Archiv für den Monat März 2012

Approval Voting … Wir haben eine Liste ….

Ja, wir haben eine Liste. Nach zwei langen Tagen, anstrengenden Tagen, haben wir 42 Kandidaten aufgestellt, und das durch Approval Voting. Will heißen, man macht überall dort Kreuzchen, wo man nicht das Gefühl hat: „oh wtf, der oder die kann es gar nicht!“

Von denen gab es gar nicht so wenige. Und die Verstrahlten sind auch nicht ins Team gekommen. Ich kenne einen großen Teil der Listenkandidaten, und alle, die ich kenne, kann ich auch mit ganzem Herzen unterstützen.  Bei dem Rest, bei denen, deren Namen mir nicht wirklich etwas sagen – sogar, wenn ich die Nicknames nachschaue – bei denen bin ich mir auch ziemlich sicher, ich glaube an die Schwarmintelligenz, ich kann mir nicht vorstellen, dass da totaler Schrott bei wäre.

Aber so richtig warm konnte man an diesem Wochenende mit dem Wahlsystem nicht werden. Im ersten Wahlgang, als vier Kandidaten gewählt werden sollten, kam gerade mal einer über das Quorum von fünfzig Prozent. Das war mit Nick Haflinger, oder auch Dr. Joachim Paul – manche Leute brauchen ja Realnamen – auch wirklich einer der allerbesten. Außer vielleicht Michele Marsching hätte ich mir auf dieser Position niemand besseren vorstellen können.

Aber dennoch war das nicht das Ergebnis, was wir gebraucht hätten, es war eben nur einer gewählt worden, statt vieren. Im zweiten Wahlgang nach vielfacher Beschwörung, viele Kandidaten anzukreuzen, wurden dann die restlichen 19 gewählt, um die ersten zwanzig Plätze zu komplettieren. Und zwar als Punktlandung, es war auch keiner mehr.

Der dritte Wahlgang ging dann wieder in die Hose, man hatte offenbar zu Unrecht gemeint, dass nun alle verstanden hätten, man müsse viele Kandidaten wählen, um ein Ergebnis zu bekommen, bei dem viele auf die Liste kämen – nur sechs kamen über das Quorum, der Tag zog sich hin, es wurde nochmal zwei Stunden später. Und vor dem letzten und letztlich erfolgreichen Wahlgang, waren die Bitten wieder inständig, eine bestimmte Quote mindestens anzukreuzen, damit das Quorum geschafft würde. Viele, die nicht das Gefühl hatten, so viele Kandidaten ankreuzen zu können, verzichteten gleich auf diesen letzten Wahlgang – was nun auch nicht das ist, was man sich von solch einer Veranstaltung erwartet.

Noch problematischer ist, dass auf der einen Seite argumentiert wird, man müsse ein Quorum von fünfzig Prozent haben, gleichzeitig aber immer wieder die Versammlung bittet, ja fast unter Druck setzt, doch auf jeden Fall viele anzukreuzen. Also mehr, als nur die, von denen man überzeugt ist. Dieser Druck ist unangenehm, er zwingt uns dazu, Leute anzukreuzen, bei denen die Überzeugung wacklig ist – ich versteh das Prinzip, dass man einfach nur die Leute rausnehmen soll, die man für unwählbar hält, aber Leute, die einen gelangweilt haben, die muss man dann wählen, damit man das verdammte Quorum schafft?

Was dabei passiert, kann man sehr schön am Fall von Mike Nolte, dem „Lautsprecher“ aus Köln, ablesen. Mike ist unbestreitbar streitbar, ein Arbeitstier, rhetorisch kein Idiot, und oftmals recht ruppig – durchaus keine uninteressante Zusammenstellung für einen Abgeordneten. Ich bin wahrlich kein Fanboy, und ich weiß, dass Mike hier und da mit dem Hinterteil einreißt, was er gerade vorher aufgebaut hat. Ja, ein Empath und Diplomat ist er nicht, aber er ist ein Typ – und auch solche braucht man in Parlamenten.

In den ersten drei Wahlgängen war Mike immer im Mittelfeld, und wurde bei jedem Wahlgang wieder von Kandidaten überholt, die vorher deutlich tiefer lagen, um am Ende nicht auf der Liste zu landen. Dabei hatte er im ersten Wahlgang noch auf Platz 18 gelegen. Was war passiert. Mike hatte eine relative große Menge Wähler, aber er hatte auch über die Hälfte der Wähler gegen sich – nun kreuzten diese zwar Wahlgang für Wahlgang mehr Leute an, die sie irgendwie in Ordnung fanden, aber den polarisierenden Mike Nolte konnten sie nicht in ihr Herz schließen. Und so fiel er von Wahlgang zu Wahlgang hinter mehr Leute zurück.

