Archiv für den Monat August 2010

Kalte Traumwelten – ketzerische Gedanken zu Inception

Christopher Nolan hat mit Inception einen weiteren Film vorgelegt, der ihn als legitimen Nachfolger von Stanly Kubrick ausweist. Die Foren und Kritiker sind begeistert, das populäre wie vulgäre Wort vom „Mind-Fuck“ macht die Runde – Nolan macht alles richtig, oder? Nach zweifacher Sichtung werde ich hier etwas ketzerisch weiterschreiben und dabei einige Spoiler einbauen, wer den Film also noch nicht gesehen hat, dieses aber vor hat, sollte einfach mal wegklicken.
Noch mal in deutlich: ACHTUNG SPOILER!!
Ja, Inception ist ein ungemein genau erzählter Film, der einige großartige Bilder bereithält und zeigt, dass man kein 3-D braucht, um gut auszusehen. Mit Leonardo DiCaprio gibt es auch noch einen Hauptdarsteller der Extraklasse, der allerdings leicht unterfordert scheint. Die Grundgeschichte sollte inzwischen bekannt sein, DiCaprio spielt einen Typen, der Geheimnisse aus Köpfen klaut, dabei erwischt wird und nun für sein letztes Opfer das Gegenteil seiner normalen Arbeit machen soll, einen Gedanken einpflanzen. Hat man die Nummer mit den gebastelten Träumen erst mal durchschaut, ist die ganze Geschichte recht simpel. Im Stile guter Einbruchsfilme sucht sich der Traumprofi ein paar Spezialisten zusammen, die natürlich auf der ganzen Welt zusammengesammelt werden müssen. Mit denen wird dann der ganz große Einbruch in die Träume eines Konzernerben vorbereitet, dem ein Gedanke eingepflanzt werden muss. Leider hat Cobb (DiCaprio) Probleme mit seinem Unterbewusstsein, in dem seine tote Frau herumspukt. Sie ist das Problem, dass den Einsatz sehr viel schwieriger, ja, fast unmöglich macht. Dementsprechend läuft natürlich einiges schief, aber so gehört das ja in guten Action-Filmen.
Nolan macht sehr viel richtig, er dosiert das Rätselhafte sehr sparsam, auf dass man den Film problemlos und mit halber Konzentration entschlüsseln kann, aber immer noch so, dass man das Gefühl hat, einen Film zu sehen, der einen intellektuell fordert – klassische Mimikry. Nolans Traumwelten sind nebenbei erstaunlich zivilisiert und real – wenn man von dem Moment absieht, als die junge Architektin einfach mal Paris zusammenfaltet. Aber es gibt keine impressionistischen Gemälde, durch die gelaufen wird, und auch keine gefährlichen Urwälder – der Traumcharakter ist gerade in den Träumen, die zum großen Auftrag gehören, fast völlig in den Hintergrund gerückt, nur die physikalischen Auswirkungen der Autofahrt in Traum Nummer 1 sind immer wieder in Traum Nummer 2 zu spüren – und die Schwerelosigkeitsbilder in diesem Part sind natürlich fantastisch. Nolan will also insgesamt gar nicht den Bonus des Exotischen, lieber will er die Zuschauer, die sich in den letzten Jahren an fantastischer Anmutung satt gesehen haben, in fast langweilig normale Welten ziehen, ihnen lieber regnerische Städte vorsetzen, als sie mit wirklich viel Fantasie zu verschrecken.
Die Akkuratesse, mit der Nolan dabei die Bilder setzt und komponiert, erinnert, und damit bin ich wieder beim ersten Satz, an Stanley Kubrick – und man kann sich durchaus vorstellen, dass dieser das Drehbuch in ganz ähnlicher Weise bebildert hätte. Echte Hommagen an Kubrick gibt es auch – viel Chrom und Kälte in den diversen erträumten Gebäuden, die beiden sich immer wegdrehenden Kinder, die mich irgendwie immer an Shining erinnerten, ebenfalls aus Shining sind die hereinbrechenden Wellen, auch wenn die im Klassiker nicht aus Wasser, sondern aus Blut sind; Kubrick-Fans werden vermutlich noch mehr finden.
Aber Nolan übernimmt auch die größte Schwäche Kubricks – ich bekenne hier wie schon öfter überall, dass ich Kubrick nun wahrhaftig nicht verehre – Inception vermag nicht wirklich berühren. Das ist um so problematischer, als es ja eigentlich um eine große Liebe gehen soll. Anders als beim „Dark Knight“, wo die Jahrhundertleistung von Heath Ledger als Joker den Film absolut überstrahlt, holt hier kein besonderer Charakter die Kohlen aus dem Feuerchen. Nolan zeichnet absolut schlichte Charaktere, die Tiefe fehlt da einfach – so merkt man Cobb, der ja schon viele Jahre in seinen Träumen gelebt hat, eigentlich nie seine „alte Seele“ – wie es im Film selbst heißt – an. Und das DiCaprio das nicht spielen könnte, glaube ich persönlich nicht, ich halte ihn für einen wirklich guten Schauspieler.
Aber auch sonst wirken die Figuren sonderbar blutleer und uninteressant. Und da stimmt einfach etwas nicht. Wenn mich ein Film nicht berührt, dann brauch ich ihn nicht. Es geht doch darum, dass man etwas fühlt – nur durch ein paar komplexere Ideen und ein paar starke, aber kalte Bilder, kann man doch die Zuschauer nicht wirklich fesseln. Ich denke, dass es nur wenige geben wird, die diesen Film mehr als drei oder vier Mal sehen werden – Inception wird nie ein Kultfilm sein, den man liebt.
Beim ersten Schauen war die sehr gut gemachte Abblende mein Lieblingsmoment im Film – inzwischen fühle ich mich fast betrogen, denn wie egal ist es denn, ob dieser blöde Kreisel umfällt oder nicht – das Totem ist ein Sack Reis! Erstens ist es egal, weil es nichts aussagt – es war schließlich nicht Cobbs Totem, und die Totem wirken ja eigentlich nur für ihre Besitzer – aber auch so, was ist denn, wenn der Kreisel nicht umfällt? Schlimme Sache, Cobb lebt noch Stunden, Tage, meinetwegen auch sein ganzes noch sechzig Jahre währendes Leben in dieser Traumrealität und wacht dann neben seiner Frau eine Etage höher auf – schlimmes Schicksal? Ich glaube nicht. Und fällt das Ding um, so ist er – wahrscheinlich – in der Realität – auch gut. Na, das ist doch eine Mogelpackung, oder?
Ich hoffe, dass Nolan sich mal den einen oder anderen meisterhaften Geschichtenerzähler des Films vornimmt, und dort ein paar Erkenntnisse findet, die ihn zu einem noch deutlich besseren Regisseur machen. Dass er das Bilderhandwerk wirklich großartig beherrscht, das wissen wir schon.


