Archiv für den Monat November 2009

Für ein populäres Theater!? – ein paar Gedanken …

Dankenswerterweise wurde mir dieser Artikel in die Hand gegeben: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=712&Itemid=84. Sehr lesenswert. Autor Stefan Keim bringt das Theater endlich mal auf eine intellektuelle Ebene mit den anderen dramatischen Künsten, mit dem Fernsehfilm, mit dem Kino. Jetzt könnte man natürlich sagen, er bringt es auf eine niedrigere Ebene, aber was heißt das eigentlich?

Keim spricht von dem Contergan-Fernsehfilm, und warum sich das Theater nicht einem solchen Thema auf eine ähnliche Art und Weise annähern kann, wie der Film – ja, niemand in den Feuilletons käme laut Keim darauf, ein solches Thema im Theater zu vermuten. Das Theater ist nicht mehr in der Mitte der Kultur, sondern nur noch eine Randerscheinung – eine relativ eindeutige Einordnung, wenn Keim sie auch nicht gerade schonungslos vorbringt. Natürlich hat er Recht, das Theater hat sich genauso von seinem Publikum entfernt, wie es die E-Musik getan hat, die Bildende Kunst und viele andere mehr. Und wenn Keim anklingen lässt, dass die Länder, in denen das Theater wenige bis keine Subventionen bekommen, ein spannenderes Theater machen, als das in Deutschland geschieht, dann stimmt auch das ohne Zweifel – unter dieser Prämisse könnte die schwarz-gelbe Regierungszeit eine unfreiwillige Qualitätssteigerung im Theater herbeiführen. Woran liegt das? Warum ist das Theater in Deutschland verkopft, und so weit außerhalb der Gesellschaft, wenn doch der einstige kleine Bruder Film immer noch und trotz weitläufigem weiteren Medienangebot die Nummer 1 ist? – Wenn auch mehr auf Bildschirmen als im Kino – aber auch Kinos gibt es ja und es geht ihnen trotz vieler Klagen ziemlich gut.

Dem Theater geht es ja eigentlich auch gut, schließlich leben da immer noch viele Menschen von, und es gibt ja auch immer wieder Sachen, zu denen die Zuschauer strömen – aber im Großen und Ganzen ist einfach der Kontakt vom Theater zur Wirklichkeit abgerissen. Und wenn Stefan Keim ein populäres Theater fordert, dann hat er recht, ganz einfach und schlicht recht. Es gibt so großartige Filmstoffe, die auch wunderbare Theaterstücke ergeben würden – aber die Bühnen erreichen meistens allenfalls die Musicals, die man aus den Filmen zimmert, auch schön, aber selten sehr ergiebig. Wo wird der „Club der toten Dichter“ auf die Bühne gebracht? Oder „Wie im Himmel“? – ups, das habe ich sogar auf einer Bühne gesehen, als Klassenspiel der hiesigen Waldorfschule, aber im Spielplan von Schauspielhäusern und Stadttheatern findet man so was nicht …

Und wie wunderbar kann man diese Stoffe mit den Mitteln des Theaters umsetzen, ihnen neue Dimensionen geben, die Zuschauer wahrhaftig an ihnen teilhaben lassen. Man könnte Menschen mit Umsetzungen großer Filme wahrhaftig beschenken – wie wäre es, vor Weihnachten „Ist das Leben nicht schön?“, geht es denn besser? – Richtig, „Besser geht es nicht“ wäre auch ein schöner Stoff … ich verfranse mich gerade … und wenn ich schon dabei bin – es muss nicht immer Hollywood sein, nein, wirklich nicht – wie wäre es mit „Kleine Haie“ oder „Barfuss“?

Natürlich geht es nicht nur um die Umsetzung von Filmstoffen, aber das wäre schon mal ein weites Feld – dazu kommt alles, was die Literatur hergibt und bitte, bitte auch neue, gut geschriebene Stücke – nicht von durchgeistigten Dramatikern, sondern von praktischen Geschichtenerzählern – und hier kommt natürlich Keims Kritikpunkt wieder hervor, dass man vom Schreiben von Theaterstücken nicht leben kann, wohl aber vom Schreiben von Drehbüchern fürs Fernsehen – da stimmt also was nicht.

