Archiv für den Monat Februar 2012

Wer nicht hüpft, der ist für ACTA!

Wie etwa dreieinhalbtausend Andere war ich heute in Köln und habe gegen ACTA demonstriert. Warum man gegen ACTA sein sollte, das sollten inzwischen alle wissen, und für die, die es noch nicht wissen, empfehle mal http://stopp-acta.info/. Sollte eigentlich die wichtigeren Fragen klären. Und wo ich gerade dabei bin: Sollte jemand die Petition noch nicht gezeichnet haben, hier: https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=22697 Es werden dringend noch Stimmen gebraucht!

Wir haben aus der Demo einen gemütlichen Betriebsausflug gemacht, mehr als zehn Prozent der oberbergischen Piraten traf sich mit den vielen anderen Piraten, Anons und diversen anderen Gruppierungen, die sich alle gemeinsam das Ziel gesetzt haben, diesen Vertrag zum Scheitern zu bringen. Und der Ausflug fing schon knapp drei Stunden früher an, mit einem schönen Frühstück. Auf der Fahrt wurde dann teilweise heiß diskutiert, schließlich sind wir ja Piraten, und dann waren wir auf dem Roncalli-Platz und lernten ein paar Kölner Piraten kennen, beziehungsweise erneuerten die Bekanntschaften. Um 13 Uhr waren keine fünfzig Demonstranten da, um zwanzig vor waren es gut fünfhundert und dann wurden es noch viel, viel mehr.

Reden wurden gehalten, teilweise richtig gut, und dann ging es los, quer durch Köln. Ich habe gefühlte Hunderte von Flyern verteilt, und war eigentlich sehr begeistert, wie viele Leute sogar richtig interessiert zugepackt haben und sich nicht nur das Papier in die Hand drücken ließen. Richtig gut fand ich auch, dass die Polizei sich wirklich freundlich und partnerschaftlich verhalten hat. Und es ist beeindruckend über die abgesperrten Ringe zu laufen, nur so nebenbei gesagt.

Auf dem Rudolfsplatz und dem Neumarkt gab es noch zwei weitere kleine Kundgebungen. Und es sah gut aus, der doch recht üppige Neumarkt war gar nicht so wenig gefüllt, und neben der offiziellen Zahl der Organisatoren von 3500 Demonstranten gab es auch die inoffizielle Schätzung eines Veranstaltungsprofis aus unseren Reihen. Danach ist die Zahl nicht zu hoch gegriffen, „auf jeden Fall deutlich über dreitausend!“

Ein bis zwei Sachen müssen wir ändern. Ja, es geht um die sAche, aber wenn wir als Piraten die Demo organisieren, dann sollten die Piraten auch deutlicher in Erscheinung treten, es gab zu wenig Orange, zu wenige Segel – und wir selbst, die OberbergPiraten, sollten sich für solche Sachen einfach mal ein paar Flaggen besorgen. Die andere Sache – ich habe Hochachtung für den Job eines Shouters, der die ganze Zeit versucht, die Stimmung hoch zu halten, Sprechchöre zu formieren – aber drei Stunden die gleiche Leier, irgendwie konnten wir es alle nicht mehr hören. Wir haben die Verpflichtung, beim nächsten Mal einfach mehr Sprüche auf Lager zu haben, kann doch nicht so schwer sein.

