Piraten und Kultur – Der Versuch eines piratigen Kulturbegriffs

Hatte vor kurzem eine kleine Mumblesitzung mit anderen Kreativpiraten, die es durchaus gibt, auch wenn sie sicherlich nicht im Mittelpunkt der Piraten stehen. Dabei kam die Frage auf, ob die Piraten gegenwärtig einen eigenen Kulturbegriff haben.

Nun, wir sind eine Partei, unser Denken ist also politisch, und so muss der Begriff von Kultur auch politisch sein. Speziell muss er sich an unseren politischen Kernzielen orientieren. Zum Beispiel an unserer libertären Einstellung: Kunst und Kultur sind frei, eine Einmischung durch Staat, Religionen, Parteien und Wirtschaft ist auszuschließen. Ich hab das mal fett gedruckt, weil, ist wichtig – ganz im Gegensatz zu richtiger Grammatik. Vielleicht fällt ja noch jemandem etwas ein, was sich auch nicht einmischen darf?

Piraten glauben an Gleichheit, daran, dass niemand diskriminiert werden darf. Das muss für Kultur genauso gelten: Geschmäcker sind verschieden, aber aus politischer Sicht ist jede Kultur gleich viel wert. Kein Werk ist besser oder schlechter zu behandeln, weil es  subventioniert wurde, oder eben nicht, weil es eine spezielle Veröffentlichungsform einhält oder nicht, weil es gesellschaftliche Tabus bricht oder nicht, weil es von Amateuren oder Profis geschöpft wurde. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn eindeutig gegen die Verfassung gearbeitet wird.

Das bedeutet natürlich, dass Schranken im Kopf beseitigt werden müssen. Willkürliche Unterteilungen in E- und U-Kultur sind überholt und sollten unbedingt der Vergangenheit angehören, aus der sie überdauern.  Davon könnten übrigens auch Kulturjournalisten lernen, die diese Schranken in großer Zahl immer wieder flicken und ausbessern, aber das wirklich nur nebenbei.

Der Zugang zu Kultur sollte jedem möglich sein. Ja, das kann immer nur ein Ziel sein, so lange wir uns nicht in einer idealen Gesellschaftsform befinden, die ohne Geld auskommt. Ansonsten wird immer das Problem bestehen, dass Kultur Geld kostet. Kultur hat zwar einen Unkrautcharakter, sie ist kaum auszurotten, aber das darf nicht weiter ausgenutzt werden – in den letzten Jahrzehnten wurde die Kultur immer weiter heruntergespart, Gagen sind nur für die Stars in erträglicher Höhe, alle anderen leben am Existenzminimum, es wird schlicht und einfach ausgenutzt, dass Künstler ihre Arbeit tun, weil sie gar nicht anders können, weil sie in anderen Berufen unglücklich werden. Diese Ausbeutung muss aufhören. Auf der anderen Seite dürfen die finanziellen Zugangsschranken auch nicht zu weit erhöht werden – weshalb eine gewisse Kultursubvention wohl unausweichlich ist. Hier ist die Einschränkung, dass jede Kunst ihre Rezipienten für diese Kunstform begeistern muss. Können das gewisse Formen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt, werden sie von anderen Formen verdrängt werden. Das ist ein natürlicher Prozess, und der darf in einer Demokratie auch nicht durch übermäßige Subvention in eine bestimmte Richtung künstlich aufgehalten werden.

Der Zugang zur Kultur muss immer in aktiver und passiver Form gleichermaßen jedem möglich sein. Nein, nicht jeder ist ein Künstler, da gehört schon etwas zu, Leidenschaft und Liebe zum Beispiel, auch Talent oder Ausbildung sind nicht zu verachten. Die wichtigste Kulturförderung ist die Ermöglichung eigenen künstlerischen Ausdrucks. Wenn Städte, Kreise oder Schulen Kulturpädagogen der verschiedensten Richtungen einstellen würden, und ihnen Projekte ermöglichen, die möglichst viele Kinder und Jugendliche mit Kultur ganz praktisch in Kontakt bringen, dann könnte Kultur keine soziale Unterscheidung mehr sein. Subventionierte Kultureinrichtungen sollten auf jeden Fall einen Teil ihrer Subventionen für diese Form der Jugendarbeit reservieren. Gerne auch für eine Form der Sozial- und Altenarbeit, das muss ja nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt sein, auch wenn es da natürlich den größten Hebelpunkt hat.

