Das Phänomen HomerJ 2.0

Vor einigen Monaten schrieb ich hier mal über HomerJ, einen Caster von Starcraft II-Spielen, ich denke, es wird mal Zeit, das nochmal zu tun.

Begriffserklärung: HomerJ ist das Pseudonym von Sebastian Schenck, einem jungen Hamburger, der als Caster, also quasi Kommentator, bei Starcraft II-Spielen zuschaut, und seinen Kommentar abgibt. Jetzt mag es erst mal seltsam klingen, dass Menschen zuschauen, wenn andere Menschen Computerspielen – das liegt aber zum Teil sicherlich am Spiel – Starcraft II ist wie das erste Spiel seines Namens ein RTS – was heißen soll: Real-Time Strategy – also ein Strategiespiel, das in Echtzeit abläuft -, und ebenso wie der erste Titel das bisher erfolgreichste Spiel dieses Genres. Für Unbedarfte: Die Spieler haben eine Grundbasis und Sammler, müssen die erweitern, in dem sie mehr Sammler bauen, mehr Mineralien und Gas einsammeln, und weitere Gebäude bauen, die dann weitere Einheiten ermöglichen. Diese anderen Einheiten haben dann meistens diverse Möglichkeiten, Einheiten des Gegners zu einem frühen Beenden der virtuellen Existenz zu zwingen. Dabei gibt es drei sehr unterschiedlich zu spielende außerirdische Rassen, mit Einheiten, die nach dem Prinzip von Stein-Schere-Papier verschieden anfällig für die gegnerischen Einheiten sind. Das ist genauso anschaulich wie ein Fußballspiel, häufig spannender und laut irgendwem, dessen Namen ich nicht weiß, Schach auf Speed.

Die erste Nation, in der Starcraft im Fernsehen gezeigt wurde, war Südkorea – was dazu führt, dass es dort immer noch die meisten Profis gibt, Menschen, die davon leben, andere Menschen am PC zu besiegen. Durch das deutlich moderner anzuschauende Starcraft II ist der Hype immer mehr auch in Nordamerika und Europa angekommen, im Mittel sind die fernöstlichen Spieler immer noch die besten, von Europäern und Nordamerikanern gar nicht mehr so weit gefolgt.

Vor einem guten Jahr nun hat eben dieser HomerJ aka Sebastian Schenck angefangen, Spiele bekannterer Kombatanten zu kommentieren und bei Youtube hochzuladen. Damals gab es Starcraft II noch gar nicht zu kaufen, es war in einer Betaphase, an der eine Menge Spieler teilnahmen, die schon bei Starcraft oder Warcraft III gewisse Erfolge gefeiert hatten – HomerJ, der selbst ein besserer Spieler des ursprünglichen Starcraft war und zu vielen besseren Spielern guten Kontakt hatte, machte sich schnell einen Namen mit hamburgischer Kodderschnauze und gutem Spielverständnis. Und mit dem Veröffentlichungshype, den es hier gab, wie es nur bei Spielen von Blizzard geben kann – nicht umsonst ist diese Spieleschmiede die erfolgreichste der Welt – wurden auch die Casts von HomerJ immer populärer. Eine Homepage wurde zum Treffpunkt für tausende Spieler und Zuschauer – ja, es gibt eine Menge Menschen, die das Spiel gar nicht aktiv spielen, und trotzdem kein Spiel versäumen – und bei Liveübertragungen sprengte HomerJ mehrfach die Zahl von zehntausend Zuschauern im Stream – ein echtes Internetphänomen.

Als ich zum ersten Mal über das Phänomen HomerJ schrieb, hatte Basti gerade seinen Job gekündigt, um nur noch von seinen Casts leben zu wollen. Ein radikaler Schritt, der sicherlich viel Bewunderung verdient. Die Erfolgsgeschichte ging aber nicht so steil weiter, wie es bis dahin geschehen war. Verschiedene Formate wurden unterschiedlich betrachtet, HomerJ wurde von der Community, die er ja quasi selbst geschaffen hatte, immer kritischer beäugt.

