Warum ich Theater mache …

Durch die Mitgliedschaft bei den Piraten ist in meinem Blog ein bisschen zu kurz gekommen, was in meinem Leben noch ein bisschen wichtiger ist. Mein Leben, das Theater. (Und ich spreche hier absichtlich nicht von Beruf, ja, das Theater ist auch mein Beruf, aber auch viel mehr.)

Langsam bin ich alt genug für eine Midlifecrisis, ich sollte mir also langsam mal überlegen, warum ich das alles mache, und mich fragen, ob ich schon mal die Krise ausrufen soll. Ich mein, es gehört doch irgendwie dazu, wenn man auf die VIERZIG zugeht – nur noch drei Jahre … *schluck*

Als ich vor ein paar Jahren damit angefangen habe, mit Jugendlichen Theater zu machen, da war das neben dem Journalismus, da habe ich recht viel Nachhilfe gegeben, heute lebe ich fast vollständig davon, dass ich inszeniere, schreibe und Schauspielerei lehre. Ich habe das nie gelernt, also nie offiziell. Und wenn man mich heute nach meinem Beruf fragt, dann sage ich gern Theatermacher, und wenn es offiziell sein muss, dann Theaterpädagoge, weil es am Nächsten dran an dem, was ich mache, ist. Die Frage, ob man davon leben kann, beantworte ich mit einem wissenden Lächeln – nein, so richtig kann man das kaum.

Aber so richtig Theaterpädagoge bin ich nicht. Also so richtig Pädagoge. Natürlich habe ich ein bisschen was mitbekommen, als ich auf Lehramt studiert habe – das meiste allerdings nicht in Vorlesungen und Seminaren, sondern in den Praktika. Die theoretischen Erziehungswissenschaften waren mir immer ein bisschen suspekt. Neben Deutsch und Philosophie habe ich auch Mathematik studiert. Deren Klarheit war für mich immer der Inbegriff von Wissenschaft. Liest man erziehungswissenschaftliche Texte, dann ist es mit jeglicher Klarheit vorbei. Die Wissenschaft, die sich darum kümmern will, wie man anderen etwas beibringt, verbirgt sich ständig hinter pseudowissenschaftlichem Wortgeklingel. Das hat mir das Vorurteil eingepflanzt, dass Pädagogik keine Wissenschaft ist, sondern nur eine sein will – die Inhalte, die man hinter dem Wortgeklingel findet, sind nämlich allzu oft in sich recht einleuchtende Dinge, die man aber viel einfacher formulieren könnte.

Ich habe meine eigenen Gedanken zu vielen pädagogischen Themen, und die haben meistens damit zu tun, dass ich meine Schüler ernst nehmen will, egal ob sie fünf sind oder zwanzig. Dass es manchmal mit den Fünfjährigen einfacher ist als … ein guter Freund hat mir geraten, an dieser Stelle nicht weiterzuschreiben. Es ist so einfach, über Kinder und Jugendliche hinwegzugehen, ihre Anliegen zu relativieren, ihre Gefühle als Flausen zu bezeichnen – man ist ja als Erwachsener so viel reifer, hat alles schon gesehen, und natürlich weiß man, was für die jüngeren Menschen richtig ist: Alles Unsinn! Einen Scheiß weiß ich. Ich muss Kindern und Jugendlichen genauso zuhören, wie ich Freunden zuhöre, die mir ihre Probleme erzählen. Und ihre Probleme mögen für mich unerheblich klingen, sie sind aber deren Probleme, real und sauwichtig. Wer wäre ich, dass ich meine Probleme für wichtiger halten würde.

Viel zu viele „Pädagogen“ wollen Kindern und Jugendlichen das Leben einfacher machen. Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Fast im Gegenteil. Meine Stücke kommen seltenst mit so viel Niedlichkeit daher, dass man allein deswegen klatschen würde. Ich mach auch mit Grundschülern richtiges Theater – Komödien vielleicht, aber mit Hintersinn, mit allen Tricks, denen man sich auf der Bühne bedienen kann – ich brauche keine Ausstattung, keine Kostüme, mir reicht Fantasie. Und das ist schwerer zu spielen, als die Märchenstücke und kitschigen Klassiker, die man allzu oft im Kinder- und Jugendtheater sieht. Ich sehe auch die jüngsten Schauspieler als genau solche: als Schauspieler, nicht als Kinder, nicht als Jugendliche, nicht als Wesen, die ich vor dem Leben behüten muss – ich werfe sie rein! Ich lasse ihnen die Angst vor der Bühne, den Respekt vor dem Versprecher – und damit gebe ich ihnen die Freude beim Applaus, die einfach grenzenlos sein darf. Und was ich immer wieder sage:

„Leute, Applaus bekommt ihr auf alle Fälle. Niemand, der im Publikum sitzt, ist gegen euch. Alle werden höflich ihre Händchen zusammenpappen – aber das reicht nicht. Wenn alle es nur schön und nett finden, dann habt ihr noch nichts geschafft, dass sagen sie nämlich immer! Ich will nicht, dass sie ein bisschen klatschen, sie sollen sich die Hände wund klatschen, sie sollen überrascht sein, was ihr schafft, sie sollen berührt sein!“

Das ist das Wichtigste, Menschen berühren. Ich mag Tränen beim Publikum, ich mag sie vor Rührung und Trauer, aber auch vor Lachen. Ich bemühe mich gerne um beides. Die Voraussetzungen sind gegeben. Das Theater ist das Medium, in dem es so einfach ist, wie sonst kaum irgendwo. Nirgends ist man so nah bei der Kunst, nirgends ist sie so lebendig, so immer wieder neu. Mit meiner Kunst kann ich Menschen berühren, und nicht nur die im Publikum. Natürlich auch ganz besonders die, die auf der Bühne stehen.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ein paar Sachen glaube ich doch. Zum Beispiel, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Kinder mindestens einmal im Leben auf der Bühne gestanden hätten und stehen würden. Und dabei ist erst mal egal, ob mit dem Instrument, ob singend, ob spielend, ob tanzend. Sie dürfen auch gerne ihre Werke ausstellen oder vorlesen – Kunst ist ein Grundbedürfnis der Menschen, Applaus mach stark, Applaus macht groß. Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir alle ein bisschen größer wären?

Alles gute Gründe, die Arbeit zu machen, die ich mache. Gute Gründe dafür, auf Urlaube zu verzichten, auf das gute Gehalt und die sichere Zukunft. Ich mach Theater, weil ich damit glücklich bin, weil die Momente da sind, in denen Menschen mir sagen, wie sehr das Theater sie geprägt hat, mir einfach „Danke“ sagen. Ich mach Theater, weil ich nirgends mehr zu lachen habe, weil ich nirgends auf spannendere Menschen treffe. Ich mach Theater, weil es etwas Besonderes ist, ein magischer Ort. Ich mach Theater, weil da immer Vollmond ist … was für eine Nacht!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Dezember 29, 2011 in jugendtheater, Kultur, Musiktheater, Theater und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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