Einstellungen, Einstellungen

Weil ich in letzter Zeit mehrfach darüber nachgedacht hab, was eigentlich der richtige Zugang, die richtige Einstellung zum Theater ist, ja sein muss, möchte ich hier mal wieder ein wenig meine Gedanken sammeln und sie zur Begutachtung frei geben.

Naja, als erstes muss ich mal festlegen, dass Theater ein Kunst ist, und wie alle Künste nicht von einem praktischen Sinn erfüllt. Genauso wenig, wie es wirklich einen Grund gibt, aus einem Stein eine Statue zu hauen, genauso wenig gibt es einen, eine Bühne zu betreten – außer für die wenigen, die damit ihr Geld verdienen können, aber wie viele sind das schon. Wenn es also eigentlich keinen Sinn dafür gibt – und wahrlich, man wird oft genug darauf hingewiesen, dass es keinen Sinn dafür gibt, zumindest in den Augen derer, die die Vernunft gepachtet haben und fragen, ob man denn nicht lieber was machen will, was ein bisschen sicherer ist … Danke, nein! – wenn es nun also keinen Sinn dafür gibt, dann muss man mal ein bisschen bohren, warum macht man das denn?

Man macht Kunst, weil es da eine Art Magie gibt – ja, ich weiß, wie esoterisch das klingt -, eine Verbindung zwischen Künstler und dem Empfänger dieser Kunst, die eine man in der Wirtschaft eine Win-Win-Situation nennt. Der Künstler gibt seine Energie, seine Phantasie, und durchaus auch sein Handwerk und seine harte Arbeit in die Kunst, und bekommt die süße Belohnung Applaus – und oft noch süßere Sachen, Tränen zum Beispiel, wenn er sie anrührt, echtes lautes Lachen ist auch toll, wenn man merkt, wie sehr die Zuschauer (ja, ich gehe jetzt natürlich vom Theater aus) am Geschehen auf der Bühne teilnehmen, wenn man sie wirklich erreicht, ist das besser als jeder, manchmal auch höfliche Applaus -, der Zuschauer, -hörer, der Leser oder Betrachter bekommt ebenfalls etwas, nämlich jede Menge Anregungen, Gefühle, Gedanken – „wer sich Carmen angeschaut hat, geht als Torrero aus der Oper!“ (keine Sorge, gilt nur für Männer) – ja, ganz besondere Stimmungen, die eben kaum anders als in der Kunst zu erreichen sind. Dafür bezahlt man üblicherweise auch gern seinen Eintritt, seine Tonträger oder gar das Bild, das man erwirbt – oder sollte man vielleicht sagen „bezahlte“, da hier das Internet in eine andere Richtung verweist? Wer weiß, wie lange es noch finanzierbar ist, Kunst zu machen, aber das ist ein anderes Thema.

Also sollte jeder, der gefühlsmäßig zu erreichen ist, verstanden haben, dass es genügend Gründe gibt, Kunst zu machen und das bisschen Magie zu erreichen, das wir in unserer Welt noch haben. Sind wir d’accor? (ich habe keine Ahnung, was der französische Ausdruck heißt und ob er richtig geschrieben ist, aber Insider werden jetzt hoffentlich ein bisschen lachen – dafür macht man das halt …)

