Archiv für den Monat Oktober 2011

Kultursubventionen / ein piratiger Blick

Vor ein paar Monaten hatte ich hier (https://hollarius.wordpress.com/2011/06/30/die-kultur-und-das-liebe-subventionierte-geld/) schon mal über Kultursubventionen geschrieben, aus einer Diskussion heraus, aus meiner persönlichen Sicht als Künstler heraus. Jetzt bin ich seit ein paar Wochen bei den Piraten und finde in der für Neupiraten sehr verwirrenden Takelage aus Pads, Wiki, diversen Seiten, Forum und Mailinglisten zu dem Thema eher Unpräzises. Alle sollen irgendwie an Kultur teilnehmen können, freier Eintritt in Museen wird gefordert – aber das ist alles sehr ungefähr. Es ist ja auch ein Nischenthema, und außerdem ein Lokalthema, was die Bundespartei natürlich nicht so sehr interessiert. Aber auch Lokalpolitik muss ja besetzt werden, ist im Moment ja auch der einzige Punkt, an dem wir ansetzen können, schließlich ist Berlin nicht nur ein Bundesland, sondern auch eine Stadt mit viel Kultur, wo das Thema wichtig ist.

Es gibt eigentlich zwei Blicke auf die Kultur, wenn man mit den Augen des Piraten sieht. Einerseits ist der freie Zugang natürlich von basaler Wichtigkeit. Freier Zugang ist das, was die Piraten zusammenhält. Also sollte es auch freien Zugang zu Theater und Oper, zu Museen und Konzertsälen geben, oder?

Andererseits soll sich der Staat ja nicht in alles einmischen, und dass jede Karte in der Oper mit durchschnittlich zweihundert Euro vom  Staat gesponsert wird, ist für mich persönlich, der ich zwei bis dreimal im Jahr die eine oder andere Oper besuche, eine tolle Sache,  aber eigentlich kaum zu rechtfertigen.  Warum wird eine Einrichtung, die nur von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft besucht wird, so hoch subventioniert?

Alles umsonst, das ist eine hübsche Idee, aber auch nicht zu bezahlen. Die Städte sind eh mehr oder weniger pleite. Ein Streichen der Subventionen würde aber in die andere Richtung gehen, angloamerikanische Verhältnisse sind nicht die, die wir suchen. Dort ist die Hochkultur eine absolute Mangelware, und/oder von Mäzenen nicht nur bezahlt, sondern auch gesteuert. Also schauen wir mal etwas genauer an, was heute bezahlt wird.

Da gibt es sehr unterschiedliche Konzepte.  Die größte Ausgabe der großen Städte geht an Opern und Schauspielhäuser. Hier sind viele Menschen angestellt, hier werden Stars eingekauft, die für wenige Tage eingeflogen werden.  Relativ gesehen, werden Eintrittskarten fürs Museum sogar noch mehr subventioniert. Da wird auch sehr viel sehr gute Arbeit geleistet, da gibt es immer wieder sehr neue Inszenierungen, da gibt es Orchester auf höchstem Niveau, Künstler, die unglaublich intelligente und provokante Werke schaffen – es gibt aber auch viel Mittelmaß, man findet sogar recht häufig Mist, der gut bezahlt wird. Der festangestellte Künstler neigt zum Stillstand. Noch problematischer ist es allerdings, dass es erstens quasi eine Vollkasko gibt, dass es geradezu egal ist, was man macht, und wie viel Publikum man erreicht, und auf der anderen Seite steckt da ja auch eine Denkart hinter, die mit Kunstförderung gar nichts zu tun hat: Es geht hier eindeutig auch um Gallionsfiguren, um Aushängeschilder, in deren Rettung sich Politiker ihre eigenen Denkmäler bauen.