Das ist eine schwierige Sache. Es fördert die falschen Leute. Es fördert die braven Mitläufer. Die Typen, die Polarisierer, die mit ihrer vielen Arbeit auch viele vor den Kopf stoßen, die fallen durch das Quorum immer weiter zurück. Und so waren letztlich ja auch der größere Teil der Reden, der Kandidaten. Da wurde lang und breit erzählt und aufgelistet, was man so alles für die Partei gemacht hat – aber einfach mal eine gute Rede halten, eine kleine Show bieten, zeigen, dass man auch auf dem parlamentarischen Parkett für ein bisschen Rabatz sorgen kann – dass taten viel zu wenige – man hätte ja polarisieren können.

Ich habe kein System anzubieten, wie es besser geht – wobei ich schon allein das Quorum auf der Höhe als eher hinderlich ansehe – aber beim nächsten Mal sollte das System ein anderes sein.

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Meine kleine Vorstellungsrede

Ich habe gestern auf dem Landesparteitag in Münster eine Rede gehalten, eine kurze Vorstellungsrede, die immerhin wohlwollend aufgenommen wurde, auch wenn mich eher nicht so viele gewählt haben 😉 – ich mache sie hiermit dem geneigten Leser zugänglich, es ist allerdings eine Rekonstruktion, die Rede, wie ich sie auf dem Podium gehalten habe, habe ich scheinbar in geistiger Umnachtung weggeworfen, aber ich schau mal, ob ich aus dem ersten Entwurf alles rekonstruiert bekomme ;):

 

Hallo zusammen,

mein Name ist Holger Hennig aka Hollarius.

Viele von Euch werden mich nicht wählen können, denn mein Eintrittsdatum ist der 8.Oktober 2011. Ich bin also Nach-Berlin-Pirat.

Dementsprechend kann ich mich an dem Schwanzvergleich, wer wie viel schon für die Partei getan hat, nicht beteiligen. Ich habe nur einen stammtisch mitaufgebaut und bin in drei AKs aktiv: Kultur, Bildung und Urheberrecht.

Ganz kurz, was ich sonst noch bin: Theatermacher, Texter, Künstler, Onliner, Blogger, Twitterer, Rollenspieler, Gamer, kurz Geek.

Ich bin Antifa und Antira, Humanist und Laizist, Pluralist und Basisdemokrat.

Ich finde Drogen nehmen doof, Drogen kriminalisieren aber auch, ich will mehr Geld für Bildung statt für Banken und mehr Demokratie statt Kungelei, und das obwohl ich bekennender Rheinländer bin.

Was bringe ich ein: Eine laute Stimme, eine spitze Feder, Presseerfahrung, Teamfähigkeit und viel Motivation. Ich geb Nachhilfe in Mathe, ich kann also komplizierte Dinge einfach erklären – und ich halte es für die elementare Aufgabe von Abgeordneten, Politik zu erklären.

Ich kann mich in Sachen reinarbeiten, von denen ich noch nichts verstehe, und ich kann es schnell. Und ganz wichtig, wenn ich etwas nicht weiß, kann ich danach fragen – nur nicht nach einem Weg.

Ich bin ein guter Konzepter und Problemlöser, kreativ und mathematisch begabt – wohlgemerkt „UND“, nicht „ODER“.

Ihr tut mir keinen Gefallen, wenn ihr mich wählt. Ich mach Theater mit Kindern und Jugendlichen. Das ist geil. Ich bin glücklich dabei. Aber ich kann etwas bewegen, ich will etwas bewegen.

Es wäre bescheiden, als Neupirat von meiner Kandidatur zurückzutreten … ich bin aber nicht bescheiden, ich bin Pirat! … Danke!“

