Gender … post … prä …

Die Euphorie um die Piraten hat unsere Medien ja schnell auf den Plan gerufen, und man fragte sich wohl in vielen Redaktionen, was man denn tun könnte, um dieser sympathischen neuen Partei ordentlich ans Bein zu pinkeln. Immer wieder wird betont, dass sogar die CDU eine Quote hat, und die Piraten das ziemlich rundheraus ablehnen. Mir persönlich macht gerade das die Piraten auch noch mal zusätzlich liebenswert, weil ich davon noch nie etwas gehalten habe.

Jetzt kann man mir natürlich sofort vorwerfen, dass ich ein Macho bin, der Frauen nicht in der Politik haben will. Aber das ist Unsinn, und dieser Reflex geht mir ziemlich auf den Keks. Ich bin mit der Gleichberechtigung groß geworden, habe es nie problematisch gefunden, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben sollten, und von der Vernunft her –was diese Einschränkung soll, kommt gleich noch – bin ich weit weg von jeder Frauendiskriminierung. Die Idee, dass Männer den Frauen in irgendeiner Seite überlegen sein sollten, außer teilweise von der Körperkraft her, halte ich für absoluten Unsinn.

Allerdings geht mir ein Teil des Feminismus ziemlich auf den Keks. Einerseits bin ich jemand, der gute Sprache liebt – und ganz ehrlich, überall weibliche Suffixe dranhängen ist keine schöne Sprache. Egal, wie es geschrieben wird, es sieht doof aus. Und da man es in gesprochener Sprache nicht macht, sollte man es meiner Meinung nach auch im Schriftdeutsch auslassen. Wenn ich von Lehrern spreche, meine ich auch Lehrerinnen. Das machen die Menschen schon seit Jahrhunderten, das ist relativ gebräuchlich. Es gibt genug Diskriminierung in der Sprache, aber das ist es nicht.

Und gar nicht so anders fühle ich gegenüber der Quote. Früher mal, als ich noch dachte, aus mir würde etwas Vernünftiges werden, war die Quote etwas, was ich bedrohlich fand. Nicht, weil ich meinte, dass Frauen damit mein männliches Recht auf den besten Job verneinen würden, aber sorry, wenn ich für einen Job besser geeignet bin, aber nicht genommen werde, weil ich männlich bin, das heißt doch nur, dass man die Diskriminierung in die andere Richtung verschiebt. Heute denke ich einfach, dass wir – also jetzt das Wir der aufgeklärten, intelligenten Menschen, nicht das allgemeine Wir, dass auch Katholiken mit dabei wären, die papsttreu meinen, dass Menschen sich nach ihrer Natur verhalten sollen – einfach über dieser Quote drüber stehen müssten. Wer wirklich meint, dass man in aufgeklärten Kreisen, wie zum Beispiel einer Partei von Piraten, noch dringend eine Quote braucht, der ist offenbar noch nicht so wirklich emanzipiert. Das sieht natürlich in der CDU anders aus, da könnte diese Quote durchaus nicht uninteressant sein – aber die sind ja auch von aufgeklärt und modern extrem weit entfernt.

Ich denke, es gibt jede Menge Probleme, um die sich die Feministinnen und Feministen viel dringender kümmern sollten. Zum Beispiel um die Frage, warum in den Vorständen der Unternehmen so wenige Frauen sind, und warum Frauen im Schnitt immer noch schlechter bezahlt werden, auch bei gleicher Qualifikation und Arbeit. Da muss es ganz dringend ein Umdenken geben, aber das geht nicht mit Zwang, sondern nur mit Aufklärung und Erziehung.

Ich arbeite ständig mit Kindern und Jugendlichen, meistens mit mehr Mädchen als Jungen – ich mach Theater, da trauen sich Jungs weniger hin. Ich muss da regelrecht andersherum Entwicklungs- und Emanzipationsarbeit machen, denn die Jungs haben oft Probleme, ihre Gefühle zu zeigen. Was man fürs Theater natürlich braucht. Aber wenn man die jungen Menschen mal anschaut, dann gibt es da einen gravierenden Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die Jungs haben fast durchgehend ein größeres Selbstvertrauen, gerade die begabten. Habe ich zwei Schauspieler von gleicher Qualität, wird sich der männliche fast immer mehr zutrauen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber im Schnitt … und dafür muss es doch einen Grund geben. Ich wäre mal gespannt, wann die Pädagogik, die sich ja selbst für eine Wissenschaft hält, mal irgendwann herausfindet, wie man dagegen angehen kann.

Wenn ich die Jugendlichen heute sehe, dann habe ich durchaus das Gefühl, dass es da einen riesigen Rückschritt gab in den letzten 25 Jahren.  Meinem Gefühl nach sind die Mädchen heute im Mittel weniger emanzipiert, vielleicht auch teilweise anders, als es die Mädchen in der Zeit waren, als ich selbst Jugendlicher war. Vielleicht habe ich es früher nicht so gemerkt, aber heute habe ich allzu oft das Gefühl, dass Mädchen sich weniger vornehmen, weniger vom Leben verlangen, sich letztlich einfach weniger zutrauen. Hoffentlich sehe ich das einfach falsch.

Der Feminismus hat, das kann man wohl  mit Hoffnung auf Konsens behaupten, eine Menge erreicht. Und wenn in den 80ern die Mädchen vielfach auf Schminke verzichteten und ihr Haar kurz trugen, dann lag das auch daran, dass sich damals die Emanzipation gerade in den Mainstream durchsetzte. Heute sind die Rollenklischees in der Kinderindustrie wieder völliger Mainstream und „Hello Kitty“ tragen noch 15jährige und glauben,  das wäre normal. Wenn diese Rosa-Plüsch-Barbie-Disney-Prinzessinnen-Scheiße wieder da wäre, wo sie hingehört, auf den Müllkippen dieser Welt, dann wäre der Weg vielleicht wieder in richtiger Richtung betretbar.

Aber stürzt euch nicht auf die Piraten, die vielfach aus der technischen Ecke kommen, in denen sich weniger Frauen aufhalten, weil ihnen schon als Mädchen beigebracht wird, dass das nichts für sie ist. Stürzt euch auf die Unternehmen, speziell auf die, die uralte Rollenklischees wieder und wieder in die Köpfe der Menschen zementieren. Lasst uns endlich mit dieser Rollenscheiße aufhören. Wie kindisch ist denn das?

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 30, 2011 in Gesellschaft, Politik und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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