Kalte Traumwelten – ketzerische Gedanken zu Inception

Christopher Nolan hat mit Inception einen weiteren Film vorgelegt, der ihn als legitimen Nachfolger von Stanly Kubrick ausweist. Die Foren und Kritiker sind begeistert, das populäre wie vulgäre Wort vom „Mind-Fuck“ macht die Runde – Nolan macht alles richtig, oder? Nach zweifacher Sichtung werde ich hier etwas ketzerisch weiterschreiben und dabei einige Spoiler einbauen, wer den Film also noch nicht gesehen hat, dieses aber vor hat, sollte einfach mal wegklicken.
Noch mal in deutlich: ACHTUNG SPOILER!!
Ja, Inception ist ein ungemein genau erzählter Film, der einige großartige Bilder bereithält und zeigt, dass man kein 3-D braucht, um gut auszusehen. Mit Leonardo DiCaprio gibt es auch noch einen Hauptdarsteller der Extraklasse, der allerdings leicht unterfordert scheint. Die Grundgeschichte sollte inzwischen bekannt sein, DiCaprio spielt einen Typen, der Geheimnisse aus Köpfen klaut, dabei erwischt wird und nun für sein letztes Opfer das Gegenteil seiner normalen Arbeit machen soll, einen Gedanken einpflanzen. Hat man die Nummer mit den gebastelten Träumen erst mal durchschaut, ist die ganze Geschichte recht simpel. Im Stile guter Einbruchsfilme sucht sich der Traumprofi ein paar Spezialisten zusammen, die natürlich auf der ganzen Welt zusammengesammelt werden müssen. Mit denen wird dann der ganz große Einbruch in die Träume eines Konzernerben vorbereitet, dem ein Gedanke eingepflanzt werden muss. Leider hat Cobb (DiCaprio) Probleme mit seinem Unterbewusstsein, in dem seine tote Frau herumspukt. Sie ist das Problem, dass den Einsatz sehr viel schwieriger, ja, fast unmöglich macht. Dementsprechend läuft natürlich einiges schief, aber so gehört das ja in guten Action-Filmen.
Nolan macht sehr viel richtig, er dosiert das Rätselhafte sehr sparsam, auf dass man den Film problemlos und mit halber Konzentration entschlüsseln kann, aber immer noch so, dass man das Gefühl hat, einen Film zu sehen, der einen intellektuell fordert – klassische Mimikry. Nolans Traumwelten sind nebenbei erstaunlich zivilisiert und real – wenn man von dem Moment absieht, als die junge Architektin einfach mal Paris zusammenfaltet. Aber es gibt keine impressionistischen Gemälde, durch die gelaufen wird, und auch keine gefährlichen Urwälder – der Traumcharakter ist gerade in den Träumen, die zum großen Auftrag gehören, fast völlig in den Hintergrund gerückt, nur die physikalischen Auswirkungen der Autofahrt in Traum Nummer 1 sind immer wieder in Traum Nummer 2 zu spüren – und die Schwerelosigkeitsbilder in diesem Part sind natürlich fantastisch. Nolan will also insgesamt gar nicht den Bonus des Exotischen, lieber will er die Zuschauer, die sich in den letzten Jahren an fantastischer Anmutung satt gesehen haben, in fast langweilig normale Welten ziehen, ihnen lieber regnerische Städte vorsetzen, als sie mit wirklich viel Fantasie zu verschrecken.
Die Akkuratesse, mit der Nolan dabei die Bilder setzt und komponiert, erinnert, und damit bin ich wieder beim ersten Satz, an Stanley Kubrick – und man kann sich durchaus vorstellen, dass dieser das Drehbuch in ganz ähnlicher Weise bebildert hätte. Echte Hommagen an Kubrick gibt es auch – viel Chrom und Kälte in den diversen erträumten Gebäuden, die beiden sich immer wegdrehenden Kinder, die mich irgendwie immer an Shining erinnerten, ebenfalls aus Shining sind die hereinbrechenden Wellen, auch wenn die im Klassiker nicht aus Wasser, sondern aus Blut sind; Kubrick-Fans werden vermutlich noch mehr finden.
Aber Nolan übernimmt auch die größte Schwäche Kubricks – ich bekenne hier wie schon öfter überall, dass ich Kubrick nun wahrhaftig nicht verehre – Inception vermag nicht wirklich berühren. Das ist um so problematischer, als es ja eigentlich um eine große Liebe gehen soll. Anders als beim „Dark Knight“, wo die Jahrhundertleistung von Heath Ledger als Joker den Film absolut überstrahlt, holt hier kein besonderer Charakter die Kohlen aus dem Feuerchen. Nolan zeichnet absolut schlichte Charaktere, die Tiefe fehlt da einfach – so merkt man Cobb, der ja schon viele Jahre in seinen Träumen gelebt hat, eigentlich nie seine „alte Seele“ – wie es im Film selbst heißt – an. Und das DiCaprio das nicht spielen könnte, glaube ich persönlich nicht, ich halte ihn für einen wirklich guten Schauspieler.
Aber auch sonst wirken die Figuren sonderbar blutleer und uninteressant. Und da stimmt einfach etwas nicht. Wenn mich ein Film nicht berührt, dann brauch ich ihn nicht. Es geht doch darum, dass man etwas fühlt – nur durch ein paar komplexere Ideen und ein paar starke, aber kalte Bilder, kann man doch die Zuschauer nicht wirklich fesseln. Ich denke, dass es nur wenige geben wird, die diesen Film mehr als drei oder vier Mal sehen werden – Inception wird nie ein Kultfilm sein, den man liebt.
Beim ersten Schauen war die sehr gut gemachte Abblende mein Lieblingsmoment im Film – inzwischen fühle ich mich fast betrogen, denn wie egal ist es denn, ob dieser blöde Kreisel umfällt oder nicht – das Totem ist ein Sack Reis! Erstens ist es egal, weil es nichts aussagt – es war schließlich nicht Cobbs Totem, und die Totem wirken ja eigentlich nur für ihre Besitzer – aber auch so, was ist denn, wenn der Kreisel nicht umfällt? Schlimme Sache, Cobb lebt noch Stunden, Tage, meinetwegen auch sein ganzes noch sechzig Jahre währendes Leben in dieser Traumrealität und wacht dann neben seiner Frau eine Etage höher auf – schlimmes Schicksal? Ich glaube nicht. Und fällt das Ding um, so ist er – wahrscheinlich – in der Realität – auch gut. Na, das ist doch eine Mogelpackung, oder?
Ich hoffe, dass Nolan sich mal den einen oder anderen meisterhaften Geschichtenerzähler des Films vornimmt, und dort ein paar Erkenntnisse findet, die ihn zu einem noch deutlich besseren Regisseur machen. Dass er das Bilderhandwerk wirklich großartig beherrscht, das wissen wir schon.


