Urhebertrolle

Es sind ja nur wenige, es sind ja die Trolle, aber es geht mir trotzdem auf den Geist. Ein paar, der werten Piratenkollegen neigen zur vollständigen Verneinung des Urheberrechts und sagen dann so seltsame Sachen, wie: „Kunst, die Geld verdienen will, ist keine Kunst!“ oder „Wir wollen ja das BGE, damit ist dann für die Künstler gesorgt!“  Auf eine solche Mail habe ich heute ein wenig aufgebracht und sehr ausführlich geantwortet (man merkt hier und da, dass es eigentlich ein Mailtext ist):

Achtung Polemik:

Ja, es ist wunderbar, der arme Künstler, der in der Dachstube … ist ja auch richtig, Künstler brauchen keinen Urlaub, sie haben ja schon einen Beruf, der ihnen Spaß macht, das ist allein schon so unfair, da brauchen sie doch nicht auch noch Geld.

Ah, daher weht der Wind, es ist Neid …

Also, klare Ansage an alle: Kreative sind nicht die Deppen der Nation, man kann sie aber schnell dazu machen. Ist total einfach. Warum? Weil sie eh Kunst machen, egal, ob man sie dafür ordentlich bezahlt, oder nicht. Ist total praktisch!

Der ITler – ich geh mal vom Durchschnittspiraten aus 😉 – wird nach den Plänen der Piraten das BGE bekommen, und dazu seinen Lohn, weil er ja arbeiten geht. Der Kreative, sagen wir mal, der Komponist, nur so als Beispiel, verbringt Tag und Nacht an seinem Klavier, dann wieder am PC um seine Noten auch zu setzen, orchestriert, programmiert – diese Arbeiten gehören ja zur Komposition dazu, es ist ja nicht nur der geniale Moment auf dem Klo, wo ihm die besten Ideen kommen und er sie in sein Handy singt. Und was bekommt er für seine Arbeit? das BGE … sollte doch wohl reichen, oder? Hey, der macht das doch freiwillig, oder? Könnte ja auch wie ich armer ITler richtig arbeiten gehen! Der faule Hund, der!

 

Jetzt mal ernsthaft:

Es ist schwierig, einerseits die Kultur fördern zu wollen, und gleichzeitig zu sagen, mehr als das Mindesteinkommen braucht ihr nicht. Weil es natürlich auch neben den ganzen anderen Gründen, warum man es macht, den Grund gibt, dass man auch mal ein paar Euro in der Tasche hat. Das BGE, einer der Gründe dafür, dass ich in die Piratenpartei eingetreten bin, wird eine große Kulturförderung sein, gar keine Frage, denn gerade für Leute, die mit der Kunst anfangen, ist das eine tolle Sache ein brauchbares Einkommen zu haben, und keine Brotjobs annehmen zu müssen, weil es sonst hinten und vorne nicht reicht (ich meine damit noch nicht mal die künstlerischen Brotjobs, die lustigen Musikanten auf dem Dorffest, oder ähnliches, sondern Kellnern und Putzen). Aber gerade die Menschen, die nicht von ihren Auftritten leben, die Autoren und Komponisten, die Menschen, die für die Erschaffung der künstlerischen Welt zuständig sind, jeglicher Möglichkeit zu berauben, irgendwann mehr als das BGE zu verdienen, das ist geradezu grotesk.

Es wird immer Menschen geben, die neben ihrem normalen Job ihre Kunst machen, klar. Es wird immer Menschen geben, die sagen: Hey, ich will mit der Kunst kein Geld verdienen! (ich will lieber das einsame verkannte Genie sein.) Die Kunst ist mein Hobby, nicht mein Beruf!

Das ist völlig in Ordnung. Ich finde solche Menschen oft recht praktisch, die sind nicht sehr teuer, wenn man ihre Hilfe braucht – auf der anderen Seite sind sie oft auch nicht schlechter als viele Profis. Aber ich dachte wir wären eine tolerante Partei.

