Archiv für den Monat Januar 2012

Quick – ELDE-Haus

Da ich gerade mein Stück „Eisblumen“ über Widerstand im Dritten Reich neuinszeniere, war ich heute mit meinem Schülerensemble in Köln und habe eine Stadtteilführung geordert, die vom NS-Dokumentationszentrum im titelgebenden ELDE-Haus angeboten wurde.
Ein netter und kundiger Herumführer erzählte viele interessante Geschichten aus der Geschichte, wir haben gesehen, wo der Bunker war, an dem sich die Edelweißpiraten trafen, haben die Stelle gesehen, wo der Galgen stand, die Bilder und die Bronzetafel, die an die Jugendlichen erinnern, die auf offender Straße in Köln-Ehrenfeld gehenkt wurden. Wir haben ein bisschen vom Leben vor siebzig Jahren imaginieren können, und das ist schon wichtig, wenn man die Menschen von damals spielen will.
Und dann das ELDE-Haus, das Gestapo-Hauptquartier in Köln. Und dann steht man da im Keller schaut in die winzigen Zellen, in denen man kaum zu zweit sein möchte, und in denen bis zu zwanzig standen, dicht gedrängt, ohne Möglichkeit sich zu setzen, legen oder was auch immer. In dem es als Toilette nur einen Eimer gab. Und langsam werden alle still und ein bisschen bleich. Und es geht ein Fenster zur Straße raus, jeder in Köln-Zenrtum hat die Schreie hören können – und man fragt sich ein bisschen, ob man Köln immer noch so mag.
Es kommt wieder mal der Moment, in dem man fassungslos davor steht, dass das Nazi-Regime ja nicht irgendwo war, sondern direkt hier bei uns. Dass es unsere Vorfahren waren, die so unmenschlich waren, dass man schreien könnte, wenn man es sich nur kurzzeitig vor Augen hält. Das man jetzt einfach so eine Straße entlang geht, wo vor zwei Generationen noch Jugendliche aufgehängt wurden, wo man einen Teil der Bevölkerung in Gaskammern trieb.
Und wir haben nichts daraus gelernt. Die Rassisten ersetzen einfach Juden durch Muslime und fangen genauso an, die Nachfolger der Nazis reden davon, dass Links und Rechts gleich schlimm sind – und es fehlt einfach an den Beate Klarsfelds dieser Welt, die alle Ohrfeigen könnten, die auf diese Art so gedankenlos den Holocaust verharmlosen.
Wir müssen uns langsam aber sicher darüber klar werden, dass Leute wie Marcel Reich-Ranicki nicht mehr lange da sein werden, um so richtig zu dem Thema zu sprechen, wie er es gerade getan hat. Wir haben bald niemanden mehr, der dabei war. Wir müssen jetzt selbst den Arsch hoch kriegen und das Vergessen bekämpfen. Wenn wir es nicht tun, dann haben wir nichts gelernt, dann sind wir verantwortlich für die Taten unserer Kinder.

Ziemlich beste Freunde

Ziemlich beste Freunde.

 

