Archiv für den Monat Dezember 2011

Warum ich Theater mache …

Durch die Mitgliedschaft bei den Piraten ist in meinem Blog ein bisschen zu kurz gekommen, was in meinem Leben noch ein bisschen wichtiger ist. Mein Leben, das Theater. (Und ich spreche hier absichtlich nicht von Beruf, ja, das Theater ist auch mein Beruf, aber auch viel mehr.)

Langsam bin ich alt genug für eine Midlifecrisis, ich sollte mir also langsam mal überlegen, warum ich das alles mache, und mich fragen, ob ich schon mal die Krise ausrufen soll. Ich mein, es gehört doch irgendwie dazu, wenn man auf die VIERZIG zugeht – nur noch drei Jahre … *schluck*

Als ich vor ein paar Jahren damit angefangen habe, mit Jugendlichen Theater zu machen, da war das neben dem Journalismus, da habe ich recht viel Nachhilfe gegeben, heute lebe ich fast vollständig davon, dass ich inszeniere, schreibe und Schauspielerei lehre. Ich habe das nie gelernt, also nie offiziell. Und wenn man mich heute nach meinem Beruf fragt, dann sage ich gern Theatermacher, und wenn es offiziell sein muss, dann Theaterpädagoge, weil es am Nächsten dran an dem, was ich mache, ist. Die Frage, ob man davon leben kann, beantworte ich mit einem wissenden Lächeln – nein, so richtig kann man das kaum.

Aber so richtig Theaterpädagoge bin ich nicht. Also so richtig Pädagoge. Natürlich habe ich ein bisschen was mitbekommen, als ich auf Lehramt studiert habe – das meiste allerdings nicht in Vorlesungen und Seminaren, sondern in den Praktika. Die theoretischen Erziehungswissenschaften waren mir immer ein bisschen suspekt. Neben Deutsch und Philosophie habe ich auch Mathematik studiert. Deren Klarheit war für mich immer der Inbegriff von Wissenschaft. Liest man erziehungswissenschaftliche Texte, dann ist es mit jeglicher Klarheit vorbei. Die Wissenschaft, die sich darum kümmern will, wie man anderen etwas beibringt, verbirgt sich ständig hinter pseudowissenschaftlichem Wortgeklingel. Das hat mir das Vorurteil eingepflanzt, dass Pädagogik keine Wissenschaft ist, sondern nur eine sein will – die Inhalte, die man hinter dem Wortgeklingel findet, sind nämlich allzu oft in sich recht einleuchtende Dinge, die man aber viel einfacher formulieren könnte.

Ich habe meine eigenen Gedanken zu vielen pädagogischen Themen, und die haben meistens damit zu tun, dass ich meine Schüler ernst nehmen will, egal ob sie fünf sind oder zwanzig. Dass es manchmal mit den Fünfjährigen einfacher ist als … ein guter Freund hat mir geraten, an dieser Stelle nicht weiterzuschreiben. Es ist so einfach, über Kinder und Jugendliche hinwegzugehen, ihre Anliegen zu relativieren, ihre Gefühle als Flausen zu bezeichnen – man ist ja als Erwachsener so viel reifer, hat alles schon gesehen, und natürlich weiß man, was für die jüngeren Menschen richtig ist: Alles Unsinn! Einen Scheiß weiß ich. Ich muss Kindern und Jugendlichen genauso zuhören, wie ich Freunden zuhöre, die mir ihre Probleme erzählen. Und ihre Probleme mögen für mich unerheblich klingen, sie sind aber deren Probleme, real und sauwichtig. Wer wäre ich, dass ich meine Probleme für wichtiger halten würde.