Warum ich doch kandidiere …

Wie schon auf Twitter verbreitet, bin ich Direktkandidat für den Bezirk Oberberg II bei der kommenden Landtagswahl. Als solcher bin ich natürlich nur ein Zählkandidat – die Wahrscheinlichkeit, dass hier nicht der CDU-Kandidat gewählt wird, ist doch sehr gering.
Aber ich kandidiere auch am Samstag für einen PLatz auf der Landesliste, ich kandidiere wie gefühlt der gesamte Rest der NRW-Piraten auch. Kaum war die Seite online, auf der man sich zur Wahl eintragen konnte, schon standen da natürlich die drauf, die sich auch bei der letzten Wahl aufstellen ließen – was auch Sinn macht -, und eine Menge Leute, bei denen man sich teilweise sehr zu recht fragt, warum sie das tun. Da gibt es einige Kandidaten, die erst in diesem ja noch recht frischen Jahr beigetreten sind. Da gibt es Leute, die schon lange dabei sind, aber halt nur zu Wahlen auftauchen, und sich ansonsten noch nicht wirklich verdient gemacht haben, da tauchen seltsame Leute auf, die zum Beispiel Kreationisten sind – die können dann durchaus Verdienste um die Partei haben, ich werde keinen religiösen Spinner wählen, und ich hoffe sehr, das wird auch allgemeine Meinung sein.
Die Liste ist viel zu lang, überall wird darum gebeten, dass die Chancenlosen aufgeben. Es gibt in der Liste eine Rubrik „Unterstützer“ und dort gibt es eine Menge Bewerber, die bisher noch keinen Piraten dazu gebracht haben, ihre Kandidatur zu unterstützen. Es kommt einem erschreckend vertraut vor. Wahrscheinlich haben diese Kandidaten auch schon an diversen Castingshows teilgenommen – obwohl sie kein Deut singen können.
Und vor drei Tagen habe ich mich dann auch auf diese Liste gesetzt. Und auch ich bin wahrscheinlich ein hoffnungsloser Kandidat. Zwar bin ich nicht total unbekannt – ich mische in ein paar AKs mit, so mancher Pirat hat in den letzten Monaten diesen Blog besucht und natürlich habe ich mich ein wenig verdient gemacht, unseren Stammtisch aufzubauen – ungefähr ein Drittel der bei uns gemeldeten Mitglieder ist übrigens schon mal auf einem Stammtisch gewesen, nicht viel weniger sind wirklich aktiv, auf jeden Fall mehr als ein Viertel.
Der Stammtisch unterstützt mich auch nach Kräften – wir werden vermutlich mit zwei Autos nach Münster fahren, die Unterstützer meiner Kandidatur sind auch alles Leute von meinem Stammtisch – man darf diesen Satz gerne als Aufforderung verstehen ;). Ansonsten habe ich keine Ahnung, wie viel Chance man hat – wie soll man sich gegen die Kandidaten aus den großen Kreisverbänden durchsetzen, wie gegen die alteingesessenen? Trotz unserer vielen Aktiven ist Oberberg halt irgendwie Diaspora. Und da Basisdemokratie keinen Minderheitenschutz hat – also in diesem Fall – muss man also all die vielen Piraten begeistern, die einen noch nicht kennen.
Warum tu ich mir das also an? Ich bin Nach-Berlin-Pirat, und ich habe nun von genügend Leuten gehört, dass das schrecklich ist, sich als solcher zu bewerben – die sagen das natürlich, ohne darauf zu achten, dass es Neupiraten gibt, die viel mehr als Engagement zeigen, als 90 Prozent der Altpiraten – und ich mag trotzdem nicht einfach zurückziehen. Ich bin Direktkandidat, ich arbeite programmatisch, ich verbringe den größten Teil meiner Freizeit damit, für die Partei zu arbeiten. Nein, ich mag jetzt nicht bescheiden an den Rand treten, ich warte nicht, bis mich – wie in den etablierten Parteien – genügend Leute kennen, bis ich vier Wahlkämpfe mitgemacht habe. Ich trete jetzt an, mit all meiner Kraft und meinem Engagement, und natürlich auch mit dem Dilettantismus, der einen relativen Anfänger auszeichnet. Ich werde nicht mehr antreten, wenn ich schon abgeschliffen bin. „Zurückziehen liegt mir nicht im Blut!“

Der Wahlkampf hat begonnen …

Nun bin ich gerade mal ein halbes Jahr Mitglied einer Partei, und schon hat der Wahlkampf begonnen. Um zielsicher in der Unendlichkeit der politischen Bedeutungslosigkeit anzukommen, hat es besonders die FDP geschafft, sich total zu verzocken und die Karre gegen die Wand gefahren. Prinzipiell freut mich das, da diese Partei, die mit ihrer Verehrung der Märkte die wirtschaftliche und gesellschaftliche Misere, in der wir nun stecken, zu einem guten Teil zu verantworten hat, sich nun verabschiedet. Wer echte Liberalität sucht, der findet ihn bei uns Piraten, auch das ist kein Problem.