Ich wollte eigentlich drüber bloggen, brauch ich aber nicht mehr … 😉

Von der Inklusion

Hier in NRW wird in letzter Zeit die Inklusion forciert. Was ist darunter zu verstehen? Man möchte Menschen mit Behinderung mehr in die Gesellschaft integrieren – und weil ja alles mit Kindern anfängt, beginnt man mit der Inklusion in den Schulen. Die Grüne Jugend  fordert sogar eine Abschaffung aller Förderschulen, die noch vor kurzem Sonderschulen hießen.
Kleiner Disclaimer: vermutlich sind die Worte, die ich in diesem Artikel benutze, nicht immer die nach momentanem Sprachgebrauch richtigen. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich nicht so gut Bürokatisch spreche, und deshalb solche Worte erst mit Verzögerung in meinen Hinterkopf tröpfeln, und andererseits hat es auch ein wenig Vorsatz – ich finde, wir euphemisieren uns zu Tode, noch genauer, wir euphemisieren die Betroffenen aus der Gesellschaft heraus.
Ich habe mich umgehört, habe mit Lehrern gesprochen, einer Freundin, die als Heilerziehungspflegerin an einer Förderschule arbeitet. Und der Eindruck, den die Betroffenen aus der Praxis vermitteln, ist bedenklich. Ja, den prinzipiellen guten Willen kann man Rot-Grün ja nicht abreden, aber die Praxis sieht im Moment eher nach Einsparmaßnahme, denn nach einer Verbesserung für die Bildungssituation aus.
Die Idee ist ja nicht total falsch. Integriert man geistig und körperlich Behinderte, dann kann das für beide Seiten Vorteile haben. Die „Normalen“ lernen von klein auf, dass es auch andere Menschen gibt, Schwächere, denen man helfen kann und muss, und die auf der anderen Seite gar nicht mit Mitleid behandelt werden wollen, sondern so wie alle anderen auch. Und die Menschen, die sonst aussortiert werden, sind in der großen Gemeinschaft eingebunden – das wird ihr Selbstvertrauen verbessern, das wird auch ihre spätere Situation verbessern – so kann man zumindest hoffen. Als Theatermacher, der ständig mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, habe ich wenig mit denen zu tun, die auf Förderschulen gehen, aber oft mit den nicht so ganz „Normalen“, denen, die aus den normalen Rastern mehr oder weniger absichtlich herausfallen – und ich weiß, dass es für nicht wenige sehr wichtig ist, im Theater eine Gemeinschaft zu finden, die sie auf- und annimmt.  Ja, man sollte dringend die Menschen durchmischen, es sollte normal sein, auch mit Menschen umzugehen, die ungewöhnlich sind. Inklusion ist ein hehres Ziel – aber was passiert da jetzt eigentlich?
Wie Versuchsballons werden Kinder mit geistigen Behinderungen in die Schulen geschickt – und wenn man dann einen Fall erwähnt, der mir so erzählt wurde: ein autistisches Kind in einer großen Grundschulklasse – man sollte vielleicht wissen, dass selbst Autisten, die in der Welt sehr gut zurechtkommen, ein großes Problem mit Lautstärke haben – dann sagt mir jeder, der sich damit auskennt: „Wer kommt auf so eine hirnverbrannte Idee?“ Selbst in einer Klasse mit nur 15 Kindern wäre ein autistisches Kind wahrscheinlich oft überfordert – und, wie viele Klassen von dieser Größe gibt es so in NRW? (Ich rede hier übrigens von Sachen, von denen ich wenig verstehe, ist mir aber mehrfach bestätigt worden). In einem solchen Fall hat übrigens niemand was davon. Die anderen Kinder werden mit dem autistischen Kind ihre Schwierigkeiten haben, denn das braucht einen nicht unerheblichen Mehraufwand und hat noch einen zusätzlichen Lehrer, der sich um die anderen Kinder nicht kümmert – das kommt bei Achtjährigen nicht gut an, es separiert – und das ist ungefähr das Gegenteil von Inklusion, oder? Die Klasse kommt nicht so richtig voran, das autistische Kind ist ständig in einer Umgebung, mit der es nicht gut klar kommt – was soll das bringen?
Von einem anderen Kind mit einem Syndrom, dass ich mir nicht gemerkt habe, wurde mir erzählt. Und da bringt die Inklusion auch was – aber nur für die „normalen“ Kinder. Deren soziales Lernen ist ausgezeichnet, sie kümmern sich um das schwächere Kind. Aber das behinderte Kind verliert bei der Rechnung ungemein – das bekommt nämlich nur ein paar Stunden Förderung von einer Sonderpädagogin, den Rest der Zeit sitzt es mit den anderen Kindern gemeinsam in der Klasse und lernt einfach mal nichts.  Und dieses Problem ist nur auf eine Art lösbar:
Wie bei eigentlich jeder Reform, die in den letzten Jahrzehnten die Schulen getroffen haben, wird auch durch die Inklusion eher Geld eingespart wo es ausgegeben werden müsste. Man spart an den zugegeben teuren Förderschulen – die aber auch Möglichkeiten bieten, mit denen Kinder trotz ihrer Behinderungen auf die Welt vorbereitet werden. Die technischen Möglichkeiten, die es hier gibt, haben die Regelschulen nicht, man hat auch nicht so viele Betreuer, kein nichtlehrendes Personal, dass sich um die speziellen Probleme kümmert. Wem will man denn diese Aufgaben aufpfropfen? Den Mitschülern, den Lehrern, die eh schon in absurd großen Klassen unterrichten?
Den Idealismus der Grünen Jugend kann ich ja nachvollziehen, aber Förderschulen sind notwendig – einerseits sind sie es eh, weil man Schwerstmehrfachbehinderte kaum in eine Regelschule packen kann, andererseits können diese Schulen gerade geistig Behinderte, Gehörlose und Blinde viel besser auf ihr Leben vorbereiten, als man das so einfach an Regelschulen kann – die Dinger heißen nicht umsonst Förderschulen – diese Förderung funktioniert und hilft ja auch. Auch Inklusion ist eine wichtige Idee. Natürlich sollen Rollstuhlfahrer auch durch ganz normale Schulen rollen, und wenn man die Klassen endlich durch Einsatz von Geld, dass man nicht für die Rettung zockender Banken, sondern für Investitionen in die Zukunft nutzt, auf ein erträgliches Maß verkleinert, dann braucht man auch Kinder nicht aussortieren, weil sie Erziehungsprobleme haben, oder lernbehindert sind. Dann kann man auch Inklusion betreiben – aber bitte nicht auf dem Rücken der behinderten Kinder.
Ich mein, man denke mal nach. Müssen wir uns mit viel Energie um die Inklusion kümmern, wenn wir noch nicht mal eine Integration von Kindern unterschiedlicher Herkunft und elterlicher Vermögensverhältnisse hinbekommen?

