Archiv für den Monat August 2011

Quick – London Riot

Schon mit Sorge muss man betrachten, was da in London passiert. Das ist nicht mehr Randale, das ist schon eher ein Aufstand. Menschen, Autos, Gebäude – es wird zerstört, was man zerstören kann. Auslöser ist, dass die Polizei einen Mann erschossen hat. Die Situation, in der dies geschah, ist wohl noch nicht so wirklich belegt, man weiß gar nicht so genau, wie das alles passiert.
Aber ich will auch gerade gar nicht ausdifferenzieren. Ich werde gerade an den einen oder anderen negutopischen Roman erinnert, an Bücher, die in einer zukünftigen Welt spielen, in der eine Plutokratie herrscht, in der die verarmten Verlierer der Gesellschaft rebellieren und einzelne Bezirke rechtlos werden, oder vom organisierten Verbrechen beherrscht. So weit entfernt scheinen wir von diesen fiktiven Zukünften nicht mehr entfernt zu sein, und es scheint so, als ob die früheren Autoren in einigen Sachen die Zukunft ganz gut vorweg ersinnen konnten.
Jetzt mal Butter bei die Fische, da gibt es Stadtviertel in denen die Verlierer zusammengepfercht werden, Menschen, die keine Anlaufstelle haben und keine Zukunft, die durch den Alltagsrassismus klein gehalten werden – da braucht man sich nicht wundern, dass die irgendwann ausflippen, oder? Wie lange dauert das, bis das auch bei uns passiert? Der Alltagsrassismus ist bei uns auch verbreitt, Kinder mit einer anderen als der „normalen“ Hautfarbe, mit ausländischen Namen und Gesichtern, werden bei uns noch mehr von guten Schulabschlüssen abgehalten und wenn der alltägliche Rassismus auch noch mit alltäglichem Antiislamismus durchsetzt wird, woran seit 2001 ein großer Teil der deutschen Politiker und Medien arbeiten, dann ist es doch nur eine Frage der Zeit. Der Druck wird stärker, und Druck muss entweichen. Die Bilder werden wiederkehren, in England, in Frankreich, den USA und bei uns, überall, wo in Banken investiert wird und nicht in Menschen.

Eine Reise in die Kindheit – Super 8

Mich hat es gestern mal wieder ins Kino getrieben, kann nicht umhin das auch zu kommentieren, und ausnahmsweise mach ich das mal wieder in der klassischen Rezensionsform. Ich werde mal wieder ein bisschen bei Media-Mania.de mitarbeiten, wo es schon über fünfhundert Rezensionen aus meiner Feder gibt. Da ich aber sowas lange nicht mehr geschrieben habe, habe ich den Film zum Üben genutzt … 😉

 

Filme können Reisen in die Vergangenheit sein, aber so konsequent, wie Regisseur J.J. Abrams das im Fall von Super 8 getan hat, sieht man es eher selten. 1979 spiel der Film, er verbeugt sich immer wieder vor den Filmen, die Produzent Steven Spielberg in dieser Zeit drehte, und ist dennoch auch ganz schlicht ein gut erzählter und inszenierter Film.

Eine Bande von Jungen will einen Film drehen, der mollige Charles ist hier der Chef, er hat die Ideen und schreibt das Drehbuch, führt Regie, während seine Freunde für Kamera, Schauspiel und Special Effects zuständig sind. Für einen besonderen Nachtdreh an der Bahnstrecke verabreden sie sich mit Alice – weil Charles eine Frau im Film braucht. Joe, der für die Maske in dem Zombiefilm zuständig ist, und der vor wenigen Monaten seine Mutter in einem Unfall verloren hat, findet Alice ein bisschen mehr als nur gut, und mit diesen Vorinformationen geht es in die eigentliche Handlung.  Während die Jugendlichen drehen, wie der Titel schon sagt, auf Super 8, passiert etwas Unglaubliches. Jemand fährt mit seinem Pick-Up einem Güterzug entgegen und bringt ihn zum Entgleisen. Die Jugendlichen überleben wie durch ein Wunder und sie haben etwas aufgenommen, was sie in Schwierigkeiten bringen kann:  Etwas ist aus einem der Waggons geflohen. Und damit fangen die seltsamen Geschehnisse erst an.