Viel zu viele „Pädagogen“ wollen Kindern und Jugendlichen das Leben einfacher machen. Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Fast im Gegenteil. Meine Stücke kommen seltenst mit so viel Niedlichkeit daher, dass man allein deswegen klatschen würde. Ich mach auch mit Grundschülern richtiges Theater – Komödien vielleicht, aber mit Hintersinn, mit allen Tricks, denen man sich auf der Bühne bedienen kann – ich brauche keine Ausstattung, keine Kostüme, mir reicht Fantasie. Und das ist schwerer zu spielen, als die Märchenstücke und kitschigen Klassiker, die man allzu oft im Kinder- und Jugendtheater sieht. Ich sehe auch die jüngsten Schauspieler als genau solche: als Schauspieler, nicht als Kinder, nicht als Jugendliche, nicht als Wesen, die ich vor dem Leben behüten muss – ich werfe sie rein! Ich lasse ihnen die Angst vor der Bühne, den Respekt vor dem Versprecher – und damit gebe ich ihnen die Freude beim Applaus, die einfach grenzenlos sein darf. Und was ich immer wieder sage:

„Leute, Applaus bekommt ihr auf alle Fälle. Niemand, der im Publikum sitzt, ist gegen euch. Alle werden höflich ihre Händchen zusammenpappen – aber das reicht nicht. Wenn alle es nur schön und nett finden, dann habt ihr noch nichts geschafft, dass sagen sie nämlich immer! Ich will nicht, dass sie ein bisschen klatschen, sie sollen sich die Hände wund klatschen, sie sollen überrascht sein, was ihr schafft, sie sollen berührt sein!“

Das ist das Wichtigste, Menschen berühren. Ich mag Tränen beim Publikum, ich mag sie vor Rührung und Trauer, aber auch vor Lachen. Ich bemühe mich gerne um beides. Die Voraussetzungen sind gegeben. Das Theater ist das Medium, in dem es so einfach ist, wie sonst kaum irgendwo. Nirgends ist man so nah bei der Kunst, nirgends ist sie so lebendig, so immer wieder neu. Mit meiner Kunst kann ich Menschen berühren, und nicht nur die im Publikum. Natürlich auch ganz besonders die, die auf der Bühne stehen.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ein paar Sachen glaube ich doch. Zum Beispiel, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Kinder mindestens einmal im Leben auf der Bühne gestanden hätten und stehen würden. Und dabei ist erst mal egal, ob mit dem Instrument, ob singend, ob spielend, ob tanzend. Sie dürfen auch gerne ihre Werke ausstellen oder vorlesen – Kunst ist ein Grundbedürfnis der Menschen, Applaus mach stark, Applaus macht groß. Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir alle ein bisschen größer wären?

Alles gute Gründe, die Arbeit zu machen, die ich mache. Gute Gründe dafür, auf Urlaube zu verzichten, auf das gute Gehalt und die sichere Zukunft. Ich mach Theater, weil ich damit glücklich bin, weil die Momente da sind, in denen Menschen mir sagen, wie sehr das Theater sie geprägt hat, mir einfach „Danke“ sagen. Ich mach Theater, weil ich nirgends mehr zu lachen habe, weil ich nirgends auf spannendere Menschen treffe. Ich mach Theater, weil es etwas Besonderes ist, ein magischer Ort. Ich mach Theater, weil da immer Vollmond ist … was für eine Nacht!