Auch in der freien Szene gibt es eine Menge Subventionen, die auf verschiedenste Art ausgeschüttet werden – im Vergleich aber zu den Aushängeschildern, geht hier nur relativ wenig Geld hin. Das bewirkt trotzdem recht viel. Warum? Naja, weil es immer eine anteilige Finanzierung ist. Man stößt Projekte mit Geld an, man finanziert sie nicht vollständig. Oftmals heißt erfolgreiche Kulturförderung auch vor allem das Bereitstellen von Räumen, sowohl für die künstlerische Arbeit, als auch für Auftritte.

Soweit grob gesehen der Ist-Zustand. Wie kann man denn nun den freien Zugang damit kombinieren, dass eine Vollsubvention der Kunst nicht nur finanziell utopisch ist, sondern auch noch, ähnlich wie die Konzepte für eine Kulturflatrate,  daran kranken würden, dass es so schwierig zu entscheiden ist, was denn Kultur ist, und wer denn nun subventioniert werden muss.

Es gibt zwei wichtige Ansätze:

Erstens der freie Zugang dazu, Kunst betreiben zu können. Jeder soll die Möglichkeit haben, selbst tätig zu werden. Deswegen sollten Subventionen mehr in die Breite gehen, als in die Leuchttürme der Hochkultur.  Ein Instrument zu lernen, ist schon ein kleiner Luxus, auch andere kulturpädagogische Angebote müssen meistens recht teuer sein, weil die Kulturpädagogen – unter denen ich jetzt mal die Klavierlehrer, Kunst- und Theaterpädagogen und alle anderen subsummiere, die anderen Menschen etwas beibringen, dass ihnen ermöglicht, an der Schaffung von Kultur teilzunehmen. Hier sollte investiert werden, und natürlich braucht diese Kunst von unten auch Proben- und Aufführungsräume.  Hier einen freien Zugang zu schaffen, wäre ein Ideal. Wenigstens ernsthaft die zu unterstützen, die es sich nicht selbst finanzieren können, wäre das erste kleine Ziel. (Habe letztens selbst mit einer H4-Mutter gesprochen, die sagte, dass es einfach nicht drin wäre, ihrem Sohn Gitarrenunterricht zu bezahlen. Die H4-Gutscheine eines Jahres würden für zwei Monate reichen. Der Junge übt stundenlang ohne Unterricht – eine Schande, wo so viele, die es sich leisten können, nur unter Druck ihr Instrument anfassen …)

Aber nicht nur freier Unterricht wäre anzustreben, sondern eben auch eine Unterstützung von freien Gruppen. Probenräume und Aufführungsorte müssen für örtliche Gruppen kostenlos sein, die Amateure, die Liebhaber müssen unterstützt werden. Es braucht Möglichkeiten für junge Bands, sich vor Publikum zu zeigen, und je professioneller Bühne und Technik dafür ist, desto mehr kann der Nachwuchs davon profitieren. Subventionen, die Projekte anschieben, die der halbprofessionellen und professionellen lokalen Szene helfen, auf eigenen Beinen zu stehen, sind viel besser, als das Einkaufen von fremdem Mittelmaß. Etabliert sich eine starke lokale Szene, dann wird das Interesse an guten fremden Kräften auch von selbst wachsen. Auch Veranstalter können auf einem solchen Fundament gut aufbauen und die Szene wiederum bereichern.

Zweitens sollen die hochsubventionierten Häuser, die Museen und Opern, die Konzertsäle immer auch eine Bringschuld haben. Wenn es darum geht, wie die Subventionen weiterfließen, muss jedes dieser Häuser zeigen, wie man sich darum bemüht, einen Zugang zu schaffen. Und dabei geht es nicht darum, dass man seinen Abonnenten irgendwelche Rabatte gewährt, es geht darum, dass Kulturferne an die Kultur herangebracht werden. Das können Kooperationen mit Stadtteilprojekten sein, dass können freie öffentliche Generalproben sein, für die Karten in Schulen verteilt werden. Das können Kunstprojekte sein, in die Menschen aus den – ich sags mal provokant – Slums eingebunden werden. Die Theater haben Dramaturgen, die Museen Kuratoren,  und denen wird vieles einfallen, ebensolche Projekte anzukurbeln, die Menschen an die Kultur heranbringen. Man muss sie nur dazu zwingen, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen. Es geht nicht darum, in die künstlerische Freiheit einzugreifen, es geht auch nicht darum, pädagogische Arbeit den Künstlern aufzuzwingen. Aber wenn diese Häuser viele Millionen im Jahr verschlingen, dann sollen sie sich auch darum kümmern, dass sie das nicht nur für einen winzigen Teil der Gesellschaft tun. Es geht hier darum, dass Menschen an die Hand genommen werden müssen – die glauben nämlich, RTL2 würde ihnen reichen, sie wissen es nicht besser, es hat ihnen noch keiner gezeigt. Wenn die Opernhäuser und Stadttheater das nicht leisten können, die Orchester und Ensembles, dann sind die Subventionen offenkundig falsch angelegt.

