Reportage aus der Zukunft

Ich lese im Moment nebenbei mal wieder „Ökotopia“, einen Science Fiction-Roman aus dem Jahre 1978. Dort wird ein Reporter in ein utopisches Land geschickt und schickt seine Reportagen zurück.  Das Buch sollte man mal als Pflichtlektüre einführen, nicht weil alle Ideen des Ernest Callenbach, so heißt der Autor, so großartig sind – einige sind es -, sondern weil man die Möglichkeit bekommt, mal ein paar Sachen anders zu denken. Diese Fähigkeit ist zu wenig ausgeprägt, und das führt dazu, dass manche Menschen sogar der Politik glauben, wenn von „Alternativlosigkeit“ gesprochen wird.

Auf jeden Fall hat mich das Buch inspiriert, in kleinem Rahmen ähnliches zu tun. Ich werde keinen Roman schreiben, aber hin und wieder mal eine Reportage aus der Zukunft. Aus einer Zukunft, wie ich sie mir wünsche, nicht mehr, aber auch nicht weniger …

Achso, ja, ich schreibe so, als ob es in der Zukunft noch Zeitungen gibt. Keine Ahnung, ob Zeitungen sterben, keine Ahnung, ob sie irgendwann im Internet ankommen, aber wir werden sehen.

Noch eine kleine Warnung, erstens,d er Artikel ist lang, zweitens, es handelt sich um eine Vision. Wenn jemand glaubt, dass Visionen zu Arztbesuchen führen sollten, dann soll er sich davon machen!

Zehn Jahre neues Bildungssystem, ein Überblick

Aus der Region.  Was wurde gekämpft, was wurde diskutiert, wie oft wurde der Untergang des Abendlandes vorhergesagt? Vor zehn Jahren wurde das Bildungssystem ermordet oder vergewaltigt, sagten damals die einen, es wurde neu gedacht, sagten die anderen.

Nun hat man sich ja ein wenig an die Neuerungen gewöhnt, viele Kritiker sind verstummt, andere sehen immer noch viele Probleme in der Bildung, verweisen auf Zahlen. Wir wollten uns die Situation mal genauer anschauen.

Der Blick geht erst mal in die Kreisstadt, in der eines der beiden Gymnasien, die beide auf eine große Tradition zurückblickten, geschlossen wurde. Das andere lebt und gedeiht. Und geht man heute in dieses Gymnasium, dann muss man auch einigermaßen genau hinschauen, wenn man die Unterschiede sehen will, die sich ergeben haben.

Es ist lauter als früher, viele Türen stehen offen, Schüler sitzen in Grüppchen auf dem Flur und arbeiten offenbar an anderen Sachen, als ihre Mitschüler.

„Wir mussten vieles umstellen“, sagt die Rektorin Julia N. auf Nachfrage. „Das Kurssystem, dass es früher nur in der Oberstufe gab, hat inzwischen die ganze Schule erreicht. Im Klassenverband gibt es Sportunterricht und die Einführungen in neue Fächer, ansonsten werden Kunst- und Theaterprojekte so geplant, dass es immer ein bis zwei Klassen sind, die das gemeinsam machen. So kommen die Schüler auch mit ihren Gleichaltrigen zusammen, so werden soziale Strukturen geschaffen. Der Fachunterricht ist ganz im Kurssystem verteilt. Und die Kurse sind sehr gemischt – eben je nach Fähigkeit.“ Am Ende von Kurstrimestern treten die Gymnasiasten zu ihren Prüfungen an. „Das ist auch ganz in Ordnung so, meint Schülersprecherin Liane F., „natürlich könnte man die Prüfungen immer machen, aber so haben wir da ein bisschen Struktur drin. Und wir sind immer ganz scharf drauf, dass alle im Kurs ein Ziel erreichen, ist sozusagen Gymnasiastenehre.“

Im Gebäude des geschlossenen Gymnasiums ist nun die Freie Schule – ein wirkliches Experiment noch vor ein paar Jahren, inzwischen aber eigentlich ziemlich gut angenommen. Die Freie Schule sieht ihre Lehrer rein als Ansprechpartner. Von der Einschulung an lernen die Schüler hier was sie wollen, haben große Schätze an Lernmaterialien zur Verfügung und arbeiten frei. Die Lehrer sind für sie da, beantworten Fragen, erzählen Geschichten und regen immer wieder auch Projekte an. So erklärt Rainer B., einer Initiatoren: „Die Projekte sind wirklich wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, einen Film zu drehen, dann macht das erst mal ein Lehrer mit einer Gruppe. Er leitet an und vermittelt die grundlegenden Fähigkeiten. Beim nächsten Mal fangen dann einige der Schüler des ersten Projektes mit einem eigenen Film an, nehmen sich eine Handvoll neue Leute mit ins Boot und der vorher leitende Lehrer ist nur noch so eine Art Supervisor.“

Die Erkenntnis, dass man vieles besonders gut lernt, wenn man es anderen beibringt liegt da zugrunde, und die ist auch sonst im Schulalltag häufig zu sehen. Achtjährige, die Fünf- bis Sechsjährigen mit dem Zahlenraum bis 10 weiterhelfen sind oft die, die selbst noch nicht so fit damit sind, und sich endlich mal das Herz nehmen, ihre Prüfung nachzuholen.