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Quick – Emmaverbrennung

Nur mal kurz: Irgendwo in Bayern haben Piraten gestern die Emma, über deren unterirdisch schlechten Artikel ich ja schon geschrieben hatte, symbolisch verbrannt. Es gibt davon ein Foto, und es gibt natürlich harte Diskussionen.
Einige finden es nicht gut, aber auch nicht schlimm, andere finden es lustig, wieder andere regen sich tierisch auf.
Im ersten Augenblick, als es gestern gerüchteweise zu lesen war, habe ich mich aufgeregt. Bei „Bücherverbrennung“ werde ich hellhörig. Es ist ein furchtbares Signal, es ist einfach unglaublich dumm, mies konnotiert. Erstmal denken, dann machen – war offenbar an diesem Punkt nicht drin.
Ich bin immer noch der Meinung, dass man mit den Tätern mal reden sollte, dass es da auch gerne eine Entschuldigung geben dürfte. Auf der anderen Seite halte ich die klassischen Nazi-Vergleiche auch für Unsinn. Hier wurden nicht Bücher verbrannt und der Gesellschaft entzogen, hier wurde eine Ausgabe einer Zeitung verbrannt, die es als Scan eh mehrfach im Netz gibt – wir sind Piraten, wir kaufen die Zeitung nicht wegen eines Artikels. Und im Gegensatz zu dem, was die Schreiberin der Emma meint, sind wir auch keine geistlosen Sexisten, also bringt uns auch der ansehnliche Fleischbeschau auf dem Emma-Cover nicht dazu, die Zeitschrift auch zu kaufen. (Wurde aber mitgescannt, keine Ahnung, ob das ein Zufall war)
Es ging also mit diesem Zündeln um eine Demonstration – und wenn manche irgendwelche Flaggen auf ihren Demos verbrennen, nehmen wir das ja auch mit Demonstrationsfreiheit hin. Es war eine geistlose Demonstration, ja sogar eine Demonstration von Dummheit, aber eine Demonstration. Es gab gestern Abend schon eine Initiative im Liquid Feedback, dass wir uns gegen Bücherverbrennung als politisches Mittel öffentlich aussprechen sollten. Ich habe die nicht unterstützt. Ich halte das für ein riesiges Flak-Geschütz, mit dem man auf Schmetterlinge ballert. Ja, ich schäme mich ein bisschen, dass Mitglieder userer Partei, und keine Sechzehnjährigen, so einen Kinderkram machen, aber mit der Initiative und allen anderen großkalibrigen Geschützen macht man aus einer strunzdoofen Aktion eine wichtige, über die wir uns tagelang zerfleischen müssen. Dieses Verhalten ist auch dumm.