Mehr Subventionen in den künstlerischen Breitensport, mehr Öffnung der subventionierten Kulturtempel, das wären doch schon mal zwei schöne piratige Forderungen, oder?

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Blogdiskussion Urheberrecht

Der Mideg hat quasi auf meine Beiträge zum Urheberrecht geantwortet – das wollte ich ihm in seinen Kommenatern vergelten, aber blogspot nimmt keine Kommentare über 4096 Zeichen … Weicheier …
Midegs Blogeintrag findet ihr hier: Hier klicken!

„Du wirfst ja alles in einen Topf … so als ob die Idee das gleiche wäre, wie ihre Ausarbeitung … (übrigens frage ich mich gerade, was du noch bei den Grünen machst, du denkst zu diesem Thema sehr viel piratiger als der größte Teil der Piraten) … das Problem, ich habe es hier und da schon erläutert, ist der Respekt vor Arbeit. ein schneller Autor braucht für ein Buch von fünfhundert Seiten vier bis sechs Monate, in denen er eigentlich keine andere Arbeit machen kann. Wenn ich dich beim Wort nehme, dann sagst du ihm: Herzlichen Glückwunsch, sie haben da ein prächtiges Buch geschrieben, wie schön, dass sie das gleiche BGE bekommen wie ich, und ich deswegen ihr Buch einfach lesen kann, ohne dass ich ihnen da was für gebe. (ich weiß, viele geben freiwillig etwas, aber ich habe mit der Freiwilligkeit bisher mehr negative als positive Erfahrungen gemacht.)
Jetzt gehst du am nächsten Tag zur Arbeit, dein Chef ist zufällig ein Freund des Autoren und sagt dir: Wie schön, dass du das gleiche BGE bekommst, wie wir alle, ich bezahle dir auch nichts mehr oben drauf, du arbeitest ja sicherlich gerne umsonst weiter, oder?
Deine Reaktion? Chef, du kannst mich mal.
Das BGE ist eine tolle Sache, keine Frage, aber allen schöpferisch tätigen Menschen zu sagen: Schön, dass ihr arbeitet, wir geben euch dafür aber nur das, was alle kriegen, ob sie arbeiten, oder nicht. Das ist jetzt echt nicht besonders freundlich.
Aber die Verlage werden deinen Vorschlag sicherlich gerne aufnehmen. Der oben erwähnte Autor hat also sein Buch geschrieben – zur Sicherheit auf einem netzunabhängigen Rechner, geht damit zu einem Verlag, wo er es selbst herausbringen kann, und passt höllisch auf, dass keine digitale Kopie existiert, und veröffentlicht das Buch auf Papier, das wird noch etwa dreißig Jahre funktionieren, dann wird Papier out sein. Weil er natürlich kein Geld hat, um Werbung zu machen, wird das Buch, obwohl es wirklich gut ist, ein mittelmäßiger Erfolg, er verkauft ein paar hundert davon im ersten Jahr. Ein Scout von beispielsweise Bertelsmann liest das Buch, findet es großartig, schickt es stante pede durch einen Buchscanner, bekommt eine wunderbare digitale Kopie, vermarktet es als E-Book und Taschenbuch, Werbung macht vieles möglich. Das Buch wird ein Riesenerfolg und füllt die Taschen des Verlages. Der Autor sieht von dem Geld nichts und erschießt sich …
