Archiv für den Monat Mai 2010

Der grüne Mann

Kaum einen Film in diesem Jahr habe ich so erwartet wie den Robin Hood von Ridley Scott – ganz einfach weil ich von sehr jung an von der Figur Robin Hood begeistert bin, weil ich ein riesiger Fan der Serie „Robin of Sherwood“ war und bin, und weil Ridley Scott mit „Königreich der Himmel“ und „Gladiator“ gezeigt hat, dass er was von geschichtlichen Stoffen versteht. Nun lese ich ja viel und unter anderem konnte ich lesen, dass die Kritiken für diesen Film eher ungünstig ausfielen – nichts ganz Neues, das war beim großartigen „Königreich der Himmel“ auch so, allerdings gab es da auch irgendwann eine erweiterte Fassung, die viel stärker war als die Kinofassung. Nun gingen verschiedene Versuche, diesen Film zu sehen schief, aber gestern habe ich es dann endlich geschafft – auch wenn es Tonprobleme gab und ich irgendwann unser örtliches Kino in die Luft jage, wenn solche Zumutungen noch häufiger vorkommen.

Robin Longstride, mal ein anderer Name, ein Bogenschütze in König Richard Löwenherz‘ Armee, ein altgedienter Kämpe – naja, jung kann Russel Crowe ja auch nicht mehr spielen – ein Mann, der ehrlich und mutig ist, aber auch aller Treue zu irgendwem entsagt. Dass es ihn trotzdem zu Lady Marian und nach Nottingham verschlägt, ist klar, aber alles, was man ansonsten erwartet, fehlt hier – klar hat Robin schon die richtigen Männer um sich herum, aber sie sind nicht im Wald, kaum jemand wird überfallen – nein, Robin wird erst mal scheinbar zum Baronerben Robert of Locksley und es geht um richtig große Sachen, eine Invasion der Franzosen in England und einige schöne Intrigen, schon eine spannende Geschichte und, ja, sie ist auch gut erzählt – und ja, es ist völlig klar, dass das der erste Teil einer Serie sein soll, denn er endet in dem Moment, in dem die Robin Hood-Seligkeit beginnt. Eine Sache ließ mich ein wenig unbefriedigt – dieser Robin Hood hat eine Qualität, die bisher eigentlich alle Verfilmungen hatten, nur in homöopathischen Dosen, nämlich Humor. Die mystische Komponente der Fernsehserie gibt es natürlich auch nicht, schade eigentlich.

Aber Schönes gibt es auch, und zwar eine Menge: Sehr gute Action, tolle Bilder, reitende Armeen im Galopp – seit dem Herrn der Ringe weiß man, wie gut das aussehen kann.  Ein gut gemachter Soundtrack und eine, wie eigentlich immer, umwerfende Cate Blanchett ergänzen die Pluspunkte. Und Russel Crowe? Hm, zu viel Maximus im Hinterkopf, und er ist einfach zu alt für einen Robin Hood, nee, so ganz stimmt es nicht.

Also gemischte Gefühle, nicht der Film des Jahres, aber zwei Hoffnungen hab ich noch – erstens muss es mindestens noch einen Teil geben, darauf ist der Film einfach angelegt, zweitens könnte es hier ja vielleicht auch noch eine erweiterte DVD-Fassung geben – könnte ein Gewinn sein.

Flattr this

Advertisements

Das da, direkt neben normal!

Wer meinen Blog hier und da mal liest, mag erkannt haben, dass ich Musicals mag und manchmal auch mach – und wer welche auf die Bühne bringen will, der sollte sich tunlichst auch mit ihnen auskennen, denk ich mir mal so, also versuch ich auf dem Laufenden zu bleiben. Die neueste Entdeckung, und einfach der neue Stern am Musical-Himmel ist „Next to normal“, das einige Tonys gewonnen und mein Herz innerhalb weniger damit verbrachter Minuten erobert hat.