Eigentlich dürfte dieser Film nicht funktionieren, weil er die Genres sprengt, und wahrscheinlich funktioniert er gerade dadurch so gut. Da werden Erinnerungen an ET und die unheimlichen Begegnungen dritter Art wach, aber auch an die Goonies und – mal nicht Spielberg – an das Geheimnis eines Sommer (Stand by me).  Das ist Jungenfreundschaft, da ist Vater-Sohn-Konflikt, das ist erste Liebe, aber das ist auch ein ziemlich gruseliges Alienmärchen, das mit viel Suspense daher kommt. Und daneben gibt es viel zu lachen, viele witzige Anspielungen, und gern auch sehr kraftvolle Momente, in denen die Auswirkungen des Aliens viel mehr zu sehen sind, als das Vieh selbst – da fliegen Herde, Motoren und ganz Autos durch die Luft, als ob sie aus Pappe wären. Ein wahres Freudenfest für Destruktionsfans ist auch der Zugunfall, der gefühlte Minuten anhält und so viel Zerstörung anrichtet, wie man es sonst nur von Katastrophenfilmen kennt. Und obwohl so viel passiert, hat man eigentlich nie dieses Gefühl von Effektgewitter, das ja in den letzten Jahren so häufig geworden ist.

Vom ganzen Look wirkt der Film über fast seine gesamte Länge, als ob er auch vor dreißig Jahren gedreht sei, warm sind die Farben, Lensflares und Verfärbungen sind beabsichtigt – aber nicht nur wegen der scheinbaren Materialfehler und der Musik des Jahres 1979 wirkt der Film auf fast schon wunderbare Weise unmodern: Es wird auch eine funktionierende Geschichte erzählt, gerade die Jugendlichen werden so liebevoll beobachtet, sind Menschen aus Fleisch und Blut – und die Darsteller spielen auch mit so viel Hingabe, dass man voll in der Illusion aufgehen kann. Sonderlob an Elle Fanning und Joel Courtney – die haben sich offenbar sauwohl gefühlt und danken es ihrem Regisseur mit vielen wunderschönen Details. Dass J.J. Abrams dann auch hier und da ein bisschen zu viel Zuckerguss einsetzt, ist letztlich ebenfalls eine Hommage an Spielberg, denn der neigt ja auch bis heute zu Herzergreifung und Happy Endings.

Sehenswert, unbedingt sehenswert – und wer 1979 Kind oder Jugendlicher war, wird noch dreimal extra Spaß haben.

Quick – Die Breivik-Keule

Matthias Matussek hat bei Spiegel Online den Einsatz der Breivik-Keule verdammt und gegeißelt. Er gibt sich größte Mühe, vermeidet seltsamerweise aber den Begriff Hexenjagd, bevorzugt Sympathisantenjagd – nun gut, ich hätte jetzt gar nicht unbedingt etwas dagegen, wenn Sympathsanten Breiviks gejagt würden, ich fände sogar große Kaliber gar nicht so unangebracht.
Matthias Matussek meint, der Anschlag von Oslo wird von der Linken – jetzt nicht die Partei, nein, Blogger, Kommentatoren usw. – instrumentalisiert. Und dann wird er geradezu poetisch, das Christentum sei eine Religion der Liebe, das könnte nichts mit Breivik zu tun haben, ja, christlicher Terrorismus sei unvorstellbar. Lieber Matthias Matussek, es ist sehr schön, dass Sie ihren Kinderglauben noch haben – allerdings sollte jemand, der die Augen vor der Wirklichkeit so sehr verschließt, eigentlich eher nicht irgendwo publizieren.
Das Christentum hat eine Geschichte der Gewalt. Andersdenkende wurden immer, durch alle Jahrhunderte hindurch, verfolgt und umgebracht. Kreuzzüge und Hexenjagden sind da ein wunderbares Beispiel für – aber christlich motivierte Terristen haben auch noch vor gar nicht allzu langer Zeit ihre Kollegen aus einer anderen Konfession in Nordirland weggebombt. So ist das nun mal mit dem Christentum.
Wer mal wissen will, wie zum Beispiel fundamentale Katholiken drauf sind, der kann ja mal bei kreuz.net vorbeischauen. Die Homophobie dort nimmt Ausmaße an, die im Tonfall sehr an den Nazijargon erinnert. Und ich weiß nicht mehr, wer das letztens richtig erkannt hat – deswegen kann ich es nicht mit Namensnennung zitieren, bitte um Entschuldigung – wenn man sich die Texte der Islamkritiker, der Broders und Sarrazins anschaut, der kann sich ja mal den Spaß machen und „Islamisierung“ durch „Verjudung“ ersetzen, die Texte klingen plötzlich ein bisschen älter, irgendwie aus dem Geschichtsunterricht bekannt – „Islamisierung“ klingt halt nur ein bisschen moderner, und schon haben wir uns täuschen lassen – gemeint ist aber das Gleiche.
Was ich mich frage, meint Matussek wirklich, das seine Auseinandersortierung irgendwie logisch klingt? Wenn ein muslimischer geistiger Tiefflieger und Fundamentalist ein Flugzeug in einen Turm fliegt, entspringt das doch natürlich dem gleichen Geisteszustand, wie wenn ein christlicher geistiger Tiefflieger und Fundamentalist zig Menschen in einem Ferienlager erschießt, wo soll da der Unterschied sein? In der christlichen Menschenliebe? Hallo? Ist da irgendwer zu Hause?
Für mich klingt das ein bisschen nach Rückzugsgefecht. Der Punkt ist doch einfach der: Islam und Christentum haben beide jede Menge Mordopfer zu verantworten. Beide Religionen haben auch viele Millionen friedliche Anhänger, denen man nicht nachsagen kann, dass sie aus ihrer Religion heraus irgendetwas Schlimmes tun. Wenn plötzlich nicht islamische Rechte sondern christliche Rechte Terror verbreiten, dann muss sich die islamophobe Rechte, die sich in den letzten Jahren leider in unseren Medien austoben kann, natürlich leicht betroffen fühlen. Ist auch so ein bisschen widerlich, wenn man sein klammheimliches Verständnis nicht öffentlich machen kann – als ich 12 war und die RAF irgendwie cool fand, ging mir das ähnlich. So geht es jetzt dem Herrn Matussek schon wieder, wie es vermutlich auch ihm nach Fukushima ging, wie es auf jeden Fall weiten konservativen Kreisen erging – die Realität muss bekämpft werden, man muss dem politischen Gegner vorwerfen, er würde eine schlimme Sache instrumentalisieren. Dass dieser die Situation einfach nur analysiert, auf die IDee kommt so ein Matussek natürlich nicht.

