Piraten und Bildungspolitik

Jetzt bin ich ja schon einige Wochen Pirat und so langsam habe ich mich eingearbeitet. Unter anderem abonniere ich die Mailingliste der AG Bildung und habe mich auch sonst ein bisschen reingelesen. Die Bildungspolitik ist eine der wichtigen Säulen unsere Programmes, die AG wurde schon auf dem Gründungsparteitag gegründet – und alle, die immer noch glauben, die Piraten wären eine Ein-Themen-Partei, dann sollen sie sich mal den Programmteil durchlesen – ich denke, wie bei manchen Themen, kann man hier sehen, dass unser Programm immer dann, wenn es „fertig“ ist – die Anführungszeichen sagen, dass es ja nie fertig ist, diskutiert wird ja immer -, wirklich durchdacht ist, viel diskutiert und meistens auch wild umstritten.

Und es gibt viele Punkte im Programm, die ich gut finde. Ganz piratig ist natürlich die Forderung nach einer freien Zugänglichkeit der Bildung für alle – seit vielen Jahren, eigentlich schon immer haben bei uns die bessere Karten, deren Eltern Geld haben. Das ist nichts anderes als ein Versagen der Bildungspolitik. Zumindest ein Versagen der Schulpolitik aus der Sicht derer, die gleiche Chancen für alle fordern. Es gibt sicherlich auch genug Menschen, die das momentane Schulsystem für richtig halten, weil sie die Selektion gut finden, den Besitzstand wahren wollen. Aber das Grundgesetz sagt, dass wir alle die gleichen Chancen haben sollen – ach ja, dieses Grundgesetz, dass das auch immer stören muss.

Jetzt muss man sich natürlich viele Gedanken machen, wie man diesen Ansatz verwirklichen kann – und da sind wir erst mal nicht so weit von den anderen Parteien im, sagen wir links angehauchten Spektrum, verschieden. Keine Studiengebühren, freie Kindergärten – ja, jetzt kommt wieder der Einwand, wir hätten ja kein Geld, aber wir haben wirklich ein viel größeres Problem auf der Einnahmenseite als auf der Ausgabenseite, und wenn wir irgendwo zu wenig Geld ausgeben, dann im Bereich der Bildung.

Aber es gibt auch noch viele andere Fragen, die beantwortet werden, es muss Reformen geben, warum müssen Schüler Jahre ihres Lebens verplempern, wenn sie in ein bis zwei Fächern irgendwelche geforderten Leistungen nicht erbringen. Jedem Lehramtsstudenten im ersten Semester wird beigebracht, dass Kinder in unterschiedlichen Tempi lernen, warum wirkt sich diese schon lange gemachte Erkenntnis nicht auf die Schulen aus?

Oder wie ist das eigentlich mit der Demokratie? Auf der einen Seite wird da viel von gesprochen, auf der anderen Seite bestimmet der Direktor über sehr viel – und es gibt noch nicht mal ernsthafte Demokratie in den Lehrerkollegien, die Mitbestimmung der Schüler ist meistens allenfalls alibihaft, die Elternschaft hat vielleicht noch ein bisschen Einfluss, letztlich ist aber Demokratie weder bisher existent, noch wirklich gewollt. Aber wie will man denn Schüler zu Demokraten heranziehen, wenn man sie nicht vorlebt?

Das sind wichtige Punkte und wir müssen da auch wirklich weiterkommen, allerdings muss ich zugeben, bin ich auch nicht mit allem zufrieden, was die AG Bildung so schafft – vor allem, weil ich oft das Gefühl habe, dass auch in dieser AG die Basisdemokratie, die sonst so wichtig ist, eher kleingeschrieben wird. Viel zu schnell werden Diskussionen abgeblockt, durchaus nicht ohne eine gehörige Spur von Arroganz, und es ist auch immer wieder Dogmatismus zu spüren, eine Sache, gegen die ich auch schon vor meiner Piratwerdung ziemlich allergisch war.