Die einzige andere Möglichkeit für den Autoren ist übrigens, weiter zu machen, zu hoffen, dass er seine nächsten Bücher vom Hype profitieren und er es irgendwie kommuniziert bekommt, dass er nur dann was davon bekommt, wenn man die Bücher von ihm kauft. Letztlich muss der Autor neben dem Schreiben, an dem er ja nicht vorbeikommt – Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen – und dass er eigentlich machen will, muss er Geschäftsmann werden, um eine Chance zu haben, dass seine Arbeit vergütet wird. Vielleicht ist er aber kein guter Geschäftsmann, vielleicht kann er nur schreiben, vielleicht kann er kein Geld mit Lesereisen verdienen, weil er sich nicht vor Publikum traut.
Es ist ein Kreuz mit der Kunst, 10 Prozent Inspiration, 90 Prozent Transpiration … und nur im seltensten Falle kann man einfach sagen, gut, dann mach ich eben keine Kunst … ich hab gehört, es gibt solche Menschen … ich habe aber noch keinen getroffen. Wenn man einmal angefangen hat, die Kunst einmal der Lebensmittelpunkt geworden ist, dann kommt man nicht mehr zurück. Und die 90 Prozent Transpiration sind der Grund, weshalb ich insistiere. Es ist bei Theaterstücken zum Beispiel so: Einem Stück liegen fast immer zwei bis drei völlig unterschiedliche Ideen zu Grunde – es gibt sehr selten auch Stücke, die auf einer Idee basieren. Diese IDeen sind nicht schützenswert, viele davon sind schon in hunderten anderen Stücken, Romanen und Filmen verwertet worden, meistens werden sie trotzdem durch ihre Kombination einzigartig – diese Kombination ist aber immer noch nicht der Punkt, an dem es meiner Meinung nach schützenswert wird. Das passiert erst durch die Ausarbeitung. Durch Handwerk. Gute Dialoge zu schrieben, ist wirklich viel Handwerk und ein bisschen Kunst, die Geschichte schlüssig zu machen, die Szenenfolge festlegen, die Rollen zu entwickeln und letztlich immer wieder gegen die Schreibblockaden und falschen Wendungen anzugehen, dass ist die Arbeit, das ist auch die individuelle Note (jeder, der mindestens zwei meiner Stücke gesehen hat, wird recht schnell erkennen können, wenn ein Dialog von mir ist) – dann ist das Stück einzigartig. Niemand anders kann es geschrieben haben. Eine Sache der Wahrscheinlichkeit ist das schon nach einer Seite Text nicht mehr – nach 20 Szenen noch viel weniger – aber du darfst gerne die Anzahl der Möglichkeiten ausrechnen, ich bin kein begeisterter Stochastiker …
Deine Idee funktioniert ganz wunderbar in dem Moment, in dem es das BGE gibt und deswegen niemand mehr Geld für seine Arbeit nimmt. Dafür kannst du jetzt auch die Wahrscheinlichkeit ausrechnen …“

Urhebertrolle

Es sind ja nur wenige, es sind ja die Trolle, aber es geht mir trotzdem auf den Geist. Ein paar, der werten Piratenkollegen neigen zur vollständigen Verneinung des Urheberrechts und sagen dann so seltsame Sachen, wie: „Kunst, die Geld verdienen will, ist keine Kunst!“ oder „Wir wollen ja das BGE, damit ist dann für die Künstler gesorgt!“  Auf eine solche Mail habe ich heute ein wenig aufgebracht und sehr ausführlich geantwortet (man merkt hier und da, dass es eigentlich ein Mailtext ist):

Achtung Polemik:

Ja, es ist wunderbar, der arme Künstler, der in der Dachstube … ist ja auch richtig, Künstler brauchen keinen Urlaub, sie haben ja schon einen Beruf, der ihnen Spaß macht, das ist allein schon so unfair, da brauchen sie doch nicht auch noch Geld.