Verfassungsschutz, oder die Frage, wie unsinnig eine Institution sein kann

Ich denke, wir sind langsam aber sicher so weit, dass man auch als gemäßigter Mensch durchaus nach der Auflösung des Verfassungsschutzes rufen darf. Was da in Köln vor sich geht, ist mehr als bedenklich, und wir sollten hier eine Erfahrung aus der Weimarer Republik im Hinterkopf haben: Es ist gefährlich, exekutive Strukturen in einer Demokratie zu haben, die sich nicht kontrollieren lassen. Und der Politik ist ganz offenbar jegliche Kontrolle über den Verfassungsschutz entglitten.
Über Jahrzehnte hat der Verfassungsschutz kaum etwas über die NPD gewusst, sie dafür aber großzügig mit V-Mann-Gehältern finanziell unterstützt. Und das hat ja nach den dürftigen Informationen, die man so bekommt, auch nicht aufgehört. Der Verfassungsschutz ist nicht nur auf dem rechten Auge blind – was wir auch schon mal in der Weimarer Republik hatten – er verhinderte ein Verbot der NPD, finanziert sie mit und hat trotz Kenntnis von der NSU-Zelle, die  zehn Menschen ermordete, nichts zur Aufdeckung beigetragen, und frühzeitiges Eingreifen wäre ja eigentlich auch noch viel mehr im Sinne der Verfassung gewesen, oder? Man fragt sich doch, wie viele Verfassungsschützer selbst mit verfassungsfeindlichen Ideen sympathisieren, wenn Nazis so großzügig behandelt werden.
Und dann stehen Abgeordnete der Linken unter Beobachtung, auch nicht irgendwelche, sondern alle wichtigen. Der Verfassungsschutz will also gewählte Vertreter einer demokratischen Partei kontrollieren? Das ist schon bei den Abgeordneten der NPD oder ähnlicher offensichtlicher Verfassungsfeinde schwierig, weil die Exekutive eben nicht die Legislative überwachen sollte, weil es da einfach ungünstige Vermischungen gibt. Aber bei einer Partei, deren Programm verfassungsgemäß ist, der Verfassungsbrüche wohl schwerlich nachzuweisen sind, die schlicht und einfach eine weitere etablierte Partei ist, wertkonservativ, nur eben mit anderen Werten, ist eine Bespitzelung durch den Verfassungsschutz wohl kaum sinnvoll.
Jetzt könnte man polemisch neue Aufgaben für den Verfassungsschutz suchen – wenn die schon etablierte Politiker beobachten, wie wäre es dann mit denen, die auf die Verfassung geschworen haben, Schaden von uns abzuhalten – erster Anlaufpunkt Schloss Bellevue –, aber es erscheint sinnvoller zu fragen, wann der Verfassungsschutz uns je vor irgendeiner Attacke auf die Verfassung beschützt hat. Und wenn allen so viele Gelegenheiten einfallen wie mir, dann haben wir doch einen klaren Grund, diese Behörde schlicht und einfach abzuschaffen. Sie ist ineffektiv, offenbar von Verfassungsfeinden selbst durchsetzt, und deshalb muss die Forderung lauten: Löst den Verfassungsschutz auf, und zwar besser heute als morgen!