Niemand wird in der Schule besser durch kein Theater

Ich bin einigermaßen frustriert. Ich inszeniere gerade Woyzeck, eine semiprofessionelle Produktion, und weil ich eigentlich ziemlich begeistert bin, was für Jugendliche ich gerade in der entsprechenden Gruppe habe, habe ich einige junge Menschen angefragt, ob sie nicht kleine Rollen übernehmen können. Weil es zehn Vorstellungen an vier Wochenenden sind, und weil ich weiß, dass alle in vielen Terminen gebunden sind, habe ich diese Rollen noch mal geteilt, lasse jeweils zwei die gleiche Rolle lernen, so kommt man dann einzeln nur auf fünf Aufführungen an zwei Wochenenden, die dann im Mai und Juni verteilt sind.
Nun haben mir inzwischen schon drei Jugendliche, beziehungsweise ihre Eltern abgesagt, eine frühzeitig, die anderen beiden in den letzten Tage, eine Woche bevor es probentechnisch spannend wird, und natürlich so kurzfristig, dass es ernsthaft schwierig wird, noch Ersatz zu finden. Wie bei vielen, kenne ich die Eltern alle auch persönlich, komme mit allen auch gut aus. Und so ist es natürlich umso frustrierender, wenn diese doch so netten und aufgeschlossenen Eltern ihren Sprösslingen die Teilnahme untersagen. Die Gründe: „Es wird zu viel! Zu viele Termine, die Schule leidet.“
Ich frag mich eigentlich immer, wenn Leute mit dem Theater aufhören und mir sagen, es ist zu viel, ich krieg das mit der Schule nicht mehr hin, was da falsch läuft. Es hat sich natürlich seit der Einführung von G8 an unseren Gymnasien stark verschärft. Und ich kann auch ein wenig verstehen, dass das ein Problem ist – das Gymnasium ist auf funktionieren gedrillt. Interessanterweise sagen Lehrer, Schüler und Eltern übereinstimmend, dass die Situation mit G8 nahezu unerträglich geworden ist, niemand nutzt dieses Wissen – es gibt Schulen, die einem das Abitur ermöglichen, und auch die Zeit, seinen Hobbies nachzugehen. Wie kommt man denn da auf die Idee, dass es das Gymnasium sein muss?
Jetzt mal ernsthaft. Wenn es irgendetwas bringen würde, dass die Jugendlichen eine solche Produktion nicht machen, ich hätte deutlich mehr Verständnis. Sie holen sich in einer solchen Produktion nicht nur neues Selbstvertrauen, spielen mit ein paar der besten Amateure und Semiprofis zusammen, die ich kenne, und die unsere Arbeit hervorgebracht hat. Werden auf eine Art mit Büchner konfrontiert, die kein Deutschleistungskurs bieten kann. Sie reifen auch als Persönlichkeiten, haben Spaß und spüren das Glück des Applauses – aber sie sind besser in der Schule, wenn sie das nicht machen? Wie sagt eine Freundin gerne: Wollt ihr mich flachsen?
Und selbst wenn es stimmte, wenn kurzfristig hier und da noch eine Note verbessert werden kann – sie werden merken, wie ihre Kollegen davon profitieren, sie werden spüren, was ihnen verloren geht. Es ist wirklich kaum zu verstehen. Wäre ich in der Situation gewesen, als ich 13 oder 14 war, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dabei zu sein. Weil die Gelegenheit einfach faszinierend gut ist, weil es nicht die Produktion mit der zugegeben guten Gruppe ist, sondern mit guten Erwachsenen, mit Leuten, von denen man unglaublich viel lernen kann – solche Möglichkeiten gibt es alle zwei bis drei Jahre mal. Für mich ist es jetzt die Frage, wie ich damit umgehe, ob ich in Zukunft solche Gelegenheit überhaupt noch ermögliche, ob ich mir die Blöße gebe, oder nicht einfach auf Sicherheit gehe, die Leute aus den jüngeren Gruppen einfach im eigenen Saft schmoren lasse – ich muss das ja nicht tun, es ist ja nur Zusatz. Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich laufe ich auch in Zukunft wieder ins offene Messer. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Monaten oder einem Jahr wieder hier sitzen und meinen Frust herunter bloggen. Immer dann, wenn die hochfliegenden Pläne durch das Denken an das kleine Heute gegen die eine oder andere Wand gehauen werden.