Quick – Von der Emma hätte ich mehr erwartet …

… denn der Artikel von Gabriele Kämper in der neuen Ausgabe ist nicht nur billige Polemik, sondern noch viel mehr schlecht recherchiert. In sehr altfeministischer Manier wird da die Piratenpartei in die Nähe von Kinderpornographie gestellt – gegen die sich jeder Pirat, mit dem ich bisher gesprochen habe, entschieden ausspricht. Wir sind die, die das Löschen wichtig fand, und nicht Kinderpornographie hinter Stopschildern verbergen wollten, die man mit ein bisschen Mühe problemlos umgehen kann. So einen Quatsch, wie dass die Aktionen gegen Zensursula pro Kinderpornographie gewesen seien, glaubt sonst nur der Guttenberg.
Aber auch sonst ist der Artikel eine Zumutung – er hat nämlich mit der Piratenpartei echt nicht viel zu tun. Die AG Männer zu zitieren und damit zu meinen, man hätte das Frauenbild der Piraten verstanden, ist ungefähr so, als wenn man bei einem Dorfstammtisch der CSU die Fremdenfreundlichkeit der Unionsparteien überprüfen versuchte.
Vor einige Wochen habe ich in einem Tweet die Struktur der Piraten so karikiert: „Ja, wir haben Spinner in der Partei, wir machen sie aber nicht zum Innenminister.“ Das „Spinner“ damals bezog sich auf Ex-NPDler – die noch nicht mal Spinner sein müssen, das „Ex-“ entscheidet da – und Scientologen. Das kann man gerne noch auf Maskulinisten erweitern, die halte ich auch für Spinner, zumindest in der Trollvariante, die meint, dass Männer heute deutlich benachteiligt würden. So einen Quatsch liest man ja hin und wieder unter Blogeinträgen. Dass es die zitierte „Benachteiligung von Jungen“ in Schulen nicht völig aus dem Nichts geholt ist, würde ich auch sagen – allerdings gibt es auch in den Schulen noch genug Benachteiligung von Mädchen – schaut man sich das Bildungssystem genauer an, so könnte man durchaus von der Benachteiligung von Kindern sprechen, aber das nur nebenbei.
Nein, die AG Männer ist nicht gerade typisch für die Piraten. Wir sind ja auch nicht für Atomkraft, weil es eine Splittergruppe gibt, die Atomkraft knorke findet – im Gegenteil, das sind für die überwiegende Mehrheit der Partei eine weitere Gruppe von Spinnern. Aber wir leben mit den Spinnern, sind wir doch meistens selber in irgendwelchen Bereichen welche. Ist auf jeden Fall sympathischer, als glattgeleckte Präsidenten, die es einfach nicht mal über das Herz bringen, mit Ehrlichkeit an die Presse zu gehen.
Was Gabriele Kämper auf jeden Fall nicht verstanden hat, ist dass wir transparent und öffentlich sind, auch mit den etwas seltsamen Auswüchsen. Wer auf der Mailingliste Urheberrecht mitliest, könnte meinen, dass wir alle Urheber entrechten wollen – weil es halt so ein paar Radikale gibt, die das gut finden. Diese Mailingliste ist, wie alle anderen auch, öffentlich. Wer da was Blödes über die Piraten finden will, der wird da was finden, und kann es auch wunderbar aus dem Kontext reißen und gegen uns verwenden. Solche Blößen geben sich die Etablierten nicht, von denen vermuten wir auch mal, dass es da eine große Menge Spinner gibt – sieht man sich genauer an, was da in der Öffentlichkeit herumspringt, dann weiß man sogar, dass es noch mehr Spinner als bei uns gibt, nur halt in Anzügen. Aber nach außen hin gibt es da keine Verschwörungstheoretiker – außer vielleicht denen, die glauben, ein Stopschild im Internet würde gegen Kindesmissbrauch helfen. Bei uns sind auch die öffentlich und ich werde auf dem nächsten Stammtisch auch über Chemtrails diskutieren – auch wenn die schon ein wenig Retro sein sollen unter den Verschwörungstheorien, wir haben noch ein paar Vertreter davon, ist auch in Ordnung.
Ich bin männlich, ich bin auch, weil mir Vorurteile nun mal in den Kopf gesetzt sind, manchmal leider Alltagssexist, aber ich habe bei aller Betätigung in der Piratenpartei noch nie irgendeine Benachteiligung von Frauen mitbekommen, und ich bin ziemlich hellhörig. Und auch wenn ich nicht dem Kegelclub angehören, in dem es um Genderpolitik geht, einem Zusammenschluss von vielen Frauen und Männern und allem anderen, was es so gibt – wir nennen sie transsexuelle Eichhörnchen – innerhalb der Partei, so folge ich vielen Mitgliedern auf Twitter und das aus Interesse. Die Frauen in unserer Partei sind laut und wichtig, und nicht nur Marina Weisband, weil sie im Bundesvorstand sitzt, wie die Presse uns immer mal wieder weismachen will. (Ja, sie sitzt wirklich im Bundesvorstand, ich bezog das auf „laut und wichtig“ – Trolle erziehen auch.)
Im Kegelclub wurde heute abend diskutiert, und es wurde schnell die Frage gestellt, warum die Emma einen so vernichtenden, aber eben auch vernichtend schlechten Artikel veröffentlicht. Vielleicht ist es wirklich Unwissen – dann muss man allerdings Schlamperei vorwerfen, immerhin sollte da ein bisschen mehr journalistische Qualität schon nachfragbar sein. Aber vielleicht ist es auch so, dass eine Partei, die sich dem Diktum „Quote“ nicht beugt, die auf Postgender hin arbeitet, auf Equalismus, die bedroht den Feminismus in seiner Deutungshoheit.
Ich denke, niemand, außer vielleicht der AG Männer, wird bei den Piraten ernsthaft bestreiten, dass der Feminismus, dass die Emma und dass Alice Schwarzer große Verdienste haben. Ganz ehrlich, ich hielte Alice Schwarzer sogar für eine interessante Alternative als Bundespräsidentin – warum nicht mal zur Abwechslung jemand, die integer ist und so ein Amt verdient? – aber das hilft in diesem Fall nichts, der Artikel über die Piraten mit dem Titel „Frauen im Boot bringen Unglück“ ist journalistisch eine Nullnummer, wie man sie sonst von der BILD-Zeitung erwartet.
Der letzte Satz heißt übrigens „Postgender ist übermorgen“ – sorry, aber das stimmt nicht, Postgender ist morgen … und Emma ist gestern.