Und wie steht es mit der Motivation? „Naja, die ist natürlich nicht bei jedem Schüler gleich und vor allem auch nicht an jedem Tag. An manchen Tagen passiert in manchem Raum fast gar nichts, aber sehr bald wird es langweilig – und manches Kind müssen wir nachmittags um fünf geradezu herauskehren, weil es sich gerade in der Geschichte festgebissen hat, oder weil der Englischspielkreis einfach kein Ende findet.“ B. lacht, offenbar hat er das Bild gerade vor Augen – doch auf Gegenfrage wird er ernst: Aber kommt jedes Kind mit dieser Form der Schule klar? „Die meisten schon, aber das gilt nicht für alle. Manche Kinder können mit mehr Struktur einfach besser lernen – aber das ist ja auch kein Problem, es geht hier ja nicht um Ideologie, sondern um die Kinder!“ Und die, davon kann man sich hier schnell überzeugen, wirken glücklich und gar nicht chaotisch und rabaukig, wie man das bei der Einführung der Freischule aus manchen Kreisen prophezeite.

Wie sieht das mit den anderen Schulen aus? Auf der Freien Waldorfschule hat sich gar nicht so viel geändert. „Wir haben ja noch nie auf Noten gesetzt, deswegen hat es hier nicht viel geändert, als die Benotung ganz an die Prüfungsbehörde ging.“ Ute S.  ist die Leiterin der hiesigen Waldorfschule, sie fühlt sich bestätigt: „ Wir hatten ja schon das beste Abitur im Kreis, als hier das Zentralabitur eingeführt wurde, für uns war es schon immer normal, dass von außerhalb geprüft wurde.“

Der Gesamtschule kam die neue Struktur auch relativ gut entgegen. „Wir waren schon ziemlich am Schwanken, als wir nicht mehr selbst benoteten. Zensuren sind halt schon eine Möglichkeit, auch Disziplin zu behalten. Aber wir haben schnell begriffen, dass wir mit dem neuen System gut fahren.“ Mittelstufenkoordinator Stefan P.  zieht zufrieden Bilanz. Inzwischen haben die Stufen Acht und Neun jeweils halbjährige Praktika, die dadurch gewonnenen Räume und Lehrerstunden werden sinnvoll genutzt, auch hier wird Freiarbeit inzwischen groß geschrieben, und die Lerngruppen wurden so ein bisschen kleiner. „In den Praktika sind die Schüler oft viel motivierter, fühlen sich erwachsener und mehr ernst genommen. Und den Stoff haben sie mit ihren neugewonnen Kenntnissen und dem erhöhten Selbstvertrauen bisher immer ganz locker aufgeholt. Außerdem sind die nach ienem halben Jahr oft auch ganz froh wieder einfach nur zur Schule gehen zu können.“

Eine klassische Schule mit den alten Strukturen gibt es ja in der Kreisstadt auch noch. Die Freie Christliche Bekenntnisschule mit ihrem Gymnasial- und Realschulzweig. Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren war das die Schule, die am schnellsten wuchs. Heute mag man uns kein Interview geben. Wir sprachen mit der Elternvertreterin Luise H., und die gibt zu, dass es Probleme gibt: „Vor der Prüfungsbehörde war man stolz darauf, dass man gut erzogene Kinder hatte, dass wenigstens auf dieser Schule Disziplin noch etwas galt. Daher hatten wir auch viele Schüler, die gar nicht aus christlichen Elternhäusern stammten. Das ist nicht mehr so. Wir werden auch von der Prüfungsbehörde stark benachteiligt. Unsere Schüler erreichen bei weitem nicht mehr die Werte, die sie vorher in den zentralen Prüfungen erreichten. Ich vermute Politik dahinter.“

