Quick – Von der Emma hätte ich mehr erwartet …

… denn der Artikel von Gabriele Kämper in der neuen Ausgabe ist nicht nur billige Polemik, sondern noch viel mehr schlecht recherchiert. In sehr altfeministischer Manier wird da die Piratenpartei in die Nähe von Kinderpornographie gestellt – gegen die sich jeder Pirat, mit dem ich bisher gesprochen habe, entschieden ausspricht. Wir sind die, die das Löschen wichtig fand, und nicht Kinderpornographie hinter Stopschildern verbergen wollten, die man mit ein bisschen Mühe problemlos umgehen kann. So einen Quatsch, wie dass die Aktionen gegen Zensursula pro Kinderpornographie gewesen seien, glaubt sonst nur der Guttenberg.
Aber auch sonst ist der Artikel eine Zumutung – er hat nämlich mit der Piratenpartei echt nicht viel zu tun. Die AG Männer zu zitieren und damit zu meinen, man hätte das Frauenbild der Piraten verstanden, ist ungefähr so, als wenn man bei einem Dorfstammtisch der CSU die Fremdenfreundlichkeit der Unionsparteien überprüfen versuchte.
Vor einige Wochen habe ich in einem Tweet die Struktur der Piraten so karikiert: „Ja, wir haben Spinner in der Partei, wir machen sie aber nicht zum Innenminister.“ Das „Spinner“ damals bezog sich auf Ex-NPDler – die noch nicht mal Spinner sein müssen, das „Ex-“ entscheidet da – und Scientologen. Das kann man gerne noch auf Maskulinisten erweitern, die halte ich auch für Spinner, zumindest in der Trollvariante, die meint, dass Männer heute deutlich benachteiligt würden. So einen Quatsch liest man ja hin und wieder unter Blogeinträgen. Dass es die zitierte „Benachteiligung von Jungen“ in Schulen nicht völig aus dem Nichts geholt ist, würde ich auch sagen – allerdings gibt es auch in den Schulen noch genug Benachteiligung von Mädchen – schaut man sich das Bildungssystem genauer an, so könnte man durchaus von der Benachteiligung von Kindern sprechen, aber das nur nebenbei.
Nein, die AG Männer ist nicht gerade typisch für die Piraten. Wir sind ja auch nicht für Atomkraft, weil es eine Splittergruppe gibt, die Atomkraft knorke findet – im Gegenteil, das sind für die überwiegende Mehrheit der Partei eine weitere Gruppe von Spinnern. Aber wir leben mit den Spinnern, sind wir doch meistens selber in irgendwelchen Bereichen welche. Ist auf jeden Fall sympathischer, als glattgeleckte Präsidenten, die es einfach nicht mal über das Herz bringen, mit Ehrlichkeit an die Presse zu gehen.
Was Gabriele Kämper auf jeden Fall nicht verstanden hat, ist dass wir transparent und öffentlich sind, auch mit den etwas seltsamen Auswüchsen. Wer auf der Mailingliste Urheberrecht mitliest, könnte meinen, dass wir alle Urheber entrechten wollen – weil es halt so ein paar Radikale gibt, die das gut finden. Diese Mailingliste ist, wie alle anderen auch, öffentlich. Wer da was Blödes über die Piraten finden will, der wird da was finden, und kann es auch wunderbar aus dem Kontext reißen und gegen uns verwenden. Solche Blößen geben sich die Etablierten nicht, von denen vermuten wir auch mal, dass es da eine große Menge Spinner gibt – sieht man sich genauer an, was da in der Öffentlichkeit herumspringt, dann weiß man sogar, dass es noch mehr Spinner als bei uns gibt, nur halt in Anzügen. Aber nach außen hin gibt es da keine Verschwörungstheoretiker – außer vielleicht denen, die glauben, ein Stopschild im Internet würde gegen Kindesmissbrauch helfen. Bei uns sind auch die öffentlich und ich werde auf dem nächsten Stammtisch auch über Chemtrails diskutieren – auch wenn die schon ein wenig Retro sein sollen unter den Verschwörungstheorien, wir haben noch ein paar Vertreter davon, ist auch in Ordnung.
Ich bin männlich, ich bin auch, weil mir Vorurteile nun mal in den Kopf gesetzt sind, manchmal leider Alltagssexist, aber ich habe bei aller Betätigung in der Piratenpartei noch nie irgendeine Benachteiligung von Frauen mitbekommen, und ich bin ziemlich hellhörig. Und auch wenn ich nicht dem Kegelclub angehören, in dem es um Genderpolitik geht, einem Zusammenschluss von vielen Frauen und Männern und allem anderen, was es so gibt – wir nennen sie transsexuelle Eichhörnchen – innerhalb der Partei, so folge ich vielen Mitgliedern auf Twitter und das aus Interesse. Die Frauen in unserer Partei sind laut und wichtig, und nicht nur Marina Weisband, weil sie im Bundesvorstand sitzt, wie die Presse uns immer mal wieder weismachen will. (Ja, sie sitzt wirklich im Bundesvorstand, ich bezog das auf „laut und wichtig“ – Trolle erziehen auch.)
Im Kegelclub wurde heute abend diskutiert, und es wurde schnell die Frage gestellt, warum die Emma einen so vernichtenden, aber eben auch vernichtend schlechten Artikel veröffentlicht. Vielleicht ist es wirklich Unwissen – dann muss man allerdings Schlamperei vorwerfen, immerhin sollte da ein bisschen mehr journalistische Qualität schon nachfragbar sein. Aber vielleicht ist es auch so, dass eine Partei, die sich dem Diktum „Quote“ nicht beugt, die auf Postgender hin arbeitet, auf Equalismus, die bedroht den Feminismus in seiner Deutungshoheit.
Ich denke, niemand, außer vielleicht der AG Männer, wird bei den Piraten ernsthaft bestreiten, dass der Feminismus, dass die Emma und dass Alice Schwarzer große Verdienste haben. Ganz ehrlich, ich hielte Alice Schwarzer sogar für eine interessante Alternative als Bundespräsidentin – warum nicht mal zur Abwechslung jemand, die integer ist und so ein Amt verdient? – aber das hilft in diesem Fall nichts, der Artikel über die Piraten mit dem Titel „Frauen im Boot bringen Unglück“ ist journalistisch eine Nullnummer, wie man sie sonst von der BILD-Zeitung erwartet.
Der letzte Satz heißt übrigens „Postgender ist übermorgen“ – sorry, aber das stimmt nicht, Postgender ist morgen … und Emma ist gestern.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Dezember 21, 2011 in Piraten und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Der Begriff postgender ist ziemlich albern. Aber das nur am Rande.

    Sehr schöner Artikel. Aber – Alice Schwarzer als BuPrä? Weil sie so, entschuldige, „integer“ sei?!?

    Gerichtsreporterin bei BLÖD mit Urteil ab Tag 1 ist NICHT integer! Sie hat ihre Verdienste, das kann man kaum bestreiten, aber ihre Integrität hat sie leider verkauft und sie ist zusammen mit EMMA von gestern.

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