Politik muss Kultur ermöglichen, darf ihr keine Barrikaden in den Weg legen! Ein bisschen weniger Bürokratie da, wo Kultur sich einen Weg bahnen will, das wäre noch ein schönes Ziel. Behörden, die Festivals ermöglichen wollen und es nicht möglichst unmöglich machen. Hier und da einfach ein bisschen mehr Service-Gedanken bei Behörden, ach ja, das wäre auch schön.

An dieser Stelle kommt nur noch eine Bitte um Diskussion. Dieser Artikel ist nur ein Anfang. Wir brauchen einen piratigen Kulturbegriff, wer sollte denn mehr Kultur mitbringen, als wir? Also freue ich mich über jede Diskussion!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am November 16, 2011 in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Musik, Piraten, Politik, Theater und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Einerseits möchtest Du, dass Kunst und Kultur frei sind und keinerlei Einmischung vom Staat erfolgt. Andererseits verlangst Du Subventionen vom Staat.

    Was ist denn Kultur, frage ich, und antworte direkt: Alles. Kultur ist alles, was der Mensch tut und schafft und macht. Sobald wir den Begriff eingrenzen. Definiere erstmal, worüber wir reden.

    @Ausbeutung: Das eigentliche Problem daran, dass die Streichung und Kürzung von Kultursubventionen zum Problem wird, liegt an unserer veralteten Wirtschafts- und Finanzordnung. Die basiert immer noch darauf, dass Vollbeschäftigung erreicht werden muss und dass daher nur derjenige mehr als einen Hungerlohn (Hartz IV) verdient, der eine produktive und von der Gesellschaft wertgeschätzte (ergo von irgendwem bezahlte) Arbeit macht. DAS ist das Problem. Mit einem BGE (nach den Modellen mit eher größeren Summen, beispielsweise nach Werner) bekäme niemand einen Hungerlohn. Jede Leistung die in der dadurch entstehenden Gesellschaft ebracht werden würde, könnte durch freie Preisfindung gerecht entlohnt werden.

    Erst dann würden sich auch jene Kunstformen von selbst „erledigen“, die ihre Rezipienten eben nicht begeistern können oder eben nur eine kleine Menge. Und die begeisternde Kultur könnte schon allein durch Eintrittsgelder und Spenden Einnahmen erzielen, so dass vieles möglich wäre ganz ohne Subventionen.

    • Ähm, ich „verlange“ keine Subventionen, das klingt danach, als ob ich mich bereichern wollte. Dagegen verwehre ich mich.
      In die philosophischen Fragen danach, was denn Kultur ist, werde ich auch noch antworten, jetzt aber zur Frage der Subventionen: Ich habe ja geschrieben, dass Subventionen so lange gebraucht werden, so lange wir nicht in einer idealen Welt leben. Das BGE würde die Welt um einiges idealer machen, und viele Subventionen wären nicht mehr nötig.
      Letztlich war professionelle Kultur in Gänze noch nie unsubventioniert, selbst die Troubadoure des Mittelalters lebten davon, dass sie auf den Burgen beschenkt wurden, und konnten so wieder durch die Dörfer ziehen und dort Kultur verbreiten.

      Achso … alles ist Kultur … ja … nein … nein, das geht so nicht, es gibt sowas wie eine Schöpfungshöhe. Wenn ich auf den drei Metern zu meinem Auto gleich ein Liedchen vor mich hin singe, gestalte ich noch keine Kultur. Trete ich vor Publikum auf, dann schon … 😉

      • Meine Güte, jetzt legst Du meine Worte aber auf die Goldwaage. Ich wollte Dir keine persönliche Bereicherung unterstellen. 🙂

        Ich meinte, Du schlägst vor, Kunst und Kultur zu subventionieren und möchtest andererseits, dass Kunst und Kultur vom Staat nicht beeinflusst werden, also freu bleiben. Der Staat kann nicht jeden dahergelaufenen Kulturschaffenden mit Geld ausstatten (es sei denn, er stattet sowieso jeden mit Geld aus = BGE). Sobald der Staat aber auswählt, welche Kultur er fördert und welche nicht, ins die geforderte Freiheit doch dahin, oder nicht?