Quick – Gauck … #notmypresident

Mit Schrecken habe ich festgestellt, dass ich vor zwei Jahren geschrieben habe, Gauck wäre ein guter Kandidat. Er war damals der bessere Kandidat, aber gut war er damals schon nicht, und was er in den letzten Jahren gesagt hat, dass erschreckt mich und erinnert an das Hashtag, dass gegen Wulff schon im Einsatz war – #notmypresident!
Eigentlich seltsam, redet Gauck doch gerne und viel von Freiheit – und ich bin Pirat, gehöre also zu der Partei, in der Freiheit einen mehr als guten Klang hat – letztlich zu der einzigen Partei, die das Wort freiheit noch ernst nimmt. Gauck war in der DDR Bürgerrechtler, das sind wir heute – wie schade nur, dass er es nicht mehr ist …
Gauck hetzt gegen Occupy – #notmypresident!
Gauck finde Vorratsdatenspeicherung knorke – #notmypresident!
Gauck setzt Links und Rechts gleich, ergo Nazirelativierer, ergo – #notmypresident!
Gauck sagt, Anerkennung der Oder-Neiße-Linie sei grobes Unrecht gewesen – #notmypresident
Gauck verteidigt den Neoliberalismus – #notmypresident!
Gauck findet Sarrazins Mut gut – #notmypresident!

Ich könnte an dieser Stelle noch eine Weile weitermachen. Von Freiheit und Bürgerrechten hat Gauck sich offenbar getrennt, wenn Menschen , die in der H4-Mühle stecken, auf die Straße gehen, greift er sie harsch an. Seine hart ans nationalistische grenzende Deutschtümelei finde ich widerlich. Und wenn wir über ein weiteres Kernthema der Piraten sprechen, der Trennung von Staat und Kirche, was für ein fatales Signal ist es, einen Pastor als Präsidenten zu haben – zumal man sich von so einem wohl kaum ein sinnvolles Wort zu Rechten von Frauen und Homosexuellen erwarten kann. Ach, was rede ich:
#NOTMYPRESIDENT

Quick – Gruppe 42, back to the roots

Das ist doch mal spannend. Da gibt es plötzlich eine neue Gruppierung bei den Piraten. Die Gruppe 42.
Was hat es damit auf sich? EinigePiraten, unter anderem Jens Seipenbusch und Andy Popp, die ehemaligen Vorsitzenden der Bundespartei, haben sich zusammengeschlossen, um Kernthemen der Piraten, die Themen, wegen denen die Piraten ursprünglich gegründet wurden, vertiefend zu bearbeiten.
Seit 2009 stellt sich die Partei immer breiter auf. Es gibt viel Sozialpolitik, Umweltschutz und vieles andere, wozu neue Ansätze gebraucht werden, das ist auch richtig so – auch die Gruppe 42 bekennt sich dazu – aber diese Piraten wollen mehr. Es geht ihnen speziell um Netzpolitik und Urheberrecht, um Bürgerrechte – um den Kern.
Es gab dann wieder Ärger – man kann bei den Piraten nichts tun, ohne Ärger zu provozieren, wissen wir ja. Hauptsächlich wegen der kleinen Kommunikationspannen, die jeden Tag passieren, und das überall. Es gab nämlich gleich mal einen schnellen Weg an die Presse – und der ist meistens eher ungünstig. Man fühlt sich allgemein übergangen, hat das Gefühl, dass sich da Leute profilieren wollen.
Ich seh auf der einen Seite da einige Leute, deren Namen eher in der Vergangenheit aufgefallen sind, und deren Aktivität ich bisher nicht so sehr gesehen habe – was aber am auch am Bundesland liegen kann.
Andererseits finde ich die Grundidee sehr vernünftig. Es kann durchaus sein, dass diese Kernthemen hinten runter fallen, wenn die Presse ständig nach Finanzpolitik und BGE fragen. Und die Partei hat sich fast verdoppelt – und ich sehe am eigenen Stammtisch, wieviele Leute gar nicht internetaffin sind. Deren Interesse an der Netzpolitk ist naturgemäß ein ganz anderes, als bei den ursprünglichen Piraten.
Wenn man sich die Erklärung der Gruppe 42 liest (http://gruppe42.net/erklaerung/), dann muss man das eigentlich größtenteils unterstützen – sogar das, was da zum Thema Urheberrecht steht, gefällt mir prinzipiell. Obwohl ich mit leichtem Grausen an den schwachen Antrag von Andy Popp zum Urheberrecht denke, da war der beschlossene von Daniel Neumann doch deutlich stärker.
Will ich in diese Gruppe? Nein, auch als Onliner und Blogger bin ich nicht in erster Linie Netzpolitiker – Onliner ja, Nerd nein, bin da bei vielen Sachen nicht sehr firm. Finde ich die Gruppe gut? Prinzipiell ja. Ich wünsche mir, dass wir die Themen nicht vergessen. Ich bin aber auch gespannt, was nun passiert, was die Gruppe 42 liefert – letztlich ist ja nur das wichtig. Genug Vorschusslorbeeren haben die Piraten aus der Gruppe 42 sich schon gegeben. Dann hoffen wir, dass da auch was kommt.