Jetzt ist es ja so, dass ich diese Kunst, die man Schauspielen nennt, unterrichte – und man sagt mir nach, dass ich das zumeist auch mit rudimentärem Erfolg mache. Und dazu habe ich natürlich auch eine Einstellung – jaha, ich hab das Thema nicht vergessen, ich komme ihm auch immer näher. Ich möchte etwas erreichen mit meinem Unterricht – und eben nicht nur, dass ich mein Benzin bezahlen kann, auch wenn das ein netter Nebeneffekt ist (an dem Tag, an dem das nicht mehr Nebeneffekt ist, hör ich auf!) – ich möchte, dass meine Schüler ihr Handwerk erlernen, logisch, ich möchte, dass sie selbstbewusster werden, dass sie ein Gespür fürs Auftreten, für Sprache, fürs Publikum entwickeln, ja, ich bin vermessen genug, ich möchte, dass meine Schüler die Faszination, Kunst zu machen, verstehen und selbst fasziniert werden. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass ebendiese Schüler auch dann auf die Bühne gehören, wenn mir gerade nichts einzufallen mag, dass ich mich durch sehr frustrierende Momente durcharbeiten muss – zum Beispiel durch den Moment, in dem sie das, was sie machen sollen, gerade total doof finden – „hey, wir sind die Typen mit der Torte im Gesicht“, heißt es so schön in „Fame“, das trifft auf mich immer zweimal zu, denn mein erstes Publikum sind meine Schüler, das zweite das Publikum – keine Ahnung wem es zu verdanken ist, dass irgendwann eigentlich immer der Punkt kommt, an dem sie das dann doch wieder gut finden, irgendwie weiß ich es dann meistens ja doch irgendwie besser: Lehrerkrankheit.

Und es ist meine feste Überzeugung, dass ich sogar schon mit meinen Grundschülern einen künstlerischen Ansatz verfolge, kein Niedlichkeitsfanal, wie es so überaus üblich ist, kein Märchenkitsch – bei mir spielen Kinder Kinder, keine Fabelwesen, keine Tiere, einfach Kinder, die etwas erleben. Und dabei dürfen die Gefühle auch schon mal schwierig sein, nicht alle sind immer gut, schon lange nicht im Theater – und wie sollen aus Kindern und Jugendlichen denn begeisterte Theatergänger werden, wenn sie in simplen Kitsch gedrängt werden, wenn sie selbst auf der Bühne stehen?

So ist es fast logisch, welche Einstellung ich meinen Schülern mitgeben will, damit die auf der Bühne das beste hinbekommen: Man muss das eigene Ego schön zurück nehmen, mit allen anderen gut zusammen arbeiten, sich selbst nicht wichtig, die Kunst selbst aber umso wichtiger nehmen.

Ich hab keine wichtige Rolle bei einem Stück?

Egal, Hauptsache ich habe eine, und dann werde ich versuchen in dieser Rolle alles zu bringen, was ich kann, werde versuchen, etwas besonderes aus dieser Rolle zu machen, ohne andere an die Wand zu spielen. Nebenrollen, oder in der Übersetzung der Oscar-Kategorie, unterstützende Rollen sind absolut wichtig für jedes Stück – das kann sich so steigern, dass es manchmal ein einziger Satz Text ist, für den Schauspieler einen Sonderapplaus bekommen – dann haben sie was richtig gemacht.

Ich fühle mich übergangen?

Hm, blödes Gefühl, und der Tipp jetzt mal bei sich selbst zu schauen, warum das wohl so gekommen ist, ist immer schwer durchzuführen – aber so ist das nun mal in der Schauspielerei, gerade Schauspieler brauchen so viel Selbstbewusstsein im Wortsinne, sie müssen sich über ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein – und Rollenverteilung hängt oft an Typen, an Äußerlichkeiten – und manchmal glaubt so ein Regisseur einfach, er wüsste es besser, weil das nun mal sein Job ist und weil er die Verantwortung übernimmt, weil er etwas sieht, was man als Schauspieler noch nicht gesehen hat.

Ich langweile mich und ich find das blöd, was ich da machen muss!

Ja, Schauspielerei ist wie Krankenhaus, man wartet lange und es tut weh – nicht von mir, trotzdem richtig. Ich kenn solche Proben, man fährt – ist mir exakt so passiert, lockere fünfzig Kilometer, um zumindest eine zeitlang bei einem Probenworkshop dabei sein zu können, kommt quasi pünktlich zum Mittagessen, macht noch eine halbe Stunde Pause mit, probt dann den Teil der eigenen Rolle, den man schon kann und fährt dann wieder fünfzig Kilometer zurück im Wissen, dass dieses Benzin nicht nötig gewesen wäre – aber durchaus auch mit dem Gefühl, mehr vom Stück gesehen zu haben, sich besser auszukennen – nur die eigenen Sachen, ach ja, das darf man nicht so ernst nehmen, niemand kann nach der Anwesenheit von Amateurschauspielern planen, die sind eh nicht da, wenn man sie braucht. Da braucht man ein dickes Fell, auf beiden Seiten. Ach ja, ich find das auch manchmal blöd, was ich machen muss, in fact, ich muss mir manchmal sogar anhören, dass meine Schauspieler alles doof finden, was sie machen sollen, gehört leider auch zu meinem Job, boah find ich das doof – das Leben ist doch auch echt doof, oder?

