#Twitter

Als ich mir vor langer Zeit meinen Twitter-Account gemacht habe, da wusste ich gar nicht so recht, was ich damit wollte. Ein paar Freunde waren bei Twitter, mein erster Tweet war so was wie: Jetzt bin ich hier und jetzt? Und so richtig verstanden habe ich das auch länger nicht. War ja auch nicht weiter wichtig, ich schaute immer mal rein, kommunizierte aber nur selten darüber. Unter anderem vermutlich deswegen, weil ich für 140 Zeichen zu geschwätzig bin.
Dann wurde eines Tages Herr Häkelschwein von einem Freund retweetet, und es war, wie so oft, äußerst witzig. Ich beschloss dem @Haekelschwein zu folgen, entdeckte, dass es eine ganze Menge echter Poeten unter den Twitterern gab. Der @Vergraemer zum Beispiel, oder der junge @mlampin. Leute, die in der gebotenen Kürze mehr ausdrücken können, als ich meistens auf drei Seiten. Diese Richtung war dann die erste, in der ich mich umgeschaut habe. Die literarischen Twitterer, nur ein paar wenige politische Blogger kamen da langsam zu, wurden schnell mehr – also in meiner Timeline.
Und langsam aber sicher versuchte ich mich auch schon mal an der einen oder anderen Pointe, und noch mehr nutzte ich den Retweet-Button, der neu eingeführt wurde, oder zitierte Tweets auf Facebook, um den Freundeskreis zu erfreuen. In dieser Zeit hatte ich meinen ersten One-Second-of-Fame. Die ersten Tage der Geschehnisse um Herrn von und zu Guttenberg nutzte ich für: „Man sollte schon wissen, wo man seine Anführungszeichen zu setzen hat, Herr „Dr.“ zu Guttenberg.“ Das ist prägnant, einigermaßen lustig ist es auch. Es wurde immerhin gut dreißigmal retweetet, was immerhin dafür reichte, um sogar von Spiegel Online und einigen anderen Online-Zeitungen zitiert zu werden.
Die Anzahl der Accounts, denen ich folgte, wurde langsam größer, die Anzahl meiner Follower blieb überschaubar – völlig zu Recht. Aber die Dichte der politischen Accounts, denen ich folgte, wurde größer und es wurden immer mehr Piraten. Und als dann die Stimmung in Berlin überkochte, und es zur Wahl hin ging, da folgte ich plötzlich dem einen oder anderen der jetzigen Abgeordneten, ich bekam die Stimmung dort mit, ich sah mir die Plakate an, ja, und der Erfolg, die ersten Interviews mit den Piraten, das alles ließ mich den Antrag ausdrucken und ausfüllen, aber hauptsächlich war es Twitter.
Inzwischen habe ich über sechzig Follower, kein großer Wert für einen Blogger, kein großer Wert für einen Piraten, aber es steigert sich langsam. Ich folge selbst knapp dem dreifachen an Twitterern, und ein guter Teil davon ist piratigen Ursprungs. Und in diesem Umfeld hatte ich meinen zweiten „Toptweet“: „Scientologen, Ex-NPDler – ja, wir haben ein paar Spinner bei den #Piraten, aber wir machen sie wenigstens nicht zum Innenminister …“ Dieser unbedacht hingeworfene Tweet wurde 105mal retweetet, zwei Tage lang hatte ich das Gefühl, dass so ziemlich alle Piraten, die über einen Twitteraccount verfügen, das Ding favorisierten oder retweeteten. War schon ein lustiges Gefühl.
Wie funktioniert denn nun die Welt des Twitters? Ich bin ja kein Soziologe, aber zwei Dinge finde ich immer wieder spannend. Die eine sind Meme. Meistens sind die mit Hashtags verbunden. Heute zum Beispiel wurden Nachfolger für Christian Wulff gesucht, verbunden mit dem Hashtag #mynewpresident – was dann auch trending topic wurde, also das wichtigste Wort im Twitternetz.
Aber das war ja noch ein relativ vernünftiger Einsatz. Eines Abends, ich habe keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte, kamen plötzlich jede Menge Menschen mit #brotfilme um die Ecke. Mein Beitrag war dabei „Der Club der toten Bäcker“, was ich immer noch relativ witzig finde … ja, ich entschuldige mich auch.
Die andere Sache ist der Shitstorm, der sich gern mal direkt auf Mittwitterer ergießt – heute morgen war es zum Beispiel @tirsales, also das piratige Pelztier Sebastian Nerz, der als Bundesvorstand etwas zu kreativ auf eine unkreative Frage geantwortet hatte – in einem Interview – und sofort die ganze Freundlichkeit der Piratenpartei abbekam. Natürlich hätte man sich besser darum gekümmert, Herrn Wulff endgültig zu begraben – obwohl, ist doch eh nur noch eine Frage der Zeit.
Aber natürlich kümmert man sich auch um die Beerdigungen lügnerischer Politker, um SPD-Politiker, die wahrhaftig auf die hirnverbrannte Idee kommen, die Vorratsdatenspeicherung zu fordern und in ihr Programm zu schreiben – und auch sonst um alles Mögliche, was aufregen könnte. Wird irgendwo in Amerika ein Occupy-Camp geräumt, dann fliegen auch bei uns im Twitter der Link herum, der zum Videostream führt. Wenn irgendwo auf der Welt Menschen ihre Unterdrücker mit Satire oder offenen Worten bekämpfen, dann kann man das auch bei uns über Twitter lesen.
Und das ist so schnell und so unmittelbar, dass es süchtig machen kann – das ist die größte Gefahr dabei. Man kann nämlich alle fünf Minuten drauf schauen, oder alle zwei … oder jede … Und das ist kontraproduktiv. Dieser Blogeintrag zum Beispiel hat unter anderem deswegen länger gedauert, als es sein muss.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Januar 2, 2012 in Gesellschaft, Piraten und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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