Holen wir ein bisschen länger aus. Hier in NRW – und vermutlich nicht nur hier – krankt das Schulsystem an den Folgen diverser mehr oder weniger gut durchdachter Reformen. Schüler wurden über Jahrzehnte immer mal wieder gerne als Versuchskaninchen missbraucht, und heute ist das System uneinheitlich. Es gibt nebeneinander her das dreizügige Schulsystem mit einer langsam aber sicher versterbenden Hauptschule und daneben die Gesamtschulen, die alle Funktionen der anderen drei Schulformen eigentlich in eine packt. Und eigentlich funktionieren beide Systeme nicht wirklich. Die Gesamtschule ist zwar ein bisschen zu der Schule geworden, auf der auch Schüler, die nicht sozial besser gestellt sind, ein Abitur machen können, aber die heißt ja nicht umsonst so, also Gesamtschule – die ist eigentlich dafür konzipiert, dass da alle Schüler hingehen. Den Gymnasien wurde mit einer dilettantisch durchgeführte Verkürzung der Schulzeit richtig übel mitgespielt, die anderen Schulen bangen im Moment um ihre Existenz, wissen nicht, ob sie morgen nun Sekundarschulen, stadtteilschulen oder sonstwie heißen werden. Das Niveau sinkt seit Jahren rapide, das Zentralabitur hat zum Beispiel bei uns in der Region gezeigt, dass die Waldorfschule die besten Schnitte zustande bekommt. Die Situation ist verworren. Und woran liegt es?

Neben der chronischen Lehrerknappheit, die dazu führt, dass die Klassen absurde Größen haben, ist es vor allem das ständige Reinregieren, die ständigen ideologischen Grabenkämpfe, die um die Schulen geführt werden, die den Schulen selbst einfach die Luft zum Atmen nimmt. Es geht um Ideologien, um Dogmen – und das auf dem Rücken der Schüler. Achso, in den Hochschulen sieht es bekanntermaßen kaum anders aus, und Bologna  ist der Untergang des Abendlandes, ich denke, das ist so weit allen klar, wollte deswegen da gar nicht weiter drauf eingehen – mich interessiert die Schulpolitik auch einfach ein Stück weit mehr.

Apropos Reinregieren, ich habe ja ein wenig Einblick in den Schulalltag, arbeite mit Schulen zusammen, habe Praktika an Schulen gemacht, bin mit Lehrern befreundet – und ich weiß, wie viele Lehrer versuchen, das Beste aus den sich ständig wandelnden Verhältnissen zu machen. Aber ich weiß auch, dass die Kraft, die sie dafür brauchen, schlicht und einfach unnötig verschwendete Energie ist. Warum wird immer allen von oben vorgeschrieben, wie sie arbeiten sollen? Ich meine, sorry, aber da sind in jeder Schule akademisch ausgebildete Leute, oft mit einer riesigen Erfahrung, und da kommt irgendeine Regierung und erzählt ihnen, wie sie gefälligst zu arbeiten haben? Das macht die Schule ja zu einem unglaublich attraktiven Arbeitsplatz. Ganz nebenbei sind die Reformen von oben immer Sachen, die von manchen nicht verstanden, von anderen nicht akzeptiert und von fast allen nicht mit dem Herzen vertreten werden, das ist eine beschissene Grundlage für gutes Arbeiten.

Das Problem ist nun, dass wir als Piraten beginnen, die gleichen Fehler zu machen. Dogmatisch wird eine einzügige Schule gefordert, ein Kurssystem, Abschaffung von Noten ist im Moment groß in der Diskussion – alles keine dummen Sachen, aber warum zum Teufel sollte man so was den Schulen vorschreiben? Wir reden von Basisdemokratie, wir reden von pluralistischer Gesellschaft, und dann wollen wir den Schulen vorschreiben, wie sie sich zu demokratisieren haben? Wie sie Unterricht gestalten sollen? Wir wollen also mit genauso viel Dogmatismus und Ideologie an die Schulpolitik herangehen, wie die Etablierten, deren Fehler wunderbar kopieren? Manchmal hackt es echt.

Was wir tun sollten, ist etwas anderes. Wir sollten die Schulen befreien! Wir sollten bundesweit gleiche Rahmenbedingungen schaffen, die unsere Grundsätze von Gleichheit und Freiheit, von freiem Zugang und Basisdemokratie den Schulen zugänglich macht. Und wenn es in diesem Rahmen fünfzig verschiedene Schulformen gibt – Menschen sind einfallsreich, wir sollten das eigentlich wissen – dann gibt es halt fünfzig verschiedene Schulformen, die Kindern und Jugendlichen Bildung ermöglichen. Aber wir sollten NICHT in die Schulen reinregieren, wir sollten NICHT die heutigen Erkenntnisse in Marmor gießen und sie dogmatisch den Schulen aufoktroyieren – in spätestens zehn Jahren wird es neue Erkenntnisse geben und die nächsten Reformen werden wieder Schüler zu den Leidtragenden machen.