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Momo und die Grauen Versicherungsherren

Mir ging ja schon der erste Gutmenschenwerbespot der Ergo Versicherungsgruppe gehörig auf den Keks. „ich will nicht verunsichert werden, fangt an mich zu versichern!“ – Sicher. Aber nun gibt es diesen neuen Spot hier:

Und der geht mir nicht nur auf den Keks, der regt mich richtig auf. Eine nette junge Frau, offenbar sehr gute Kinderstube, redet davon, dass sie als Kind Momo vorgelesen bekommen hat, und dann die Versicherungen als Graue Herren in ihrem Erwachsenenleben kennengelernt hat – so weit, so richtig. Schön wäre es, wenn sie dabei bleiben würde, aber nein, sie wirbt für die Versicherungen, die einen sonst immer nur vor und nach dem Wetter im Ersten genervt haben.
Warum regt mich das auf? Nun ja, Michael Ende war für mich immer einer der ganz Großen, und soweit ich ihn einschätzen kann, muss er sich nun im Grabe mehr als nur umdrehen. Für eine Versicherung, die sicherlich mit diversen Banken zusammen gerade heute als Vorbilder der Zeitsparkasse der Grauen Herren dienen könnte, wird sein Werk vereinnahmt. Gut, wer denken kann, weiß, dass das nicht zusammen passt, aber die ganze Sache ist doch einfach unredlich und unverschämt. Ich hab mir die Mühe gemacht und nachrecherchiert, dass die Ergo Versicherungsgruppe in den letzten fünf Jahren fast vier Milliarden Euro Gewinn gemacht hat (guckstu hier: http://www.finanzen.net/bilanz_guv/ERGO_Versicherungsgruppe). Vier Milliarden Euro wurden also in fünf Jahren nicht für die Mitarbeiter verwendet und schon gar nicht den Versicherten zurückgezahlt, sondern als Gewinn aus den Taschen der Menschen gezogen – na, wenn das mal keine Grauen Herren sind …
Nein, dieser Werbespot ist eine Schande, denn dieses Buch hat es einfach nicht verdient, in einem Atemzug mit einem gierigen Versicherungskonzern genannt zu werden.


