Die Papstrede, ein paar Gedanken …

Ich schau mir doch mal die Rede an, die il Papa da gestern im Bundestag gehalten hat. Soll ja sehr philosophisch und intellektuell sein, wollen mal sehen, wieviel ich davon verstehe. Bin ja nur ein unintellektueller Künstler … ja, Achtung Polemik … ich weiß das auch selbst 😉

Als erstes fällt mir diese kleine Passage auf:

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Äh, Moment? Hab ich das jetzt falsch verstanden, oder der Herr Ratzinger? Ich dachte er könnte nur deshalb vor dem Bundestag sprechen, weil er als Staatsoberhaupt des Vatikan vorbei kommt? Also doch als Glaubensoberhaupt? Was kommt denn als nächstes? Der Obermormone oder –scientologe? Okay … schauen wir mal weiter …

Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.

Äh, schon … ja … Politiker sollen also Erfolg suchen, sich aber auch ans Gesetz halten. Gut, so viel Philosophie war das jetzt noch nicht, bis hierhin nur Allgemeinplätze – allerdings ist die Passage mit dem Recht schon wieder so eine Sache, wenn man bedenkt, wie oft die Kirche schon verhindert, dass ihre päderastischen Hirten zur Verantwortung gezogen wurden. Recht und Gesetz ist halt eher was für Politiker als für Kleriker, richtig?

Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte.

Richtig, es gibt diverse Beispiele dafür. Herr Ratzinger spielt vermutlich auf die Nazizeit an, nicht auf die Hexenverfolgung, aber er hat natürlich Recht.

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was Recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?

Mit Ethik Herr Professor Ratzinger, ganz einfach, wir sind nämlich vernunftbegabt. Allerdings mit den Entitäten Gut und Böse herumzuspielen, ist jetzt wenig philosophisch, so eine ungenaue Denkart. Die Kategorien könnten auch ein bisschen weniger aufgeladen sein, zum Beispiel „ethisch richtig“ und „ethisch falsch“. Einfaches Beispiel: Wenn ein homosexuelles Paar extrem viel Spaß im Bett hat ist das ethisch richtig, wenn man Kinder befummelt und vergewaltigt, seine Macht zur eigenen Befriedigung nutzt, dann ist das ethisch falsch.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Moment, da versteh ich schon wieder was nicht, „Mehrheitsprinzip nicht ausreicht“? Also die Fälle, in denen Demokratie doof ist?

Dann zitiert Herr Ratzinger Origenes, kommt darauf, dass man „gottlose“ Gesetze nicht befolgen sollte.

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident.

Das „Gesetz der Wahrheit“ … gibt es nur eine? Ach, Herr Ratzinger, bitte, wir wissen doch, dass es Millionen verschiedene Wahrheiten gibt, jeder hat seine. Ich versuche mal, ihre hochphilosophische Rede hier zu übersetzen: Sie als Demokraten können ja alles Mögliche beschließen, aber es gibt ein wahres Gesetz, an dass sie sich besser halten würden.

Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden. Wie erkennt man, was Recht ist?

Nur, indem man dem wahren Gesetz folgt, richtig, Herr Ratzinger? Gut, man könnte einfach auch nachdenken, aber damit würde man ihre Anbeter in den Reihen der CDU/CSU auch überfordern, richtig?

In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.

Ja, da kommt es: Das wahre Gesetz ist natürlich das, was der Herr Ratzinger in Rom ex cathedra verkündet, und, na, den kleinen Seitenhieb auf den Islam verstanden? Ja, da gibt es ein religiöses Gesetz und es ist genauso hinterwäldlerisch, wie das, was der Herr Ratzinger so verkündet. Ist ja auch nicht so, als ob die Kirche sich irgendwann in die Gesetze der Menschen gemischt hätte … *hüstel* … über Jahrhunderte hat Rom die Gesetze diktiert, und neben dem weltlichen Gericht die Inquisition auf die Menschen losgelassen, eine Abteilung, die Herr Ratzinger gut kennt, war er doch lange genug der Chef ebendieser Abteilung.

