Quick – Schmerzensgeld für Gäfgen

Grade gibt es bei Spiegel Online eine Eilmeldung mit dieser Überschrift: „Gericht spricht Kindermörder Gäfgen Schmerzensgeld zu“. Diese populistische Boulevardzeitungsüberschrift springt einem auch gleich mal als wichtigste Information an, die SPON gerade im Angebort hat – einen Artikel gibt es noch nicht dazu, aber das Bild von Gäfgen und die Überschrift sind schon mal da.
Ich frage mich wahrlich, was SPON damit bezwecken will. Das Naheliegendste ist ein Angriff auf Justiz und Grundgesetz, denn wie sonst soll man das interpretieren? Die Sache ist ja ganz einfach – Gäfgen hat einen Jungen getötet – bei SPON einen „Bankierssohn“, als ob das die Tat schlimmer machen würde – und er hat für diese widerliche Tat sein hoffentlich gerechtes Urteil bekommen, welches das ist, hab ich jetzt nicht gegoogelt, man möge mir verzeihen.
Während die Polizei noch hoffte, der Junge lebte noch und man könnte ihn finden, hat man Gäfgen nicht einfach nur unter Druck gesetzt, man hat ihm Folter angedroht. Ich geb gerne zu, wenn ich jemanden erwischen würde, wie er ein Kind massakriert, dann würde ich ihm Folter nicht nur androhen – ich bin halt etwas cholerisch. Aber ich bin kein Polzist, ich habe keinen Eid auf das Grundgesetz abgelegt und ich muss das Gesetz nur einhalten, nicht verteidigen. (Ich würde sehr auf Affekt plädieren) – Die Situation der Polizisten ist anders, aber das, was sie getan haben, ist auch verständlich. Aber nicht alles, was verständlich ist, ist auch gerechtfertigt.
Die Polizisten, die da Folter angedroht haben, haben sich strafbar gemacht, sie haben gegen das Grundgesetz verstoßen, das sie verteidigen müssen. Und in diesem Moment wurde der Mörder Gäfgen zu einem Opfer und in einem Rechtsstaat steht einem Opfer Schmerzensgeld zu – das ist sicherlich in diesem Fall nur mit Magenschmerzen nachzuvollziehen, aber in sich ist es völlig logisch und richtig. Es geht hier um 3000 Euro, wenn man bedenkt, dass Gäfgen davon nichts hat, weil er eh im Knast sitzt und da auch länger bleiben wird, kratzt mich dieses Schmerzensgeld nicht – das so hoch zu hängen, per Eilmeldung und auf dem wichtigsten Platz der Seite, das soll Gefühle wecken, und diese Gefühle können doch eigentlich nur gegen die ustiz sein, und gegen das Grundgesetz, das nun mal in diesem Fall geschützt werden muss – Folter ist ein absolutes Tabu, und das völlig zu Recht. Die Eilmeldung von SPON ist unverantwortlich und etwas, was ich eher der BILD zugetraut hätte.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am August 4, 2011 in Nicht kategorisiert und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Ich kann nicht nachvollziehen, warum „Gericht spricht Kindermörder Gäfgen Schmerzensgeld zu“ populistisch sein soll. Es entspricht voll und ganz der Wahrheit und stößt sicherlich eine wohlmöglich wichtige Diskussion an, wie weit die Polizei und Behörden gehen dürfen, um das Leben von kleinen Kindern zu schützen.

    Ich hab auf einem anderen Blog schon geschrieben: Von welcher Menschenwürde reden wir? Die Würde des Polizisten wurde doch verletzt, das der Mörder mit seiner Grausamkeit ihn soweit gebracht hat. Und auch die Würde des Kindes und der Eltern wurde mit diesem Urteil auf´s neue verletzt. Die werden nie eine Entschädigung bekommen. Nie.

