Die Idee des Anspruchs in der Theaterpädagogik

Wieder mal eine Folge meiner kleinen Theaterpädagogikserie. Dieses Mal geht also um den Anspruch, und dabei nicht um den Anspruch, den man an sein Publikum hat, sondern um das, was man seinen Schülern abverlangt.

Aus der Sicht des Regisseurs ist das eine ganz einfache Sache, ich muss Schauspieler dahin bringen, dass sie ihre Rollen richtig spielen, und dabei gibt es kaum Grenzen. Muss ich einen Darsteller erst brechen, so werde ich das tun, wird jemand nur dann gut spielen, wenn er mich hasst, so nehme ich das in Kauf – klingt hart? Ist aber durchaus nicht so selten. Regisseure sind oft Diktatoren, und das in gewisser Weise auch zu Recht: Haben sie ein klare Vision dürfen sie nicht mehr zurückstecken, sondern müssen genau diese Vision auf der Bühne neu erschaffen.

Nun habe ich persönlich kaum mit solchen Regisseuren zusammengearbeitet, war aber selbst immer zu relativer Selbstaufgabe bereit – allerdings war schon früh klar, dass ich selbst auch gern inszeniere, und so habe ich immer alle Freiräume genutzt, die mir Regisseure zugestanden haben. Aber da ich eben hauptsächlich solche Exzesse, wie einen Abschnitt höher beschrieben, nur vom Hörensagen kenne, habe ich mir eine solche Art zu inszenieren auch nicht angewöhnt. Ich versuche eher, meinen Schauspielern eine Basis zu geben, ein Grundgerüst, in dem sie dann glänzen dürfen, leben dürfen. Diktatorisch werde ich erst, wenn jemand keinen Einsatz bringt, sich nicht mit seiner Rolle beschäftigt, nicht offen ist. Dann versuche ich, darauf einzuwirken, an den Wurzeln zu arbeiten, dann bin ich auch streng, und greife notfalls auch zu härteren Bandagen.

Aber eigentlich habe ich mich schon ein wenig von meinem Thema entfernt, nun also zurück zum Anspruch an die Kinder und Jugendlichen, die man im Bereich der Theaterpädagogik eher antrifft. Was kann ich von Kindern verlangen, was von Jugendlichen? Wie muss ich sie behandeln?

Meine These ist: Ich muss jeden Schüler ernst nehmen, letztlich kaum anders behandeln als Erwachsene. Das bedeutet unter anderem, dass ich Schülern, weder den Achtjährigen, und noch viel weniger den pubertierenden 15jährigen die Verantwortung für das abnehme, was sie auf der Bühne tun. Wer auf die Bühne will, und das sollte man wollen, wenn man in Musical- oder Schauspielkurse geht, dann muss man mit der Unsicherheit der Bühne leben. Der erste Schritt muss schwierig sein, das Lampenfieber muss da sein. Versuche ich das als Pädagoge abzufedern, werden nicht nur die Ergebnisse auf der Bühne schlechter sein, spannungsloser, ich nehme den Darstellern auch die Chancen das zu erfahren, was Bühne wirklich bedeutet.

Aber ist es denn dann nicht möglich, dass die Darsteller auf der Bühne versagen? Lasst mich mal kurz überlegen: Ja! Ist möglich! Aber das ist es auch, wenn ich ihnen vorbete, es könne ja nichts passieren – nur ist der Sturz schmerzhafter, wenn sie sich sicher fühlen.“ Schauspieler sind die Typen mit den Torten im Gesicht“, so heißt es in „Fame“, also dem originalen Film, nicht der neuen Version, Schauspieler lernen auch dadurch, dass sie mal gegen die Wand rennen, mal vom Seil stürzen – ohne die Narben wird keiner wirklich gut. Und genau das ist der Grund, weshalb ich auch im Unterricht etwas von meinen Schülern verlange, vielleicht sogar manchmal mehr, als sie schaffen können – ohne Frustrationsmomente lernt niemand, und wenn ich das jetzt gerade nicht hinbekomme, dann will ich das nächste Woche schaffen, oder übernächste. Das ist nicht immer schön, nein, es ist auch nicht immer nur Spaß, aber in reiner Harmonie kommt man nun mal nicht zu guten Ergebnissen.

Die Frage ist einfach, was ich erreichen will, ja, letztlich sogar, wofür die Schüler ihre Kursgebühr entrichten. Die gehen in einen Theaterkurs aus dem gleichen Grund, weshalb andere zum Fußball oder zum Judo gehen, um die Sache, also Schauspiel, zu betreiben, um darin besser zu werden, um in das herein zu wachsen, was Theater so bedeutet. Und so, wie sie im Fußball lernen, dass man auch mal verliert, so lernen Schauspieler diese feine Linie kennen, die zwischen grandiosem Theater und dem totalen Reinfall liegt. Der Schüler soll das erleben, was Theater bedeutet. Den Schritt ins Rampenlicht, das Lachen, die Stille, das Raunen, alle Reaktionen des Publikums. Dafür muss ich ihn immer wieder an seine Grenzen führen, damit er sie erweitert, damit er vollständiger wird, damit er diese Reaktionen hervorrufen kann.

Das soll nicht heißen, dass man alle harten Methoden der Regiekunst auch an Kindern ausprobieren sollte – aber man darf sie nicht in Watte packen, wer weiß, ob sie da je wieder rauskommen. Und manchmal kommt es dann auch zu Tränen, manchmal ist die Frustration sehr groß, und meistens sind die Schüler in solchen Momenten einfach tief von sich selbst enttäuscht, eine Stimmungslage, die nicht schön ist, aber auf der man aufbauen kann. Und ganz ehrlich, wenn so ein Weg zu einem Stück schwer ist, oftmals auch die körperlichen und psychischem Kräfte fast überfordern,  dann ist der Applaus noch viel süßer, der Lohn einfach mehr Wert, denn man weiß, wofür man ihn bekommen hat. Und das Ergebnis wird es auch immer lohnen.

Das Publikum besteht ja oft aus Verwandtschaft und Freunden, und wenn man dann hört, so hätte man „seine“ Darstellerin noch nie gesehen, dann ist das einfach der Punkt, an dem man als Theaterpädagoge seinen Erfolg messen kann. Höre ich hingegen: „Och, das war ja schön!“ – dann habe ich offenbar etwas falsch gemacht, denn dieses Urteil gibt es auch für die blödsinnigste Schulaufführung, und wenn ich nicht mehr auf die Bühne bekomme, als der durchschnittliche Lehrer, dann kann ich auch gleich aufhören.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 9, 2010 in jugendtheater, Kultur, Musical, Musiktheater, Theater, Theaterpädagogik und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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