Der erste Vorwurf, der immer wieder geäußert wurde, war, er verstehe das Spiel nicht gut genug, da er nicht selbst spiele.  Sebastian Schenck hatte die Schlagzahl stark erhöht, war jede Woche mehrfach auf Sendung, hatte natürlich noch nicht mal Zeit, selbst zu spielen, und wollte es natürlich auch allen Recht machen – und verausgabte sich so stark, dass er im Januar eine lange Pause machte, mit sich selbst wieder ins Reine kam und danach auch die Qualität seiner Casts wieder deutlich erhöhte. Was ihm vor allem fehlte, war die Souveränität, die vorher seiner Lockerheit entsprang – nun musste Geld verdient werden, da ging die Lockerheit einigermaßen flöten. Bissig wehrte er sich immer wieder gegen die Vorwürfe, was ihn natürlich noch anfälliger machte – zeig den Leuten, dass du dich mit ihren mehr oder weniger qualifizierten Kommentaren beschäftigst, dass sie dich treffen, und sie werden sich geradezu einen Spaß daraus machen, in die Kerbe mit einzuhauen. Dass die Vorwürfe größtenteils Quatsch waren, bewies er eigentlich immer – aber Fehler, die jedem unterlaufen können, und die bei einem mehrstündigem Turniercast fast unausweichlich waren, häuften sich unter dem starken Druck und wurden natürlich umso mehr kommentiert.

Nach einer Denkpause, die er wohl auch nutzte, um private Angelegenheiten zu regeln – das war die offizielle Sprachregelung im Forum – ging er dann wieder auf Sendung, aber erstmal kaum mit SC II-Spielen. Er spielte plötzlich selbst ganz andere Spiele,  und kommentierte die dabei. Diese sogenannten Let’s-Plays, von denen es eine ganze Menge im Netz gibt, brachten ihn dann wieder zurück ins Rennen. Bald gab es auch wieder SC II-Replays auf Youtube und – deutlich seltener, dafür aber oft vom eigenen Team organisiert – Livecasts von Turnieren. Um von Werbung profitieren zu können, wurde eine eigene Videoabteilung auf der Homepage eingerichtet – wofür es einiges an Hardware geben muss – und nebenbei gibt es auch weiterhin Let’s-Plays – oft mit Teamkollege cyrez, der die Casts als Gegenpart belebt, aber auch zu Insidergags einlädt, was für die Zuschauer eher uninteressant sein muss – und zusätzlich einen wöchentlichen Podcast, in dem einige Menschen des Teams diverse Themen relativ unjournalistisch, aber durchaus unterhaltsam durchdiskutieren – der positive Nebeneffekt: der auch über Itunes erhältliche Podcast wurde von der HomerJ-Community gleich mal auf Itunes mit positiven Reaktionen so gepusht, dass er auf Rang eins der Hitparade lag, und damit die Seite weiter bekannt machte.

Momentan sind die „Einschaltquoten“ seiner Casts nicht mehr so hoch, wie sie in den besten Zeiten waren – kein Wunder, das Spiel ist fast ein Jahr alt und viele, die kurzzeitig interessiert waren, schauen wieder andere Sachen oder spielen selbst wieder mehr – kommen aber auf durchaus ansehnliche Zahlen immer über fünftausend Zuschauern, seine normalen Replay-Casts erreichen auf der eigenen Seite Klickzahlen von vier- bis elftausend – ein gesunder Grundstock ist also gelegt. Eigene Büroräume, ein „Studio“ sind in Planung, größere Turniere sind geplant und über einen eigenen Versand werden T-Shirts verkauft, auf denen Sprüche von HomerJ zu Motiven wurden. Sicher muss es in dem schnell wechselnden Metier immer schnelle Reaktionen auf Neuerungen geben, sicherlich kann es immer Momente geben, die für die junge Firma um Sebastian Schenck nicht so einfach sind, aber immer noch darf man durchaus sagen, dieser HomerJ ist ein Phänomen.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 10, 2011 in Allgemein, Computerspiele, Gesellschaft, Starcraft II und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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