Quick – Zusammenhänge

Ein kurzer Blick auf Spiegel Online am Morgen: Wulff und kein Ende und die Piratenpartei liegt bei neun Prozent. Ups? Neun Prozent? Bundesweit? Holy Shit?
Und irgendwie habe ich da ein Zusammenhang im Hinterkopf – nein, nichts pathologisches -, also: Wundert es noch irgendwen, wenn die einzige Partei, die sich auf ehrliche, wenn auch manchmal für die Mitglieder anstrengende Weise, ständig selbst zerfleischt, und zwar wegen Sachen, die deutlich weniger schwer wiegen, als offenkundige Lügen vor einem Parlament, inzwischen schon an der Zehn-Prozent-Marke kratzt? Könnte es damit zu tun haben, dass der „erste Mann im Staate“, der Bundespräsident himself, mit genau der gleichen widerlichen Hinhaltetaktik um seine Lügen herumlaviert, wie das vor gar nicht allzu langer Zeit der Lügenbaron tat? Könnte es damit zu tun haben, dass nun sogar ums Staatsoberhaupt so eine Provinzposse tobt, die man mit Ehrlichkeit schon lange ausgeräumt hätte?
Ob man es ätzend findet, dass ein Ministerpräsident und späterer Bundespräsident sich mit Unternehmern gemein macht – darüber kann man letztich wegsehen, wenn wir das wissen, können wir ja danach wählen, oder nicht? Ob er sich sogar von so einer skrupellosen zwielichtigen Figur wie Maschmeyer bewirten lässt, oder eine Kampagne zu dem Buch „Besser die Wahrheit“ – na, ist das nicht mal eine unglaubliche Ironie? – bezahlen lässt – ach komm, geschenkt, hat Putins Gasableser ja auch machen lassen, ist scheinbar normal – nur, wir hätten es halt gerne gewusst. Warum spielt denn der Herr Wulff immer noch nicht mit offenen Karten? Wie schlecht muss das Gewissen denn sein?
Kleiner Tipp an die Eatblierten: Die Menschen haben darauf keinen Bock mehr. also jetzt nicht irgendwie so ein bisschen keinen Bock mehr, sondern richtig viel keinen Bock mehr. Und deswegen liegen wir Piraten nun bei neun Prozent. Nicht weil wir so ein großartiges Programm haben, sondern weil wir mit unseren Fehlern besser umgehen. Weil wir nicht so eine künstliche Kulisse aufbauen, wie sie in den Neunzigern vielleicht noch irgendwie durchging, sondern weil wir einfach offen zugeben, wenn wir etwas noch nicht wissen – weil wir uns gegenseitig an den Hals gehen, weil eine Mitarbeiterin der Berliner Fraktion eine Esotante ist.
Liebe Mitpiraten, wir sehen, wir müssen so weitermachen. Wir dürfen nicht professionell werden und werden noch viel Kraft darauf verschwenden, die Trolle zu ignorieren oder doch zu füttern. Wir müssen uns aufregen, Shit- und Flauschstorms loslassen und einfach weiterhin ehrlich sein, nichts ist wichtiger als das.
Und Herr Wulff!? Vielen Dank für die Wahlwerbung!