In den nächsten Absätzen, die ich hier mal unterschlage, schlägt Herr Ratzinger eine Brücke von vorchristlichen Philosophen über spätrömisches und mittelalterliches Recht hin zu Aufklärung und unserem Grundgesetz. Er erwähnt dabei nicht, dass die Aufklärung den Vatikan noch nicht erreicht hat. Bagatellen … Herr Ratzinger vergisst, vermutlich seinem hohen Alter geschuldet, die Inquisition, die antisemitischen Gesetze des christlichen Mittelalters, und die vielen anderen direkten Einmischungen der Kirche in die weltlichen Gesetze und erzählt ein Märchen davon, dass die die Kirche sich schon immer auf die Seite der Philosophie gestellt hätte, dass es ein weltliches Gesetz geben müsste, dass quasi säkular ist. Recht fantasievoll.

Dann wird es mir natürlich zu hoch, habe keine Lust mir da einiges an Background anzulesen. Interessant ist der Schluss, den Herr Ratzinger zieht:

Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.

Über viele Umwege ist der alte Herr also dazu gekommen, dass Ethik und Religion quasi das gleiche ist, und dass man sie nicht mit Vernunft fassen kann. Das stimmt nicht. Die Ethik fußt auf wenige Axiome, quasi wie die Mathematik, und die Religion darauf, dass man an sprechende Schlangen und Leute glauben muss, die über Wasser laufen und von den Toten auferstehen – na, merkste was?

Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Ah, wie scheinen dem Kern näher zu kommen. Versuchen wir noch mal eine kleine Übersetzung: Da, wo man die Vernunft in den Mittelpunkt stellt und andere Strömungen, zum Beispiel mittelalterliche Moralvorstellungen, an den Rand, da wird man kulturlos, da ich ja als Papst die „wahre“ Kultur verkörpere. Und weil in anderen Ländern fundamentalistische geglaubt wird, werden die Ungläubigen kulturlos untergehen. Noch konkreter: Rüstet euch zum Kreuzzug, die Muselmanen kommen. Ja, ich vereinfache, aber was glaubt ihr, soll mit dieser Rede gemacht werden?

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Ach so, und dazu sollen wir uns in die katholische Enge begeben? Ich geh dann doch lieber spazieren, da krieg ich echte frische Luft und muss mein Gehirn nicht abgeben.

Dann kommt das Lob an die Grünen, wie süß, und die sind ja auch drauf reingefallen, wie man hört. Herr Ratzinger kommt nämlich über die richtige Einsicht, dass Ökologie nicht unwichtig ist – immerhin, seine Kollegen aus dem evangelikalen Bereich berufen sich auf „Macht euch die Erde untertan“ und sind eh davon überzeugt, dass das Ende der Welt so nahe bevor steht, dass es sich nicht mehr lohnt, die Umwelt zu schützen, gut, so dumm ist Herr Ratzinger nicht – zu der etwas seltsamen weiteren Einsicht, dass es eine Ökologie der Menschen geben muss:

Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Na, hört doch mal, was er sagt! Der Mensch muss seine Natur achten, Ratzingers Anhänger auf kreuz.net sagen das gleiche, nur ein wenig undiplomatischer, da heißt es dann: „Verreckt, ihr gottverdammten Homos!“ Ja, der Ratzinger ist ein Intellektueller, der kann seine Phobien viel differenzierter ausdrücken und ein ganzes Parlament klatscht.

Ich springe jetzt etwas großzügiger, meine Aufmerksamkeit schwindet und ich habe auch noch anderes zu tun.

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Euphemismus ick hör dir trapsen … ach nein, das ist einfach gelogen. Die unantastbare Würde des Menschen hat die Kirche noch nie interessiert. Das sagt ein Papst, der Exorzisten ausbilden lässt! Der lieber Menschen millionenfach an AIDS krepieren lässt, als dass sie sich ein Tütchen über den … ach, komm, das ist einfach widerlich.

Diese Rede hat nicht viel versöhnliches, eher einiges verführerisches. Man kann auf die Dialektik des Herrn Professors reinfallen, man kann es aber auch lassen. Also lassen wir es doch einfach.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 23, 2011 in ethik, Gesellschaft, Politik und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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