Quick – Vorstandsgehälter bei den Piraten?

Die Diskussion ist losgebrochen, sollen Bundes- oder Landesvorstände bei den Piraten bezahlt werden? Das ist eine wirklich komplexe Sache. Auf der einen Seite soll auch Vorstandsarbeit idealistische Arbeit sein. Man macht den Vorstand, weil man das will, nicht weil Geld einen dahin lockt. Ja, das ist prinzipiell richtig – wenn auch nicht ganz so einfach, wie es aussieht. Ich zum Beispiel könnte mir die Arbeit in einem Vorstand gar nicht leisten. Denn es geht immer auf Kosten des normalen Erwerbslebens – ich bin freischaffender Künstler, wenn ich nicht arbeite, verdiene ich auch nichts, und wie viele Kollegen arbeite ich schon eine Menge, ohne dafür bezahlt zu werden. Müsste ich jetzt „nebenbei“ noch zwanzig bis vierzig Stunden pro Woche für die Partei arbeiten, müsste ich nicht nur an der Freizeit, sondern auch an der Arbeitszeit reduzieren – ergo, irgendwann zur Arge laufen, weil das Geld nicht mehr ausreichen würde.
Es gibt also Piraten, die sich Vorstandsarbeit nicht leisten können – und das ist suboptimal, wenn die Partei doch möglichst barrierefrei vorgehen will.
Andererseits würde ich auch gut dotierte Vorstandsposten nicht wirklich gerne sehen – denn die Sorge, dass sich schnell eine Parteibürokratie entwickeln würde, die in mehr als einer Hinsicht absolut kontraproduktiv ist, ist nicht von der Hand zu weisen.
Aber wenn wir größer werden, und wir werden ständig größer, dann müssen wir uns professionalisieren. Und zwar überall da, wo es um Verwaltung geht. Mitgliederverwaltung, Finanzen, Email- und Postbeantwortung, da braucht es ein paar Büroangestellte in den Landesverbänden, in der Bundespartei, die den Vorständen konzentriert und professionell zuarbeiten. Auch ein festangesteller Pressesprecher ist eine gute Sache – so lange er nah bei der Basis ist, die Partei versteht, weiß, dass er eben „zwanzigtausend zickige Chefs“, eben die Basispiraten im Nacken hat – vielleicht gibt es dann für einen solchen Posten auch kein Gehalt, sondern Schmerzensgeld, ist auch in Ordnung.
Ein weiteres Thema, was mitschwingt, ist die Mandatsträgerabgabe, wie es sie bei den Etablierten gibt. „Wir könnten den Vorstand problemlos bezahlen, wenn alle zukünftigen Mandatsträger genug von ihren Diäten abdrücken“, so klingelt es von den Mailinglisten.
Ich find das schwierig, ja ich finde es sogar falsch. So lange es noch nötig ist, mit repräsentativer Demokratie zu arbeiten – letztlich sollte mit moderner Informationstechnologie ja mehr drin sein -, so lange sollte man Leute in die Parlamente bringen, die da wirklich Leistung bringen können. Damit meine ich nicht die Zivilversager, die von vornherein nur Politiker lernen, wie das bei den Etablierten normal ist, und was dazu geführt hat, dass wir gar nicht mehr von Politikern, sondern von Lobbyisten regiert wird, und natürlich von „Sicherheitsbeamten“, die wollen wir nicht vergessen.
Ich halte es für ideal, wenn Leute sich für die vier oder fünf Jahre von ihrer normalen Lebensaufgabe lossagen, ihre Jobs auf Eis legen, ihre Verbindungen, na, wenn nicht kappen, so doch zumindest gefährlich ansägen. Und wenn sie dann ihr Mandat getragen haben, dann sollen sie wieder in ihre Welt zurückkehren.
Und ein solches Opfer, nämlich die eigene Lebensplanung mal für eine Legislatur einfach auszusetzen, ein solches Opfer sollte auch gut bezahlt werden.
Im Prinzip verlangen wir doch von Abgeordneten, dass sie quasi rund um die Uhr für das Land verantwortlich sind, sich durch Aktenberge fressen, den Menschen ihre Politik erklären und sich in allen Gebieten schlau machen – so verlange ich das auf jeden Fall von jedem, der für die Piraten in ein Parlament geht – ruhiges Leben für Hinterbänkler gibt es nur bei den Etablierten, und genau deswegen sollen sie auch nicht mehr gewählt werden. Warum sollen diese Abgeordneten denn ihre Diäten auch noch zu beträchtlichen Teilen gezwungenermaßen an die Partei abdrücken? Letztlich ist es dann doch wieder so, wie beim ersten Punkt dieses Blogposts – die, die es sich leisten können, kümmert das nicht, aber die, die nach fünf Jahren ganz von vorne anfangen müssen, die brauchen einfach die Kohle, die sollten nicht vorher darüber nachdenken, wieviel Geld denn danach noch bleibt, wenn es vielleicht nach der Politik noch ein Jahr oder zwei dauert, bis die alten Strukturen wieder aufgebaut sind. wir leben nicht mehr in den sicheren Verhältnissen von vor dreißig Jahren, viele sind Freiberufler, die ihre Firma quasi zu machen müssen, Freelancer, die ihren Auftraggebern für Jahre nicht zur Verfügung stehen – und die sollten ohne solche Zwänge ins Parlament gehen. Die Diäten haben ihre Höhe nicht, damit die Parteien davon finanziert werden, sondern dafür, dass gute Leute in die Parlamente gehen – was bisher einfach zu oft nicht gegeben ist.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Februar 16, 2012 in Gesellschaft, Piraten und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Klingt alles sehr logisch, aber schon heute besteht die Basis aus den unterschiedlichsten Individuen mit nicht selten inkonpatiblen Meinungen!
    Ich denke, ein Posten im Vorstand muss jedem möglich sein, der nachgewiesen die Qualifikation dazu mitbringt, das heisst, Unterstützung bei der Bewältigung aller Aufgaben. Kann sein: Ehrenamtliche Unterstützer :
    (Bürokram, E-Mails etc.)
    Finanzielle Unterstützung: Erstattung von Fahrtkosten, Tel.-Kosten.
    Bezahlte Bürokräfte können wir uns wohl noch nicht leisten.
    Nach Renés Zahlenspiel könnten 400€ erschwinglich sein. Das wären Minijobs mit Zusatzkosten(auch schon wieder zu viel). Man sieht, das gibt eine lange Debatte!

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