Ah, daher weht der Wind, es ist Neid …

Also, klare Ansage an alle: Kreative sind nicht die Deppen der Nation, man kann sie aber schnell dazu machen. Ist total einfach. Warum? Weil sie eh Kunst machen, egal, ob man sie dafür ordentlich bezahlt, oder nicht. Ist total praktisch!

Der ITler – ich geh mal vom Durchschnittspiraten aus 😉 – wird nach den Plänen der Piraten das BGE bekommen, und dazu seinen Lohn, weil er ja arbeiten geht. Der Kreative, sagen wir mal, der Komponist, nur so als Beispiel, verbringt Tag und Nacht an seinem Klavier, dann wieder am PC um seine Noten auch zu setzen, orchestriert, programmiert – diese Arbeiten gehören ja zur Komposition dazu, es ist ja nicht nur der geniale Moment auf dem Klo, wo ihm die besten Ideen kommen und er sie in sein Handy singt. Und was bekommt er für seine Arbeit? das BGE … sollte doch wohl reichen, oder? Hey, der macht das doch freiwillig, oder? Könnte ja auch wie ich armer ITler richtig arbeiten gehen! Der faule Hund, der!

 

Jetzt mal ernsthaft:

Es ist schwierig, einerseits die Kultur fördern zu wollen, und gleichzeitig zu sagen, mehr als das Mindesteinkommen braucht ihr nicht. Weil es natürlich auch neben den ganzen anderen Gründen, warum man es macht, den Grund gibt, dass man auch mal ein paar Euro in der Tasche hat. Das BGE, einer der Gründe dafür, dass ich in die Piratenpartei eingetreten bin, wird eine große Kulturförderung sein, gar keine Frage, denn gerade für Leute, die mit der Kunst anfangen, ist das eine tolle Sache ein brauchbares Einkommen zu haben, und keine Brotjobs annehmen zu müssen, weil es sonst hinten und vorne nicht reicht (ich meine damit noch nicht mal die künstlerischen Brotjobs, die lustigen Musikanten auf dem Dorffest, oder ähnliches, sondern Kellnern und Putzen). Aber gerade die Menschen, die nicht von ihren Auftritten leben, die Autoren und Komponisten, die Menschen, die für die Erschaffung der künstlerischen Welt zuständig sind, jeglicher Möglichkeit zu berauben, irgendwann mehr als das BGE zu verdienen, das ist geradezu grotesk.

Es wird immer Menschen geben, die neben ihrem normalen Job ihre Kunst machen, klar. Es wird immer Menschen geben, die sagen: Hey, ich will mit der Kunst kein Geld verdienen! (ich will lieber das einsame verkannte Genie sein.) Die Kunst ist mein Hobby, nicht mein Beruf!

Das ist völlig in Ordnung. Ich finde solche Menschen oft recht praktisch, die sind nicht sehr teuer, wenn man ihre Hilfe braucht – auf der anderen Seite sind sie oft auch nicht schlechter als viele Profis. Aber ich dachte wir wären eine tolerante Partei.

Es gibt Menschen, deren Ziel es ist, von ihrer künstlerischen Arbeit zu leben. Auch die sind meistens in erster Linie Idealisten. Wer mit der Kunst anfängt, darf sich keine Stundenlöhne ausrechnen – zumindest nicht, wenn er nicht sehr viel Kummer abkann. Ich persönlich kenne keinen Künstler, der auf die Uhr schaut, wenn es drauf ankommt. Und wenn die Probe auf Mitternacht zu geht, dann ist das halt so. Und wenn am Feiertag noch vier Stunden extra geprobt werden, weil das Stück fertig werden muss, weil der Auftritt ansteht, dann ist das halt so, und man kommt da schon irgendwie durch. Wer als Künstler arbeitet, ist Idealist.

Und dann kommen die Fragen der ITler: Und? was machst du so den Tag über? Was arbeitest du so? – und ohne Scheiß, diese dämlichen Fragen hat sich jeder schon anhören dürfen, der kreativ arbeitet.