Ich glaube, das geht, in dem man alle offiziellen Prüfungen aus den Schulen herausholt, Lehrern die Benotung nimmt, den Benotungsdruck nimmt. In dem man externe Prüfungsbehörden installiert, die allerdings bitte deutlich intelligenter prüfen sollten, als das mit den heutigen zentralen Prüfungen und Zentralbituren geht. Erstens dürfen die eigenen Lehrer einfach nicht korrigieren, zweitens muss es auch möglich sein, Prüfungen anders abzulegen, als durch Klausuren, die immer mehr zu einer Reproduktion schnell auswendig gelernten Wissens wird – Stichwort Lernbulimie. Auch da hoffe ich auf Kreativität. Man muss Schüler ganzheitlich und nachhaltig bilden, oder besser noch, ihnen alle Hilfen geben, sich selbst ganzheitlich und nachhaltig zu bilden. Ich bin mir sicher, dass das möglich ist, und dass der größte Teil der momentanen Lehrerschaft nichts lieber angehen würde, als genau das. Wir sollten ihnen genau die Freiheit geben, die sie den Schülern geben sollen, die Möglichkeiten zur Demokratie, zur Kreativität, zu eigenen Wegen. Weg vom Dogmatismus!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Dezember 1, 2011 in Bildungspolitik, Gesellschaft, Piraten, Politik und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Vielen Dank für dein Blogpost, hollarius. Als Pirat und Mitglied des Squads Bildung in Berlin, kann ich mich deiner Kritik an der AG Bildung im Bund weitesgehend anschließen. Du schreibst:

    …vor allem, weil ich oft das Gefühl habe, dass auch in dieser AG die Basisdemokratie, die sonst so wichtig ist, eher kleingeschrieben wird.

    Tatsächlich arbeitet die bundesweite AG Bildung (Bund) nicht mit allen Landesverbänden zusammen. So wurden die Anträge auf dem kommenden Bundesparteitag 2011.2 im Namen der AG Bildung geschrieben, sie tragen aber in keinster Weise die Handschrift aller Bundesländer. Berlin wurde nie gefragt oder eingebunden. Hier ist eine bessere Vernetzung zwischen den Ländern notwendig. Letztlich brauchen wir ein bundesweites Bildungstreffen.

    In den Abstimmungsempfehlungen des Berliner Squads Bildung zum BPT 2011.2 habe wir im Vorwort geschrieben:

    .Wir würden uns freuen, wenn sich alle Bundesländer an den Entwicklungen der Anträge beteiligen würden und sich auf eine gemeinsame Haltung einigen könnten, die keinem der Bundesländer in der Verwirklichung ihrer Ideen Steine in den Weg legt. Wo sich so eine gemeinsame Haltung in Sachen Bildung nicht finden läßt, soll das Bundesprogramm schweigen und die Arbeit den Landesverbänden überlassen.

    Ein hinreichender Diskurs zwischen den Landesverbänden hat bisher nicht stattgefunden, der als Basis für ein eigenständiges Bundesbildungsprogramm hätte dienen können.

    .

    Zum Inhaltlichen:

    Du schreibst:

    Es gibt sicherlich auch genug Menschen, die das momentane Schulsystem für richtig halten, weil sie die Selektion gut finden, den Besitzstand wahren wollen. Aber das Grundgesetz sagt, dass wir alle die gleichen Chancen haben sollen – ach ja, dieses Grundgesetz, dass das auch immer stören muss.

    Ich weiß nicht, woher die Idee hast, die Chancengleichheit stünde im Grundgesetz. Ich kann sie dort nirgendwo finden.

