Rechts und Links – von Gleichmacherei und Ungleichbehandlung

Diese Kommunismusdebatte, die von einer sehr harmlosen Äußerung von Gesine Lötzsch ausgelöst wurde, finde ich extrem anstrengend. Vor allem, weil es immer wieder, unter anderem auch von Spiegel-Autoren, eine sehr problematische Gleichmacherei gibt. Da werden die sicherlich teilweise schrecklichen Missstände in den bisherigen „Kommunismus“-Umsetzungen einfach mit dem Holocaust gleichgesetzt, damit die Shoah einfach so sehr relativiert, dass man durchaus von Geschichtsfälschung sprechen kann.
Damit das mal klar ist: Die kommunistischen Regime der Vergangenheit und Gegenwart haben ihre Feinde weggesperrt, gefoltert und umgebracht, so wie das jede Diktatur macht. So, wie das auch scheinbare Demokratien machen, so, wie das auch die Amerikaner unter George W. Bush sehr schön der Welt vorgelebt haben – das ist schlimm, das ist widerlich. Mir ist jede Bespitzelung zu viel, egal ob von Stasi oder großem Lauschangriff, jedes Todesurteil, jeder Mauertote – aber vieles, was momentan dem Kommunismus vorgeworfen wird, ist in den USA an der Tagesordnung – und in Ungarn wird zensiert und bei uns prostituiert sich die Springerpresse für Frau Merkel und Familie von und zu Guttenberg – vieles, was es da an Unfreiheit im Kommunismus gab, ist auch heute nur leicht verbrämt Alltag. Kommunistische Regime waren bisher größtenteils Diktaturen, und Diktaturen sind etwas Widerwärtiges – was aber gern übersehen wird, Frau Lötzsch hat gar nicht von Diktatur gesprochen, nur von Kommunismus, das sind keine Synonyme.
Und wenn Spiegelautor Fleischhauer folgendes schreibt, verdreht er die demokratischen Werte aufs Äußerste: „Niemand klaren Verstandes käme auf die Idee, am Nationalsozialismus noch irgendetwas Gutes zu sehen, beim Kommunismus, der anderen mörderischen Großideologie des 20. Jahrhunderts, ist das selbstverständlich anders.“ Das Problem besteht in der Formulierung „der anderen mörderischen Großideologie“ – das ist falsch, schlichtweg falsch: Es gibt keine Ideologie, die mit dem Nationalsozialismus auch nur annähernd verglichen und gleichgesetzt werden darf. Und das hat einen ganz einfachen Grund. Jegliche Diktatur bekämpft seine Feinde, was aus der Sicht der Diktatur legitim ist, aus der Sicht der Demokratie natürlich zu verurteilen ist – der Nationalsozialismus hat nicht nur seine Feinde bekämpft, sondern Menschen systematisch vernichtet, weil sie nicht in eine kranke Rassenidee passten. Ein Freund hat das auf die kurze Formulierung gebracht: Man kann Links und Rechts nicht gleichsetzen, weil die Linke keinen eliminatorischen Rassismus vertritt. Wer es doch macht, wertet den Nationalsozialismus auf, verharmlost die Shoah, und disqualifiziert sich damit wirkungsvoll selbst. Übrigens: Die Nazipropaganda hetzte immer gegen Kommunisten und Juden quasi gleichlautend – da Antisemitismus nicht mehr politisch korrekt ist, scheinen sich die konservative Presse und konservative Politiker richtig zu freuen, wenn zumindest die andere über Generationen weitergegebene Prägung ausgelebt werden kann.
Eine kleine Gedankenstütze: sieht man zum Beispiel die DDR und ihr System, da wird man merken, dass außer einem scheinkommunistischen Wirtschaftsordnung – in der natürlich nicht alle gleich waren, sondern Parteimitglieder und Stasimitarbeiter deutlich gleicher waren – hauptsächlich sehr konservative bis nationalistische Gedanken vorherrschten. Und das heute Neonazis in den Räten und Parlamenten sitzen, wo einst die DDR war, ist sicherlich kein Zufall. Das ist schöne FDJ-Tradition – da hat ja auch unsere Kanzlerin ihre Prägungen weg.
Es gibt übrigens eine schöne Tradition, andersherum vorzugehen, rechte Gewalt zu bagatellisieren und linke Gewalt hochzureden. Damit man nichts falsch versteht: Gewalt ist immer Mist. Als ich meinen Wehrdienst verweigert habe, wurde ich zum Pazifisten (ich habe mich da mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt), ich verabscheue Gewalt.
Aber während bei RAF und allen Nachwehen immer von Terror gesprochen wurde, eine Sprachregelung, die ich gar nicht in Frage stellen möchte, wurde bei Brandanschlägen von Nazis nie von Terror gesprochen. Zufall? Warum ist es denn kein Terror, wenn Nazis Menschen durch die Straßen prügeln? Wenn in Amerika Abtreibungsärzte von christlichen Fanatikern gehetzt und erschossen werden, ist das auch Terror, oder? Wenn bei uns Jugendliche krankenhausreif geschlagen werden, weil sie jüdische Wurzeln haben – ist einem Schüler von mir passiert – dann fühle ich mich schon terrorisiert, allein schon von dem Gedanken, dass der Schoß noch fruchtbar ist …


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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Januar 17, 2011 in Allgemein, Gesellschaft, Politik und mit , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Ja. Großer Punkt.

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