Quick – Warum Georg Schramm kein Spaßvorschlag wäre

heise.de hat es schon Anfang Januar geschrieben,gestern legte einer der einflussreichsten Blogger, der gute Fefe nach, Tenor: „Schlagt Georg Schramm als Bundespräsidenten vor!“ – die Aufforderung richtet sich an die Piratenpartei, die mit sagenhaften zwei Sitzen auch in der Bundesversammlung sitzen wird.
Man kann gerne hier sehen, dass Georg Schramm sich dazu quasi öffentlich bereit erklärt hat:

Jetzt gibt es verschiedene Strömungen unter den Piraten, die einen sind fröhlich auf den Zug aufgesprungen, andere halten diese mögliche Nominierung für Unsinn, für die Aktion einer Spaßpartei.
Einerseits, hey, man kann Politik auch mit Spaß verbinden, und wer einmal bei unserem Stammtisch war, der weiß, dass wir wirklich viel Spaß haben. Aber der Fehler ist woanders: Der Vorschlag ist kein Spaßvorschlag. Ja, man kann ihn mit guter Laune verbinden, aber die hatten SPD und Grüne sicherlich auch, als sie zur letzten Wahl den Gauck vorgeschlagen haben – nicht weil der so spaßig wäre, ich befürchte eher, dass der Gauck verdammt wenig Humor hat – ich schweife ab. SPD und Grüne haben sich damals ins Fäustchen gelacht, weil sie den deutlich stärkeren Kandidaten hatten, der auch in konservativen Kreisen total wählbar war, und dadurch der Druck auf die Koalition einfach groß war – letztlich war es aber klar, dass sich Merkel es nicht leisten konnte, Wulff nicht durchzusetzen: Und deswegen war Gauck ein Spaßvorschlag, wenn Schramm jetzt einer wäre.
Aber Gauck war keiner, und Schramm ist es auch nicht. Georg Schramm ist über sechzig, hat also das richtige Alter. Er ist unbescholten, ehemaliger Berufssoldat, studierter Psychologe, der in seinem Beruf lange gearbeitet hat, einen gewerkschaftlichen Hintergrund hat er auch noch und als Künstler ist er kaum übertroffen. Was könnte man gegen einen solchen Kandidaten haben? Einen besseren kann sich unsere Partei wohl kaum wünschen. (So, hatte gerade eine keine Schreibpause, während ein gewisser Herr Wulff zurückgetreten ist, alles auf Anfang).
Ist es populistisch, Georg Schramm vorzuschlagen? Ja, aber so ist Politik nun mal. Hat er eine Chance? Ach nun, hat schwarz-gelb eine sichere Mehrheit? Wenn nicht, dann würden sich SPD, Grüne und Linke halt schon fragen lassen müssen, was sie gegen Schramm haben. Und ob sie einen besseren haben. (Ganz ehrlich, ich habe ein bisschen Angst, dass die Linke oder die Grünen auf den Zug aufspringen, ich hoffe, beide Parteien sind zu etabliert und bräsig, um uns da zuvor zu kommen.)
Der Bundespräsident soll unbestechlich sein, ein Mann des Volkes, ein Meister des Wortes – all das erfüllt Georg Schramm, ich könnte mir kaum einen besseren Präsidenten vorstellen. Warum machen wir das jetzt nicht einfach?