücke wirklich gefallen, andererseits weil sie oft nicht so einfach aufführbar sind, wenn man seine Ensembles aus Jugendlichen zusammensetzt, oft eigene Stücke auf die Bühne bringe, quasi das gleiche mache, wie Autorenfilmer das im Filmbereich tun. Ich schreibe Stücke auf meine Bühne hin, ich schreibe Charaktere oft auch auf Schauspieler hin – so kann man hier und da auch Schwächen umgehen oder solide spielende Jugendliche wie Stars aussehen lassen. Schreibe ich nicht für meine Bühne, bin ich deutlich abstrakter in Regieanweisungen, habe aber genauso meine Vorstellungen. Und ich wäre wenig begeistert, wenn jemand mein Stück nur zum Anlass nähme, und daraus was ganz anderes machen würde.

Als Regisseur kann ich natürlich darauf bauen, dass das, was ich schreibe, schon das ist, was ich auch sehen will – dennoch gibt es genug Momente, in denen ich beim Inszenieren wieder abweiche, Text ändere, Ideen einfließen lasse, die aus dem Ensemble kommen, oder auch Momente, in denen ich frage, wer den Quatsch geschrieben hat, so oder so wäre es doch viel sinnvoller. Inszeniere ich Texte von anderen, so sind das üblicherweise Texte, die mir sehr gut gefallen – Stücke, die ich nicht mag, werde ich allenfalls persiflieren, niemals aber ernsthaft inszenieren. Wenn mir aber ein stück sehr gut gefällt, MUSS ich doch diesem Stück dienen, alles andere wäre doch großer Mist – was gewinne ich denn, wenn ich ein Stück, dass ich mag, destruktiv angehe?

Wer sich nicht als Diener des Autors fühlt, wer meint, seine eigenen Gedanken wären wichtiger, als das, was der Autor geschrieben hat, der soll eigene Stücke schreiben und sie auf die Bühne bringen. Letztlich ist es ja auch immer das, was ich meinen Schauspielern auf den Weg gebe: Diene dem Stück und diene dem Publikum!! Macht man das in angemessener Weise, so wird das Publikum einem schon so sehr den Bauch pinseln, dass das eigene Ego befriedigt wird, das garantiere ich.

Damit meine ich keine reaktionären Kitschinszenierungen, an wen auch immer man glaubt, der bewahre … Ja, ich diene dem Publikum, aber nicht dadurch, dass ich mich anbiedere, dass ich jeglicher Provokation aus dem Wege gehe. Ich diene dem Publikum, in dem ich die Geschichte erzähle, die der Autor erzählen wollte, und das ist oft provokant genug.

Die ästhetische Frage, ob man Leute in Originalkostümen auf die Bühne schickt, oder in modernen, oder in zeitlosen, oder einen Designer sich austoben lässt, die ist wirklich nur ein ästhetische – in manchem Stück wird eine zeitlich passende Klamotte einfach die Illusion verstärken, und das ist selten ein Nachteil – es ist aber auch keiner, wenn Romeo in Jeans und T-Shirt daherkommt – allenfalls dann, wenn die Jeans eine Baggy ist, der Darsteller sie nicht authentisch tragen kann und der Regisseur sich damit nur einem Zeitgeschmäckle anpassen will.

In manchen Momenten kann und soll man modernisieren, ein gutes Beispiel ist die „Samson et Dalila“-Inszenierung von Tilman Knabe in Köln, die ja schon im Vorfeld für jede Menge Skandälchen gesorgt hat. Knabe hat zu Recht geschaut, wo die Geschichte spielt, nämlich im Krieg – und da wir heute wohl wenig mit ein paar Speerträgern anfangen können, die in biblischer Zeit metzelten, hat er moderne Soldaten genommen – und hat den Krieg, von dem das Stück spricht, wörtlich genommen, dem Stück, den Autoren also gedient. Eine großartige Inszenierung. Ob es auf der anderen Seite Sinn macht, Wagners mythisch-magische Geschichten in Konzernzentralen zu verlegen? Wahrscheinlich nicht, Wagner spricht nämlich nicht von Konzernzentralen. Ob es Sinn macht, ständig mit Videoinstallationen, mit Nacktheit und verschmierten Körpern zu arbeiten? Nein, macht es nicht – es sei denn, es steckt im Stück drin. Schnitzlers Reigen vollständig angezogen zu spielen, kann nur ein Experiment sein, schlimmes Regietheater, da geht es die ganze Zeit um Sex, wer hat denn angezogen Sex? Habe ich eine gelungene Allegorie, die ich mit Videotechnik ins Stück bringen kann, und die dem Text dient, dann sollte ich sie machen – Großaufnahmen von Darstellern, nur weil ich sie bringen kann, halte ich für lecker sinnlos.

Regisseure müssen alles nutzen, was sie nutzen können, sollen jede Idee des Regietheaters nutzen, aber zu dem Zweck, den Daniel Kehlmann ihnen einzuimpfen versucht: Dient dem Stück, dient dem Autoren – aber, in einer Sache muss natürlich auch widersprochen werden: Ein Regisseur kann keine gute Arbeit abliefern, wenn er geknebelt wird, und oft wird eine Regieanweisung des Autors umgangen werden müssen, weil die nicht passt, weil die Geschichte besser wird, ohne sie … und hier muss präzisiert werden: Dient dem Stück, dient der Geschichte!! Der Autor ist selbst nur ein Medium, durch die die Geschichte zu uns gekommen ist.

Als Autor freue ich mich über jeden, der die Geschichte, die ich aufgeschrieben habe, weitertragen will, aber ich möchte auch, dass es die gleiche Geschichte bleibt, dass der Geist der Geschichte nicht verändert wird, als Regisseur will ich eine Geschichte erzählen die mir gefällt, dazu nutze ich alles, was mir einfällt, wenn es denn der Geschichte dient, denn ich bin nur der Regisseur, der Spielleiter, wichtig darf ich mich nicht nehmen.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 28, 2009, in Gesellschaft, jugendtheater, Literatur, Musiktheater, Oper, Theater. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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