Reportage aus der Zukunft

Ich lese im Moment nebenbei mal wieder „Ökotopia“, einen Science Fiction-Roman aus dem Jahre 1978. Dort wird ein Reporter in ein utopisches Land geschickt und schickt seine Reportagen zurück.  Das Buch sollte man mal als Pflichtlektüre einführen, nicht weil alle Ideen des Ernest Callenbach, so heißt der Autor, so großartig sind – einige sind es -, sondern weil man die Möglichkeit bekommt, mal ein paar Sachen anders zu denken. Diese Fähigkeit ist zu wenig ausgeprägt, und das führt dazu, dass manche Menschen sogar der Politik glauben, wenn von „Alternativlosigkeit“ gesprochen wird.

Auf jeden Fall hat mich das Buch inspiriert, in kleinem Rahmen ähnliches zu tun. Ich werde keinen Roman schreiben, aber hin und wieder mal eine Reportage aus der Zukunft. Aus einer Zukunft, wie ich sie mir wünsche, nicht mehr, aber auch nicht weniger …

Achso, ja, ich schreibe so, als ob es in der Zukunft noch Zeitungen gibt. Keine Ahnung, ob Zeitungen sterben, keine Ahnung, ob sie irgendwann im Internet ankommen, aber wir werden sehen.

Noch eine kleine Warnung, erstens,d er Artikel ist lang, zweitens, es handelt sich um eine Vision. Wenn jemand glaubt, dass Visionen zu Arztbesuchen führen sollten, dann soll er sich davon machen!

Zehn Jahre neues Bildungssystem, ein Überblick

Aus der Region.  Was wurde gekämpft, was wurde diskutiert, wie oft wurde der Untergang des Abendlandes vorhergesagt? Vor zehn Jahren wurde das Bildungssystem ermordet oder vergewaltigt, sagten damals die einen, es wurde neu gedacht, sagten die anderen.

Nun hat man sich ja ein wenig an die Neuerungen gewöhnt, viele Kritiker sind verstummt, andere sehen immer noch viele Probleme in der Bildung, verweisen auf Zahlen. Wir wollten uns die Situation mal genauer anschauen.

Der Blick geht erst mal in die Kreisstadt, in der eines der beiden Gymnasien, die beide auf eine große Tradition zurückblickten, geschlossen wurde. Das andere lebt und gedeiht. Und geht man heute in dieses Gymnasium, dann muss man auch einigermaßen genau hinschauen, wenn man die Unterschiede sehen will, die sich ergeben haben.

Es ist lauter als früher, viele Türen stehen offen, Schüler sitzen in Grüppchen auf dem Flur und arbeiten offenbar an anderen Sachen, als ihre Mitschüler.

„Wir mussten vieles umstellen“, sagt die Rektorin Julia N. auf Nachfrage. „Das Kurssystem, dass es früher nur in der Oberstufe gab, hat inzwischen die ganze Schule erreicht. Im Klassenverband gibt es Sportunterricht und die Einführungen in neue Fächer, ansonsten werden Kunst- und Theaterprojekte so geplant, dass es immer ein bis zwei Klassen sind, die das gemeinsam machen. So kommen die Schüler auch mit ihren Gleichaltrigen zusammen, so werden soziale Strukturen geschaffen. Der Fachunterricht ist ganz im Kurssystem verteilt. Und die Kurse sind sehr gemischt – eben je nach Fähigkeit.“ Am Ende von Kurstrimestern treten die Gymnasiasten zu ihren Prüfungen an. „Das ist auch ganz in Ordnung so, meint Schülersprecherin Liane F., „natürlich könnte man die Prüfungen immer machen, aber so haben wir da ein bisschen Struktur drin. Und wir sind immer ganz scharf drauf, dass alle im Kurs ein Ziel erreichen, ist sozusagen Gymnasiastenehre.“