    Ich stehe auch dem Begriff der „Chancengleichheit“ skeptisch gegenüber. Hinter dem Begriff der Chancengleichheit steht der Begriff der Meritokratie, einer Politik, die in Schulen – und nur in Schulen – nachweislich herrscht. Die Chancengleichheit basiert auf die Idee, dass jeder die gleiche Chance hat, durch Leistung an die besten Abschlüsse und durch diese an die Spitzenplätze in der Gesellschaft zu gelangen. Die Meriokratie wurde in Schulen eingeführt, um eine Ständegesellchaft zu verhindern, um zu verhindern, dass die Reichen reich bleiben und die Armen arm. Jeder soll die Chance haben aufzusteigen, auch das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ bzw. auch der „muslimische Arbeiterjunge aus Berlin-Neukölln.“ Die Idee der Chancengleichheit ist nun aber leider gescheitert. Der Aufstieg für sozial schwache Kinder gelingt nicht, im Gegenteil. Die Hoffnung und die Chance auf den Erfolg für alle und jeden, den die Schule verspricht, kann sie nicht einlösen. Letztlich werden sozial schwächere Schüler schlechter benotet und landen auf Sonder- oder Hauptschulen oder auf sonstigen Restschulen. In der Regel führt ihr Weg nicht zum Studium, viele von ihnen erhalten nicht einmal einen Abschluss. Die Folge heißt Perspektivlosigkeit und diese mündet in Frust und letzlich in Gewalt gegen die Schule. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr des Abstiegs für Schüler aus Familien in Mittelschichten. Die Schule wird zu einer Bedrohung für die gut situierte Familie. Schafft der Schüler nicht die geforderte Leistung, ist die finanzielle Notlage und der soziale Abstieg der Familie vorprogrammiert. Entsprechend geraten Mittelschichtskinder unter Leistungsdruck, viele von ihnen haben keine Freizeit mehr, viele befinden sich im Stress, kurz vor dem Burn Out, viele nehmen Drogen. Und dieses Problem hast du auch, wenn Externe Prüfungen abnehmen. Es ist dem Schüler egal, wer die Kontrolle ausübt, der Druck bleibt.

    Das sind die Folgen der Idee der „Chancengleichheit“.

    Wir brauchen keine Chancengleichheit. Diese Idee ist gescheitert. Sie hat nicht funktioniert. Wir brauchen eine neue grundlegende Idee von Schule. Schule sollte sich nicht mehr auf Leistung ausrichten, nicht mehr auf Chancen oder Erfolg. Sondern auf Bildung. Auf Wissen, auf dem Umgang mit Wissen, auf Neugierde und Forschung. Es muss in Schulen wieder um das Lernen gehen, nicht um den zukünftigen Arbeitsplatz.

    Es darf in Schulen gar nicht mehr vorranging um Leistung gehen, sondern um das Lernen an sich. Lernen muss ein Selbstzweck werden und nicht Mittel zum Zweck. Wenn Schüler sagen, dass sie nur für Noten lernen ist das das Produkt der Leistungsgesellschaft Schule. Schüler sollen lernen, um zu lernen, um ihr Wissen zu bereichen, um mit dem Wissen kreative Dinge, z.B. Bücher, Videos, Webseiten, Präsentationen herzustellen, um so weiter Wissen zu verbreiten. Spread the word!

    Wir brauchen Vielfalt. Wir brauchen ein Schulsystem, das den Lern- und Lehrbedürfnissen des Schülers gerecht wird. Wir brauche viele Schulen, viele unterschiedliche Schulen mit vielen unterschiedlichen Lehr- und Lernformen. Das schließt Schulen mit Frontalunterricht und Lehrgängen genauso ein, wie Projektschulen und Schulen, in denen Schüler selbst entscheiden, was sie wann wo wie lernen. Wir brauchen überhaupt gar keine Tests und keine Bewertungen. Wir brauchen eine Dokumenation des Lernens. Der Schüler soll dokumentieren, was er wo wann wie gelernt hat, was er verstanden hat, was nicht und was er noch lernen muss, mit wem, wo und wie. Das Instrument hierzu heißt Portfolio oder Lerntagebuch. Und natürlich kann am Ende das Portfolio oder das Lerntagebuch bewertet werden, hinsichtlich Konzentration, Anstrengungsbereitschaft, soziales Lernen, Präsentation der Ergebnisse, Arguentationen bei Fragen etc…

    Und wer überhaupt keine Lust auf Schule hat und lieber zuhause mit den Eltern (Homeschooling) oder lieber in Skypekonferenzen oder auf Webplattformen (e-Learning). lernen will, soll das auch tun dürfen. Und selbstverständlich kann, darf und sollte der Staat das kontrollieren dürfen. Das ist in Österreich z.B. und in vielen weitern Staaten längst Realität.

    Soweit meine persönliche Meinung. Mehr zum Thema hier: http://www.udolihs.de/padagogik

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