Reisetagebuch Rom, dritter Tag

Es begann mit einem Gruß aus der Heimat, ein kurzer, heftiger Regenschauer verhinderte das Frühstück im Freien. Jetzt, es ist etwa zehn Uhr abends, regnet es wieder und das schon über zwei Stunden – ich war trotzdem eben draußen, bin ja nicht aus Zucker.Und als ich vom Bahnhof zurück wollte, war aus dem Nieselregen von vorher ein erneutes wütendes Pladdern geworden. Jetzt habe ich einen neuen Schirm, der fünf Euro gekostet hat und einen Wert ist. Wie das in Rom so ist, kaum regnet es, steht da auch schon ein kleiner Inder mit seinen Armen voller Schirme …
Zwischen den beiden Schauern liegen teure und heiße Stunden. Etwa sieben Stunden war ich in einem anderen Land, dem Vatikan. Und der ist teilweise auch eine andere Welt, aber auch manchmal extrem profan. Zuerst: Petersdom. Nebenbeobachtung I: Es gibt hier menschliche Schmeißfliegen, und sie wollen einem alles Mögliche Verkaufen – sehr nervig. Nebenbeobachtung II: Für den Petersdom wie für die Sixtinische Kapelle gelten strenge Bekleidungsregeln, keine kurzen Hosen oder Rücke, keine Trägerhemdchen. Hm, und dabei mag ich Träger… lassen wir das … Obwohl diese Anweisungen schon zweihundert Meter vor der Einlassschleuse aushängen, standen da einige verzweifelte und vor allem genervte Menschen rum.
Nun also zu diesem riesigen, bunten Bau, der Basilica San Pietro. Bunt, ja bunt, also von innen. Zugegeben meistens geschmackvoll bunt, aber ich merke schon meine protestantische Prägung, die mit so viel Prunk keinerlei Heiligkeit vereinbaren kann. Und obwohl im Vorraum hörbar und überall sonst lesbar ist, dass das Reden zu vermeiden ist, ist es laut an diesem „heiligen Ort“ – und ich entwickelte dort, ohne darüber nachzudenken, einen Ohrwurm aus Jesus Christ Superstar – hoch, Rockvoice, fast kreischend: This should be a House of Prayer!“ – die stelle, an der Jesus die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel treibt – irgendwie eine passende Assoziation.
[Einschub vom heutigen Hollarius: Ich hab da mal das passende Youtube-Sample rausgesucht, ich meine das Ende des Ausschnitts:]

Tja, dann hab ich noch ein paar schreibfaule Karten aus dem Vatikan abgeschickt, mir fiel so gar nichts ein.
Danach die Musei di Vaticano. Die sind riesig, man läuft gefühlte Tage und Kilometer und ist nicht nur vor Erschöpfung wie betäubt, wenn man die Stanzen sieht und natürlich die Sixtinische Kapelle. War ganz von diesen Scheinarchitekturen gefesselt. In der Kapelle gibt es so vieles, was so plastisch wirkt, und dann diese Perspektiven in den Stanzen Raffaels … noch ein paar Stichworte: Laange Gänge nur mit alten Gobelins und Landkarten, hunderte von Marmorköpfen, die Laokon-Gruppe, Bilder von Marc Chagall – alles auf einem Weg.
Übrigens hatte ich mir einen Audioguide geleistet, und ich hätte ihn ein paar Mal gerne gegen irgendwelche antiken Mosaike geschleudert. Es gibt für viele Ausstellungsstücke Nummern, die man in das Gerät eingibt, woraufhin eine Stimme aus dem Gerät Informationen ausspuckt – zumindest ist es so gedacht. Aber erstens gab es hunderte Stücke ohne eine Nummer – gebe ich dafür Geld aus? – und zweitens will ich Informationen, Fakten, nicht religiös bekiffte Lobeshymnen auf den Glauben der Künstler. Widerwärtig.
Und widersprüchlich: Bei der Schöpfung, Adam und Eva, spricht die Stimme davon, dass die handelnden Personen nackig von Michelangelo dargestellt wurden, weil sie da ja noch so unschuldig sind. Komisch, dass Noah und seine Leute ebenfalls recht FKK-mäßig unterwegs sind – beim nächsten Besuch spar ich mir so ein Teil.
Als ich vom Vatikan ins Hotel kam, war ich so fertig wie selten zuvor. Mal schauen, was meine Füße morgen sagen.


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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am August 8, 2010 in Allgemein und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Eine der lustigsten Stellen der Bibel. Jesus, der antike Hausbesetzer, macht Bambule mit den Wucherern und den Händlern – andere Interpretation: Jesus, das Landei, kommt in die Stadt und rafft nicht, dass der Tempelvorplatz nicht viel heiliger ist als der McDonalds-Vorplatz.

  2. So, jetzt hab ich alle drei Teile gelesen 🙂 Habe mit dir gefühlt und auch immer wieder schmunzeln müssen.
    bbg
    b

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