Von der Höflichkeit auf Mailinglisten

Es geht um Umgang, um Höflichkeit, um Ehrlichkeit. Ich streite mich im Moment ein bisschen mit meinem fleißigsten Kommentator Mideg, weil er den einen oder anderen Umgangston auf der NRW-Aktiven, also der Mailingliste der Piratenpartei-NRW für bedenklich hält. Er fühlt sich nicht wohl, wo jemand Pissnelke genannt wird – keine Sorge, es war weder er noch ich, es ging nur um einen Islamophoben, also diese weichgespülte Naziversion, die nicht mehr antisemitisch ist, dafür aber Sarrazin und Broder huldigt und deren Brandstiftergedanken lauscht. Ich halte den auch für eine Pissnelke, ich halte ihn auch für einen Idioten – und interessanterweise will dieser Typ auch noch für die Piraten kandidieren, was vermutlich aber jede Piratenversammlung zu verhindern wissen wird – es sei denn, die Piraten sind plötzlich eine ganz andere Partei, als die, die ich kennengelernt habe. Es gingen ein paar Mails in den letzten Tagen über die NRW-Aktive, die nicht höflich waren, und wo Leuten sehr konkret vorgeschlagen wurde, dass sie bei uns nicht das Geringste zu suchen haben. Und das war teilweise auch mit kleinen Entgleisungen unterfüttert, wovon die Pissnelke ein schönes Beispiel gibt. Das ließ mich ein bisschen über Höflichkeit nachdenken:
Ich habe vor ein paar Tagen mal getwittert: “ Höflichkeit nutzt man hauptsächlich, wenn man dem anderen nicht vertraut.“ Höflichkeit ist immer auch Verstellung. Jetzt will ich mich aber gar nicht verstellen, ich will Politik machen. In einem vertrauten Bereich bin ich weniger höflich, mecker auch mal unschön rum und lass meine Laune auch spürbar werden. Ja, das ist manchmal für andere nervig, und ja, ich finde es auch nicht gut, wenn ich von jemandem blöd angemacht werde. Aber es geht um Politik, es geht um Streit, es geht nicht ums Kaffeekränzchen bei Tante Inge, wo alle sich gegenseitig vorheucheln, wie lieb sie sich haben.
Wenn dann jemand einen Islamophoben eine Pissnelke nennt, bekommt er dafür zwar auf der einen Seite ein paar mahnende Worte, er möge seine Sprache beherrschen, aber auch einige Zustimmungsmails, weil dieser Islamophobe nun mal eine Pissnelke ist. Und ich glaube, das ist auch in Ordnung so.
Wir sind die Partei, die sich mehr Ehrlichkeit auf die Fahne geschrieben hat. Ehrlichkeit hat mit Höflichkeit wenig zu tun, die ist letztlich kaum etwas anderes als eine Lüge. Schaut man es sich genau an, dann ist die Höflichkeit doch nur ein Schild, mit dem ich mir Leute weghalte, mit denen ich nichts zu tun haben will. Leute, gegenüber denen ich wirklich höflich bin, denen vertraue ich nicht, und meistens mag ich sie auch nicht. Gegenüber Leuten, die ich mag und denen ich vertraue, gibt es keinen Grund, mich zu verstellen. Und wenn ich angepisst bin, dann zeig ich das auch, und wenn ich jemanden für eine Pissnelke halte, warum soll ich das denn dann nicht auch sagen.
In den etablierten Parteien nennt man sich „Freunde“ oder „Genossen“, wahrscheinlich auch noch „Kameraden“, und was ist das für eine widerliche Heuchelei. Ich muss nicht mit meinen Mitpiraten befreundet sein, ich kann den einen oder anderen auch für ein arrogantes Arsch oder einen Spinner halten, es geht hauptsächlich darum, mit ihnen um einen richtigen Kurs zu streiten, um gute Lösungen, um gute Ideen. (Es hindert mich übrigens auch nicht daran, dass ich einige Piraten total sympathisch finde und dass ich gerne zu unseren Stammtischen fahre)
Aber wichtig ist, dass ich meinen Mitpiraten vertraue, dass ich mich nicht gezwungen fühle, eine künstliche Höflichkeit an den Tag zu legen – wir wollen ja auch keinen Krawattenzwang, keine Uniformierung, keine Quoten, Höflichkeit ist genauso ein behinderndes Netz, was einen von ernsthafter Arbeit nur abhält.
Und wenn jemand ständig kübelweise Beleidigungen auf die Mailingliste erbricht, dann werde ich diesen natürlich nicht mehr ernst nehmen, keine Frage, wenn jemand immer höflich und verbindlich scheint, und trotzdem ein Arschloch ist, dann ist er viel schwieriger zu identifizieren. Von daher wird mir der Umgangston auf unseren Mailinglisten, so nervig er manchmal ist, von Satz zu Satz, den ich schreibe, irgendwie sympathischer. Meine Partei ist nicht höflich? Ist okay. Wäre sie nicht ehrlich, wäre sie nicht mehr meine Partei.