Übrigens heißt der große Erfolg am Broadway nicht, dass wir in Europa da viel von mitbekommen werden, ähnlich phänomenal schlug einst „Ragtime“ ein, und davon hat in Deutschland kaum jemand gehört – okay, das Thema ist recht amerikanisch, aber es ist auch großartig, dass das niemand in Deutschland machen will, ist mir völlig unerklärlich … aber zurück zum Thema:

Soweit ich „Next to normal“ bisher verstanden habe – mein Englisch ist nicht großartig und man versteht bei Liedern ja nicht immer alles – baut sich folgendes Gemälde auf: Eine Familie wird gezeigt, eine augenscheinlich ganz normale amerikanische Familie – und schaut man ins Booklet sieht man, meine Herren, die sehen wirklich normal aus, weißer Durchschnitt – , aber mit der Normalität ist es nicht weit her. Vor allem, weil die Mutter das ist, was man landläufig manisch-depressiv nennt. Die Tochter ist nebenbei ein Genie, und der Sohn … im Alter von anderthalb Jahren gestorben – allerdings nicht so richtig tot, er lebt (und singt) in den Köpfen der Familie weiter.  Dann gibt es noch ein bis zwei Ärzte und den Freund der Tochter, der sie irgendwie nicht davon überzeugt bekommt, dass er sie so liebt wie sie ist.

Klingt nach einem eher drögen Thema, ist aber ein sensationelles Stück. Ironisch witzig, aber auch von einer kathartischen Schonungslosigkeit, was für ein Tragödie und was für eine Komödie in einem Stück. Dialoge und Textzeilen, die zum stärksten gehören, was ich überhaupt je in einem Musical gehört hab, und das eben sowohl in Humor als auch all ihrer Ernsthaftigkeit. Aufgrund der natürlich enormen Fallhöhe sind die Gags natürlich auch besonders heftig. Und musikalisch? Sehr abwechslungsreich, sehr eingängig, endlich mal wieder ein Musical, in dem es eigentlich kein schlechtes Stück gibt, in dem man sich oft in diese tolle Musik reinlegen kann – wie jetzt gerade, das ist toll, wenn man ein Musical hört, während man darüber schreibt. Weder in der Musik, noch im Gesang oder in der Instrumentierung gibt es irgendwelche Schnörkel, irgendwelche unsinnigen Phrasierungen, irgendwelche hohen Töne, die nur das unglaubliche Ego der Darsteller bedient, nicht aber die Geschichte, das Stück. Trotz aller Komplexität und obwohl es so abwechslungsreich ist, wirkt die Musik immer einfach und richtig – ein, wie ich finde, unglaubliches Lob, und dennoch muss man es so sagen.

Ja, ich habe mein Herz an „Next to normal“ verloren, so liebe Leser, jetzt seid Ihr dran!

Quick – 10 000 Leser

Gerade gestern wurde die Grenze geknackt … DANKE!

Wie viel muss der Zuschauer verstehen?

Ich versuch gerade nach Kräften einer Schulproduktion zu helfen, einem kleinen von Schülern selbstgeschriebenen Musical mit ABBA-Songs, das schauspielerisch ein wenig gecoacht werden muss. Dabei unterhält man sich natürlich mit den Kollegen über diverse Dinge und dabei kam die Frage auf, was die Zuschauer verstehen müssen, und was nicht.

So eine Frage führt bei mir ja schon mal zu Meditationen – ich hab mir diese Frage noch nie gestellt, obwohl ich nun schon einige Jahre die Position des Autoren und Regisseurs gerne inne hab. Natürlich hab ich eine impulsive Meinung, die ich nicht geäußert habe, weil ich mir im fast gleichen Moment dachte, dass das eine Meditation verdient.

Das eine Extrem: Ich versteh nix!

Es kommt selten vor, aber es passiert. Das Stück beginnt, ich sehe Bilder, ich höre Sprache und frage mich die ganze Zeit, was denn da los sei. Da ist die Inszenierung nur rudimentär mit dem Text verknüpft, der Regisseur hat vor lauter Ideen vergessen, dass er gefälligst eine Geschichte zu erzählen hat, oder zumindest Mini-Dramaturgien ausspielen muss. Inszenatorische Onanie! Find ich ätzend.

Das andere Extrem: Alles wird erklärt!

Bei manchem Klassiker ist es sogar stückimmanent – die ganze Zeit wird jedes Detail herausgeplärrt, auf das der „doofe“  Zuschauer auch wirklich keinen Zusammenhang verpasst, also gar keinen. Deswegen hat es ja oftmals auch Sinn, Klassiker zusammenzustreichen, aber das nur nebenbei. Auch passieren nur Sachen, die angekündigt und reflektiert werden, alles wird erklärt, es gibt kein Geheimnis mehr – auch furchtbar. Das ist einfach kitschig und noch viel schlimmer, es ist langweilig. Die Zuschauer brauchen nicht mitdenken, das ist nur für die ganz hartgesottenen RTL-Zuschauer erträglich, und die gehen nicht ins Theater. Macht man es dem Zuschauer zu leicht, schläft er ein.

