Demokratie … oder wie man das nennt …

In den letzten Tagen geht ein piratiges Gespenst durch Deutschland, und das geht gut um und erfreut mein Herz, ich sage meinen Dank! Als Blogger muss ich ja quasi die Piraten sympathisch finden, würden meine Theaterstücke irgendwo verlegt, müsste ich mir ernsthaft überlegen, wie gut ich die Ideen der Piraten zum Urheberschutz finde, aber da bisher kein Verlag clever genug war, meine Visionen zu verstehen … hüstel … es würde vermutlich genauer treffen, wenn ich sagen würde, dass meine Stücke zu populär für die Verlage sind, aber ich schweife ab.

Was wollte ich denn eigentlich? Ach ja, ich wollte über Demokratie sprechen, denn dieses Wort wird im Moment mal wieder etwas wichtiger, vor allem, weil die Piraten mit Transparenz ankommen, einem Wert, den die etablierten Parteien schon vor längerer Zeit in den Wind geschossen haben. Und Transparenz könnte ja was mit Demokratie zu tun haben.

Mit der Demokratie liegt im Moment vieles im Argen, manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir überhaupt in einem demokratischen Staat leben. Und das aus diversen Gründen. Es gibt Symptome, dass Demokratie gar nicht mehr ernstgenommen wird. Und das nicht nur, weil die etablierten Parteien versuchen, den Erfolg der Piraten klein zu reden, oder weil ein absoluter Herrscher und Religionsfürst im Bundestag sprechen darf – ich finde es nicht gut, wenn ein Antidemokrat im Bundestag reden darf, tut mir leid.

Aber mal von den aktuellen Sachen abgesehen: Wir werden doch viel mehr von einer Geldelite regiert, als von Politikern. Warum schreiben denn Frau Merkel und Herr Sarkozy ihre Beschlüsse von Bankenverbänden ab? Warum wird ein System immer wieder mit Milliarden unterstützt, dass viel verrotteter, korrupter und bankrotter ist, als Ende der Achtziger der Staatssozialismus – nein, ich war kein Fan davon und bin es heute noch viel weniger – irgendwie sein konnte. Warum wird eine demokratische Partei als Paria behandelt, von Parteien, die mit Schill paktierten und mit Wilders und Haider sympathisierten und sympathisieren? Kurz warum gibt es jede Menge Denkverbote, Lobbywirtschaft und warum eine Presselandschaft, die weitflächig der politischen Klasse andauernd zu tollen Schlagzeilen und Kampagnen verhilft? Das alles hat mit Demokratie nur noch sehr wenig zu tun.

Man fragt sich, wann die Politiker begonnen haben, sich gar nicht mehr den Menschen verpflichtet zu fühlen, sondern nur noch der Wirtschaft. Kann mir da jemand den Stichtag nennen? Aber müssen wir uns wundern? Jetzt mal ernsthaft, wo wird denn überhaupt Demokratie gepflegt? Welche Einrichtungen sind denn demokratisch? Wundern wir uns wirklich darüber, dass wir von Marionetten der Reichen regiert werden, wenn das doch auch im Alltag üblich ist? Wer das Geld hat, dem hat man zu gehorchen, die Wirtschaft ist so hierarchisch, und größtenteils auch patriarchalisch, wie sie es schon seit Hunderten von Jahren war. Mitbestimmung mündete zum größten Teil in neue Hierarchien, und die Gewerkschaften heute nicken nur immer brav ab, dass wir ein Billiglohnland werden müssen, damit auf jeden Fall einige wenige immer reicher und wir anderen immer ärmer werden – das scheint so in Ordnung zu sein, dagegen wehrt sich doch keiner mehr ernsthaft.

Wenn wir Demokratie ernst nehmen würden, dann würden wir sie schon in der Schule lernen, und nicht im Frontalunterricht versauern, wenn wir Demokratie ernst nehmen würden, dann würden Arbeiter und Angestellte an ihrer Arbeit verdienen, und nicht Aktienbesitzer und Hedgefonds, wenn wir Demokratie ernst nehmen würden, dann würden wir keinen Kotau vor den Religionen machen, vor dem Geld und vor den Medien. Aber wir tun das nicht, Demokratie ist eine genauso unerreichte Utopie, wie der Kommunismus, wie ihn sich Marx und Engels gedacht haben. Und ganz nebenbei, Demokratie, Volksherrschaft, hat ja unbedingt damit zu tun, dass Menschen frei sind. Und da hapert es ja, wo sind wir denn frei? Ja, wir dürfen manchmal, aber auch nicht immer, unsere Meinung sagen, und wir dürfen alle paar Jahre ein Kreuzchen machen, aber Freiheit? Das würde bedeuten, wir wären zum Beispiel frei von Geld – und dann meint die FDP eine freiheitliche Partei zu sein, ich würde ja lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Und jetzt muss ich natürlich zu den Piraten zurückkehren, denn die scheinen zumindest teilweise die Demokratieidee etwas ernster zu nehmen. Und sie nutzen das Internet, und die Ideen, die das Internet, das über Jahre quasi ein rechtsfreier Raum war, und dem man offenkundig nicht so einfach Herr wird, gebiert auch neue Ideen, die zum allergrößten Teil ganz viel mit Freiheit zu tun haben. Wie wäre es denn, wenn man einfach mitreden könnte in der Politik? Wenn es ein System gäbe, in dem jedes Argument von allen, die sich dafür interessieren, gehört werden würde und sich jeder seine Meinung mal ganz unabhängig von BILD, SPIEGEL und den anderen Vormeinern bilden könnte. Wie schön ist es, das wir Blogger heute einfach schreiben können, was uns gefällt und was wir meinen, und oft genug eine Gegenmeinung zum Ausdruck bringen, eine Gegenmeinung gegen das Medienmonopol. Von daher war es auch klar, dass sich unter den Twitterern und Bloggern eine solche Partei wie die Piraten bilden konnte. Das sind ja quasi die einzigen, die noch von der vorgegebenen Meinungsnorm abweichen. Diese Qualität muss jetzt einfach größere Kreise schlagen, mehr Menschen müssen die aufklärerische Kraft des Internets zu spüren kriegen – oh, ich merke gerade, wie optimistisch ich bin, muss wohl einen naiven Tag haben. Aber mal ernsthaft, wenn die Internetaffinen, die Gamer und Nerds, die Blogger und Twitterer, die Forenuser und meinetwegen auch die –trolle, eine gemeinsame Bewegung schaffen, wo sie das, was sie täglich im Internet erfahren, nämlich Selbstverantwortlichkeit und Transparenz, auch ins Real Life bringen, dann würde das eine echte Revolution geben, eine so große wie sie seit 68 nicht mehr gegeben hat. Also ich bin auf die Zukunft gespannt. Ich bin optimistisch … Optimismus kann die Welt verändern, und die Welt hätte es verdammt nötig!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 22, 2011 in Gesellschaft, Politik und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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