        Und das die Barden im Mittelalter dann wirklich durch die Dörfer gezogen und dort ohne Gegenleistung aufgetreten sind, naja, wahrscheinlicher ist, dass sie auch dort ihren Obulus erhalten haben, auch in Form von Spenden.

        Und wenn das BGE als ideeler Zukunfstfaktum nicht herhalten kann, dann musst Du mir erstmal erklären, wo das Geld für die Kultur heute und in den nächsten zwei Generationen herkommen soll. Vorher bin ich nämlich jeder Subvention gegenüber skeptisch und das erst recht, wenn behauptet wird, dass die Leistung, die mit der Subvention „erkauft“ wird, in reduzierter Form auch ohne diese erbracht wird. Klingt hart, aber wir können uns Kultur vielleicht einfach nicht leisten momentan.

      • wir können uns die Banker nicht leisten, deren Arbeit auch nur virtuell ist, und die mehr schadet als nutzt … ich gehe davon aus, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, neben kultureller Bildung und einer freien Teilhabe an Kultur, auch aus touristischen Gründen und weil man als Stadt gut dastehen will, Kultur zu fördern. Also habe ich mir vor einigen Artikeln Gedanken gemacht, wie man besser mit Subventionen haushält. Ich bin fest der Meinung, dass Subventionen besser verteilt werden müssen, und dass es in einigen Bereichen auch zu Einsparungen kommen muss – wobei bisher die Einsparungen halt immer die Kleinen getroffen hat, was für mich nicht haltbar ist. Ein Einstellen der Subventionen würde neben Chaos – denn was macht man mit den ganzen fest angestellten Musikern usw. – sicherlich auch zu spannenden Blüten führen, insgesamt aber schon für geistige Armut sorgen. Schon rein natürlich bin ich jemand, der lieber mehr als weniger Kultur hat. Ich spreche nicht vom Untergang des Abendlandes oder der Zivilisation, denn das ist Unsinn. Kultur ist eben das Unkraut, dass dann woanders sprießt. Ein Einstellen der Subventionen würde aber sicherlich auch dazu führen, dass, wie im angloamerikanischen Raum, sich die Kunst in die Hände der Wirtschaft begeben muss, die als einzige die Möglichkeit hat, etwas zu ermöglichen. Und wenn man schon in irgendwelchen Händen ist, dann lieber in öffentlichen – da ist die Möglichkeit der Einflussnahme einfach geringer …

  2. Ich muss bei solchen Diskussionen immer an ein sehr geniales Zitat von Rick Falkvinge denken, der einmal gesagt hatte und es meines Erachtens wieder einmal auf den Punkt gebracht hat:

    „Urheberrechtsgesetze sorgen für eine Balance zwischen dem Interesse der Öffentlichkeit an Zugang zu Kultur und dem Interesse der selben Öffentlichkeit neue Kultur zu erschaffen.“

    Die Art und Weise wie diese Gesetze dieses Ziel umzusetzen versuchen ist dabei eigentlich egal, solange beide Seiten fair berücksichtigt werden.

    Die Öffentlichkeit hat kein Nutzen davon, wenn es niemanden ermöglicht wird, Kulturgüter zu schaffen. Genauso haben Kulturgüter wenig Sinn, wenn sie vor dem Zugang der Öffentlichkeit verschlossen bleiben.

  3. Wer hat denn etwas davon gesagt, dass ich Banker bezahlen will? 😉

    Natürlich können wir uns einiges nicht leisten. Aber mit dem Argument „In dem Bereich da, der mich nicht betrifft, können wir ja was sparen!“ darf man auch keine neuen Ausgaben, noch nicht mal dieselben Ausgaben wie bisher rechtfertigen. Ich sage ja auch nicht, dass nur bei Kultur Subventionen gestrichen werden sollten, im Gegenteil.

    Und auch ich fände es toller, wenn ganz einfach für alles, was irgendwer vielleicht gerne hätte, genug Geld da wäre, da käme Kultur auch gar nicht an letzter Stelle. Wir haben aber seit Jahrzehnten eine zunehmende Staatsverschuldung. Jetzt mal davon ausgehend, dass wir nicht bewusst über unsere Verhältnisse leben, um den Karren irgendwann mit Vollgas gegen die Wand zu fahren, müssen wir das alles früher oder später zurückzahlen. Und momentan jubelt die Öffentlichkeit ja schon, wenn wir weniger neue Schulden machen als ursprünglich geplant, mit anderen Worten: von einer Tilgung sind wir weit entfernt und entfernen uns immer weiter.