Man sollte ein paar Sachen nicht vergessen: Der geniale Gitarrist, dessen Lied ich mir irgendwo gerade gezogen habe, der übt jeden Tag mindestens vier Stunden, um so gut sein zu können – der hat keinen Urlaub davon, der übt auch an Weihnachten und Ostern und es gibt garantiert eine Menge Tage, an denen er eigentlich keinen Bock hat, an denen er lieber etwas anderes machen würde, an denen er übt, weil er weiß, dass er üben muss. Jeder, der meint, es ist völlig in Ordnung, sich dieses Lied für lau zu ziehen, hat keinerlei Respekt vor der Arbeit, der Leidenschaft und auch keinen Respekt vor dem Menschen, der da die Gitarre bedient – und da rede ich noch nicht von Respekt vor der Kunst, so optimistisch will ich ja gar nicht sein.

Fazit: Es gibt zwei Scheinargumente, die hier immer wieder vorgebracht werden, die ich einfach nicht akzeptieren kann. 1. „Kunst und Geldverdienen passen nicht zusammen“ – mag ja eine persönliche Meinung sein, ich finde keinen Menschen schrecklich, weil er seine Kunst umsonst betreiben will, aber bitte akzeptiert auch Menschen, die einfach einen künstlerischen Beruf wählen und dann arbeiten gehen. Es muss auch Profis geben, mit reinem Dilettantismus und reiner Liebhaberei entwickelt sich auch nichts weiter. 2. „Wir wollen doch das BGE, das reicht dann doch!“ – Okay, wenn das BGE kommt, dann wird ja auch der Bäcker seine Brötchen für den Materialpreis verkaufen, weil er so Bock hat, um 2 Uhr aufzustehen und zu backen, oder wie? Arbeit ist Arbeit, auch Künstler arbeiten, es mag euch verwundern. Und Arbeit wird doch auch in Zeiten des BGE etwas wert sein, oder? Warum denn ausgerechnet bei den Schöpfern nicht?

 

Dieser Beitrag ist nicht als ein Erschlagen der Diskussion gemeint, es muss diskutiert werden. Es muss auch gefragt werden, wie man Rechte gegeneinander abwiegt und was denn jetzt mit der Frage ist, wie man seine Rechte an Werken nutzen können soll, wenn man sie mit einem Klick herunterladen kann. Alles das müssen wir diskutieren. Aber alle Beiträge die Künstler diskriminieren – und das ist immer dann der Fall, wenn Aussagen wie oben beschrieben getroffen werden – machen die Diskussion nur kaputt, denn wie sollen wir Urheber denn darauf reagieren? Wie reagiert man, wenn einem quasi die Sinnhaftigkeit seines Tuns abgesprochen wird?

Wann haben wir uns so an Lügen gewöhnt?

Alle reden über Lustreisen, ich nicht. Dass der Spiegel meint, die Berliner Piraten und ihre Reise nach Island in Grund und Boden zu schreiben, ist bedauerlich, aber letztlich nur ein Zeichen dafür, wie tief der Spiegel gesunken ist.

Aber was mich vielmehr interessiert, ist die Frage, die ich in der Überschrift gestellt habe. Gestern Abend habe ich mich wie fast immer größtenteils aus dem Thema Fernsehen rausgehalten, bekam dann aber ein Interview mit Gesine Lötzsch auf die Nase gebunden, nur weil ich nicht umhin konnte, danach „druckfrisch“ ansehen zu wollen. Und dieses Interview, das ein ganz normales Politikerinterview war, nichts Besonderes, sie antwortet nicht auf die Fragen, die ihr gestellt werden, sondern auf die, die ihr irgendwelche Stimmen im Hinterkopf stellen, dieses Interview ist der Auslöser, warum ich mir diese Frage stelle. Jedes Wort, das Frau Lötzsch aussprach war Taktik, das meiste davon auch noch mit einem Lächeln ausgestoßen, dass absolut falsch war. Nicht schlecht geschauspielt, aber auch nicht glaubhaft.