Im Gebäude des geschlossenen Gymnasiums ist nun die Freie Schule – ein wirkliches Experiment noch vor ein paar Jahren, inzwischen aber eigentlich ziemlich gut angenommen. Die Freie Schule sieht ihre Lehrer rein als Ansprechpartner. Von der Einschulung an lernen die Schüler hier was sie wollen, haben große Schätze an Lernmaterialien zur Verfügung und arbeiten frei. Die Lehrer sind für sie da, beantworten Fragen, erzählen Geschichten und regen immer wieder auch Projekte an. So erklärt Rainer B., einer Initiatoren: „Die Projekte sind wirklich wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, einen Film zu drehen, dann macht das erst mal ein Lehrer mit einer Gruppe. Er leitet an und vermittelt die grundlegenden Fähigkeiten. Beim nächsten Mal fangen dann einige der Schüler des ersten Projektes mit einem eigenen Film an, nehmen sich eine Handvoll neue Leute mit ins Boot und der vorher leitende Lehrer ist nur noch so eine Art Supervisor.“

Die Erkenntnis, dass man vieles besonders gut lernt, wenn man es anderen beibringt liegt da zugrunde, und die ist auch sonst im Schulalltag häufig zu sehen. Achtjährige, die Fünf- bis Sechsjährigen mit dem Zahlenraum bis 10 weiterhelfen sind oft die, die selbst noch nicht so fit damit sind, und sich endlich mal das Herz nehmen, ihre Prüfung nachzuholen.

Und wie steht es mit der Motivation? „Naja, die ist natürlich nicht bei jedem Schüler gleich und vor allem auch nicht an jedem Tag. An manchen Tagen passiert in manchem Raum fast gar nichts, aber sehr bald wird es langweilig – und manches Kind müssen wir nachmittags um fünf geradezu herauskehren, weil es sich gerade in der Geschichte festgebissen hat, oder weil der Englischspielkreis einfach kein Ende findet.“ B. lacht, offenbar hat er das Bild gerade vor Augen – doch auf Gegenfrage wird er ernst: Aber kommt jedes Kind mit dieser Form der Schule klar? „Die meisten schon, aber das gilt nicht für alle. Manche Kinder können mit mehr Struktur einfach besser lernen – aber das ist ja auch kein Problem, es geht hier ja nicht um Ideologie, sondern um die Kinder!“ Und die, davon kann man sich hier schnell überzeugen, wirken glücklich und gar nicht chaotisch und rabaukig, wie man das bei der Einführung der Freischule aus manchen Kreisen prophezeite.

Wie sieht das mit den anderen Schulen aus? Auf der Freien Waldorfschule hat sich gar nicht so viel geändert. „Wir haben ja noch nie auf Noten gesetzt, deswegen hat es hier nicht viel geändert, als die Benotung ganz an die Prüfungsbehörde ging.“ Ute S.  ist die Leiterin der hiesigen Waldorfschule, sie fühlt sich bestätigt: „ Wir hatten ja schon das beste Abitur im Kreis, als hier das Zentralabitur eingeführt wurde, für uns war es schon immer normal, dass von außerhalb geprüft wurde.“

Der Gesamtschule kam die neue Struktur auch relativ gut entgegen. „Wir waren schon ziemlich am Schwanken, als wir nicht mehr selbst benoteten. Zensuren sind halt schon eine Möglichkeit, auch Disziplin zu behalten. Aber wir haben schnell begriffen, dass wir mit dem neuen System gut fahren.“ Mittelstufenkoordinator Stefan P.  zieht zufrieden Bilanz. Inzwischen haben die Stufen Acht und Neun jeweils halbjährige Praktika, die dadurch gewonnenen Räume und Lehrerstunden werden sinnvoll genutzt, auch hier wird Freiarbeit inzwischen groß geschrieben, und die Lerngruppen wurden so ein bisschen kleiner. „In den Praktika sind die Schüler oft viel motivierter, fühlen sich erwachsener und mehr ernst genommen. Und den Stoff haben sie mit ihren neugewonnen Kenntnissen und dem erhöhten Selbstvertrauen bisher immer ganz locker aufgeholt. Außerdem sind die nach ienem halben Jahr oft auch ganz froh wieder einfach nur zur Schule gehen zu können.“