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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am August 20, 2010 in Film, Kultur und mit , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Mogelpackung? Also ich nenne diesen Schluss ein positives Patt, eine „win-win-situation“, wenn man so will. Er sagt uns, dass WIR (die Menschen) die DesignerInnen unseres eigenen Lebens sind und es deshalb völlig gleich ist, ob wir es als Traum oder als Wirklichkeit bezeichnen. Es ist UNSERE (in diesem Fall Cobbs) Realität.
    Deinen Kritikpunkt bezüglich der emoitionalen Tiefe kann ich gut nachvollziehen. Das ist tatsächlich so. Die Figuren bleiben, trotz der Ausflüge ins Cobbs Traum- und Gefühlswelt, an der Oberfläche. Von den anderen Charakteren erfahren wir so gut wie gar nichts, und auch Leonardos Fähigkeit, das innere eines Menschen quasi vor den Zuschauern zu entblößen, hat Nolan leider nicht so genutzt wie er es hätte tun können.
    Allerdings denke ich, dass dafür die Zeit auch gar nicht gereicht hätte – oder all die tollen Effekte und Bilder wären zu kurz gekommen…
    Insgesamt ist „Inception“, finde ich, ein wunderbarer Film. Interessant, intelligent und vor allem spannend. Für mich als Leo-Fan gehört er zu den Top-5 Leo-Filmen.

  1. Pingback: Inception

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