Eine besondere Form der schulischen Bildung sollte nun zuletzt auch noch erwähnt werden – nämlich die ohne Schule. Simon T. ist so ein „Schüler“. „Ich habe mir schon das Lesen selbst beigebracht, als ich fünf war. Seitdem habe ich genug Mathe gelernt, um die mittlere Reife angehen zu können, in den Naturwissenschaften bin ich fast auf Abiturniveau!“ Der 13jährige ist nicht unbedingt bescheiden, wenn er von seinen Fähigkeiten spricht. „Englisch kann er ziemlich gut, aber es hapert mit einer zweiten Fremdsprache und mit Politik und Geschichte beschäftigt er sich auch erst, seit er öfter bei seinem Ersatzopa ist.“ Der Ersatzopa ist ein Nachbar, dem Simon hilft, mit der neuen Technologie schrittzuhalten, und der mit ein paar einfachen Fragen bei dem Jungen Interesse geweckt hat. „Man muss ja wissen, wie die Politik funktioniert, sonst kann man ja auch nichts ändern!“ Inzwischen ist Simon da ganz anderer Ansicht, als er es noch vor ein paar Monaten war. Und was ist mit den sozialen Kontakten? „Simon geht in die Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche, und ins Karatetraining. Das ist ein guter Ausgleich, und daher hat er seine Freunde. Auch wenn die auf die verschiedensten Schulen gehen.“ Simons Mutter ist mit ihrem Sohn, und der Bildungswelt offenbar ganz zufrieden. „Wenn ich bedenke, wie viele Stunden ich mich mit manchen Sachen rumgeschlagen habe, da hat Simon es schon viel einfacher.“

Eine Sache bleibt dann doch noch. Vor der großen Reform gab es eine Unmenge an Nachhilfeinstituten, was ist denn aus diesem Markt geworden? Bei der Recherche fanden wir nur noch eines. Leiter Klaus B. : „Klassische Nachhilfe machen wir fast gar nicht mehr. Hier und da für ein paar Gymnasiasten, wenn sie in einem Kurs partout nicht mitkommen, oder wenn sie länger gefehlt haben, dann noch ein paar Schüler von der Bekenntnisschule. Wir haben dafür öfter mit den Homeschoolern zu tun, den Kindern, die gar nicht zu einer Schule gehen – denen können wir dann in Fächern helfen, für die sie kein großes Interesse aufbringen können. Und dann muss halt immer noch ein bisschen gepaukt werden.“ Ansonsten scheint der Markt ausgetrocknet, seit die Prüfungen sich sehr stark geändert haben. B. erinnert sich an die Zeiten ohne Wehmut: „Als das Zentralabitur regierte, traf das Wort Lernbulimie voll zu. Es wurde nur für die nächste Prüfung gelernt. Heute müssen echte Fertigkeiten und Verständnis nachgewiesen werden, mit einem auskotzen von Wissen kommt man da gar nicht mehr weit. Aber das macht auch bei der Nachhilfe viel mehr Spaß!“

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Dezember 18, 2011 in Gesellschaft, Piraten, Reportage aus der Zukunft, Schule und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Ich hatte mir den Artikel ob der Länge etwas aufgespart. Ganz interessante Szenerie, allerdings wären mir ein paar kritischere Töne ganz Recht. Es wird ja nie so sein, dass alle dem zustimmen und die „Freie Christliche Bekenntnisschule“ (LOLed) karikierst Du schon recht doll. 😉

    • Ich geh davon aus, dass die Bekenntnisschule am meisten der Tradition verfallen ist, und dass sich die anderen Schulen viel eher einer neuen Umgebung anpassen können. Wenn man von meiner Idee ausgeht, dass das System – also das Herausnehmen der Benotung aus den Schulen in eine unabhängige Prüfungsbehörde – die Schulen vor eine völlig andere Situation stellt und die sich frei anpassen können, dann klingt das gar nicht so abwegig. Und was heißt zustimmen? Wenn man das System von außen ndert, ist das ja vorher, in der Planung eine Frage von Zustimmung und Ablehnung, aber nicht mehr, wenn die Änderung da ist. DAnn kann man nur schauen, wie man mitmacht oder nicht 😉

      • Jaaaein.

        Was mich ein bisschen (nur ein bisschen) störte war, dass scheinbar alle das neue System toll finden außer den (eben etwas karikierten) christlichen Bekenner. Die ich in eine gewisse Schublade stecke… 😉

        Und das halte ich für etwas überzogen, dass am Ende alle das neue System toll finden außer die schrägen erzkonservativen Christen.

      • naja, das interessante ist halt, dass alle Schulformen möglich sind, dass man es auf alle möglichen Arten ins Nirvana schaffen kann – äh, nee, das war Buddhismus 😉 – aber du verstehst imho, was ich meine. Wenn also jeder die gleichen Möglichkeiten haben, erfolgreich zu sein, dann werden die meisten zufrieden sein.
        Ich wollte nur niemanden im Interview darstellen, der rummotzt, dass er ja keine Autorität mehr hat, weil er ja keine Noten geben darf – das wäre noch tendenzieller gewesen, als die Darstellung der Bekenner 😉 – aber es ist hat auch nur so eine längere Glosse, ich schreibe gerade an einem Essay, der die ganze Sache begründen und darstellen soll. wird ein längeres Werk^^

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