Nun, aber neben der erfreulichen politischen Betrachtung gibt es eine weniger erfreuliche pragmatische. Ich habe keine Zeit! Ich habe keine Zeit für Wahlkampf! Und seit Mittwoch hänge ich ständig im MumbleTwitterStammtischPiratenTohuwabohu – ja, macht Spaß, ist aber auch anstrengend und geht auf die Arbeitszeit. In fast Rekordzeit haben wir unsere Kreismitgliederversammlung organisiert, Kontakt mit Kreiswahlleiterin aufgenommen, ich musste der Zeitung und dem Radio ein bisschen was erzählen – im Moment ist richtig was los.

Ich trete übrigens auch an, also erst mal zu der Wahl zum hiesigen Direktkandidaten. Natürlich gibt es keine Chance, dass ein Piratendirektkandidat seinen Wahlkreis gewinnt. Es ist aber trotzdem nicht egal, ob da ein Name steht, es sieht besser aus, es bringt ein bisschen zusätzliche Publicity. Und wenn es ein halbes Prozent bringt, ist es ein halbes Prozent für den guten Zweck.

Besonders spannend finde ich jetzt, dass Mitglieder, und welche, die es werden wollen, sich plötzlich melden, weil sie mitmachen wollen – vielleicht auch gewählt, aber warum auch nicht -, weil sie helfen wollen, weil sie der Meinung sind, dass etwas passieren kann und muss. Die nächsten Wochen werden vermutlich wunderbar und furchtbar … ich werde es beizeiten hier dokumentieren.

Hooooooooooooooooooooooooooooooonk!

Gummersbach, vor gut vier Stunden, ein riesiges graues Küken schlüpft einer ehrbaren Entenfamilie – und alle sind entsetzt, na gut, alle, bis auf die treusorgende Mutter – das Küken hat offenbar ein Gesicht, das nur Mütter lieben können. Mit einem aufgeregten wilden Geflügelhof beginnt das Spiel, dort wir es gut drei Stunden später auch wieder enden – und dazwischen ist gute Unterhaltung, tolle Musik, ein Amateurensemble (sic!), dass tanzt, spielt und dabei noch präzise mehrstimmig singt.

Ich bin Insider, das Musical-Projekt Oberberg, dass da auf der Bühne spielt, ist meine eigene künstlerische Heimat, aber ich bin auch Regisseur und mein Blick ist kritisch – ja, fast automatisch überkritisch, wenn es um ein Ensemble geht, in dem ich selbst ein paar Jahre verbracht habe, dem ich immer noch freundschaftlich verbunden bin, dessen Nachwuchs ich versuche heranzuziehen, an dem mein Herz hängt. Nicht immer ist der kritische Blick erwünscht, und umso froher bin ich jetzt, nachdem ich HONK gesehen habe, dass ich dieses Musical ohne jede Einschränkung weiterempfehlen kann – letztlich will man das ja immer, wenn man Freunde und Kollegen auf der Bühne sieht.

Ja, klar, mit sicherem Blick sehe ich, wo die verzweifelten Blicke zum Dirigenten sind, höre die Hakler, sehe hier und da den kleinen Spannungsabfall, der Profis da nicht passieren würde. Aber es stört mich nie, es ist um Klassen besser, als vieles, was man bei anderen Amateuren sieht, die Inszenierung – nein, die ist nicht von einem Amateur – schlägt das meiste, was man zum Beispiel in der Kölner Oper sieht, die Choreographien sind total stimmig, weder über- noch unterfordern sie die Ensemblemitglieder, die natürlich nur selten viel tänzerische Ausbildung haben, und sie haben Sinn, jawohl! Die komplexe Musik – man sieht die Profis im Orchestergraben ganz schön ins Schwitzen kommen – ist hochklassig, die Sänger halten fast durchgängig mit – und mal ganz nebenbei: Dieses Honk ist ein wirklich gut geschriebenes Musical, viele kleine Gags, viel sehr gutes Komödienhandwerk mit einer stimmigen Geschichte, immer funktionierenden Dramaturgie, dazu passender, teilweise sehr eingängiger Musik – komplex und eingängig, hat man ja jetzt auch nicht täglich.

„Honk! – Von der Schwierigkeit keine Ente zu sein“, so ist die Produktion überschrieben – und nach allen Schwierigkeiten, die man sicher überwinden musste, ist ein Ziel erreicht. Man findet hier exakt das, was man im besten Sinne unter „Amateur“-Theater verstehen kann – das Wort „Amateur“ gehört hier dringend in Anführungszeichen, die Produktion ist ziemlich professionell, die Technik teuer, man nennt so was mit Fug und Recht semiprofessionell -: Amateur heißt Liebhaber, und die, die da auf der Bühne stehen, müssen ihre Kunst verdammt lieb haben!

PS Weitere Informationen gibt es hier: http://www.musical-projekt-oberberg.de/

PPS Hingehen! Nun los!