Der Mix macht es – natürlich!

Ach  ja, wie so oft in der Kunst, es dürfen einfach nicht die Extreme sein. Es muss Geheimnisse geben, es muss Sachen geben, die man nicht im ersten Moment versteht. Ja, es ist sogar erlaubt, dass man einzelne Details als Zuschauer übersieht, dass man ein paar Sachen gar nicht so einfach verstehen kann. Wie wunderbar, wenn man ein Stück dreimal sehen muss, bis man alles verstanden hat. In einem Stück über Widerstand im dritten Reich gab es mal den legendären Satz „Ich war gerade beim „T“ von Arschloch“ – ein junger Mann war beim Malen von Parolen überrascht worden. Der junge Mann, der diesen Satz sagte, hat den Gag dahinter erst beim dritten Proben nach Erklärung verstanden – und das, obwohl er meistens ein cleveres Bürschchen ist. Natürlich meinte seine Rolle, dass er gerade das „T“ in Hitler geschrieben habe – damit die Leser den Gag auch erklärt bekommen, Entschuldigung, ich will nur mit offenen Karten spielen. Ich persönlich habe mich beim Schreiben des Gags schon mal kräftig amüsiert, ich fand ihn auch im Stück noch recht lustig. Von den gut zweihundert Zuschauern, die das Stück damals gesehen haben, haben da nicht so viele gelacht, nein, das haben nicht viele verstanden, wer denkt auch um so eine Ecke? Aber die, die es nicht verstanden haben, verpassten nichts Wichtiges, und die, die es verstanden haben, hatten einen kleinen Extrakick. Fand ich super, find ich auch heute noch super.

Und das bringt mich zu einer These: Das Wichtige muss einfach zu verstehen sein. Aber je mehr kleine Gags im Hintergrund liegen, je mehr Geheimnisse und gut durchdachte Anspielungen die Zuschauer bereichern, desto besser. Das grundsätzliche Stück sollte da nicht drunter leiden, man kann auch mit Gags an der falschen Stelle und Anspielungen und Zitaten an Stellen, an denen einfach Wichtigeres stehen müsste, ein Stück kaputt machen. Es gibt Momente, in denen die Zuschauer nicht mehr denken dürfen, sondern fühlen müssen.

Also noch mal eindeutig, die Zuschauer müssen nicht alles verstehen. Das Wichtige müssen sie aber verstehen, sonst fühlen sie sich völlig zu Recht betrogen.

Zwei Fragen bleiben:

Muss alles logisch sein?

Klare Antwort: NEIN! Nein, es muss nicht alles logisch sein, aber auch das ist eine zweischneidige Sache. Es gibt eine Bühnenwirklichkeit, der Typ, der zwanzig Zentimeter am Kollegen vorbeigeht, ihn aber nicht sieht, weil es gerade so sein muss, oder die klassische Haushälterin, die immer mal wieder über die Schulter ihre wirkliche Meinung über die Herrschaften in Richtung Publikum laut flüstert – was die Herrschaften natürlich nicht hören. Ich mag es gern auch noch ein bisschen anarchistischer und ironischer, ich hab einen großen Spaß daran, wenn die Rollen in wiederum nicht gerade den emotionalsten Momenten bemerken, dass sie in einem Theaterstück mitspielen, wenn an einer Stelle, an der sie nicht da sein kann, die Gouvernante hereinschaut und um Ordnung bittet, weil das ja nun mal ihr Job ist. So kleine Cracks in der stückimmanenten Logik sollten in Komödien immer erlaubt sein – wie gesagt, nicht an Stellen, die wirklich wichtig für die Handlung sind. Man sollte Logik nicht zu ernst nehmen – die Geschichte schon, die Logik, och nö …

Muss alles durchdacht sein?

Auch nicht. Wie oft passiert es: Man probt eine Szene zum ersten Mal, die Darsteller gehen auf die Bühne und machen etwas, und man sagt: „Das ist gut, machen wir so.“ – Und irgendwann fragt ein Zuschauer, warum hat er denn das so gemacht, warum kam sie von dort, und bietet gerne auch noch eine Interpretationsmöglichkeit an. Und dann steht man da, nickt wissend und denkt sich – ähm, Interpretation, nun, es sah gut aus … Instinkt oder so … manchmal hat Kunst vielleicht einfach was mit Können zu tun, und nicht mit Denken. Und es gibt ja oft auch den Moment, in dem man diesen kleinen unsicheren Schritt geht, von dem man weiß, dass er irgendwie richtig ist, dessen Begründung oft erst deutlich später nachkommt, vielleicht aber auch nie, und der eben trotzdem richtig ist. Es ist eben doch Kunst, und die ist nicht immer plausibel, rational und durchdacht.