    In dieser Situation ist für mich das sinnvollste Konzept: Wir müssen sparen, und zwar jetzt so hart, wie wir nur irgend können, damit wir nicht in Zukunft – die olle Kamelle von den Kindern, Du weißt schon – noch härter sparen müssen.

    Ein BGE würde die Problematik der Kunstsubventionen deutlich entschärfen und wäre schon heute finanzierbar. So weit ist dieses Ideal gar nicht.

    • Ja, ich glaube, da sind wir recht grundlegend divergierend: Ich glaube, wir sollten die Schulden abbauen, in dem wir die Einnahmen erhöhen. Erbschaftssteuer, Kapitalertragssteuer, Vermögenssteuer, all das, was abgeschafft oder marginalisiert wurde, damit die Schere fröhlich weiter aufgeht. Und dann kann man auch bezahlen, was bezahlt werden muss. Mehr Geld für Bildung, mehr Geld für die Bereiche im Staatsdienst, die wir wirklich brauchen. Polizisten werden übel bezahlt, Assistenzärzte ausgebeutet, und frag mal eine uns bekannte Richterin, wieviel Zeit sie so nebenbei noch hat, weil die Gerichte völlig überlastet sind … Und dann kann man sich auch die eh schon zusammengestrichenen Kultursubventionen leisten, zumindest da, wo sie Sinn machen … 😉

      • Jein.

        Prinzipiell stimme ich Dir schon zu, auch auf der Einkommenseite zu schrauben und das auch möglicherweise stärker, als auf der Ausgabenseite. Andererseits: Ich habe die Steuerrückzahlung für 2010 noch nicht bekommen, für die Erklärung habe ich mehrere Arbeitstage gebraucht, zzgl. zweier Rückfragen, die seitdem kamen. Desweiteren schaue ich auf die Anzahl der Finanzämter – alleine in Bonn sind es zwei – und darauf, welch horrende Stundensätze Steuerberater kassieren – ich habe einmal eine Beratung gemacht und mir fiel die Kinnlade runter, Anwälte sind deutlich günstiger – und kann nur zu dem Schluss kommen, dass wir die Einnahmen vielleicht erhöhen müssen, aber auf andere Art und Weise als an den vielen kleinen Schrauben zu drehen.

        Mit zwei Steuern sympathisiere ich momentan sehr: Mehrwertsteuer, gerne 40 – 50%, und eine „Überweisungssteuer“ – mir fällt der Name gerade nicht ein – in Höhe von 0,5 – 1%, die auf jede Überweisung fällig wird und bei jeder Ein- bzw. Auszahlung zur Hälfte.

        Beide Steuern bräuchten im Vergleich zu heute nur minimale Verwaltung – Mehrwertsteuer wie heute, Überweisungssteuer durch die Banken – und keinerlei Erklärungen oder Beratungen – vielleicht ein paar Flyer. Alle anderen Steuern müssten dann natürlich dementsprechend wegfallen.

        Trotzdem wird auch weiter auf die Ausgaben geachtet werden müssen und dann muss auch weiter die Frage erlaubt sein, ob es sinnvoll und gerecht ist, Schauspielhäuser, Opernhäuser und Kunstmuseen mit Millionen Euro zu subventionieren, die teilweise von gerade mal ein paar Zehntausend Besuchern im Jahr besucht werden oder deren Besucher dank gesalzener Eintrittspreise nur aus den oberen Zehntausend stammen. Würden die Subventionen nur noch oder wenigstens hauptsächlich da ankommen, wo es die breite und tendentiell weniger vermögende Masse erreicht, hätte ich da deutlich weniger gegen.

      • Über Steuerpolitik diskutiere ich nicht, davon verstehe ich noch weniger, als von allem anderen … Dass man da das System vereinfacht,, ich denke, das werden alle gut finden … 😉 … also außer den Steuerberatern …
        Zu dem letzten Abschnitt habe ich ja schon ausführlich geschrieben, und ich denke, da sind wir gar nicht so sehr auseinander … 😉

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