Ich will eigentlich gar nicht auf Frau Lötzsch einprügeln, sie tut doch nur, was alle machen. Wann hat man denn das letzte Interview gehört, in dem ein Politiker der Etablierten irgendwas gesagt hat, was ehrlich geklungen hätte? (Mit Sicherheit nicht bei Jauch, oder?) Alles ist Taktik, alles ist letztendlich Lüge. Fragen werden nicht beantwortet, und da hilft es auch nicht, wenn die Politiker der Grünen oder Linken es schon mal schaffen, eine gehörige Ironie in ihre Aussagen zu packen – sie lassen merken, wenn sie taktieren, statt einfach mit dem Taktieren aufzuhören. Man hat das Gefühl, dass es in der ganzen Welt keine Menschen mit weniger eigener Meinung gäbe, als deutsche Politiker. Wahrscheinlich auch, weil die Journalistendarsteller in weiten Teilen der BRD schon vor längerer Zeit aufgehört haben nachzudenken, und stattdessen jeden innerparteilichen Konflikt zu einer Geschichte aufbauschen, anstatt sich um die Inhalte zu kümmern. Kein Wunder, dass wir deswegen von einer Kanzlerin regiert wird, die andauernd ihr Fähnchen in den Wind hängt, das Land zu Tode langweilt, aber auf das Regieren weitestgehend verzichtet – und dafür gute persönliche Umfrageergebnisse bekommt.

Die Politk ist glatt und ölig, inhaltsleer, meinungsleer, weil man einfach beim Wahlvolk keine Stimmung gegen sich erzeugen will – man nimmt lieber hin, dass es gar keine Meinung mehr gibt, dass die Hälfte der Menschen einfach gar nicht mehr wählt, dass die Demokratie sich immer weiter aushöhlt – man hat sich so wunderbar mit den Lobbys eingerichtet, gibt die Verantwortung lieber an die Banken und Konzerne ab, dann braucht man selbst nicht denken, und wird wiedergewählt.

Ist es da ein Wunder, wenn man Pirat wird? Ist es ein Wunder, wenn Piraten gute Umfragewerte bekommen? Da sind die kleinen unterschwelligen Konflikte der anderen Parteien gleich Shitstorms, die Sprache gerne mal rau und direkt, und wenn man gefragt wird, was man zu einer Sache meint, dann sagt man seine Meinung – und kriegt von der Partei garantiert auf die Nase. Und wenn man nach Informationen gefragt wird, die man nicht weiß, dann sagt man, dass man sie nicht weiß … einfach so … geht auch, oder? Nein, die Piraten dürfen sich nicht professionalisieren, wir müssen für Ehrlichkeit stehen, wir dürfen auch mal schlecht aussehen, wir dürfen auch mal nicht weiterwissen, und wenn ein paar zukünftige Parlamentarier quasi embedded journalists auf eine Islandreise mitnehmen, dürfen sie sich auch noch wundern, dass sie von diesen dann in die Pfanne gehauen werden – hey, aus Fehlern lernt man. Und ich halte es einfach für richtiger, wenn man mit ehrlichen Antworten mal auf die Nase bekommt, als wenn man aalglatt ist, und nur weiter den Menschen zeigt, dass Politiker sich so weit von den Menschen entfernt haben, dass es einfach nur noch schmerzt.

Quick – Rammstein-Konzert verboten …

In München wurde ein Konzert der freundlichen Musikanten von Rammstein verboten. Also nicht ganz, aber am 20. November. Weil da Totensonntag ist. Mich kotzt das an, tut mir leid. Ich mein, es tut doch keinem weh, oder? Wenn irgendwem dieser Totensonntag so wichtig ist, dann muss er ja nicht hingehen, oder? Münchener Behörden? Was tut Euch eigentlich weh? Was stimmt mit Euch nicht?
Es gibt da in unserer Gesellschaft eine Kultur der Zensur. Finde ich echt widerlich. Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund für so eine Aktion.