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Reisetagebuch Rom, dritter Tag

Es begann mit einem Gruß aus der Heimat, ein kurzer, heftiger Regenschauer verhinderte das Frühstück im Freien. Jetzt, es ist etwa zehn Uhr abends, regnet es wieder und das schon über zwei Stunden – ich war trotzdem eben draußen, bin ja nicht aus Zucker.Und als ich vom Bahnhof zurück wollte, war aus dem Nieselregen von vorher ein erneutes wütendes Pladdern geworden. Jetzt habe ich einen neuen Schirm, der fünf Euro gekostet hat und einen Wert ist. Wie das in Rom so ist, kaum regnet es, steht da auch schon ein kleiner Inder mit seinen Armen voller Schirme …
Zwischen den beiden Schauern liegen teure und heiße Stunden. Etwa sieben Stunden war ich in einem anderen Land, dem Vatikan. Und der ist teilweise auch eine andere Welt, aber auch manchmal extrem profan. Zuerst: Petersdom. Nebenbeobachtung I: Es gibt hier menschliche Schmeißfliegen, und sie wollen einem alles Mögliche Verkaufen – sehr nervig. Nebenbeobachtung II: Für den Petersdom wie für die Sixtinische Kapelle gelten strenge Bekleidungsregeln, keine kurzen Hosen oder Rücke, keine Trägerhemdchen. Hm, und dabei mag ich Träger… lassen wir das … Obwohl diese Anweisungen schon zweihundert Meter vor der Einlassschleuse aushängen, standen da einige verzweifelte und vor allem genervte Menschen rum.
Nun also zu diesem riesigen, bunten Bau, der Basilica San Pietro. Bunt, ja bunt, also von innen. Zugegeben meistens geschmackvoll bunt, aber ich merke schon meine protestantische Prägung, die mit so viel Prunk keinerlei Heiligkeit vereinbaren kann. Und obwohl im Vorraum hörbar und überall sonst lesbar ist, dass das Reden zu vermeiden ist, ist es laut an diesem „heiligen Ort“ – und ich entwickelte dort, ohne darüber nachzudenken, einen Ohrwurm aus Jesus Christ Superstar – hoch, Rockvoice, fast kreischend: This should be a House of Prayer!“ – die stelle, an der Jesus die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel treibt – irgendwie eine passende Assoziation.
[Einschub vom heutigen Hollarius: Ich hab da mal das passende Youtube-Sample rausgesucht, ich meine das Ende des Ausschnitts:]

Tja, dann hab ich noch ein paar schreibfaule Karten aus dem Vatikan abgeschickt, mir fiel so gar nichts ein.
Danach die Musei di Vaticano. Die sind riesig, man läuft gefühlte Tage und Kilometer und ist nicht nur vor Erschöpfung wie betäubt, wenn man die Stanzen sieht und natürlich die Sixtinische Kapelle. War ganz von diesen Scheinarchitekturen gefesselt. In der Kapelle gibt es so vieles, was so plastisch wirkt, und dann diese Perspektiven in den Stanzen Raffaels … noch ein paar Stichworte: Laange Gänge nur mit alten Gobelins und Landkarten, hunderte von Marmorköpfen, die Laokon-Gruppe, Bilder von Marc Chagall – alles auf einem Weg.
Übrigens hatte ich mir einen Audioguide geleistet, und ich hätte ihn ein paar Mal gerne gegen irgendwelche antiken Mosaike geschleudert. Es gibt für viele Ausstellungsstücke Nummern, die man in das Gerät eingibt, woraufhin eine Stimme aus dem Gerät Informationen ausspuckt – zumindest ist es so gedacht. Aber erstens gab es hunderte Stücke ohne eine Nummer – gebe ich dafür Geld aus? – und zweitens will ich Informationen, Fakten, nicht religiös bekiffte Lobeshymnen auf den Glauben der Künstler. Widerwärtig.
Und widersprüchlich: Bei der Schöpfung, Adam und Eva, spricht die Stimme davon, dass die handelnden Personen nackig von Michelangelo dargestellt wurden, weil sie da ja noch so unschuldig sind. Komisch, dass Noah und seine Leute ebenfalls recht FKK-mäßig unterwegs sind – beim nächsten Besuch spar ich mir so ein Teil.
Als ich vom Vatikan ins Hotel kam, war ich so fertig wie selten zuvor. Mal schauen, was meine Füße morgen sagen.