Es gibt Menschen, deren Ziel es ist, von ihrer künstlerischen Arbeit zu leben. Auch die sind meistens in erster Linie Idealisten. Wer mit der Kunst anfängt, darf sich keine Stundenlöhne ausrechnen – zumindest nicht, wenn er nicht sehr viel Kummer abkann. Ich persönlich kenne keinen Künstler, der auf die Uhr schaut, wenn es drauf ankommt. Und wenn die Probe auf Mitternacht zu geht, dann ist das halt so. Und wenn am Feiertag noch vier Stunden extra geprobt werden, weil das Stück fertig werden muss, weil der Auftritt ansteht, dann ist das halt so, und man kommt da schon irgendwie durch. Wer als Künstler arbeitet, ist Idealist.

Und dann kommen die Fragen der ITler: Und? was machst du so den Tag über? Was arbeitest du so? – und ohne Scheiß, diese dämlichen Fragen hat sich jeder schon anhören dürfen, der kreativ arbeitet.

Man sollte ein paar Sachen nicht vergessen: Der geniale Gitarrist, dessen Lied ich mir irgendwo gerade gezogen habe, der übt jeden Tag mindestens vier Stunden, um so gut sein zu können – der hat keinen Urlaub davon, der übt auch an Weihnachten und Ostern und es gibt garantiert eine Menge Tage, an denen er eigentlich keinen Bock hat, an denen er lieber etwas anderes machen würde, an denen er übt, weil er weiß, dass er üben muss. Jeder, der meint, es ist völlig in Ordnung, sich dieses Lied für lau zu ziehen, hat keinerlei Respekt vor der Arbeit, der Leidenschaft und auch keinen Respekt vor dem Menschen, der da die Gitarre bedient – und da rede ich noch nicht von Respekt vor der Kunst, so optimistisch will ich ja gar nicht sein.

Fazit: Es gibt zwei Scheinargumente, die hier immer wieder vorgebracht werden, die ich einfach nicht akzeptieren kann. 1. „Kunst und Geldverdienen passen nicht zusammen“ – mag ja eine persönliche Meinung sein, ich finde keinen Menschen schrecklich, weil er seine Kunst umsonst betreiben will, aber bitte akzeptiert auch Menschen, die einfach einen künstlerischen Beruf wählen und dann arbeiten gehen. Es muss auch Profis geben, mit reinem Dilettantismus und reiner Liebhaberei entwickelt sich auch nichts weiter. 2. „Wir wollen doch das BGE, das reicht dann doch!“ – Okay, wenn das BGE kommt, dann wird ja auch der Bäcker seine Brötchen für den Materialpreis verkaufen, weil er so Bock hat, um 2 Uhr aufzustehen und zu backen, oder wie? Arbeit ist Arbeit, auch Künstler arbeiten, es mag euch verwundern. Und Arbeit wird doch auch in Zeiten des BGE etwas wert sein, oder? Warum denn ausgerechnet bei den Schöpfern nicht?

 

Dieser Beitrag ist nicht als ein Erschlagen der Diskussion gemeint, es muss diskutiert werden. Es muss auch gefragt werden, wie man Rechte gegeneinander abwiegt und was denn jetzt mit der Frage ist, wie man seine Rechte an Werken nutzen können soll, wenn man sie mit einem Klick herunterladen kann. Alles das müssen wir diskutieren. Aber alle Beiträge die Künstler diskriminieren – und das ist immer dann der Fall, wenn Aussagen wie oben beschrieben getroffen werden – machen die Diskussion nur kaputt, denn wie sollen wir Urheber denn darauf reagieren? Wie reagiert man, wenn einem quasi die Sinnhaftigkeit seines Tuns abgesprochen wird?

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 25, 2011 in Gesellschaft, Kultur, Piraten, Politik und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Jaja, die Argumentation kenne ich. Als ich dann mal anmerkte, dass es doch auch viele Hobbyprogrammierer gäbe, Programmieren also Spaß machen würde und folglich Programmierer auch nicht bezahlt werden müssten, beschimpfte man mich der Polemik. Tsk.

    Das Schlimme ist, dass sie ernsthaft so denken und sich auch voll im Recht fühlen.

    • Die Tatsache, dass eine Arbeit bezahlt werden soll, rechtfertigt allein noch kein (natürliches?) Recht an immateriellen (eben nicht) Dingen.

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