Die Themen fürs Theater liegen auf der Straße, von Fritzl über Spendenaffären, von Castingopfern bis zu Amokläufern oder was auch immer eine Geschichte hergibt – denn genau hier krankt es doch dran, an den Geschichten. Aus dem Theater ist ein Ort für intellektuelles Gelaber geworden, wortreich, sinnleer, langweilig. Aber Theater muss Handlung, Gefühl und Wirklichkeit sein – das unmittelbare Erleben ist doch der große Vorteil des Theaters, warum wird der ständig verschenkt? Oder gegen billige Provokation getauscht?

Aber Stefan Keim hat nicht nur Recht. Er möchte die Genre-Stücke zurück ins Spiel bringen. Das zielt aber auch wieder recht kurz, denn Genres sind schön, haben aber oft zu enge Grenzen. Krimis und Psychothriller sind nette Labels, aber das deutsche Schubladendenken ist so allumfassend, dass die Gerne-Stücke beim Feuilleton eh durchfallen werden, dass man sich schämen wird, „so was“ im Theater anzuschauen, selbst wenn man dabei großen Spaß hatte. Genres sind für Kritiker praktisch, aber sonst nicht viel. Es geht um Geschichten, wenn die erzählt werden, dann sind doch die Genres egal.

Und irgendwie stellt Keim auch Verfremdungen der straighten Genre-Erzählweise gegenüber – auch das ist Unsinn. Das Theater hat sich einen reichen Werkzeugsatz erarbeitet, mit dem sie Geschichten anders erzählen kann, als das der Film macht, da sind ganz viele Verfremdungen bei und die sind auch wichtig. Wo könnte man die Realität so schön brechen, poetische Momente hinzufügen, Ironie nutzen, wie im Theater – aber man darf das eben nicht gegen die Geschichte, man muss die Geschichte damit unterstützen! Bei Tarantino sagt auch keiner, dass er keine Geschichten erzählen kann, nur weil er ein paar nette Verfremdungen in seine Filme einbaut.

Ja, es muss wieder an einem populären Theater gebastelt werden, aber mal ganz konkret gesprochen, nur gutes Theater kann populäres Theater sein, und gutes Theater erzählt mit allen Mitteln dieser großartigen Kunst gute Geschichten!

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Neue Studiobühne Siegen – „wir schlafen nicht“

Jetzt habe ich fünf Minuten lang überlegt, ob ich ein Wortspiel mit dem Titel des Theaterstücks von Kathrin Röggla bastel, aber irgendwie ist das eher kontraproduktiv. Nun ja, da hat sich eine neue Theatergruppe an der Uni Siegen gebildet und sich für „wir schlafen nicht“ entschieden. Ich hab mir das angeschaut, weil ein Schauspieler aus meinem Ensemble dabei war und nächste Woche noch ist, und, na ja, da muss man ja auch was zu sagen.

Ein weißer, seltsamerweise etwas unheimlicher menschengroßer Duracell-Hase eröffnet das Spiel. Zuschauer strömen herein, Neon leuchtet kalt und unangenehm ins Publikum. Und nun beginnen die Sprachkaskaden, immer drei Darsteller spielen eine Figur, was man anfangs erst erschließen muss, sie reden von Praktika, von Medien-Vergangenheit, von Menschen freisetzen und allem möglichen weiteren Wirtschaftsquark. Dabei mutieren sie nach der Pause zu Zombies, der Hase bringt die IT-ler um, es gibt also ein bisschen was zu sehen, und noch viel mehr zu hören …

Und es ist langweilig. Hey, es gibt gute Momente, und keine Frage, der Star meines Ensembles ist es auch in diesem – also hat sich für mich das Anschauen gelohnt – aber es ist einfach langweilig. Diese vielen Wiederholungen, diese unsinnige Wortkolonne ohne Gefühle, da passiert einfach nichts. Und sämtliche Bösartigkeiten, sämtliche Widersinnigkeiten der Wirtschaftselite bleiben Fakten, die man registriert, über die man nachdenken kann, die aber niemanden bewegt, die nichts wirklich klar stellt. Das ist einfach nur Geschwafel. Und der hoch erhobene Zeigefinger ist auch nur nervig – meine Güte, wie kann man so plakativ politisches Theater machen, das ist so aufgesetzt. Da fühlt sich niemand wirklich in die Typen ein, die nicht mehr schlafen, die Drogen nehmen, um wach zu bleiben, das hätte man doch auch spielen können – gut, es ist eine Amateurgruppe, man gibt sich studentisch intellektuell, aber da kann man doch was rausholen, gut, manche waren von Textmenge und –geschwindigkeit auch einfach überfordert, und so funktionierte das Spiel mit den drei Darstellern, die eine Rolle spielen auch nicht wirklich. Leute, Kunst ist nicht intellektuell sondern sinnlich. So wird das nichts. Nette Ansätze und ein gruseliger Plüschhase reichen einfach nicht für einen guten Theaterabend.