    • Es ist populistisch, weil es einfach gar nicht diese Wichtigkeit hat. Und eine beginnende Diskussion, ob man Foltern darf, oder nicht, halte ich nicht für wichtig, sondern eher für gefährlich und verfassungsfeindlich. Magnus Gäfgen ist völlig zu Recht verurteilt, und dass er Schmerzensgeld erklagt hat, ist auch widerlich – aber das Urteil des heutigen Tages ist schlicht und einfach rechtsstaatlich richtig.
      Es geht hier nicht um die Würde des Menschen, es geht um ein klares Folterverbot. Die Würde des Polizisten wird nicht angekratzt, der hat sich zu diesem Job entschlossen, der muss auch in einer besonderen Situtation in der Lage sein, sich an die Gesetzeslage zu halten.
      Ich finde es widerlich, dass man Gäfgen einen solchen Triumph gewährt, dem Justizsystem einen solchen Schaden zuzufügen – darum geht es Gäfgen doch. Und die Medien machen sich zu seinem Werkzeug. Ich hätte nichts über diese Sache geschrieben, wenn ich nicht über diese „Eilmeldung“ gestolpert wäre. Es wäre deutlich besser gewesen, dieses Urteil einfach in die runde Ablage zuwerfen, wo es hingehört – nicht weil es falsch wäre, oder Mist, sondern weil es einfach so unwichtig ist.

  2. Vollkommen meine Meinung. Knapp, prägnant und korrekt.

    Was der Freiherr zu Awesome da zur Würde faselt ist Blödsinn, das müsste einem eigentlich schon nach Lektüre bloß des Artikel 1 des Grundgesetzes aufgehen, die Menschenwürde steht nämlich nicht zur Disposition, nie, man verwirkt sie nicht, sie darf in ihrem Kern nicht eingeschränkt werden, und wenn sie verletzt wird, muss es dafür eine Entschädigung oder Schmerzensgeld geben.

    Aber die Knalltüten, die hier ihr allgemeines Volksempfinden meinen zum Besten geben zu müssen, weil sie sich in der wabernden Masse des intellektuellen Bodensatzes wohlfühlen wie sich unter ihresgleichen im Schlamm suhlende Wesen, sind mit dem Lesen offensichtlich etwas überfordert, jedenfalls wenn es über den Fließtext der „Bild“-„Zeitung“ oder die Überschriften beim ehemaligen Nachrichtenmagazin und heutigen Boulevardblatt „SPON“ hinausgeht.

    Wozu dann solch unverantwortliches Verhalten eines Boulevardblatts wie des Spiegel führt, der kontroverse Themen allein noch zur bloßen Trafficoptimierung verhurt, kann man beispielhaft an Äußerungen wie der folgenden sehen:

    Keine weiteren Fragen.

  3. Ich versuche nicht zu belegen, dass es rechtlich ein falsches Urteil ist. Das kann ich nicht, weil es ist rechtlich einwandfrei.
    Es ist moralisch aber wohl definitiv Blödsinn. Da kann ich es mir einfach machen, mich zurücklehnen und sagen:“Hey, so eine schöne Demokratie. Jeder hat seine Grundrechte, egal wie viele Kinder jemand ermordet hat, und niemanden darf mit Gewalt gedroht werden. Erstrecht nicht von einem Polizisten.“ Das ist dieses bekloppte deutsche Gutmenschentum. Ihr habt wohl keine Phantasie, wie sich das für die Eltern, Angehörige und auch dem Polizisten anfühlt. Den ihre Würde wurde auf´s krasseste verletzt. Aber die Gesellschaft lehnt sich zurück und sagt: HEY! Grundrechte für alle!! Auch für ein Kindsmörder!

    Das ist naiv und dumm. Wenn das der Rechtstaat zulässt, dann müssen Gesetze geändert werden und zwar schnell.

    Aber ich muss dir gratulieren demx23. Du hast vollkommen korrekt erkannt, dass es rechtlich einwandfrei ist und der Gesetzgeber sonst „Folter“ tolerieren würde. Nun kannst du total toll Menschen als Knalltüten bezeichnen, die vollkommen zurecht dagegen protestieren. Meinetwegen bin ich populistisch, aber weißt du, dieses Urteil verletzt auch meine Würde. Und wer nicht dagen lautstark protestiert, der scheint ein Heuchler zu sein.

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