Quick – Schmerzensgeld für Gäfgen

Grade gibt es bei Spiegel Online eine Eilmeldung mit dieser Überschrift: „Gericht spricht Kindermörder Gäfgen Schmerzensgeld zu“. Diese populistische Boulevardzeitungsüberschrift springt einem auch gleich mal als wichtigste Information an, die SPON gerade im Angebort hat – einen Artikel gibt es noch nicht dazu, aber das Bild von Gäfgen und die Überschrift sind schon mal da.
Ich frage mich wahrlich, was SPON damit bezwecken will. Das Naheliegendste ist ein Angriff auf Justiz und Grundgesetz, denn wie sonst soll man das interpretieren? Die Sache ist ja ganz einfach – Gäfgen hat einen Jungen getötet – bei SPON einen „Bankierssohn“, als ob das die Tat schlimmer machen würde – und er hat für diese widerliche Tat sein hoffentlich gerechtes Urteil bekommen, welches das ist, hab ich jetzt nicht gegoogelt, man möge mir verzeihen.
Während die Polizei noch hoffte, der Junge lebte noch und man könnte ihn finden, hat man Gäfgen nicht einfach nur unter Druck gesetzt, man hat ihm Folter angedroht. Ich geb gerne zu, wenn ich jemanden erwischen würde, wie er ein Kind massakriert, dann würde ich ihm Folter nicht nur androhen – ich bin halt etwas cholerisch. Aber ich bin kein Polzist, ich habe keinen Eid auf das Grundgesetz abgelegt und ich muss das Gesetz nur einhalten, nicht verteidigen. (Ich würde sehr auf Affekt plädieren) – Die Situation der Polizisten ist anders, aber das, was sie getan haben, ist auch verständlich. Aber nicht alles, was verständlich ist, ist auch gerechtfertigt.
Die Polizisten, die da Folter angedroht haben, haben sich strafbar gemacht, sie haben gegen das Grundgesetz verstoßen, das sie verteidigen müssen. Und in diesem Moment wurde der Mörder Gäfgen zu einem Opfer und in einem Rechtsstaat steht einem Opfer Schmerzensgeld zu – das ist sicherlich in diesem Fall nur mit Magenschmerzen nachzuvollziehen, aber in sich ist es völlig logisch und richtig. Es geht hier um 3000 Euro, wenn man bedenkt, dass Gäfgen davon nichts hat, weil er eh im Knast sitzt und da auch länger bleiben wird, kratzt mich dieses Schmerzensgeld nicht – das so hoch zu hängen, per Eilmeldung und auf dem wichtigsten Platz der Seite, das soll Gefühle wecken, und diese Gefühle können doch eigentlich nur gegen die ustiz sein, und gegen das Grundgesetz, das nun mal in diesem Fall geschützt werden muss – Folter ist ein absolutes Tabu, und das völlig zu Recht. Die Eilmeldung von SPON ist unverantwortlich und etwas, was ich eher der BILD zugetraut hätte.