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Gefunden und rumgezeigt IV

Für Star Wars-Fans!

Reisetagebuch Rom, zweiter Tag

Na, das war ja mal auf jeden Fall nicht mein Tag. Ursprünglich hatte ich gestern geschrieben, dass ich zum Foro Romano wollte, dann dieses durchgestrichen und „Vaticano“ eingesetzt. Na, und wo war ich heute? Colosseo e Foro Romano!

Das lag hauptsächlich daran, dass eine der beiden Metrolinien – ja, es gibt besser erschlossene Städte als Rom – nicht fuhr, also die zum Vatikan.Hätte ich jetzt herausfinden können, wo die Ersatzbusse fahren … egal, hab ich mich halt in die andere Metro gesetzt und bin zum Kolosseum gefahren. Hab da eine recht witzige englischsprachige Führung mitgemacht – „wir sind in Italien, alle vierzig bis fünfundvierzig Schritte machen wir eine Rast“ – die allerdings nicht so viele neue Fakten brachte. Allerdings einiges an älterem Wissen auffrischte, weshalb mir später beim Lesen des Reiseführers auffiel, dass die bei National Geographic auch zu viele Filme geschaut haben – wie meinte unser Erklärer: „Film und Geschichte – keine Kommunikation, wie meine Frau und ich!“ – Hm, auf italienisch gefärbtem Englisch war es witziger …

Nach dem Kolosseum war ich dann auf dem Palatin, der heute ein Park mit vielen Ausgrabungen ist, und nach einer kleinen Pause durchschritt ich dann das Forum, oder besser, die Gerümpelkammer des Altertums. Hier stehen ein paar Säulen rum, da erhebt sich eine Mauer, hier noch eine … und was seh ich da? Mauern! Säulen! Mauerstümpfe!

Und große Felsbrocken, mit denen der Weg, ähm, gepflastert ist – ich hab da eine Führung belauscht – die oft mehr als einen Meter langen und breiten „Platten“ gehen genauso tief in di Erde, sind also Blöcke!

Nach meinem Ausflug in die Antike bemerkte ich dann einen sehr heutigen Sonnenbrand – war ja klar – am Foro war halt keinerlei Schatten. Die Pause im Hotel – ich hab nur gelesen, habe geradezu eine Sucht nach deutscher Sprache – war auch nicht ewig, danach irrte ich dann noch ein bisschen durch die Stadt, fand eine Busverbindung nicht, bin dann zum Circo Massimo gefahren, um dort zu sehen, dass es dort nur einen Bretterzaun zu sehen gibt – vielleicht war ich aber auch nur auf der falschen Seite. Ich kehrte dann mit einer Metro zurück, in der japanische Verhältnisse herrschten, das ist dann ja mal so gar nicht meins.

Beobachtung beim Alleinreisen: Man lacht fast nie!

Andere Beobachtung: Ich bin offenkundig zu schüchtern – ich rede mit niemandem und wenn ich zufällig neben Leuten stehe, deren Sprache ich verstehe, dann höre ich zu und lass mir keinesfalls anmerken, dass ich etwas verstehe.

Abschlussbemerkung: Die Krankenwagen klingen hier verdächtig nach Vuvuzelas. Habe den Verdacht, dass in jedem drei fanatische südafrikanische Fußballfans mitfahren …


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