Leserbrief zum Spiegelartikel über die Indizierung des neuen Rammstein-Albums vom 16.11.09

Da wird ein Musik-Album auf den Index gesetzt und der Spiegel kommentiert das genüsslich, von einem sachlichen Artikel kann nämlich kaum die Rede sein. Eine Band, deren Texte zum besten gehören, was momentan in deutscher Sprache veröffentlicht wird, wird auf eine Masche kleingeredet. Der Autor des Artikels hat noch nicht mal den einfach zu dechiffrierenden Text von „Pussy“ verstanden, in dem es um post-kolonialen Sextourismus geht, er nennt die Texte dadaistisch. Dadaismus war aber sinnentleerend, bei Rammstein hat jedes Wort auch Sinn – muss man sich eigentlich mit Literatur auskennen, um für den Spiegel im Kulturteil zu schreiben, wohl eher nicht. Da hat offenkundig jemand geglaubt, einen guten Gedanken zu haben, Rammstein auf die DDR-Vergangenheit der Musiker reduzieren zu können. So schreibt man Kunst kaputt, die man nicht versteht. Die Indizierung ist nebenbei eher lächerlich, zumindest mit der Begründung, dass das zitierte Lied und ein Artwork Kinder und Jugendliche gefährden könnten, bei beiden ist die Gewalt so comichaft überzogen, dass Jugendliche das problemlos verdauen können – und wer Kinder mit Rammstein konfrontiert, spinnt eh, wenn sogar Spiegelredakteure die Ironie nicht verstehen.

Dominion als Ligaspiel

Wer Dominion nicht kennt, den wird das hier nicht interessieren – Dominion ist eines der am schnellsten süchtig machenden Spiele, die ich überhaupt je gesehen hab, und ich kann es nur weiterempfehlen, aber darum geht es mir jetzt gerade eigentlich gar nicht …

Wir spielen Dominion im Freundeskreis, mal mit mehr und weniger Spielern, der eine setzt hier aus, der andere da, und trotzdem würden wir gerne eine Art Rangliste basteln, möglichst eine, die für alle fair ist.

Also muss man verschiedene Wege der Punkteverteilung ermöglichen. Natürlich sollte es Punkte fürs Gewinnen geben. Anbieten würde sich, dass man in Drei-Spieler-Partien für den Sieg zwei Punkte bekommt, der zweite einen, der dritte keinen. In Vier-Spieler-Partien dann der Sieger drei Punkte und so weiter. Allerdings würde das dazu führen, dass Gewinner von Sechs-Spieler-Partien fünf Punkte bekämen und man schon für den dritten Platz in einer Sechser genauso viele Punkte bekäme, wie der Sieger in einem Vierer – das wirkt nicht unbedingt fair – auch wenn es sicherlich schwieriger ist, bei einem Sechser zu gewinnen, als bei einem Vierer. Und doch, besser, man macht da keinen Unterschied, also so große Unterschiede. Man kann, hat man zwei Grundspiele, Dominion mit zwei bis sechs Spielern spielen, also kann man einfach dem Gewinner immer die gleiche Punktanzahl geben, sagen wir sechs. Dann würde sich folgende Tabelle ergeben:

Spieler Gewinner 2. 3. 4. 5. 6.
2 6 0
3 6 3 0
4 6 4 2 0
5 6 4,5 3 1,5 0
6 6 4,8 3,6 2,4 1,2 0

Das erscheint schon mal als recht funktionelles System, lässt sich auch mit einer Tabellenkalkulation problemlos errechnen, und ist relativ fair und ausgeglichen – und wenn jemand keine Kommazahlen mag, dann soll er halt alles mal zehn nehmen – ändert ja nix.

Aber das reicht nicht, es sollte auch zählen, wer wie hoch gewinnt, also genauer, mit welchem Vorsprung. Jetzt wird es aber noch komplizierter. Bei zwei Spielern könnte man einfach vorgehen und sagen, für jeden Punkt Vorsprung gibt es 0,2 Listenpunkte, gewinnt man also mit zehn Punkten Vorsprung, bringt das zwei Punkte für die Tabelle.