Eine klassische Schule mit den alten Strukturen gibt es ja in der Kreisstadt auch noch. Die Freie Christliche Bekenntnisschule mit ihrem Gymnasial- und Realschulzweig. Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren war das die Schule, die am schnellsten wuchs. Heute mag man uns kein Interview geben. Wir sprachen mit der Elternvertreterin Luise H., und die gibt zu, dass es Probleme gibt: „Vor der Prüfungsbehörde war man stolz darauf, dass man gut erzogene Kinder hatte, dass wenigstens auf dieser Schule Disziplin noch etwas galt. Daher hatten wir auch viele Schüler, die gar nicht aus christlichen Elternhäusern stammten. Das ist nicht mehr so. Wir werden auch von der Prüfungsbehörde stark benachteiligt. Unsere Schüler erreichen bei weitem nicht mehr die Werte, die sie vorher in den zentralen Prüfungen erreichten. Ich vermute Politik dahinter.“

Eine besondere Form der schulischen Bildung sollte nun zuletzt auch noch erwähnt werden – nämlich die ohne Schule. Simon T. ist so ein „Schüler“. „Ich habe mir schon das Lesen selbst beigebracht, als ich fünf war. Seitdem habe ich genug Mathe gelernt, um die mittlere Reife angehen zu können, in den Naturwissenschaften bin ich fast auf Abiturniveau!“ Der 13jährige ist nicht unbedingt bescheiden, wenn er von seinen Fähigkeiten spricht. „Englisch kann er ziemlich gut, aber es hapert mit einer zweiten Fremdsprache und mit Politik und Geschichte beschäftigt er sich auch erst, seit er öfter bei seinem Ersatzopa ist.“ Der Ersatzopa ist ein Nachbar, dem Simon hilft, mit der neuen Technologie schrittzuhalten, und der mit ein paar einfachen Fragen bei dem Jungen Interesse geweckt hat. „Man muss ja wissen, wie die Politik funktioniert, sonst kann man ja auch nichts ändern!“ Inzwischen ist Simon da ganz anderer Ansicht, als er es noch vor ein paar Monaten war. Und was ist mit den sozialen Kontakten? „Simon geht in die Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche, und ins Karatetraining. Das ist ein guter Ausgleich, und daher hat er seine Freunde. Auch wenn die auf die verschiedensten Schulen gehen.“ Simons Mutter ist mit ihrem Sohn, und der Bildungswelt offenbar ganz zufrieden. „Wenn ich bedenke, wie viele Stunden ich mich mit manchen Sachen rumgeschlagen habe, da hat Simon es schon viel einfacher.“

Eine Sache bleibt dann doch noch. Vor der großen Reform gab es eine Unmenge an Nachhilfeinstituten, was ist denn aus diesem Markt geworden? Bei der Recherche fanden wir nur noch eines. Leiter Klaus B. : „Klassische Nachhilfe machen wir fast gar nicht mehr. Hier und da für ein paar Gymnasiasten, wenn sie in einem Kurs partout nicht mitkommen, oder wenn sie länger gefehlt haben, dann noch ein paar Schüler von der Bekenntnisschule. Wir haben dafür öfter mit den Homeschoolern zu tun, den Kindern, die gar nicht zu einer Schule gehen – denen können wir dann in Fächern helfen, für die sie kein großes Interesse aufbringen können. Und dann muss halt immer noch ein bisschen gepaukt werden.“ Ansonsten scheint der Markt ausgetrocknet, seit die Prüfungen sich sehr stark geändert haben. B. erinnert sich an die Zeiten ohne Wehmut: „Als das Zentralabitur regierte, traf das Wort Lernbulimie voll zu. Es wurde nur für die nächste Prüfung gelernt. Heute müssen echte Fertigkeiten und Verständnis nachgewiesen werden, mit einem auskotzen von Wissen kommt man da gar nicht mehr weit. Aber das macht auch bei der Nachhilfe viel mehr Spaß!“