Wilde Dinge auf Inseln

„Wo die wilden Kerle wohnen“ gilt schon als Kinderbuchklassiker – dennoch war mir mehr als der Titel nicht bekannt, als der erste Trailer im Internet zu sehen war, und dieser erste Trailer bezauberte mich, anders ist es nicht zu benennen.

Nun schaffte ich es nicht, andere Menschen dafür zu begeistern, mit in diesen Film zu begleiten – irgendwer muss die Kinobetreiber auch abgefüllt haben, dass sie diesen Film nur im Kinderprogramm zeigten, ein Kinderfilm im engeren Sinn ist „Wo die wilden Kerle wohnen“ eigentlich gar nicht. Als es an der Zeit war, dass der Film auf DVD erschien, gelangte er mir irgendwie in den Warenkorb, der Trailer war Kaufentscheidungshilfe genug.

Inzwischen habe ich den Film etwa vier Mal gesehen – aber auf einem Videoabend in der letzten Woche habe ich es ärgerlicherweise trotzdem nicht geschafft, die Mitschauer zu diesem Film zu überreden, alles Banausen – und was soll ich sagen: mag sein, dass der Film im Kino ein Flop war, unter Meisterwerk lass ich kein Urteil gelten. Das fängt in den absolut unmärchenhaften Anfangsbildern an, die einfach und klar die Lebenswelt von Max zeigen – und das mit einer Dynamik und einer absichtlich fragmentarischen Erzählweise, die gleichermaßen bezaubert und erschreckt – ein Effekt, den dieser Film noch einige Male hat.

So richtig los geht der Film mit Max‘ Reise auf die Insel der Wilden Kerle, alles vorher ist Einstimmung … und wie er dann los geht. Wuchtige Plüschmonster zerstören sehr viel Holz. Es wird gesprungen und geschrien, und nicht zuletzt wollen die Monster Max fressen, denn das ist die einfachste Art, mit Problemen fertig zu werden.

Glücklicherweise sind die Monster echte Kinder, naiv und verletzlich, in ihren eigenen Beziehungen so komplex und doch offen, wie in einer Grundschulklasse – und sie lassen sich von Max Schlagfertigkeit so beeindrucken, dass sie ihn sogar zum König machen – die erste Amtshandlung: Wir machen Krach!

Irgendwie sind die Monster, deren König Max nun ist, alle Facetten der kindlichen Psyche, die Typen sind wiedererkennbar. Der Schüchterne, die Aggressive, die Träumerin – und alle haben Spaß daran, übereinander gestapelt zu schlafen oder sich mit Dreckklumpen zu bewerfen – auch wenn letzteres wie so oft ausgeht: „Bis einer weint!“

Max, der in der Welt, aus der er kommt – eigentlich wollte ich „reale Welt“ schreiben, aber wer sagt denn, dass die Wilden Dinge auf der Insel irreal sind? – keine Freunde oder Spielgefährten hat, ist plötzlich inmitten dieser seltsamen Kreaturen, die ganz Kind, aber eben auch ganz Monster sind, die Bärenkräfte haben, wie Superhelden durch die Landschaft springen und Steine verspeisen, wenn es ihnen danach ist. Hier lernt Max jede Menge, auch wenn dieser Film endlich mal wieder ein Kinderfilm ist, der nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher kommt. Er kann sehen, was er mit seinen königlichen Befehlen manchmal anrichtet, er merkt, wie es ist, wenn andere von ihm abhängen, wenn man auf ihn hört. Und natürlich vieles mehr.

Der große Wurf ist der Film nicht wegen der poetischen Bilder, nicht wegen der kindlich-weisen Dialoge, nicht wegen der dynamischen Szenen, sondern weil er die Kindheit so genau und klar beobachtet und abbildet, dass man immer wieder überrascht über die Tiefe der Einblicke ist. Ein Film über die Kindheit, und vielleicht der beste, der je gedreht wurde. Damit ist er nicht mehr unbedingt ein Kinderfilm, auch wenn ich glaube, dass sich die meisten kleinen Menschen wunderbar mit Max und seinen Monstern identifizieren können. Es ist unbedingt auch ein Film für alle Menschen, in denen noch ein kleines bisschen von dem Kind steckt, dass sie mal waren.