Spielen drei Spieler mit wird das komplexer, da könnte man den Abstand zum Zweiten und zum Dritten zusammenzählen und mal 0,1 nehmen. Zusätzlich bekäme dann der Zweite seinen Abstand zum Dritten ebenfalls mal 0,1 zu seinen Punkten.

Vier Spieler … Tabelle:

Spieler Gewinner 2. 3. 4. 5. 6.
2 Vorsprung* 0,12 0
3 Vorsprung auf beide addieren und *0,06 Vorsprung auf Dritten * 0,06 0
4 Vorsprung auf Alle addieren *0,02 Vorsprung auf die Nächsten addieren *0,02 Vorsprung auf den Letzten *0,02 0
5 *0,005 *0,005 *0,005 *0,005 0
6 *0,001 *0,001 *0,001 *0,001 *0,001 0

Man merkt, irgendwann in der Tabelle habe ich angefangen zu rechnen, habe den Grundfaktor niedriger gemacht, also von 0,2 auf 0,12 – erstens wegen der besseren Teilbarkeit, zweitens weil dann ein Vorsprung von dreißig Punkten im Zweier nicht mehr genauso viele Punkte bringt wie der Sieg selbst, der sollte schon noch ein bisschen wichtiger sein.

Jetzt gibt es natürlich das Problem, dass wer mehr spielt, irgendwann auch mehr Punkte haben wird, selbst wenn er schlechter spielt. Das kann man mit einer Mittelung ganz gut bekämpfen, man rechnet einfach den Durchschnitt aus und macht damit seine Tabelle. Das führt allerdings dazu, dass man erst in die Tabelle aufgenommen werden kann, wenn man mindestens fünf Prozent der Spiele des Meistspielenden zusammen hat, ansonsten könnte man mit einem glücklichen Abend für alle Zeit Führender einer solchen Tabelle werden – letztere Regel erscheint mir aber noch überarbeitungsbedürftig, funktioniert die überhaupt?

Naja, jetzt muss ich die ganze Sache nur noch in eine Tabellenkalkulation bringen, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr betrieben habe …

68 – Ein Aufruf!

68, ein Jahr hat die Welt verändert, das Denken, die Moral, vielleicht hat es die Welt sogar mehr befreit, als das ursprünglich gewollt war. Für mich, der ich sechs Jahre später geboren wurde, ist 68 eine Legende. Ich bin mit diesem Jahr groß geworden, mit seiner Verteufelung, mit seiner Idealisierung.

Nun will ich gerne mehr wissen. Mehr über die Zeit und die Bewegung erfahren – natürlich geht es nicht nur um das Jahr selbst, sondern um die ganze Bewegung, die man mit dem Begriff 68 grob beschreibt. Viele der markanteren Daten sind bekannt, aber die sind nur in zweiter Linie interessant. Mir geht es nicht um die historische Berichterstattung, auch nicht um die historische Einordnung, mir geht es um die Geschichten dieser Zeit. Geschichten, Anekdoten, die Atmosphäre dieser Zeit will ich sammeln und daraus letztlich ein Theaterstück schreiben.

Deswegen möchte ich hier die aufrufen, die 68 erlebt haben, die mittendrin waren, die diese bunt gefärbten Jahre so richtig mitbekommen haben, mir ihre Geschichten zu erzählen oder aufzuschreiben. Egal ob Texte, Ton- oder Videoaufnahmen, alles, was erzählt wird, möchte ich gern haben und erfahren. Das können die Erinnerungen von heute an damals sein, das können aber auch Tagebucheinträge und ähnlich persönliche Texte aus der Zeit sein. Diskreter Umgang mit allen Daten ist natürlich garantiert – im Theaterstück werden alle Namen, die nicht zum Zeitgeschehen gehören, natürlich geändert.

Wenn es räumlich nicht allzu weit von mir entfernt ist, komm ich auch gerne auf ein Interview mit dem Diktiergerät vorbei.

Alle Materialien oder Anfragen bitte per E-Post an die folgende Adresse schicken: hollarius@gmx.de – persönliche Antwort ist garantiert.

Schon im Voraus vielen Dank, es grüßt der Hollarius