Mein erster Parteitag

Nein, ich bin nicht mit Schultüte nach Soest gefahren, aber ein bisschen so fühlte ich mich schon. Da bin ich einen Monat Pirat, einen Monat zum ersten Mal in einer Partei, und schon akkreditier ich mich für einen Parteitag – das wäre natürlich bei anderen Parteien fast unmöglich, da fährt ein Neuling nicht einfach auf einen Parteitag, da muss man sich hochdienen, da muss man gewählt werden, als Delegierter vom Ortsverein geschickt – naja, bei den Piraten darf jeder kommen.

Das gibt zugegebenermaßen ein kleines Problem, nämlich eine gewisse Übervorteilung der Piraten, die nicht Zeit und Geld haben, zum Parteitag zu fahren –  die dürfen ja nicht mitstimmen, deren Stimmen gehen nicht ein. Trotzdem finde ich dieses System aber schon besser, als die Systeme der Etablierten. Dadurch, dass jeder kann, ist die Mischung bunter. Es sind nicht nur die Arrivierten da, es sind nicht nur die erfahrenen und auf Linie eingeschworenen Parteisoldaten da, sondern genug Leute, die auch mal ganz ausscheren. Gefühlt ergibt das ein Meinungsbild, das vermutlich sehr nah an einer Urabstimmung ist – sollte mal jemand untersuchen, wäre eine spannende Frage.

Aber ich wollte ja vom Parteitag selbst erzählen. Gut, Stimmkarte hab ich, ich weiß, wo es Schnittchen gibt und wo die Toiletten sind, der Tag kann kommen. Leider war ich allerdings einer der späten Ankommer, und da ja üblicherweise die frühen Vögel sich am Wurm verschlucken, waren die Sitzplätze schon mal alle weg. Dafür traf ich aber gleich auf ein zwei Piraten, die ich schon kannte. So kam ich dann schnell ins Geschehen hinein, konnte auch mal dumme Fragen stellen: Gegenrede? Okay, wenn jemand einen GO-Antrag (Geschäftsordnung – ein Lieblingsspiel der Piraten) stellt, dann kann man Gegenrede anmelden. Aber was heißt denn nun formal oder begründet? (ich darf es verraten – eine formale Gegenrede wird nur angesagt, da muss abgestimmt werden, eine begründete Gegenrede wird auch gehalten, es werden also Gegenargumente gebracht).

Als ich nun dieses auch verstanden hatte, ging es in die Details, ging es in Themen. Die kann man gut auch anderswo nachlesen, aber es gab dabei schon einiges, was ich sehr spannend und richtig fand. Und vor allem fand ich beruhigend, dass es viele Sachen gab, bei denen ich mit sehr gutem Gewissen mein Kärtchen gehoben habe. Zum Beispiel dafür, dass wir eine Drogenpolitik haben, die alle Verteufelung beenden will. Niemand ist böse, weil er Drogen nimmt, und das muss langsam mal in die Köpfe – und in die Gesetzgebung. Soll übrigens nicht heißen, dass hochgiftige Stoffe völlig in Ordnung sein sollen. Aber alle Drogen müssen auf den Prüfstand, von Wissenschaftlern neutral auf ihre Gefährlichkeit untersucht werden, mit ihren Risiken etikettiert werden und , wenn es vertretbar ist, dann sauber auf den Markt gebracht werden – auf der einen Seite kann jeder Erwachsene selbst darüber entscheiden, was er sich antun will – das tun die meisten ja auch mit Nikotin und Alkohol – und auf der anderen Seite bringt die gesamte Prohibition gar nichts, also außer en Drogenmafias. Man fragt sich da schon, warum da bisher noch kaum jemand drauf gekommen ist.

Oder, ha, Kernthema, die Unterstützung von Whistleblowern. Ich finde ja Wikileaks und ähnliche Aktionen sehr sinnvoll. Da muss eine Sicherheit erreicht werden, dass Menschen nicht juristisch belangt werden können, nur weil sie Sachen veröffentlichen, die für Institutionen peinlich sind. Whistleblower sind ein wichtiges Instrument für mehr gesellschaftliche Transparenz und bis die auf demokratische Art in das System eingeflossen ist, werden die Whistleblower auch wichtig bleiben.

Wie gesagt, die Themen kann man getrost an anderer Stelle vollständig nachlesen, ich wollte ja mehr die Innensicht bedienen. Die Diskussionsstruktur war mir neu. Die Flut an GO-Anträgen, hier eine Rednerliste schließen, da die Redezeit begrenzen, hin und wieder auch ein Meinungsbild – das fand ich erstmal spannend und auch hier fühlte ich mich wohl. Bei manchen, eher unstrittigen Anträgen, wurde schnell mal die Diskussion abgekürzt – „es ist alles schon gesagt worden, nur noch nicht von jedem!“ – bei anderen Anträgen wurde damit viel vorsichtiger verfahren, und als es dann um die schon seit Jahren strittige Satzung ging, wurden die Diskussionen lang und ausufernd, manchmal auch sehr emotional, und niemand wollte die Rednerliste schließen, und Beschränkungen der Redezeit, die zwischendurch mal aufgestellt wurden, waren bei humanen sechs Minuten, nicht bei einer oder zwei, wie da schon mal bei anderen Anträgen beschlossen wurde. Die erste Stunde Diskussion bekam ich noch mit, der Rest war dann am Sonntag, und ich schaute auf dem Stream von zu Hause zu – und jubelte mit, als klar war, wir haben eine funktionierende Satzung, alles wird gut.

Oh, ich habe die Mittagspause vergessen – wie habe ich getwittert, da wurden aus Namen Gesichter. Eine gute Sache das. Ich stand mit ein paar mir völlig unbekannten Piraten an einem Suppenwagen, man diskutierte und erzählte, und als ich auf unseren Stammtisch kam, wusste sogar jemand meinen Nick – ich frag mich nur, ob das gut war – weil ich ja so bekannt bin 😉 – oder nicht so gut – kein Wunder, hast halt dein Maul wieder so weit aufgerissen!

Es war ein anstrengender Tag, und beim nächsten Mal bin ich wieder dabei, hey, das macht Spaß und bringt Motivation. Wir können was bewegen – und das nächste Ziel steht ja schon: „Kiel holen!“ (*hüstel* die nächste Wahl ist in Schleswig-Holstein, der Slogan kam gestern im Stream vor, ich find ihn cool 😉 )

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am November 22, 2011 in Gesellschaft, Piraten, Politik und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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