Morgens um Zwei

Ich wusste es seit Wochen, ich habe mir extra was vorgenommen, bin extra spät nach Hause gekommen … aber zwei Uhr ist definitiv zu früh … nein, nicht zu früh, um nach Hause zu kommen, zu früh zu schlafen, oder ähnliches … aber heute ist Dorffest, ungefähr dreißig Meter von mir entfernt feiern ein paar mehr oder weniger volltrunkene Nachbarn – warum? Weil sie es können!

Ich habe mir heute Abend erst ein bisschen Theater einer netten Kollegin angeschaut, dann war ich noch im Kino und habe HP 7.2 geschaut, und dann bin ich ohne Autobahn nach Hause gefahren, hat mich locker zehn Minuten zusätzlich gekostet, aber es war zu wenig. Meine kleine Hoffnung war, dass es regnet, fast schon schüttet, da drüben muss es widerlich kalt und nass sein – vielleicht würden schon alle nach Hause sein … nee, Quatsch -, was mich natürlich ein wenig schadenfroh macht, schließlich halte ich dieses Dorffest einfach für unglaublich unnötig, es ist einer dieser kleinkarierten Gründe sich zu besaufen, etwas was ich schon mit fünfzehn unglaublich bescheuert fand, und wo sich meine Meinung kein bisschen geändert hat. Ich mein, es ist in Ordnung, wenn man sich besaufen will, ich finde auch andere Drogen so lange in Ordnung, wie man keinen anderen schädigt, aber dafür so ein albernes Alibi zu suchen, wie ein Dorffest – man kann hier gerne Schützenfest oder Karneval einsetzen, macht keinen Unterschied -, dass finde ich unglaublich fad. Ich persönlich komme aus diversen Gründen ohne Alkohol aus, bin weder Moralapostel noch sonst wie ideologisch gebunden, aber ich brauche keinen Alkohol um Spaß zu haben, um Hemmungen abzulegen, um irgendwas zu finden, was ich auch sonst nicht suche – aber wenn ich welchen trinken wollte, dann würde ich mir im Keller ein nettes Fläschchen Wein holen, mir jemanden einladen, um sie zu leeren, und dann wäre es gut. Wie albern ist dieses Zusammenrotten zu schlechtgespieltem Schlager?

Es ist jetzt halb drei … immer noch zieht mir der Bass durch die Knochen, auch wenn ich sonst nichts davon höre – in meinem Kopfhörer klingt Freddie Mercury immer noch so gut, als wenn er nie von uns gegangen wäre und macht mich wenigstens ein bisschen froh. Aber wie froh wäre ich, wenn ich jetzt schlafen könnte, ich bin so verdammt müde.

Ich war selbst übrigens vor … hm … gut fünfzehn Jahren würde ich sagen, das letzte Mal selbst auf diesem Dorffest, hielt mit Nachbarn humortechnisch mit, die bei dreißig Kölsch waren, und hatte selbst fünf bis sieben Cola intus. Das war gar nicht so schlimm, gebe ich ja zu, aber es war auch nicht so umwerfend, dass ich das jedes Jahr machen müsste. Über die Jahre ist es dann immer mehr zu einem Termin geworden, den man sich zur Vermeidung vorher im Kalender anstreicht.

Die Musik, wenn man sie euphemistisch so bezeichnen will, ist sicher das, was mich am meisten stört. Mich abschreckt, mich anwidert. Jetzt ist es mit dem Schlager nun mal einfach so, dass er billig und klischeehaft ist, ja, das ist schlimm, würde man aber doch irgendwie abkönnen – also wenn er nicht live gespielt würde. Jetzt finde ich Livemusik ja prinzipiell gut, aber diese Muckekapellen, die sich auf die kleinen Dörfer verirren und so einen Abend bestreiten, machen alles kaputt, was an Musik vielleicht irgendwie gut sein könnte. Jedes Lied, dass sich nicht irgendwie wehren kann, wird schon mal mit einem penetranten Discofoxrhythmus unterlegt – jetzt mal ehrlich, wer den Discofox erfunden hat, dieses glattgeschmirgelte, oberflächliche Tanzimitat, der gehört vor den Gerichtshof in Den Haag, wir sprechen hier von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Lieder werden so weit vereinfacht, dass die wenig begabten Mucker sie auch spielen und singen können, verlieren jede Menge Akkorde und alles rhythmisch Interessante, eventuelle höhere Töne sowieso. Auch wenn man mir gerne absprechen darf, Musiker zu sein – ich habe das Singen gelernt, aber Sänger sind nun mal nur halbe Musiker – ich verstehe genug davon, dass ich weiß, was nicht geht, und bei diesen Muckern sind es oft nur wenige Töne, die überhaupt gehen. Und die Oberberger, die hier nun mal wohnen, ziemlich an der Grenze zum westfälischen Sauerland sogar, grölen Viva Colonia, tun so, als ob sie so richtige Rheinländer wären, ein Menschenschlag, den sie ansonsten wegen seiner Leichtlebigkeit abschätzig betrachten. (Als mal irgendwann gewesener Germanist weiß ich sogar, dass hier ja eine Abart des Ripuarischen, also Rheinischen, gesprochen wird, aber ist es nicht irgendwie komisch, dass man nur mit Kölsch intus auch zum Rheinländer wird? Was sagt man gern über die Bergischen? Was die trinken können, ohne lustig zu werden …)

Inzwischen ist es Drei … ich bin unglaublich müde und schreibe sehr langsam … und immer mal wieder stell ich Youtube aus, höre, ob die Mucke ein Ende hat, und endlich an Schlaf zu denken ist … morgen werde ich Kopfschmerzen haben, der Tag ist immer gleich mit versaut, ich reagiere so auf so spätes Schlafen … jedes Jahr könnte ich an diesem einen Samstag im Sommer nur noch erbrechen … am liebsten in hohem Bogen vors Festzelt … andererseits, irgendwer wird das schon für mich erledigt haben … ich versuch jetzt mal zu schlafen …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 17, 2011, in Allgemein, Anekdoten. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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