Aber ich bin doch wichtig … oder?

Ja, bist du, wirklich, jeder Schauspieler ist sauwichtig, egal, ob er dreißig Seiten Text speichern muss, oder nen Baum spielt, jeder ist wichtig. Aber nie wichtiger als das Stück, nie wichtiger als das Publikum, denn jeder, der sich das anschauen will, der hat ein Recht darauf, dass du dein Bestes gibst, egal, ob er dein Freund ist, oder ob er sich nicht kennt, jeder hat ein Recht, dass du ihn anrührst, ihn begeisterst, denn das ist dein Job – und ich verspreche dir, machst du deinen Job gut, dann wird dir der Zuschauer alles an Anerkennung und sogar Liebe schenken, was er hat – und mehr kannst du nun mal nicht verlangen!

Nun, was ist denn, wenn meine Schüler das nicht wollen, nicht so viel Energie in die Sache stecken wollen, nicht so viel Engagement, nicht so viel von ihrer eigenen Persönlichkeit? Nun, Reisende, so heißt es, soll man nicht aufhalten, wer eine solche Einstellung nicht zustande bekommt, gehört auf keine Bühne, und auch wenn ich immer bereit bin, die kleinen Faulheiten, die kleinen Bequemlichkeiten zu entschuldigen, es sind ja nur Kinder und Jugendliche, man darf da nicht zu hart sein – ich bin der letzte, der das ist -, so ist es meine Pflicht immer wieder in diese Richtung zu schieben, das Theater muss nun mal wie jede Kunst ernst genommen werden, und wenn man diese Einstellung ablehnt, sich selbst wichtiger nimmt, so muss ich auch offen sagen, dass man noch viele andere Hobbys haben kann, es muss nicht Theater oder Musical sein – allerdings werden diese Leute wahrscheinlich auch beim Handball oder Aquarellkurs unangenehm auffallen, beim Erlernen eines Instrumentes sowieso, und eigentlich immer und überall.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 15, 2009 in jugendtheater, Kultur, Kunst, Musical, Musiktheater, Schule, Theater und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Sehr gut geschrieben. Man merkt deutlich, dass Du ein Theatermensch bist. Das ist, meiner Meinung nach, etwas sehr wertvolles, weil es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden ist, Menschen mit einem „Theaterherzen“ zu finden.
    Ich erkenne mich in Deinem Text nur allzu oft wieder, er bestätigt meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse.
    Und doch ist es so, dass ich, gerade jetzt in diesem Augenblick, mit diesem Thema hart ins Gericht gehe, entscheiden muss, ob das Theater der richtige Ort für mich ist. Tief im Inneren weiß man, dass man wichtig ist, aber es ist ein ständiger Kampf gegen sich selbst, das auch zu akzeptieren.
    Wer das Theater liebt, wird sich ständig fragen, ob er gut genug ist und ob er mit seiner Person überhaupt etwas zum Gelingen einer Produktion beiträgt. Und das ist, glaube ich, die größte Herausforderung, die dieser Beruf zu bieten hat: die Überzeugung, dass man etwas leistet. Aber ich arbeite hart daran. 🙂

    Sehr schönes Blog, werde hier des Öfteren einmal vorbei schauen.

    Herzliche Grüße,

    Zoey

  2. Gesammelte Gedanken während des Lesens:
    Dàccord! Richtig geschrieben und gelacht!
    Die Sache mit dem Krankenhaus, ich mag sie nicht hören! (Und auch nicht lesen!)
    Das Leben ist nicht doof und so böse ist auch keiner zu dir!
    Ich glaube, ich sollte mich angesprochen fühlen… Oder ist das wieder zu vermessen? Nun ja…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: